Wissenschaft

"Made in China"

Wie ein Stempel die Geschichte eines Schiffswracks verriet

Jahrhundertelang lag das Schiff auf dem Grund der Javasee. Zurück blieben die Schätze, die es einst geladen hatte. Nun machten Archäologen eine entscheidende Entdeckung.

The Field Museum/ Pacific Sea Resources
Von
Mittwoch, 16.05.2018   16:05 Uhr

Das uralte Schiff würde wohl noch immer ungestört auf dem Grund der Javasee liegen, wenn es keine Wasservögel gäbe. Sie ließen den Standort des Wracks auffliegen. Fischer aus der Region hatten immer wieder beobachtet, dass Vögel an einer Stelle besonders viele Fische aus dem Wasser zogen, obwohl kein Riff in der Nähe war. Damit wurde das Gebiet zwischen der Insel Bangka und der indonesischen Hauptstadt Jakarta auch für sie interessant.

Die Fischer setzen zum Fischfang unter anderem Sprengstoff ein. Doch in ihren Netzen fanden sie nicht nur Fische, sondern auch Frachtstücke. So wurde klar: Statt in einem Riff, versteckten sich die Fische in einem alten Schiff. Schließlich kaufte ein Bergungsunternehmen in den Neunzigerjahren das Gebiet. Seitdem wird das Wrack von wechselnden Teams untersucht. Eine Analyse zeigt nun: Es ist älter, als bislang vermutet.

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Wrackfund: Versunken in der Javasee

Aufschluss über das Alter gab eine Keramikschale. Zwar haben die wiederholten Sprengungen durch die Fischer großen Schaden am Schiff angerichtet. Von den Holzplanken, aus denen das Schiff einst gebaut wurde, ist nicht mehr viel übrig. Ein Großteil der Ladung blieb aber intakt - darunter Zehntausende Gefäße und Keramikscherben sowie Überreste, die darauf schließen lassen, dass das Schiff einst etwa 200 Tonnen Eisen geladen hatte.

Einige Fundstücke sind inzwischen verschwunden, wahrscheinlich wurden sie verkauft oder landeten in privaten Sammlungen. Andere liegen noch immer auf dem Meeresboden in etwa 25 Meter Tiefe. In den Neunzigerjahren hob ein Bergungsunternehmen etwa 12.000 weitere Objekte mithilfe von Archäologen. Die Hälfte der Funde ging an die indonesische Regierung, die andere an das Field Museum in Chicago (USA), wo sie genauer untersucht werden.

"Made in China"

Zunächst glaubten Archäologen, das Schiff müsse vor etwa 700 Jahren gesunken sein, doch dann entdeckten sie eine Scherbe, die eine Art Vorläufer eines "Made in China"-Labels trug. Demnach wurde das Gefäß im chinesischen Regierungsbezirk Jianning Fu hergestellt. Den gab es vor 700 Jahren allerdings gar nicht mehr. Die Region wurde mit der Invasion der Mongolen und unter der Herrschaft des berühmten Kublai Khans um 1278 unbenannt in Jianning Lu.

Diese kleine Änderung lieferte heute den entscheidenden Hinweis, wie die Archäologin Lisa Niziolek vom Field Museum und Kollegen nun im Fachblatt "Journal of Archaeological Science" schreiben.

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Die Forscher gehen davon aus, dass das Schiff noch deutlich vor 1278 gesunken ist, weil sowohl der Stempel als auch der Stil der geborgenen Gefäße für die Zeit um 1200 typisch gewesen seien. "Weil jemand vor 800 Jahren einen Stempel auf diese Scherbe drückte, sind wir nun in der Lage, das Wrack besser zu datieren", sagt Niziolek.

Der Untergang

Sie ist sich sicher, dass das Handelsschiff bereits kurz nachdem die Keramiken hergestellt wurden sank. "Wir schätzen, dass das Schiff etwa 100.000 Gefäße geladen hatte. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Händler diese Massen über eine längere Zeit irgendwo lagerte, um sie dann zu verschiffen", sagt Niziolek.

Die Archäologen gehen deshalb davon aus, dass das Schiff vor etwa 800 Jahren gesunken ist und nicht wie bisher angenommen vor 700 Jahren. Die Annahme der Wissenschaftler stützen auch neue Radiokarbondatierungen von Elefantenstoßzähnen und Harz, die ebenfalls an Bord des Frachtschiffs waren.

Für Archäologen machen die 100 Jahre einen großen Unterschied. "Es war die Zeit, in der chinesische Händler häufiger zur See fuhren, um unabhängiger von der Seidenstraße über Land zu werden", erklärt Niziolek. Damit liefere das Wrack wichtige Erkenntnisse über eine wichtige Zeit der Veränderung.

Warum das Schiff untergegangen ist, bleibt allerdings unklar. In der Region gibt es keine bekannten Riffe, Felsen oder Strömungen. Einige Wissenschaftler nehmen deshalb an, dass ein Sturm dem Schiff zum Verhängnis wurde.

insgesamt 5 Beiträge
thoscha 16.05.2018
1. Gesprengt und getötet - Unterwasserarchäologie..?!
Wie in dem meisten islamistischen Ländern Asiens gibt es keine speziellen Institutionen die sich explizit der Archäologie widmen. Das Bewußtsein innerhalb der Bevölkerung für die eigene Geschichte ist - aus welchen Gründen [...]
Wie in dem meisten islamistischen Ländern Asiens gibt es keine speziellen Institutionen die sich explizit der Archäologie widmen. Das Bewußtsein innerhalb der Bevölkerung für die eigene Geschichte ist - aus welchen Gründen auch immer - bei weitem nicht so sehr ausgeprägt wie im Westen. Es entsteht der Eindruck, das archäologische Fundstätten und ihre Ausgrabung bzw. Erschließung, sich meist nach der Einbindung bzw. Vermarktung in ein touristisches Gesamtkonzept einfügen müssen! Die gesamte Region sollte also davon profitieren! So auch in diesem Beispiel : diese stiefmütterliche Behandlung der unterwasserachäologischen Fundstätte(n) - spricht Bände! Das die heimischen Fischer gezielt solche Mittel (Sprengstoff) zum Fischen einsetzen zeugt vor allen von einem völlig fehlenden Unrechtsbewußtsein. Unabhängig was an dem Wrack zerstört worden ist, die Zerstörungen der Meeresbiologie - also alles was dort wächst und schwimmt ist wahrscheinlich katastrophal! Aber das scheint dort niemanden wirklich zu belasten - leider! C'est la vie... Merci!
eduardausio 16.05.2018
2. Sprengstoff Fischer häufig
Leider wurde in vielen Ländern mit Sprengstoff gefischt, so auch im orthodoxen Griechenland, bis nur noch winzige Fänge an Land kamen weil auch der Nachwuchs mit gesprengt wurde.
Leider wurde in vielen Ländern mit Sprengstoff gefischt, so auch im orthodoxen Griechenland, bis nur noch winzige Fänge an Land kamen weil auch der Nachwuchs mit gesprengt wurde.
Oberleerer 16.05.2018
3.
Auch die Europäer haben die letzten 200 Jahre ihre Gewässer zu 90% leergefischt. Der Wikipedia-Artikel zur "Tragik der Almende" beschreibt diese Phänomene. Wobei ich überzeugt bin, daß diese Rücksichtslosigkeit [...]
Auch die Europäer haben die letzten 200 Jahre ihre Gewässer zu 90% leergefischt. Der Wikipedia-Artikel zur "Tragik der Almende" beschreibt diese Phänomene. Wobei ich überzeugt bin, daß diese Rücksichtslosigkeit nur ein geringer Teil der Bevölkerung zur Schau stellt, mit trotzdem gravierenden Folgen. Hinzu kommt, wenn die es nicht anders kennen, Dynamit ins Wasser --> Fische raus aus dem Wasser, wie soll man es denen erklären, daß die am eigenen Ast sägen? Ich tröste mich damit, daß die lange vor mir unter den Folgen zu leiden haben.
jbgoode 17.05.2018
4. Im Trueben fischen
Der Bericht, auf dem der Artikel hier wohl am ehesten beruht, findet sich hier https://www.sciencedaily.com/releases/2018/05/180516101437.htm.
Der Bericht, auf dem der Artikel hier wohl am ehesten beruht, findet sich hier https://www.sciencedaily.com/releases/2018/05/180516101437.htm.
jayram 17.05.2018
5. Nicht einmalig
Das ist nicht der erste Fund dieser Art, in den neunziger Jahren wurde bereits ein Fund dieser Art auch vor der Indonesischen Küste gemacht. Damals hat ein Stuttgarter Auktionshaus den Verkauf der Keramik übernommen.
Das ist nicht der erste Fund dieser Art, in den neunziger Jahren wurde bereits ein Fund dieser Art auch vor der Indonesischen Küste gemacht. Damals hat ein Stuttgarter Auktionshaus den Verkauf der Keramik übernommen.

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