Wissenschaft

Andamanen-Inseln

Wo die letzten isolierten Völker leben

Auf den Andamanen-Inseln wurde ein US-Bürger von isoliert lebenden Ureinwohnern getötet. Er starb bei dem Versuch, sich Zugang zum Volk der Sentinelesen zu beschaffen. Was ist über solche Gruppen bekannt?

Foto: REUTERS/ JOHNACHAU
Von
Freitag, 23.11.2018   16:30 Uhr

Viele Menschen mögen den Missionierungsversuch eines 27-jährigen US-Bürgers auf den indischen Andamanen-Inseln für extrem leichtsinnig halten. Andere bewundern vielleicht seinen Mut.

Fest steht: Am Ende war John Allen Chau tot. Er starb - nach allem, was man weiß - bei dem Versuch, in einem kleinen Kanu an den Strand von North Sentinel Island zu gelangen. Offenbar töteten ihn die dort lebenden Ureinwohner, die Sentinelesen, mit Pfeilen. Das berichteten Augenzeugen. Seine Leiche konnte bisher nicht geborgen werden.

Ein Missionar, der von Ureinwohnern getötet wurde - solche Berichte befeuern das verbreitete Klischee von "unberechenbaren Wilden". Doch was wissen Forscher über die Sentinelesen und andere isoliert lebende Völker?

US-Bürger wollte Einwohner missionieren

Wenig überraschend ist bisher nicht sehr viel über die Gruppe bekannt - weder über ihre Sprache noch darüber, wie ihre Gesellschaft organisiert ist. Dennoch gibt es einige Daten: Die Sentinelesen leben ausschließlich auf North Sentinel Island, einem etwa 75 Quadratkilometer großen Eiland im Indischen Ozean, westlich von Thailand.

Fotostrecke

Isolierte Völker: Allein im Dschungel

Die von Riffen umgebene Insel ist eine von mehr als 200 der Andamanen. Das Eiland ist militärisches Sperrgebiet, überwacht von Polizei und Armee, und darf nicht betreten werden. Wie viele Menschen dort leben, ist deshalb ebenso ein Rätsel - Schätzungen gehen von 50 bis 150 aus.

Die Sentinelesen sind das letzte isoliert lebende indigene Volk auf den Andamanen-Inseln, Forscher haben sie kleinwüchsigen und kraushaarigen Ethnien zugeordnet, die in der Inselwelt Südostasiens leben - ob sie wirklich verwandt sind, weiß man nicht. Vermutlich leben die Sentinelesen als Jäger und Sammler und gewinnen einen großen Teil ihrer Nahrung aus dem Meer, dafür nutzen sie Kanus. Bekannt ist auch, dass sie in Langhäusern wohnen.

Etliche Kontaktversuche mit den Sentinelesen sind zwar dokumentiert - aber meist gescheitert. Das Volk hat sich wohl schon vor Jahrhunderten entschieden, lieber abseits der Majoritätsgesellschaft zu leben. Auch Schiffbrüchige wurden schon angegriffen, allerdings waren Kontaktversuche vereinzelt auch erfolgreich. So gelang es einem Filmteam in den Siebzigerjahren, Aufnahmen zu machen, auch Vertreter der indischen Regierung besuchten die Gruppe.

Doku über Maya-Lakandonen

Doch Mitte der Neunzigerjahre wurden diese Besuche eingestellt und der Wunsch der Gruppe, isoliert leben zu wollen, respektiert. Seitdem ist die Ethnie gesetzlich geschützt. Doch kürzlich gab es eine Neuerung: Für einige zuvor gesperrte Teile der Andamanen-Inseln kann nun eine Besuchserlaubnis erteilt werden - möglicherweise hat das den US-Bürger zu seinem Missionierungsversuch ermutigt.

Tsunami 2004: Sentinelesen brachten sich in Sicherheit

2004 wurde über die Sentinelesen berichtet, als Tage nach dem verheerenden Tsunami in Thailand und weiteren Teilen Südostasiens ein Hubschrauber über die Insel flog und mit Pfeilen beschossen wurde. Offensichtlich hatte diese ethnische Gruppe sowie auch andere in der Region das Zurückziehen des Meeres richtig interpretiert und sich vor der Flutwelle rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Gruppen wie die Sentinelesen, die in freiwilliger Abgeschiedenheit leben, gibt es noch in einigen anderen Regionen der Erde. Survival International, eine Schutzorganisation für indigene Völker, schätzt, dass es allein in Papua-Neuguinea etwa 40 solcher Gruppen gibt. Auch in Afrika gibt es sie, besonders aber in Südamerika.

Fotostrecke

Isolierte Völker: Allein im Dschungel

Hundert isoliert lebende indigene Völker in Brasilien

Laut offiziellen Angaben der brasilianischen Indigenenbehörde Funai existieren rund hundert isoliert lebende indigene Völker, sogenannte povos indígenas, in Brasilien. Im restlichen Mittel- und Südamerika sind es knapp 40 Gruppen, die den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft ablehnen und meiden. Genaue Zahlen sind nicht nur wegen der Isolation schwierig, auch eine einheitliche Definition ist oft nicht leicht.

Denn einige dieser Gruppen sind sesshaft, andere leben nomadisch und bleiben nur kurze Zeit an einem bestimmten Ort innerhalb eines größeren Territoriums. Diese indigenen Gruppen bestehen häufig aus nur einigen wenigen Familien. Sie können durchaus in Kontakt zu anderen Indigenen stehen, lehnen aber möglicherweise den Kontakt mit Weißen oder Mestizen ab.

In Brasilien ist Funai für den Schutz solcher Gruppen zuständig. "Die Experten wissen, in welchen Regionen die Menschen leben. Es ist jedoch ausgewiesene Politik, den Wunsch nach Abstand zu respektieren", sagt Karin Marita Naase vom Bundesverband freiberuflicher Ethnologen und Ethnologinnen.

Die Gründe für die Isolation der Gruppen seien vielfältig. "Oft haben die Menschen in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit der sogenannten Zivilisation gemacht", sagt Naase. In Südamerika seien etwa die Folgen des Kautschukbooms im 19. Jahrhundert für die Indigenen verheerend gewesen. Damals drangen Kautschukhändler und Arbeitskräfte aus anderen Landesteilen in die dichten Urwälder vor, um den Kautschukbäumen, die wild wachsen, den begehrten weißen Saft für die Gummiproduktion abzuzapfen. Die Bäume wurden damals nicht in Plantagen kultiviert, deshalb drangen die Arbeiter in Massen tief in den Urwald vor.

Genügend Gründe für die Isolation

Dabei übertrugen sie Infektionskrankheiten, gegen die die indigenen Völker keine Immunantwort hatten. Viele starben. In Brasilien wurden die Indigenen zudem versklavt, Land wurde zerstört, Frauen und Kinder misshandelt, Prostitution wurde zum Problem. "Das ist im kollektiven Gedächtnis der Indigenen geblieben", sagt Naase. Deshalb haben einige Ethnien sich irgendwann entschlossen, den Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung einzustellen.

Doch auch heute gibt es noch genügend Gründe, die Isolation aufrechtzuerhalten. Land wird illegal durch Firmen besetzt. Holzeinschlag, Bergbau, Viehzucht oder auch gigantische Staudammprojekte wie der in Belo Monte am Rio Xingu bedrohen den natürlichen Lebensraum der Indigenen sowie ihre Fischgründe.

Zudem leben einige Ethnien längst nicht immer so isoliert und ursprünglich, wie es den Anschein haben mag. Die mexikanischen Lakandonen etwa, ein indogenes Volk der Maya, waren vor wenigen Jahrzehnten aufgrund ihrer ursprünglich und isolierten Lebensweise noch begehrtes Forschungsziel von Ethnologen. Inzwischen haben sich die Indianer, die oft noch ihre traditionelle Tracht, lange weiße Gewänder, tragen, dem Tourismus geöffnet.

Es könnte aber auch einige Ethnien geben, die tatsächlich noch unentdeckt in den tropischen Regenwäldern der Erde leben - in den wenigen weißen Flecken, die auf der Landkarte noch bestehen. Terra incognita gibt es auch heute noch - etwa im Amazonasbecken und in Teilen des Gebirges von Papua-Neuguinea. Doch dabei dürfte es sich um nur sehr wenige Einzelfälle handeln - sicher weiß das niemand.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP