Wissenschaft

Kohleausstieg und Klimaschutz

Reicht das, Deutschland?

2038 soll das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland vom Netz gehen. Hier beantworten Wissenschaftler die Schlüsselfrage: Reicht der Plan der Kohlekommission aus, um den Klimavertrag von Paris zu erfüllen?

DPA

Kühltürme eines Braunkohlekraftwerks (Archivbild)

Von und
Dienstag, 29.01.2019   14:30 Uhr

Von einem "historischen Kraftakt" ist die Rede. Zumindest die Kommentare der deutschen Tageszeitungen zum Verhandlungsergebnis der Kohlekommission sparen nicht mit netten Worten. Zwar sehen einige Medien auch Belastungen auf die Bürger zukommen. Aber dass nun endlich ein Beschluss zur weiteren Umsetzung der Energiewende vorliegt, wird allgemein begrüßt.

Das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland wird spätestens im Jahr 2038 vom Netz gehen, so das Votum der Experten nach 21-stündiger Marathonsitzung am Samstag. Und schon bis zum Jahr 2022 werden Stein- und Braunkohlekraftwerke mit einer Leistung von rund 12,5 Gigawatt abgeschaltet, bis 2030 sollen dann weitere Blöcke mit noch einmal 13 Gigawatt Gesamtleistung folgen.

Für den Klimaschutz ist die Empfehlung grundsätzlich eine gute Nachricht. Doch was bedeutet sie im Detail? Vier Wissenschaftler geben dem SPIEGEL Auskunft.

Was bedeutet der Kohlekompromiss für das Erreichen von Deutschlands nationalen Klimazielen?

Deutschland hat sich vorgenommen, die CO2-Emissionen bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts im Vergleich zum Jahr 1990 um mindestens 55 Prozent zu senken. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hält das mit dem Kohleausstiegsplan durchaus für machbar. "Die Klimaziele der Bundesregierung bis 2030 werden nach dem aktuellen Plan sehr wahrscheinlich erreicht", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. "Positiv sind etwa die angemessen hohen Ziele zum Start des Ausstiegsprogramms bis 2022. Die 12,5 Gigawatt sind ein starker Start, den ich begrüße."

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"Der Kohlekonsens ist ein guter Anfang für mehr Klimaschutz in Deutschland", lobt auch Patrick Graichen, Chef des Berliner Thinktanks Agora Energiewende. Doch im Gegensatz zu Edehofer beklagt er, der Beschluss reiche eben nicht aus, "um das deutsche Klimaschutzziel von 55 Prozent weniger CO2-Emissionen bis 2030 zu erreichen".

Dazu müssten die Emissionen im Gebäudebereich und - "vor allem", wie der Forscher sagt - im Verkehrssektor ebenfalls deutlich gesenkt werden. "Und auch die Industrie wird ihren Beitrag leisten müssen", so Graichen. Auch die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin äußert sich ähnlich.

Wie sieht es auf internationaler Ebene mit dem Klimavertrag von Paris aus?

Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert. Das liegt unter anderem daran, dass der Vertrag von Paris mehr als ein Ziel festhält. Die Staaten der Welt hatten sich Ende 2015 zwar dazu verpflichtet, die Erderwärmung "deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau" halten zu wollen. Gleichzeitig hatten sie aber auch versprochen, dass "Anstrengungen unternommen werden", um das Plus auf nur 1,5 Grad zu begrenzen.

So sollen die Auswirkungen des Temperaturanstiegs auf die Ökosysteme, auf die Korallenriffe, auf Meeresspiegelanstieg und Ozeanversauerung möglichst gering gehalten werden. (Den Volltext des Vertrages können Sie hier nachlesen.)

Und zumindest die Einhaltung des strengeren 1,5-Grad-Ziels sei mit dem Ergebnis der Kohlekommission nicht zu machen, warnt Klimaforscherin Brigitte Knopf vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin: "Wenn man die Messlatte von nur 1,5 Grad Temperaturanstieg anlegt, ist die Strategie der Kohlekommission nicht Paris-kompatibel." Die für diesen Fall weltweit noch erlaubte Menge an CO2-Ausstoß sei insgesamt so gering, dass "für die Kohle da kein Spielraum mehr ist", so Knopf.

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So hatten auch die Experten des Weltklimarates (IPCC) in einem Sondergutachten im vergangenen Jahr erklärt, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, seien "schnelle und weitreichende" Veränderungen nötig. Weitreichend ist der geplante Ausstieg aus der Braunkohle in Deutschland gewiss, sonderlich schnell erfolgt er dagegen nicht. Der Berliner Think Tank Climate Analytics hatte im vergangenen Herbst ein komplettes Ende der Kohleverstromung bis spätestens 2030 gefordert, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Kann es auch ganz anders kommen?

Ja. "Zum Beispiel könnten aktuell nicht ausgelastete Steinkohlekraftwerke einspringen, wenn Braunkohlekraftwerke vom Netz genommen werden", so Knopf. Ähnliche Befürchtungen äußert auch PIK-Direktor Edenhofer. Das heißt: Aktuell mag sich der Betrieb mancher Steinkohle-Kraftwerksblöcke nicht lohnen, weil Braunkohlestrom billiger ist - geht das Braunkohlekraftwerk dann aber vom Netz, kann der Steinkohlemeiler für eine bestimmte Zeit aber wieder finanziell attraktiv werden. Das Problem: Die CO2-Emissionen würden in diesem Fall nur minimal sinken.

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"Die Klimaziele werden nur eingehalten werden können, wenn die Empfehlungen der Kohlekommission so rasch wie möglich umgesetzt werden", sagt Wirtschaftsforscherin Kemfert. Alte und ineffiziente Kohlekraftwerke müssten so schnell wie möglich vom Netz gehen. Außerdem müsse "eine deutliche Drosselung der restlichen Kapazitäten" stattfinden - damit eben nicht nur ein Braunkohle durch ein Steinkohlekraftwerk ersetzt wird.

Wie lässt sich die Kohle dauerhaft aus dem Markt drängen?

Eine Möglichkeit wäre die Einführung eines Mindestpreises für die Verschmutzung der Atmosphäre mit Kohlendioxid. Dieser würde den Betrieb von Kohlekraftwerken unrentabel machen. Er könnte aber nur im europäischen Verbund eingeführt werden. Im Papier der Kohlekommission ist von solch einem Mindestpreis bestenfalls indirekt die Rede.

Bereits im vergangenen Herbst hatte PIK-Chef Edenhofer zusammen mit Christoph Schmidt, dem Chef der Wirtschaftsweisen, im SPIEGEL einen detaillierten Plan für den CO2-Mindestpreis vorgelegt. Nach den Berechnungen sollte der CO2-Preis im Jahr 2020 bei 20 Euro je Tonne starten und dann schrittweise bis auf 35 Euro im Jahr 2030 steigen.

Umgerechnet auf das neue Konzept zum Kohleausstieg könnte er noch einmal etwas höher liegen. "Zwischen 35 und 45 Euro je Tonne - je nachdem, wie sich die Brennstoffpreise für Gas und Kohle entwickeln", sagt Edenhofer. "Damit könnte man für Investoren Planungssicherheit schaffen, und die Einnahmen gerecht an die Menschen zurück geben - was beides die wichtigste Ressource überhaupt schaffen würde: Vertrauen."

Klimaschutz-Vorreiter Skandinavien

Der Vertrag von Paris basiert auf freiwilligen Zusagen der Staaten zur CO2-Minderung. Diese sollen mit der Zeit immer weitreichender werden, dazu haben sich die Länder verpflichtet. Doch wie viel sie genau reduzieren, hängt jeweils von ihnen selbst ab. Die aktuellen Zusagen würden laut den Experten des Climate Action Tracker bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem durchschnittlichen globalen Temperaturplus von etwa drei Grad führen.

"Der Status quo bei den Zielen reicht nicht aus", warnt Carl-Friedrich Schleußner von Climate Analytics. Von einer Verschärfung der deutschen Klimaziele sei im Papier der Kohlekommission allerdings nicht die Rede. Wie man es besser machen könne, zeigten die fünf skandinavischen Länder. Sie haben Ende vergangener Woche in Aussicht gestellt, ihre nationalen Anstrengungen für den Klimaschutz bis 2020 noch einmal zu verstärken.

insgesamt 156 Beiträge
pizzerino 29.01.2019
1. ob es reicht oder nicht...
...steht doch gar nicht zur Diskussion. Für was soll es reichen? Zu abstrakt. Tatsächlich werden fossile Energien schrittweise zurückgebaut. Das ist gut so. Vielleicht wird es einfach nur funktionieren und die Menschen aller [...]
...steht doch gar nicht zur Diskussion. Für was soll es reichen? Zu abstrakt. Tatsächlich werden fossile Energien schrittweise zurückgebaut. Das ist gut so. Vielleicht wird es einfach nur funktionieren und die Menschen aller Schichten werden sich darauf einstellen können. Aber vielleicht wird sich ein Trend ergeben der Mobilität zu einem Privileg für Reiche werden lässt. Dann werden wir sehen ob die Armen noch eine Wählerstimme haben, und ob es reicht den Klimaschutz weiter von der Mehrheit tragen zu lassen.
Direwolf 29.01.2019
2. Ach ja das Pariser Abkommen
Man muss es mal so klar sagen, dieser Vertrag war eine extrem dumme PR Aktion. Man schaue sich mal an, wie der zustande kam. Alle Staaten reichsten ein Bündel von Klimaschutz-Versprechen ein. Das hat man durch die Modelle [...]
Man muss es mal so klar sagen, dieser Vertrag war eine extrem dumme PR Aktion. Man schaue sich mal an, wie der zustande kam. Alle Staaten reichsten ein Bündel von Klimaschutz-Versprechen ein. Das hat man durch die Modelle gejagdt und heraus kam eine eine Erwärmung von mehr als 3°C in dem unwahrscheinlichen Fall, dass alle ihre Versprechen auch einhalten. Und das ist eine große Vorstellung, wenn man bedenkt, dass die Vorgaben des Kyoto Abkommens quasi nur von der EU, Island und er GUS eingehalten wurden, wobei das Ziel der GUS so weich war, dass es gar nicht verfehlt werden konnte. In Paris stand man also vor dem Problem ein Scheitern verkünden zu müssen, denn das 2°C war ja mit den Einreichungen weit verfehlt. Was macht man also als schlauer Politiker? Man verkündet einfach ein noch schärferes Ziel und verlegt die konkrete Umsetzung auf später. Dafür wird man dann gefeiert. Das ganze war von Anfang an eine reine Mogelpackung
JensJacob 29.01.2019
3. Ja eine tolle
Lösung. Der zukünftig benötigte Braunkohle Strom kommt dann aus Polen und die abgebauten Kraftwerke werden in Afrika wieder aufgebaut. Ihr Deutschen. Ihr seid schon so ein paar Spezies.
Lösung. Der zukünftig benötigte Braunkohle Strom kommt dann aus Polen und die abgebauten Kraftwerke werden in Afrika wieder aufgebaut. Ihr Deutschen. Ihr seid schon so ein paar Spezies.
Ottokar 29.01.2019
4. Klar reicht das
nur müssen wir bei den nächsten Messungen warten bis kein Wind aus dem Osten weht.
nur müssen wir bei den nächsten Messungen warten bis kein Wind aus dem Osten weht.
Bruno Bug 29.01.2019
5. Klimastreber
Der Klimawandel wird kommen ob D, wie üblich, der Oberstreber sein wird oder nicht. Für mich, und viele andere Wähler, wird dieses Thema viel zu viel aufgebauscht und übergewichtet. Irgendwann wird sich dieses Thema in die [...]
Der Klimawandel wird kommen ob D, wie üblich, der Oberstreber sein wird oder nicht. Für mich, und viele andere Wähler, wird dieses Thema viel zu viel aufgebauscht und übergewichtet. Irgendwann wird sich dieses Thema in die Reihe von Umwelthysterien einreihen für die wir (deutsche Angst) mittlerweilen weltberühmt sind. Irgendwie müssen wir ja für unsere böse Vergangenheit mit oberlehrerhafter Dauerstreberei büsen. Bringen tut dieses Geldverschwendung eh nichts. Auch die Beispielfunktion hat ausgedient, denn unser panisches Agieren wirkt abschreckend auf irgendwelche Nachahmer. Dazu freue ich mich auf wärmeres Klima bei uns. Das bisschen mehr Hitzetage und ein paar mehr heftige Gewitter sind kein Problem. Um so besser ist es, dass es weniger regnen soll. Kalifornien in Deutschland. Und die an der Küste können sich ja Gummistiefel kaufen.
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