Wissenschaft

Audioclip spaltet Internet

"Yanny" oder "Laurel" - Was hören Sie?

Im Internet sorgt derzeit ein Audioclip für Verwirrung - die einen hören das Wort "Yanny", die anderen "Laurel". Woran kann das liegen?

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Was hören Sie?

Mittwoch, 16.05.2018   15:56 Uhr

Es ist drei Jahre her, da spaltete ein Kleid die Internetgemeinde. Damals diskutierten Tausende über die Farbe des Fummels - für die einen war es blau-schwarz, für die anderen weiß-gold.

Nun geistert wieder ein Phänomen durch das Netz, das auf unterschiedlicher Wahrnehmung beruht. Es geht um einen Audioclip - er tauchte vor einigen Tagen erstmals auf der Internetplattform Reddit auf. Inzwischen macht er auch auf Twittter die Runde und wurde Zehntausende Male geteilt und kommentiert.

swiked/Tumblr

Blau-Schwarz oder weiß-gold: ein Kleid als Internethype

In dem kurzen kurzen Clip liest eine Roboterstimme ein Wort vor - für die einen klingt es offenbar wie "Yanny", die anderen verstehen "Laurel". Liest man die beiden Wörter nur, scheinen sie sehr unterschiedlich zu sein. Logisch, dass das Verständnis für die jeweils Andershörenden nicht gerade groß ist.

"Wie kann man nur ´Yanny` hören? Es ist doch klar, dass er `Laurel `sagt", schreibt etwa ein Twitter-Nutzer. Ganz offensichtlich teilt der Clip das Internet in zwei Lager. US-Talkerin Ellen DeGeneres schrieb, das praktisch ihr gesamtes Team die Arbeit unterbrochen habe, weil jeder selbst testen wollte, was er verstand. Sie selbst vernahm "Laurel".

Warum die Menschen Unterschiedliches verstehen, darüber kursierten schnell etliche Theorien. Jody Kreiman vom Sprachwahrnehmungslabor der University of California in Los Angeles erklärt, dass die akustischen Muster der beiden Wörter gar nicht so unterschiedlich seien. "Der energetische Aufwand für Ya ist dem für La ähnlich", sagte sie der "New York Times". Zudem sei das N von "Yanny" ähnlich wie das R aus "Laurel". Für eine genauere Aussage bräuchte es aber eine aufwendige Analyse im Labor.

"Wie kann man nur 'Yanny' hören?"

Ein Internetnutzer glaubt, dass die Hörunterschiede durch unterschiedliche Bassbereiche entstehen könnten. Er demonstriert das in einem Clip mit einer Audiosoftware. Doch zumindest der Autor dieses SPIEGEL-ONLINE-Artikels (deutlich über 25 Jahre alt) und seine achtjährige Tochter hören hier keinen Unterschied.

Der Psychologe David Alais von der University of Sydney vergleicht den Effekt mit dem, den wir von einigen optischen Täuschungen von sogenannten Kippfiguren kennen - etwa dem Vase/Gesicht-Bild des dänischen Psychologe Edgar Rubin. Auf dem Bild ist entweder die Zeichnung einer Vase oder zweier Gesichter zu sehen. Beides gleichzeitig kann man nicht wahrnehmen, die jeweils andere Interpretationsmöglichkeit verschwindet.

Gesicht oder Vase

Das menschliche Gehirn könne sich nicht entscheiden, welchem Reiz es folgen soll und schwanke ständig zwischen beiden Varianten, sagte Alais dem "Guardian". Es kann sich nicht auf eine endgültige Interpretation festlegen. Akustisch sei das auch auf das "Yanny"-"Laurel"-Geräusch übertragbar. Beide hätten ein ähnliches Timing und in etwa den selben Sprachenergiegehalt, sie seien deshalb prinzipiell verwechselbar. Das Beispiel zeige einmal mehr, wie sehr unser Gehirn sensorische Reize interpretiere. Und dass unsere Eindrücke weit weniger objektiv sind, als wir glauben.

Getty Images/ Science Source

Rubin-Vase

Alais selbst hört übrigens ganz eindeutig "Yanny". Das mag an seinem Alter von 52 Jahren liegen. Ab 25 Jahren kann man hohe Frequenzen nicht mehr so gut wahrnehmen. Aber auch der Akzent könnte eine Rolle spielen. Die Computerstimme spricht das Wort mit nordamerikanischem Akzent aus, in britischem Englisch würden sie anders klingen. Ob man Yanny" oder "Laurel" hört, hängt also auch von den eigenen Erfahrungen und Erwartungen ab.

Dass vermutlich tatsächlich unterschiedliche Frequenzen der Auslöser des unterschiedlichen Hörens sind, vermutet ein weiterer Experte. Die meisten Sounds, einschließlich L und Y, bestünden aus mehreren Frequenzen gleichzeitig. Die Frequenz des Y könnte künstlich erhöht worden sein, die des L-Sounds niedriger gemacht worden sein, glaubt der Neurowissenschaftler Lars Riecke von der Universität Maastricht.

Tatsächlich zeigt ein anderer Clip eines Twitter-Nutzers, wie das Wort über die Frequenzsteuerung manipuliert werden kann. Auch er hat mit einer Audioediting-Software gearbeitet:

Zumindest in diesem Clip kann der Autor dieses Textes beide Varianten hören. Und der Tochter ist das Thema inzwischen egal.

joe

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