Wissenschaft

Nation und Identität

Die Top-Erfolge der deutschen Geschichte

Die kalkulierte "Vogelschiss"-Provokation war widerwärtig. Was dabei ein bisschen unterging: Auch der Rest, das mit den "1000 erfolgreichen Jahren deutscher Geschichte", ist gefährlicher Unsinn.

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Hexenverbrennung im Mittelalter

Eine Kolumne von
Sonntag, 10.06.2018   11:05 Uhr

"Genau wie die Evolution schert sich die Geschichte wenig um das Glück einzelner Organismen. Und die Menschen sind in der Regel viel zu unwissend und zu schwach, um den Lauf der Geschichte zu ihrem Vorteil zu lenken."

Yuval Noah Harari, "Eine kurze Geschichte der Menschheit"

In Russland kann man Matrjoschka-Puppen kaufen, deren äußerste Lage mit dem Bild Wladimir Putins verziert ist. Die nächstkleinere Matrjoschka ist Michail Gorbatschow, darin steckt Boris Jelzin, dann - historischer Sprung - Stalin und ganz innen findet man Lenin. Das kann man satirisch finden, oder einfach folgerichtig: Genau dieses Geschichtsbild ist nämlich Putins innenpolitische Strategie. Ihm würde es vermutlich noch besser gefallen, wenn ganz in der Mitte Peter der Große steckte.

Irgendwie, das ist Putins argumentative Masche, war das alles immer Russland, und irgendwie können wir auch auf all das stolz sein, selbst auf den Massenmörder Stalin. Putin hat das nicht erfunden, es ist das Narrativ, mit dem Nationalisten weltweit operieren: Es wird irgendein historisches "Wir" herbeifantasiert, das alle Wendungen der Geschichte durchlebt hat. Die Nation, das Volk als ewiger, unveränderlicher Bezugspunkt. Der eine oder andere Gulag oder Genozid fällt da gar nicht groß ins Gewicht. Wir machen doch alle mal Fehler. Vogelschiss.

War Kafka Deutscher? Und wie ist es mit Kant?

Mit der gleichen Logik operiert auch Alexander Gauland. Völlig zu Recht war man deutschlandweit wütend darüber, dass er die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust als "Vogelschiss der Geschichte" bezeichnet hat. Fast untergegangen ist dabei, dass auch der Rest des Satzes, in dem Gauland von "1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" schwafelte, absoluter Unsinn ist.

Zunächst, weil es keine kontinuierliche "deutsche Geschichte" gibt, jedenfalls keine tausendjährige. Es gibt historische Ereignisse, die sich auf dem gleichen Boden abgespielt haben, auf dem die heutige Bundesrepublik Deutschland liegt, und es gibt historische Figuren, die die deutsche Sprache oder ihre Vorläufer benutzten.

Aber nicht einmal diese zwei sehr unscharfen Kategorien sind deckungsgleich. War Kafka Deutscher? Immerhin lebte und schrieb er in Prag. Eher Tscheche also. Mozart? Sprach Deutsch, war aber Österreicher. Kant? Lebte, arbeitete und starb in Königsberg, wäre also demnach von heute aus betrachtet eigentlich eher Russe. Oder?

Wer ist überhaupt gemeint, wenn von der Geschichte der "Deutschen" die Rede ist? Auch die Hugenotten, die aus Frankreich kamen? Die Polen? Die Tschechen? All die Bauguittes, Dworschaks, Lewandowskis, dürfen die mitmachen beim großen Nationalstolzspiel? Wie viele Generationen muss es ein Schnipsel DNA auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik ausgehalten haben, bis sein Besitzer stolz auf die "erfolgreiche deutsche Geschichte" sein darf?

Sechs Top-Erfolge der deutschen Geschichte

Die Antwort ist einfach: Es gibt sowieso nicht allzu viele Gründe, auf die deutsche Geschichte stolz zu sein. Bewohner des 21. Jahrhunderts haben generell wenig Anlass, die Welt ihrer Vorfahren als identitätsstiftenden Quell der Selbstwertsteigerung zu behandeln.

Hier ein paar meiner "deutschen" Lieblingserfolge:

Was danach kam, sollte heute ja noch allgemein bekannt sein, auch wenn es Gauland, Björn Höcke und den anderen Geschichtsfachleuten in der AfD bekanntlich lieber wäre, wenn wir mit der ganzen Gedenkerei an Krieg und Genozid endlich mal aufhören würden.

Früher war alles Mist

Um es kürzer zu formulieren: Wir alle können enorm froh sein, nicht ein bisschen früher in den 1000 vermeintlich erfolgreichen Jahren geboren zu sein, von denen Gauland schwadroniert. Das gilt übrigens nicht nur für uns Deutsche: Früher war alles Mist, fast überall. Die Geschichte ist als Hebel zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls völlig ungeeignet.

Die Verklärung einer vermeintlich großen Vergangenheit ist ein billiger Taschenspielertrick, den Nationalisten anwenden, um ihren Anhängern eine Ausrede zu geben, sich über andere zu erheben. Der Nationalismus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Er gehört dahin, wo man heute auch die anderen großen Erfindungen dieser Zeit findet: ins Museum.

insgesamt 134 Beiträge
m_e_m 10.06.2018
1. inhaltlich dabei ...
stimme in allen Punkten inhaltlich zu - gleichwohl - auch hier reden wir, obgleich schon lange her - von Millionen Einzelschicksalen - die sarkastischen Ausdrucksformen sind somit völlig ungebracht. Wer sich in die Qualen einer [...]
stimme in allen Punkten inhaltlich zu - gleichwohl - auch hier reden wir, obgleich schon lange her - von Millionen Einzelschicksalen - die sarkastischen Ausdrucksformen sind somit völlig ungebracht. Wer sich in die Qualen einer Verbrennung nur ansatzweise hinein versetzt kann damit keinen Begriff wie Trendsport ernsthaft verwenden wollen.
HtFde 10.06.2018
2. Da fehlt noch ...
... als die Deutschen (das Volk) der Meinung waren, es wäre doch schön, ein Deutschland zu haben (statt der 100+ Kleinstaaten nach dem Westfälischen Frieden) waren die Oberen nicht so ganz happy über diese Initiative und haben [...]
... als die Deutschen (das Volk) der Meinung waren, es wäre doch schön, ein Deutschland zu haben (statt der 100+ Kleinstaaten nach dem Westfälischen Frieden) waren die Oberen nicht so ganz happy über diese Initiative und haben diese massiv unterbunden - lieber Graf auf dem eigenen Maulwurfshügel als Graf unter einem König/Kaiser. Erst 1870 wurde "von oben" ein Deutschland geschaffen ...
österreichischeschule 10.06.2018
3. Fußballspielen können wir aber...
Schade, das sich der Autor wieder schienenhaft auf seinem linken Kurs bewegt. Ich teile zwar die Einschätzung das Früher alles schlechter war und das wir vermutlich in einer der besten Zeiträume überhaupt leben dürfen (nach [...]
Schade, das sich der Autor wieder schienenhaft auf seinem linken Kurs bewegt. Ich teile zwar die Einschätzung das Früher alles schlechter war und das wir vermutlich in einer der besten Zeiträume überhaupt leben dürfen (nach uns wird es Dank Umweltverschmutzung und Überbevölkerung nicht mehr so lustig), aber hier nur auf die negativen Aspekte abzustellen ist mir zu einseitig und dient wieder nur dem reflexartigen AfD bashing. Hätte der Autor sich die Mühe gemacht auch einige der Errungenschaften zu nennen, die von Deutschland aus um die Welt gingen, wäre der Artikel gelungener gewesen und die Kritik glaubwürdiger.
eronx 10.06.2018
4. Nur noch einige Vorschläge zu den Erfolgen
Ich finde den Beitrag gut. Es symobolisiert wie unwissend Menschen eigentlich sind, die sich auf so etwas wie Geschichte berufen. Das lustige ist auch, dass eine Vielzahl der wirklichen Erfolge selten eine national isolierte [...]
Ich finde den Beitrag gut. Es symobolisiert wie unwissend Menschen eigentlich sind, die sich auf so etwas wie Geschichte berufen. Das lustige ist auch, dass eine Vielzahl der wirklichen Erfolge selten eine national isolierte Geschichte war. Zudem könnten Sie noch zu den „Erfolgen“ die Kolonialisierungen ansehen oder die Versklavung Afrikas. Die Menschen dort leiden heute an den Folgen imme noch. Dort wurde Geschichte, Kultur und Identität gestohlen, dass dazu führte, dass diese Menschen nun so leben wie sie leben. Oder das wir deutschen die Engländer ausgerottet haben. Der heutige Engländer ist genetisch Verwandter mit einem Deutschen als mit einem Schotten. Die Liste könnte man bestimmt beliebig fortsetzen.
HeisseLuft 10.06.2018
5. Ach du liebe Zeit
Also a) Selbstverständlich gibt es eine deutsche Geschichte. So wie es eine russische, eine vietnamesische oder eine polnische Geschichte gibt. Dass die mehr oder weniger ineinander verwoben sind ändert daran nix. Sonst [...]
Also a) Selbstverständlich gibt es eine deutsche Geschichte. So wie es eine russische, eine vietnamesische oder eine polnische Geschichte gibt. Dass die mehr oder weniger ineinander verwoben sind ändert daran nix. Sonst könnte man auch keine "Geschichte der antiken Stadt" schreiben, dennn die interagierte ja auch mit ihrem ländlichem Umfeld. Keine Geschichte der griechischen Philosophie, denn hat nicht nur Nachfolger, sondern auch Vorläufer. Usw. usf. b) Ist der Standpunkt früher war alles oder sehr vieles besser selbstverständlich Blödsinn. Niemand wird in der Geschichte ein wohlhabenderes, reicheres und sicheres Deutschland finden als das heutige. c) das alles nun zu einem einzigen Misserfolg zu erklären ist genauso unsinnig. Die Pest konnte deshalb so wüten, weil zuvor die Bevölkerung angewachsen war, die Städte aufblühten und der Handel sich intensivierte. d) der Holocaust und verbundene Katastrophen sind kein "Vogelschiss" zum Einen wegen des ungeheuerlichen Ausmaßes der Verbrechen und zum Anderen weil diese Katastrophen vor 70 bis 80 Jahren stattfanden - und nicht vor 700 bis 800 Jahren. Also in einer Gesellschaft, die der unseren schon sehr ähnlich war, die Voraussetzungen, die Bildungsideale nicht so unterschiedlich.
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