Wissenschaft

Auf dem Flugzeugfriedhof

Hier fliegen Jets zum Sterben hin

Manche Jets werden nie wieder starten und bald verschrottet, andere können auf ein zweites Leben hoffen: Auf dem Flugzeugfriedhof in der Wüste Arizonas steht viel Luftfahrtgeschichte - und ein bisschen Zukunft.

Foto: Christoph Seidler
Aus Arizona berichtet
Dienstag, 01.01.2019   08:00 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Im Sommer, sagt Joe Pyritz, müsse man hier verdammt vorsichtig sein. Ja, auch wegen der sengenden Sonne, natürlich. Vor allem aber wegen der Klapperschlangen. Die seien dann wirklich überall. Und aggressiv sollen die Biester auch sein. Jetzt dagegen gehöre schon viel Pech dazu, einem von ihnen zu begegnen. Bei den aktuell noch nicht einmal 20 Grad Celsius im Spätherbst von Arizona sei es den wechselwarmen Tieren einfach zu kalt.

So ein Glück. Denn auf den mit verdorrtem Gras bewachsenen Wüstenboden schaut man so ungefähr als letztes, wenn man mit Pyritz auf dem Gelände des Pinal Airpark unterwegs ist. Viel zu viel gibt es sonst zu bestaunen. Wobei auch genau dieser Boden einer der Gründe ist, warum jener Ort das ist, was er ist: eine Heimstatt für Flugzeuge in verschiedenen Stadien des Zerfalls. Aber dazu später.

Um die 80 Maschinen sind insgesamt auf dem weitläufigen Gelände an der Interstate 10 zwischen Tucson und Phoenix verteilt: McDonnell Douglas DC-10 und MD-11, vor allem aber Boeing 747. Logos von Delta sind zu sehen, viele, aber auch von Air China oder exotischeren Fluggesellschaften wie Max-Air aus Nigeria oder Surinam Airways. Auch ein paar Lufthansa-Kraniche lassen sich ausmachen. Manchen der Flugzeuge fehlen nur die Triebwerke, anderen ganze Teile der Außenhaut. Einige sind glänzend lackiert, andere nurmehr Hüllen aus mattem Altmetall.

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Besuch auf einem Flugzeugfriedhof: Endstation Wüste

"Es ist ein netter Platz. Weit weg von allem, mitten im Nichts. Hier kommen die Leute her, um ihre Flugzeuge einzulagern", sagt Pyritz. Es gibt einige Jets, die für immer hierbleiben werden. Sie können zum lukrativen Ersatzteillager werden. Andere dagegen werden wieder fliegen. Wenn sich zerstrittene Banken und Leasingfirmen geeinigt haben, wenn irgendwo in einem Teil der Erde eine zusätzliche Frachtmaschine gebraucht wird. Dann werden sie wieder vom Pinal Airpark abheben.

Es gibt ein gutes Dutzend Orte auf der Welt, an die Flugzeuge kommen, um zu sterben. Oder eben um ein zweites Leben zu bekommen. Das US-Militär stellt seine ungenutzten Maschinen auf der Davis-Monthan Air Force Base in Tucson ab, eine Autostunde von hier entfernt. Dort stehen etwa 4400 inaktive Luftfahrzeuge in endlosen Reihen auf dem Wüstengrund. Würden sie alle auf einmal wieder fliegen, es wäre eine der größten Luftstreitmächte der Welt.

Auch an anderen Flughäfen wie dem Mojave Air and Space Port und dem Southern California Logistics Airport, beide im US-Bundesstaat Kalifornien, oder im spanischen Teruel werden Flugzeuge auf Dauer geparkt - doch nur höchst selten hat man die Chance, die Jets auch aus der Nähe zu sehen.

Lange Geschichte der Geheimniskrämerei

Jim Petty heißt der Flughafenmanager hier draußen, und eigentlich ist er es, der Gäste in seinem Jeep über das Gelände fährt. Doch gerade ist Petty, ein Privatpilot, in einem langen Wochenendurlaub. Also hat Pyritz, Communications Director des Pinal County, seine Vertretung übernommen.

Das County ist nämlich der Grund, warum überhaupt Besucher hier sein können.

Denn eigentlich hat der Pinal Airpark eine lange Geschichte der Geheimniskrämerei: In den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für die US-Army gebaut, flog später die CIA verdeckte Einsätze von hier. Unter dem Tarnnamen Intermountain Airways zogen die Geheimdienstler Operationen im Vietnamkrieg durch, zum Beispiel mit Curtiss C-46 Commando- oder DHC-4 Caribou-Frachtmaschinen.

"Man hatte keine Chance reinzukommen"

Auch ein umgebauter B-17-Bomber war hier stationiert, mit dem in der sogenannten Operation Coldfeet zwei amerikanische Agenten von einer Eisscholle in der Arktis eingesammelt worden sind. Zuvor hatten die beiden dort eine verlassene sowjetische Forschungsstation ausspioniert.

Als dann das Luftfahrt-Serviceunternehmen Evergreen International Aviation Mitte der Siebziger auf dem Gelände einzog, mussten Schaulustige wieder draußen bleiben. "Man hatte keine Chance hier reinzukommen", sagt Pyritz. Dann ging die Firma 2011 bankrott und beim County erinnerte man sich an eine Regel, die Mieter des Flughafens jahrelang ignoriert hatten: Weil der Airpark ein öffentlicher Flughafen ist, muss die Öffentlichkeit auch Zugang haben. "Als Evergreen nicht mehr da war, haben wir in den Vereinbarungen mit anderen Firmen sichergestellt, dass Leute hier rauskommen und sich den Flughafen ansehen können."

Und so ist es seitdem. Das Wachhäuschen am Eingang ist nicht mehr besetzt. Und von den einstigen Zwingern der Wachhunde künden nur noch die Betonfundamente. Tore und Verbotsschilder an der Runway gibt es natürlich trotzdem. Schließlich handelt es sich um einen aktiven Flughafen, den unter anderem die Kunden des Wartungsunternehmens Ascent Aviation Services nutzen.

Ein Vogelnest im Fahrwerkschacht

Im Januar landete die letzte noch aktive Boeing 747 der Fluggesellschaft Delta auf der zwei Kilometer langen Asphaltpiste des Airparks. Damit haben nun alle großen US-Airlines ihre Jumbojets ausgesondert. "Ein historischer Moment", erinnert sich Pyritz. Mit einem Low Pass drehten die Piloten eine Ehrenrunde übers Feld, dann durften Gäste die Maschine signieren.

Pyritz war so gerührt, dass er gleich zwei Mal unterschrieben hat.

Jetzt steht die Maschine ein paar Hundert Meter hinter ihm. Dort durften wir zwar vorhin mit dem Auto vorbeifahren - weil die Fläche aber vermietet ist, darf man nicht zu Fuß unterwegs sein. Doch bei den Flugzeugen, die auf den nicht vermieteten Flächen stehen, auf die das County Zugriff hat, gibt es genug zu bestaunen. Man kann am Fahrwerk der blauweißen 747 von Logistics Air herumstreifen oder dem des Jumbos nebenan, der früher für Trans World Airlines flog, der einst größten Fluggesellschaft der Welt, seit 2001 vom Markt verschwunden.

Man kann die wackelige Treppe hinaufkraxeln zur Tür und durch das Bullauge nach innen spähen. Leider sieht man nicht viel - und in die Jets hinein darf Pyritz mit seinen Gästen aus rechtlichen Gründen nicht. Also die Stiege wieder hinunter und weiter zu den beiden Jumbos der Northwest Airlines nebenan. Auch diese Gesellschaft fliegt seit 2009 nicht mehr. Im Fahrwerkschacht der einen 747 finden sich Wartungs- und Warnhinweise. Weiter oben haben Vögel ein Nest gebaut.

Das Geheimnis im Boden

Man kann auch dem Wind zuhören, wie er mit den Blättern einer halb zerlegten Turbine nebenan spielt. Oder den Jumbo bestaunen, den Evergreen einst zu einem gigantischen Feuerlöschflugzeug umgebaut hat. Doch statt Waldbrände zu bekämpfen, steht der Tanker seit der Pleite ungenutzt hier herum. "Ich sage Ihnen, die werden nie wieder fliegen. Eines Tages werden sie vermutlich auseinandergenommen und zu Rasierklingen gemacht oder was sie sonst mit dem Stahl so anstellen", sagt Pyritz über die abgestellten Jumbos.

Warum nun aber parken all diese Maschinen genau hier in Arizona? Man hat viel Platz, klar. Das Land ist weit. Und dann ist da die trockene Luft. Extreme Wetterlagen wie Gewitter oder Hagel gibt es so gut wie nie, höchstens mal ein bisschen Wind. Bei Flugzeugen, die zügig wieder abheben wollen, werden deswegen Scheiben und Triebwerkseinlässe mit Schutzfolie abgeklebt.

Und es gibt noch ein Geheimnis: "Der Boden hier ist extrem hart", erklärt Pyritz. Grund dafür ist ein Kalkgestein namens Caliche, das funktioniert wie eine Art natürlicher Zement. Die zusammen Tausende Tonnen schweren Jets sinken nicht ein - ohne dass man etwas dafür tun müsste. Was für die Flugzeugeinlagerung praktisch ist, kann für die Menschen in der Region freilich extrem anstrengend sein. Ein einfaches Loch in den Grund zu graben, sei quasi unmöglich, sagt Pyritz. "Beim ersten Versuch ist man genervt, beim zweiten flucht man - und beim dritten gibt man einfach auf."

Da unterbricht sich der Kommunikationschef plötzlich. Er hat etwas gehört. Und tatsächlich: Ein Flugzeug nähert sich der Landebahn und setzt wenig später auf. Der Airbus gehört der ecuadorianischen Fluggesellschaft Tame. Mal sehen, wie lange er am Pinal Airpark bleiben wird. Wahrscheinlich nur für eine Weile - vielleicht aber auch für immer.


Zusammengefasst: Trockene Luft, ruhiges Klima und ein Boden, der von Natur aus so fest ist wie Beton machen den US-Bundesstaat Arizona zum perfekten Abstellplatz für ausrangierte Flugzeuge. Manche der an Orten wie dem Pinal Airpark bei Tucson abgestellten Maschinen werden in absehbarer Zeit wieder fliegen - andere dagegen sind nur noch wegen ihres Schrottwerts interessant. Zuletzt kamen viele Boeing 747 auf den Flugzeugfriedhof, die US-Fluggesellschaft Delta hat im Januar ihren letzten Jumbo ausgemustert.

planestream: Cockpit-Doku über Abschiedsflug

Foto: PilotsEYE.tv

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