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Warum wir uns beim Alter oft verschätzen

Achtung, Fettnäpfchen: Sollen wir das Alter eines Fremden abschätzen, geht das oft schief. Forscher haben untersucht, warum.

Getty Images/ Westend61
Donnerstag, 18.10.2018   12:55 Uhr

"Da müsste ich noch mal Ihren Ausweis sehen." Wer diesen Satz beim Alkoholkauf hört, dem bleibt nur ein Rückschluss: "Ich sehe offenbar sehr jung aus." Manche verstehen das als Kompliment, andere sind genervt oder stellen ihr eigenes Auftreten in Frage. Alles nachvollziehbar, doch eigentlich sollte die Frage niemand zu persönlich nehmen, zeigt eine Studie.

Dass sich Menschen leicht verschätzen, wenn es um das Alter von Fremden geht, ist lange bekannt. In einer aktuellen Untersuchung im Fachmagazin "Royal Society Open Science" lagen die Studienteilnehmer durchschnittlich ganze acht Jahre daneben. Solche Fehleinschätzungen könnten auch Bedeutung für die Polizeiarbeit haben, berichten die Forscher, etwa bei Zeugenaussagen über das Alter eines flüchtigen Täters.

Colin Clifford von der University of New South Wales in Sydney und Kollegen wollten herausfinden, warum wir uns bei der Altersschätzung oft danebenliegen. Dazu legten sie insgesamt 81 Testpersonen, vor allem jungen Studenten, Fotos von Menschen im Alter zwischen sieben und siebzig Jahren vor.

Knapp elf Jahre daneben

Die Testpersonen bekamen Passbilder von Australiern in drei Ausführungen zu sehen: Im Original, zu einem Drittel verpixelt oder zur Hälfte verpixelt. Die Pixel wurden dabei quer über das Bild verteilt. Je mehr Pixel vorhanden waren, desto schlechter war die Person zu erkennen. So wollten die Forscher prüfen, wie sich die Schätzgenauigkeit bei verschiedenen Unsicherheitsgraden verändert.

Jeder Kandidat sollte nun 84 unterschiedliche Fotos auf einer Altersskala von 1 bis 99 bewerten. Ob ihre Einschätzung richtig war, erfuhren die Teilnehmer während des Bilderdurchlaufs nicht.

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Am schlechtesten schnitten erwartungsgemäß die Probanden bei den zur Hälfte verpixelten Bildern ab. Knapp elf Jahre lagen sie hier durchschnittlich daneben. Bei den etwas weniger verpixelten Aufnahmen waren es knapp zehn Jahre, bei den Originalen gut acht.

Jüngere Gesichter werden älter geschätzt

Die Klarheit der Bilder war jedoch nicht allein entscheidend. Die Forscher entdeckten zwei weitere wesentliche Einflussfaktoren, die bestimmten, in welche Richtung sich die Kandidaten verschätzten: Zum einen hing die Schätzgenauigkeit vom Alter der abgebildeten Person ab. So schätzten die Kandidaten junge Personen tendenziell zu alt und alte Personen tendenziell zu jung ein.

Zum anderen spielte die Reihenfolge der Bilder eine wichtige Rolle. Probanden übertrugen das Alter der Person auf einem Foto nämlich auf die Person im nächsten Bild: Sahen sie zuerst ein junges Gesicht, unterschätzten sie das Alter der Person auf dem darauffolgenden Foto. Sahen sie zunächst ein altes Gesicht, überschätzten sie das Alter der darauffolgenden Person.

Diese Unterschiede könnten etwa 95 Prozent der Fehleinschätzungen erklären, schreiben die Forscher.

Ihre Untersuchung zeige, dass das Umfeld, in dem Menschen ein Alter abschätzen müssen, großen Einfluss auf die Genauigkeit habe. Das sei wichtig zu wissen - für den Umgang miteinander im Alltag, aber auch für polizeiliche Ermittlungen - und natürlich auch für den Verkäufer an der Supermarktkasse.

jme

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