Wissenschaft

Katastrophe in Indonesien

Der rätselhafte Tsunami von Palu

Ende September haben ein Erdbeben und eine Flutwelle die indonesische Stadt Palu verwüstet. Erklären können Forscher die Entstehung des Tsunamis noch nicht - aber sie räumen mit einem Vorwurf auf.

AFP

Zerstörte Moschee in Palu (im Oktober 2018)

Aus Washington berichtet
Freitag, 14.12.2018   07:24 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Menschen, die am frühen Abend des 28. September auf dem Parkdeck der Grand Mall von Palu stehen, sie haben Angst. Eine erste Welle ist eben schon herangerollt. Und nun kommt noch eine, eine weißgraue Wand aus Wasser. Sie nähert sich über die Bucht, wird unfassbar schnell größer. Einer holt sein Handy heraus und filmt.

Es wird nur noch Augenblicke dauern, bis der Uferstreifen unter meterhohem Wasser begraben wird. Hunderte Menschen werden sterben, unter anderem am nahen Strand Talise, wo gerade ein Musikfestival gefeiert wird. Die Menschen auf dem Parkdeck bekommen Panik, sie rennen. Dafür ist es zu spät - aber immerhin, sie stehen erhöht. Das kann ihnen das Leben retten.

"Die Wellen kommen mit sieben Meter pro Sekunde. Wer davor wegrennen will, der muss schon Usain Bolt heißen", sagt Hermann Fritz vom Georgia Institute of Technology in Atlanta - sieben Meter pro Sekunde, das sind umgerechnet mehr als 25 km/h. Fritz zeigt den Handyfilm aus Palu auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union (AGU) in Washington. Zusammen mit Kollegen berichtet er dort von den Versuchen, die verheerende Flutwelle besser zu verstehen, die am 28. September die Hauptstadt der indonesischen Provinz Zentralsulavesi verwüstet hat. Dort hatte es zuvor ein Erdbeben gegeben.

"Aufgrund der Seismik konnte man nicht unbedingt annehmen, dass es einen so hohen Tsunami gibt", beschreibt Fritz das Rätsel. Das heißt: Eigentlich hätten die Erdstöße nicht wirklich eine so mächtige Flutwelle produzieren dürfen. Das Beben hatte eine Magnitude von 7,5, das Zentrum befand sich in nur zehn Kilometern Tiefe. Allerdings trat es an einer sogenannten Blattverschiebung innerhalb einer einzigen Erdplatte auf, der Molukkensee-Mikroplatte.

Verheerende Tsunamis - wie der in Indonesien im Jahr 2004 oder der in Japan sieben Jahre später - entstehen oft bei einer bestimmten geologischen Konstellation: Im Bereich einer sogenannten Subduktionszone wird eine Erdplatte unter eine andere gedrückt und aufgeschmolzen. Die dabei auftretende Spannung entlädt sich regelmäßig in Form von Erdbeben, bei denen große Flächen am Meeresgrund vertikal bewegt werden.

Dass dabei verheerende Wellen auftreten, kann man sich einfach vorstellen. Man denke an ein Glas Wasser, das man auf einen Tisch stellt - bevor man mit Wucht an die Unterseite des Tisches tritt.

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Indonesien: Satellitenbilder der verwüsteten Insel

In Palu war der Mechanismus aber anders. Hier gab es an der sogenannten Palu-Koro-Verwerfung fast nur horizontale Verschiebungen des Bodens. Der Tisch mit dem Glas Wasser darauf, um im Bild zu bleiben, wurde also nur von der Seite angestoßen. Kein klassischer Tsunami-Mechanismus. Wobei es in Haiti im Jahr 2010 in solch einer Umgebung trotzdem eine Flutwelle gegeben hat.

Damals waren unterseeische Rutschungen schuld. Und womöglich ist das auch in Palu passiert. Klar ist das aber bisher nicht.

Beim AGU-Treffen berichtet der indonesische Forscher Udrekh Al Hanif von Vermessungen des Meeresgrundes. Die Bucht von Palu ist in etwa so groß wie der Bodensee - aber bis zu 700 Meter tief. Unter ihr verläuft die Verwerfung, an der sich die beiden Schollen im Untergrund aneinander vorbeizwängen. Der Vergleich von Messungen aus der Zeit vor dem Erdbeben zeige große Unterschiede zu denen von danach, sagt Al Hanif. Meterweise habe sich der Boden verschoben. Aber genaue Angaben seien schwierig, weil zwar die aktuellen Messdaten gut seien, die alten jedoch eher nicht.

Was die Forscher aber wohl sagen können: Ein einzelnes Großereignis - wie etwa ein Erdrutsch unter Wasser - war es wohl nicht, das zu der Flutwelle geführt hat. Es gibt in den Unterwasserdaten dafür keine Belege. "Es muss sich um eine Verkettung zahlreicher Umstände gehandelt haben", folgert Hermann Fritz. Dafür spreche auch, sagt der Geoforscher, dass die Welle in Augenzeugenberichten aus vielen Teilen der Bucht als gleich hoch beschrieben wurde. Gebe es nur einen einzigen Auslöser, wäre das anders zu erwarten.

Eine Vielzahl kleinerer Rutschungen unter Wasser könnten also eine Rolle gespielt haben. Bodenverflüssigung durch das Erdbeben wohl auch, die auch unter Wasser stattgefunden haben kann. Außerdem dürften sich die Wellen im Inneren der Bucht gegenseitig verstärkt haben. Trotzdem: Geoforscher werden wohl noch in Jahren mit dem rätselhaften Tsunami von Palu zu tun haben.

So gut wie keine Zeit für Warnungen

Eines hat das Beben jedoch schon jetzt gezeigt: Ein Tsunami-Warnsystem wird die Menschen in der Region kaum vor solchen Fluten schützen können. "Die Wellen kamen drei Minuten nach dem Erdbeben", beschreibt Fritz - und zeigt zum Beleg Videos von Überwachungskameras aus Palu.

In Japan könne man bei einem Seebeben im Pazifik auf 30 Minuten Vorwarnzeit vor einem Tsunami hoffen, auch in anderen Teilen Indonesiens auf fast genauso viel - und an Chiles Küste immerhin noch auf 10. Das seien "goldene Minuten", weil sich während dieser Zeit Menschen in Sicherheit bringen könnten. Im Fall von Palu habe es diese Frist nicht gegeben: "Das Ereignis war unglücklich für die Warnzentren, weil es aufgezeigt hat, dass man trotz aller Fortschritte auf Überraschungen gefasst sein muss."

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Unmittelbar nach Erdbeben und Flutwelle hatte es eine Diskussion darüber gegeben, ob das auch mit deutscher Hilfe installierte indonesische Frühwarnsystem im Fall von Palu versagt hatte. Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam hatte erklärt, das System habe fünf Minuten nach dem Erdbeben eine Warnung vor einem Tsunami mit Höhen zwischen 0,5 und 3 Metern ausgegeben.

Unabhängig davon, ob diese Warnung wegen ausgefallener Sirenen und Handymasten noch jemand erreichte, waren die Wellen da ja schon längst an Land.

Insgesamt sind mehr als 2200 Menschen in Folge von Erdbeben und Tsunami gestorben.

In Zukunft gebe es für die Menschen von Palu einen wichtigen Rat, sagt Forscher Fritz: Sobald sie wieder einen längeren Erdstoß spürten, müssten sie schnell landeinwärts rennen. Ein paar hundert Meter würden völlig reichen. Weit kämen die Wellen nicht.

Doch diese paar hundert Meter rennen, als sie noch Zeit hatten - das haben viele Menschen in Palu nicht getan. Im vergangenen Jahrhundert habe es bereits mehrere Flutwellen in der Stadt gegeben, sagt Forscher Fritz. Daran gedacht habe im Alltag aber offenbar niemand. "Die historischen Überlieferungen waren wohl nicht so präsent."


Zusammengefasst: Bis heute haben Forscher Schwierigkeiten, die Hintergründe des tödlichen Tsunamis in Indonesien am 28. September zu erklären. Er hatte nach einem schweren Erdstoß die Gegend um die Stadt Palu verwüstet. Aber eigentlich hätte das Beben wegen der geologischen Verhältnisse in dem Gebiet gar nicht zu so einer starken Welle führen dürfen. Womöglich haben unter anderem mehrere kleinere Erdrutsche unter Wasser die tödlichen Wogen ausgelöst.

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