Wissenschaft

Kleopatra

Die Traumfrau der Antike

Als Göttin verehrt, als Hure geschmäht: Kleopatra verführte zwei mächtige römische Feldherren, um ihr Reich Ägypten zu retten. Doch am Ende verlor sie alles. Historiker und Archäologen versuchen Fakt und Legende voneinander zu trennen: Wer war die legendäre Königin vom Nil?

Von Emanuel Eckardt
Sonntag, 08.10.2006   13:56 Uhr

Von allen Legenden, die sich um das Leben der Königin vom Nil ranken, ist die Geschichte ihrer ersten Begegnung mit Julius Cäsar sicherlich die schönste. Über der Stadt Alexandria liegt Dunkelheit, als ein kleines Boot unbemerkt im Hafen festmacht. Ein Mann trägt einen Teppich zum Königspalast, auf ein Zeichen hin wird er eingelassen. Kurz darauf rollt er das Bündel vor dem römischen Feldherrn aus, der mit der Absicht ins Land gekommen ist, den andauernden Streit um den ägyptischen Thron zu beenden: Zu Cäsars Füßen liegt eine junge Frau von 21 Jahren. Ein unmissverständliches Angebot an den 52-Jährigen, der bekannt dafür ist, kaum einer Schönen widerstehen zu können. Es ist eine Nacht im Herbst des Jahres 48 v. Chr. Das berühmteste Liebespaar der Welt hat sich gefunden. Verführt sie ihn? Erobert er sie? Oder ist es beiderseits Liebe auf den ersten Blick? Kurz darauf ist Kleopatra schwanger.

Seit mehr als 2 000 Jahren erregt Kleopatra die Phantasie, wie keine andere beschäftigt sie die Künste: verteufelt als Kurtisane vom Nil, verklärt als Tragödin, die an ihrer Liebe scheitert und eine jahrtausendealte Kultur in den Abgrund reißt. Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere setzte den Namen Regina meretrix– "Königin Hure" – in die Welt, sein Kollege Properz ließ sie gar unter ihren Sklaven von Hand zu Hand gehen. Der Dichter Dante geißelte im Mittelalter ihre Wollust im Höllenkreis der "Göttlichen Komödie", Boccaccio fand kein besseres Beispiel für Habgier, Grausamkeit und Geilheit. Haben sie Recht?

Kleopatra VII. regiert im 1. Jahrhundert v. Chr. über das reichste Land der Welt. Sie residiert in einem weitläufigen Palast- und Tempelbezirk in Alexandria, der Stadt, die Alexander der Große 331 v. Chr. gegründet hat. Eine halbe Million Menschen leben in dieser Metropole, Griechen und Römer, Ägypter und Nubier, Gallier und Juden, die in 2500 Tempeln und Kultstätten ihre Gottheiten verehren. Nachts weist Pharos den Schiffen den Weg; der hoch aufragende Leuchtturm bewacht den größten Hafen und Handelsplatz der Antike. Alexandria ist auch eine Stadt des Geistes, in der die Elite der Wissenschaft forscht. Die Alexandrinische Bibliothek versammelt das Wissen der Zeit auf einer halben Million Papyrusrollen.

Seit 300 Jahren herrschen die Ptolemäer, ein kleiner hellenistischer Clan, über sieben Millionen Ägypter. Sie sind Nachfahren des makedonischen Heerführers Ptolemaios, der an der Seite Alexanders des Großen gekämpft und sich nach dessen Tod diesen fruchtbarsten Teil der Alten Welt gesichert hat. Die Ptolemäer heiraten ihre eigenen Schwestern, damit kein fremder Lebenssaft die königlichen Blutbahnen stört. Doch der Familienfrieden leidet unter gnadenlosen Machtkämpfen.

Ptolemaios XII., der Vater Kleopatras, will die Unabhängigkeit seines Landes vor dem Zugriff der neuen, expandierenden Großmacht Rom bewahren, die schon Griechenland, Kleinasien und den Vorderen Orient unter ihrer Kontrolle hat. Er zahlt gewaltige Bestechungssummen an die römischen Herrscher. So ruiniert er Ägyptens Staatsfinanzen, wird schließlich aus Alexandria verjagt und findet in Rom Asyl. Drei Jahre später helfen ihm die Römer, sein Reich mit Waffengewalt zurückzuerobern.

Als der Pharao 51 v. Chr. stirbt, ist Kleopatra 18 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Bruder Ptolemaios XIII. wird sie Königin von Ägypten. Die Vormundschaft hat der verstorbene Vater testamentarisch dem römischen Volk übertragen. Es dauert nicht lange, da liegen die Geschwister im Krieg, und Kleopatra wird aus dem Palast vertrieben. Rom interveniert – und entsendet Julius Cäsar, seinen besten Mann. Er hat die Iberer in Spanien und die zahlenmäßig weit überlegenen Heere der Gallier besiegt, die Grenzen des Römischen Reichs im Westen bis an den Atlantik und im Norden bis an den Rhein vorgeschoben und damit die Fundamente einer Supermacht geschaffen, die ein halbes Jahrtausend lang bestehen sollte.

Den Vorwand für Roms Intervention liefert sein Widersacher, der Feldherr Pompejus, der in Alexandria Zuflucht gefunden hat. Die Berater, die Kleopatras mittlerweile 13-jährigen Bruder steuern, wollen es sich mit dem mächtigen Cäsar nicht verderben. Sie töten Pompejus und senden Cäsar den abgeschlagenen Kopf. Der aber reagiert wider Erwarten zornig. Kein fremdes Volk habe das Recht, einem Römer einen so schimpflichen Tod zu bereiten.

Er verlangt, dass beide streitenden Parteien ihre Heere entlassen, dass Kleopatra und Ptolemaios persönlich vor ihm erscheinen. Wie aber soll Kleopatra das gelingen? Sie hält sich an der syrischen Grenze auf, ihre Residenzstadt Alexandria ist in den Händen ihrer Feinde. So kommt es zu der Idee mit dem Nachtkurier, der Cäsar einen Teppich, eine Königin und ein Weltreich zu Füßen legt.

Cäsar entscheidet den Alexandrinischen Krieg zu seinen Gunsten. Der Knabe Ptolemaios überlebt ihn nicht. Der Römer setzt Kleopatras nächsten Bruder als Ptolemaios XIV. mit auf den Thron und reist ab. Neue Kriege warten auf ihn, er marschiert nach Pontus am Schwarzen Meer.

Kleopatra bekommt ihr erstes Kind im September 47 v. Chr. Sie nennt es Kaisarion, den Sohn Cäsars. Im Jahr darauf bricht sie mit dem Baby und ihrem Pharaonenbruder nach Rom auf. Sie logiert als Regina amica ("befreundete Königin") in Cäsars Haus rechts des Tiber und hält dort Hof, während Cäsar seine Dienstwohnung im Stadtzentrum mit Ehefrau Calpurnia bewohnt. Zur Geliebten hat er es nicht weit, 15 Minuten zu Fuß, in der Senatorensänfte geht’s noch etwas schneller.

Cäsar steht zwischen zwei Frauen. Er will sich nicht scheiden lassen, denn die Ehe mit Calpurnia, der Tochter des einflussreichen Senators und Konsuls Piso, sichert seine Machtbasis in Rom. Er will aber auch nicht auf Kleopatra verzichten. Seine Affäre macht ihm im Senat, den er wegen seines Strebens nach Alleinherrschaft ohnehin schon gegen sich hat, noch mehr Feinde. Ein Herrscher, der alles einfach auf sich zuschneidet? Der römische Interessen in den Schoß einer fremden Macht legt?

Niemand warnt ihn. Außer Calpurnia, doch er hört nicht auf sie. Am 15. März 44 v. Chr. geht Cäsar in die Senatssitzung im Saal des Pompejustheaters. Dort stürzen sich Verschwörer mit Dolchen auf ihn. Marcus Iunius Brutus, einer der Anführer und Sohn einer früheren Geliebten, führt den letzten von 23 Messerstichen. "Auch du, mein Sohn?" sind angeblich Cäsars letzte Worte. Vermutlich aber hat er sie nie gesprochen. Nach zwei Dutzend Messerstichen macht niemand mehr große Worte.

Nach der Ermordung Cäsars gerät Rom in Aufruhr. Kleopatra kann nicht länger bleiben. Sie ist möglicherweise zum zweiten Mal schwanger, erleidet eine Fehlgeburt. Überstürzt besteigt sie ihr Schiff und reist mit ihrem Gefolge nach Ägypten. In Alexandria stirbt ihr 14-jähriger Bruder, Gemahl und Mitregent Ptolemaios XIV. aus ungeklärter Ursache. War es Gift? Ein böser Verdacht lastet auf der Königin vom Nil. Beweise gibt es nicht, wohl aber ein Motiv. Sie ernennt ihren kaum dreijährigen Sohn als Ptolemaios XV. Kaisarion zum neuen Pharao an ihrer Seite – aus ihrer Sicht die natürliche, gottgewollte Verbindung der beiden Reiche in einer Person. Ihr Kind trägt die Zukunft Ägyptens in sich. Ihr Ziel ist es, die Zukunft zu sichern.

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