Wissenschaft

Fremde Frauen

Südländerinnen besiedelten Bayern im Frühmittelalter

Vor 1500 Jahren lebten Bayern mit Frauen aus Südeuropa zusammen - Hinweise auf Fremdenfeindlichkeit fanden Forscher nicht.

Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München

Analysierte Schädel

Dienstag, 13.03.2018   12:33 Uhr

Im frühen Mittelalter gab es in Bayern einen rätselhaften Zuzug von Frauen, die vermutlich aus Südosteuropa stammten. Bei einer Analyse von Gräbern aus jener Epoche fiel auf, dass sich die Frauen von der recht einheitlichen lokalen Bevölkerung in den Dörfern abhoben.

Die Frauen, die vermutlich aus der Schwarzmeer-Region stammen, hoben sich im Aussehen drastisch von den Einheimischen ab, schienen aber gut in die bäuerlichen Gesellschaften integriert gewesen zu sein. Das berichtet ein internationales Forscherteam um Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie München und Joachim Burger von der Universität Mainz in den "Proceedings of the National Akademie of Sciences".

Das Mittelalter beginnt nach dem Ende des Römischen Reiches, das wiederum mit großen Völkerwanderungen einhergeht. Damals wurden etliche germanische Stämme beschrieben, etwa Alamannen, Goten, Gepiden und Langobarden. Im 6. Jahrhundert werden auch die Bajuwaren erstmals genannt, die im Gebiet des heutigen Bayern lebten. Die Entstehung und Zusammensetzung dieser Gruppe ist bis heute nicht geklärt.

Turmschädel deuteten auf fremde Herkunft

Nun analysierten Forscher Knochen von rund 40 Menschen, die um das Jahr 500 in sechs bayerischen Orten bestattet wurden, in Altenerding und Altheim im Isargebiet sowie in Straubing, Burgweinting, Alteglofsheim und Barbing im Donauraum. Dabei achtete das Team auch auf Menschen mit einer bestimmten Deformation des Kopfes, dem sogenannten Turmschädel.

"Eltern umwickelten dafür den Kopf ihrer Kinder einige Monate lang nach der Geburt mit Bandagen, um die gewünschte Kopfform zu erreichen", erklärt Harbeck. "Warum sie dieses aufwendige Verfahren durchführten, ist heute schwierig zu beantworten, aber wahrscheinlich wurde damit einem bestimmten Schönheitsideal nachgeeifert oder vielleicht auch eine Gruppenzugehörigkeit angezeigt."

Oft wird der Turmschädel den Hunnen zugeschrieben, die während der Völkerwanderung von Asien nach Europa zogen. Tatsächlich stammen die frühesten Belege in Südosteuropa für diesen Brauch aber schon aus dem 2. Jahrhundert - sie sind also wesentlich älter. Den Forschern lieferten die Turmschädel einen ersten Anhaltspunkt für die fremde Herkunft.

Genetische Analyse ergaben schließlich, dass die insgesamt neun Frauen mit eindeutigem Turmschädel vermutlich aus dem Schwarzmeerraum in die bayerischen Dörfer gekommen waren - sie sind eng verwandt mit den heutigen Bewohnern von Bulgarien und Rumänien. Das ist auch genau jene Region, aus der die frühesten europäischen Belege für Turmschädel stammen und wo dieser Brauch besonders verbreitet war.

Gut integriert

Auch sonst hob sich das Aussehen dieser Frauen deutlich von dem der Bajuwaren ab: Die meisten hatten dunkle Augen, Haare und Teint - im Gegensatz zu den damaligen Einheimischen, die mehrheitlich blond und blauäugig waren und damit heutigen Skandinaviern ähnelten. Auch zwei weitere Frauen ohne Schädeldeformation stammten aus der Ferne - ihre nächsten Verwandten sind heutige Griechen und Türken.

Trotz ihres auffälligen Äußeren waren die zugewanderten Frauen, die zur gleichen Zeit in mehreren bayerischen Dörfern lebten, anscheinend gut in die Gemeinschaften integriert. Ihre Gräber und Grabbeigaben unterschieden sich kaum von denen der lokalen Bevölkerung.

"Dies ist ein einmaliges Beispiel von weiblicher Mobilität, die größere Kulturräume überbrückt", sagt Burger. "Wir müssen damit rechnen, dass noch viele weitere, bislang ungeahnte bevölkerungsdynamische Phänomene an der Genese unserer frühen Städte und Dörfer mitgewirkt haben."

Rätselhaft bleibt die Frage, wie und warum diese Frauen in die bayrischen Dörfer kamen und dort blieben. Zumal Burger davon ausgeht, dass die Schädeldeformation, die viel Arbeit erforderte, in Südosteuropa bei der Landbevölkerung nicht üblich war. Demnach könnte der Turmschädel auch einen höheren Status anzeigen. Umso mysteriöser, dass sich diese Frauen in bayerischen Dörfern niederließen.

jme/dpa

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