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Die Magie trauriger Musik

Moll statt Dur: Warum hören wir uns manchmal traurige Musik an - und genießen sie trotzdem? Forscher haben neue Antworten auf diese Frage gefunden.

Freitag, 17.06.2016   13:38 Uhr

"Hallelujah" ist ein furchtbar trauriger Song. Aber er ist auch einer der am häufigsten gecoverten überhaupt: Mehr als hundert verschiedene Versionen soll es von der Ballade geben, die einst Leonard Cohen geschrieben hat. Vielleicht die traurigste hat Jeff Buckley aufgenommen.

Während der Musiker allein mit seiner Gitarre auf der Bühne steht und die getragene Melodie mit seiner weichen Stimme singt, brennen auf seinem Verstärker Kerzen - wen das nicht rührt, der hat ein Herz aus Stein. Weiß man dann noch, dass Buckley viel zu jung auf tragische Weise ertrank, wird alles noch trauriger. Obwohl der Song negative Gefühle hervorruft, wurde er ein Hit. Warum?

Zwei Musikwissenschaftler aus Großbritannien und Finnland haben nun drei Studien mit insgesamt über 2400 Menschen ausgewertet, die sich mit dieser Frage beschäftigt hatten. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass vor allem drei Gefühle mit dem Hören von trauriger Musik verknüpft sind: Trost, Freude und Schmerz.

Zudem fanden die Forscher heraus: Bei einigen lösen die Klänge gar Behaglichkeit aus. Wenn Menschen traurige Musik als angenehm empfinden, sind meist Erinnerungen und Assoziationen mit dem Hörgenuss verknüpft.

Allerdings zeigte ein Teil der Probanden auch Anzeichen von schmerzhaften Gefühlen, die mit persönlichen Erfahrungen wie dem Tod einer nahestehenden Person oder etwa einer Trennung einhergingen. "Es gibt auch Menschen, die traurige Musik geradezu hassen und sie vermeiden", schreibt Tuomas Eerola von der Durham University im Fachmagazin "PLOS One".

Jüngere empfinden eher negativ

Die Forscher stellten auch fest, dass ältere Menschen häufiger eine eher angenehme Traurigkeit mit dieser Art von Musik verknüpfen, während jüngere eher starke negative Empfindungen verspüren. Einen Unterschied in der Wahrnehmung zwischen erfahrenen und unerfahrenen Musikern entdeckten die Wissenschaftler dagegen nicht.

Die Erkenntnisse könnten langfristig dazu dienen, Musiktherapien zu verbessern, glaube die Wissenschaftler. "Die Ergebnisse zeigen uns, wie Menschen über Musik ihre Laune regulieren." Therapeuten könnten das nutzen, um etwa Menschen nach Todesfällen einer nahestehenden Person zu helfen.

Bereits früher waren Forscher bei der Analyse der Wirkung von trauriger Musik zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie in der aktuellen Studie. Wissenschaftler der Freien Universität Berlin berichteten, dass Menschen vor allem bei Kummer zu trauriger Musik greifen. Überraschenderweise ist Trauer laut ihrer Studie jedoch nicht das entscheidende Gefühl, das die Musik hervorruft, sondern Nostalgie - eine Mischung aus Freude und Trauer.

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joe

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