Wissenschaft

"Maischberger" zu Wetterextremen

Willkommen im Klimatheater

Norddeutschland erholt sich von Sturm "Xavier", und Maischberger fragt: "Kippt unser Klima?" Eigentlich eine simple Frage. Doch die Sendung folgte in perfekter Form dem ritualisierten Klimatheater. Hereinspaziert!

WDR/ Max Kohr

Maischberger-Runde zum Klimawandel

Von
Donnerstag, 12.10.2017   09:49 Uhr

Es war keine gute Idee, anlässlich des Sturms "Xavier", der vergangene Woche Unheil in Norddeutschland brachte, zu fragen, ob "das Klima kippt". Doch Sandra Maischberger tat es - dabei hätte diese Frage kurz und knapp beantwortet werden können: Es gibt in Deutschland weder mehr Stürme, noch mehr Starkregen als früher. Kippendes Klima lässt sich anlässlich von "Xavier" also nicht nachweisen.

Nach jedem Unwetter aber beschwören Journalisten, Forscher und Aktivisten den Klimawandel. Das werbewirksame Thema steigert die Bekanntheit der Beschwörer, die Debatte aber leidet. In perfekter Form folgte die "Maischberger"-Sendung dem längst ritualisierten Klimatheater.

Die Redaktion hatte die typischen Rollen vergeben: Den Warner gab der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber; den Wissenschaftskritiker der Journalist Alex Reichmuth; als Umweltschützerin kam Grünen-Politikerin Bärbel Höhn; die Wirtschaftssachverständige gab Dorothee Bär von der CSU; und Meteorologe und SPIEGEL-DAILY-Kolumnist Jörg Kachelmann fungierte als Mittler.

Der Urstreit

Reichmuth und Schellnhuber lieferten in der Sendung die Urform der Klimadebatte, den Streit zwischen einem Skeptiker, der die Warnungen der Wissenschaft bestreitet und einem Forscher, der auf die großen Forschungsberichte verweist. Reichmuth brachte die Klassikerzweifel gegen die Diagnose des drohenden Klimawandels: Niemand verstehe genau, wie das Klima funktioniere, es sei zu komplex, und früher war es sowieso wärmer ohne Industrieabgase. Statt auf Beweise berief er sich auf sein Gefühl.

Schellnhuber konterte mit dem üblichen Verweis auf die Befunde Tausender Studien, die einen Einfluss des Menschen auf das Klima ergeben haben. Auch anschließend hielt er sich ans Ritual - und brachte sich damit in Schwierigkeiten: Anstatt zu erklären, wie der Einfluss des Menschen herausgefunden wurde, zählte er extreme Unwetter der jüngsten Vergangenheit auf. Der Klimawandel wirke sich bereits auf das Wetter aus, folgerte Schellnhuber.

Die Unwetterfalle

Damit war der Forscher in die Unwetterfalle getappt. "Es gibt laut Uno-Klimarat keinen Trend bei Hurrikanen", konnte Skeptiker Reichmuth trocken und korrekt kontern. Auch Kachelmann betonte die Normalität vieler Wetterextreme, ob Regen, Stürme oder Waldbrände. Und so blieb im Streit um die Unwetter - ganz in der Tradition solcher Debatten - mal wieder unklar, warum Wissenschaftler den Klimawandel eigentlich für gefährlich halten, dabei sind ihre Argumente gut (mehr dazu lesen Sie hier im Format "Endlich verständlich").

Der Religionsvergleich

Reichmuth verglich nun die Klimaforschung wegen ihrer Einigkeit in der Frage nach dem menschlichen Einfluss auf den Klimawandel mit Religion - eine unter Skeptikern verbreitete Analogie, die Schellnhuber gewitzt entschärfte: "Was wollen sie denn nun eigentlich", fragte er seinen Kontrahenten. "Wenn sich Klimaforscher einig sind, werfen sie uns Verschwörung vor. Sind wir uns uneins, machen sie uns wiederum das zum Vorwurf."

Auch Grünen-Politikerin Höhn hielt Reichmuth seine Analogie vor: "Sie sind hier ja gerade wegen ihrer extremen Meinung eingeladen worden, bekommen im Gegensatz zu all den gleichgesinnten Forschern eine Bühne für ihre Einzelmeinung", stellte sie fest.

Die Energie-Schlachtrufe

Beim Thema Energiewende wurden ebenfalls die wesentlichen Schlachtrufe aufgerufen: Die Umstellung auf erneuerbare Energien sei zu teuer, sagte Reichmuth: "Wenn man Klimaschutz so durchzieht wie geplant, dann wäre das ein absolutes Desaster." Fossile Energien lieferten 85 Prozent der Energie, sie wegzunehmen "wäre die größte Katastrophe".

Windenergie und Sonnenenergie aber seien längst auf dem Vormarsch, sagte Höhn: Industrie, China und US-Bundesstaaten setzten auf erneuerbare Energien. "Der Zug ist abgefahren", meint Schellnhuber, auch der neue US-Präsident Donald Trump könne ihn nicht mehr aufhalten. Selbst in Trumps Stammwähler-Bundesland Oklahoma stünden bereits überall Windräder, sagte Kachelmann.

Das Politikerdilemma

Einigung besteht bei diesen Debatten immer darin, den Bürger nicht zu verschrecken; über steigende Strompreise oder Beschränkungen des Autoverkehrs wird ungern gesprochen.

"Meine Haltung ist die nicht hysterische", brachte CSU-Politikerin Bär die allgemeine Haltung auf den Punkt. Mit Klimazielen sollte man sich nicht unbedingt "verheiraten". "Wir müssen uns um Natur und Menschen gleichermaßen kümmern."

Deutsche könnten die Welt allein nicht retten, "hektische Reaktionen bei Diesel und Kohle" sollten vermieden werden, um "nicht in Schönheit zu sterben", meinte Bär.

Das Autoproblem

Das Thema Auto schließlich drehte wie üblich endgültig die Debatte - das Heiligtum der Deutschen wagt niemand anzugreifen, viele Bürger seien nun mal drauf angewiesen, sagte Bär.

Fast verzweifelt rief Moderatorin Maischberger, ob denn "die ganzen Verhaltensregeln zum Klimaschutz gar nicht mehr gelten?" Der Markt von Geländewagen boome, wollten die Deutschen den Klimawandel etwa gar nicht bekämpfen, fragte sie. Schnellnhuber wischte das Problem beiseite: Dieser "Modetrend" werde sich totlaufen.

insgesamt 100 Beiträge
nici_d 12.10.2017
1. Danke
Danke Herr Bojanowski, das ist eine nette Analyse der hysterischen Dampfplauderer auf allen Seiten. Die Bär macht da noch die beste Figur.
Danke Herr Bojanowski, das ist eine nette Analyse der hysterischen Dampfplauderer auf allen Seiten. Die Bär macht da noch die beste Figur.
Das schwarze Schaf 12.10.2017
2.
Der Klimawandel ist nicht zu verleugnen, aber hat der Mensch wirklich so viel Einfluss? Auch vor der Menschheit hat es den Klimawandel und Wetterkatastrophen gegeben. Natürlich muss man was für den Umweltschutz tun, genau so [...]
Der Klimawandel ist nicht zu verleugnen, aber hat der Mensch wirklich so viel Einfluss? Auch vor der Menschheit hat es den Klimawandel und Wetterkatastrophen gegeben. Natürlich muss man was für den Umweltschutz tun, genau so sollte man sich aber auch auf die Folgen des Klimawandels einstellen. Also z.B. Verbesserungen des Küstenschutzes. Aber das allerwichtigste ist, dass weltweit an diesem Problem gearbeitet wird und nicht nur hier in Deutschland. Die Argumentation von Schwellenländern und Dritte-Welt-Staaten sie müssten ja erst einmal ökonomisch aufholen sollte man in diesem Zusammenhang nicht gelten lassen.
k.u.m. 12.10.2017
3.
Mich stört an der Klimadebatte generell die Radikalität. Unabhängig von der Auswirkung oder Nichtauswirkung auf das Klima hat sicher kaum jemand etwas dagegen, wenn die Luftverschmutzung - insbesondere in Ballungsräumen - [...]
Mich stört an der Klimadebatte generell die Radikalität. Unabhängig von der Auswirkung oder Nichtauswirkung auf das Klima hat sicher kaum jemand etwas dagegen, wenn die Luftverschmutzung - insbesondere in Ballungsräumen - verringert wird. Dass unser kleines Land damit aber einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Insoweit sollten namentlich die Grünen und die "Klimapäpste" mal einen Gang zurückschalten und aus diesem Thema keine Ideologie machen.
StefanZ.. 12.10.2017
4. Wie der Frosch im Wassertopf
Alles was nicht jetzt und sofort weh tut, kaputtgeht wird weggewischt und ignoriert. Nach mir die Sintflut, und das kann man wörtlich nehmen. Die Beweise liegen stapelweise vor. Fast jede Woche kommt eine neue Studie dazu. Hier [...]
Alles was nicht jetzt und sofort weh tut, kaputtgeht wird weggewischt und ignoriert. Nach mir die Sintflut, und das kann man wörtlich nehmen. Die Beweise liegen stapelweise vor. Fast jede Woche kommt eine neue Studie dazu. Hier z.B. zu der Verschwörungstheorie, dass alle Studien nur gefiltert ausselektiert und veröffentlicht werden lnkd.in/f9UK7gb Bereits unsere Enkelkinder werden uns verfluchen wegen der gewissenlosen Bequemlichkeit und Ignoranz.
20realsenses13 12.10.2017
5. Dass ausgerechnet die Grüne Höhn ....
sich als Umweltschützerin geriert ist heftig. SIE war diejenige , als die zuständige Ministerin im SPD Kabinett Steinbrück in NRW die Verwüstung einer gewachsenen Kulturlandschaft durch Abbau von Braunkohle - Gartzweiler , [...]
sich als Umweltschützerin geriert ist heftig. SIE war diejenige , als die zuständige Ministerin im SPD Kabinett Steinbrück in NRW die Verwüstung einer gewachsenen Kulturlandschaft durch Abbau von Braunkohle - Gartzweiler , Hambach - mit betrieben hat . Heute über die Umweltbelastungen dieser Energiesparte zu lamentieren ist purer Opportunismus.
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