Wissenschaft

Flugschreiber-Auswertung

3500 Daten pro Sekunde

Die Blackboxes der Boeing 737 Max 8 könnten aufklären, warum die Maschine abgestürzt ist. Die Menge der Daten ist enorm, die Analyse könnte Monate dauern.

REUTERS

Eine Boeing 737 Max 8 (bei der Rückkehr von einem Testflug in Seattle; Archivfoto)

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Donnerstag, 14.03.2019   18:01 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Boeing 737 Max 8 war fast voll besetzt, als sie um kurz nach halb neun Uhr morgens von der Piste 07R des Addis Ababa Bole International Airport abhob.

Eigentlich sollte sie nach Nairobi fliegen, doch kurz nach dem Start meldeten die Piloten technische Probleme und baten, umkehren zu dürfen. Das Kontrollzentrum gab die Erlaubnis, doch dann brach die Verbindung zu den Piloten plötzlich ab. Die Maschine war abgestürzt, nach gut sechs Minuten Flugzeit. Alle 157 Menschen an Bord kamen ums Leben.

Die Ursache für den Absturz am 10. März ist noch völlig unklar. Antworten sollen nun die Flugschreiber bringen. Der Sprachrekorder nimmt alles auf, was im Cockpit gesagt wird, die Gespräche der Piloten und die Funksprüche. Der Datenrekorder zeichnet den Flugverlauf auf und erfasst Informationen wie Flughöhe, Geschwindigkeit und Einstellungen des Flugzeugs.

Zunächst hieß es, der Cockpit Voice Recorder (CVR) und der Flight Data Recorder (FDR) sollen in Deutschland untersucht werden. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat eine Auswertung der Flugschreiber allerdings abgelehnt. "Wir haben nicht die nötige Technik, um die neuen Flugschreiber auszuwerten, die auch über eine neue Software verfügen", sagte BFU-Sprecher Germout Freitag zum SPIEGEL.

Im Video: Piloten brauchen ausreichend Training

Foto: DPA

Stattdessen sollen die Flugschreiber nun in Frankreich untersucht werden. Wie lange die Analyse dauern wird, ist unklar. "Das Auslesen der Daten dauert unterschiedlich lang, teilweise geht das sehr schnell - innerhalb von Minuten", sagt Freitag. "Die Datenträger kann man sich in etwa so vorstellen wie eine SD-Karte." Entscheidend sei, in welchem Zustand die Flugschreiber sind und wie gut sie den Absturz überstanden haben.

Generell sei eine Blackbox so konstruiert, dass sie einen Crash überstehe und die Speicher im Inneren schütze. "Wir konnten schon Flugschreiber aus komplett verbrannten Flugzeugen auswerten", sagt Freitag. Die Blackboxes könnten über eine Stunde lang Temperaturen von 1100 Grad Celsius überstehen, die beim Verbrennen von Kerosin auftreten.

"Die Auswertung und Analyse der Daten kann dagegen Monate dauern", sagt Freitag. Der Flight Data Recorder zeichnet rund 3500 Fluginformationen pro Sekunde auf. Die Entscheidung darüber, wo die Flugschreiber untersucht und welche Daten ausgewertet werden, trifft in der Regel das Land, in dem das Flugzeug abgestürzt ist. Bei dem aktuellen Absturz liegt die Entscheidung darüber deshalb bei Äthiopien.

Häufig werden die Blackboxes in den zuständigen Behörden der Herstellerländer der Flugzeuge untersucht, die über Flugschreiberlabore verfügen. In diesem Fall wären das die USA. Warum sich Äthiopien dagegen entschieden hat, ist unklar.

Die französische Untersuchungsbehörde für Flugunfälle (BEA) hat inzwischen bestätigt, dass äthiopische Behörden um Unterstützung gebeten haben. Eine äthiopische Delegation hat die Flugschreiber nach Paris gebracht. BEA selbst werde keine Auskunft über den Fortschritt der Ermittlung geben, dafür seien ausschließlich die äthiopischen Behörden zuständig, teilte die Behörde über Twitter mit.

Die verunglückte Boeing 737 Max 8 war erst im November an Ethiopian Airlines ausgeliefert worden und hatte 1200 Einsatzstunden in der Luft absolviert. Beim letzten großen Check am 4. Februar gab es keine Auffälligkeiten, auch von vorherigen Flügen sind keine Zwischenfälle bekannt.

Laut US-amerikanischen und kanadischen Untersuchungsbehörden gibt es Hinweise, die Boeing 737 Max 8 könnte aus einem ähnlichen Grund abgestürzt sein wie zuvor die Lion-Air-Maschine, berichtet die "New York Times". Demnach haben Satellitendaten gezeigt, dass die Maschine nicht gleichmäßig an Höhe gewann, sondern immer wieder abgesackt war.

Auch Daten der Onlineplattform Flightradar 24, die die Flugposition von Flugzeugen weltweit aufzeichnet, zeigen Unregelmäßigkeiten bei der vertikalen Fluggeschwindigkeit. Ein Anzeichen dafür, dass die Maschine immer wieder kurz in einen Sinkflug gegangen ist.

flightradar24

Flughöhe (blau), Geschwindigkeit (rot), vertikale Geschwindigkeit (grün) der Ethiopian Airlines-Maschine

Ein ähnliches Muster zeigte sich auch bei der zuvor abgestürzten Lion-Air-Maschine. Der Grund dafür könnte laut aktuellem Ermittlungsstand ein Fehler in der Software MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) gewesen sein. Sie soll dafür sorgen, dass sich die Nase des Flugzeugs bei einem Strömungsabriss senkt.

Bei der Lion-Air-Maschine führte offenbar ein fehlerhafter Sensor oder ein Softwarefehler dazu, dass sich die Nase des Flugzeugs immer wieder absenkte, obwohl dies gar nicht nötig gewesen wäre. Die Piloten haben offenbar mehrfach versucht, die Nase wieder nach oben zu ziehen, bevor die Maschine ins Meer stürzte.

flightradar24

Flughöhe (blau), Geschwindigkeit (rot), vertikale Geschwindigkeit (grün) der Lion-Air-Maschine eine Minute vor dem Absturz

Ähnliche Software-Probleme hatten US-Piloten schon im November 2018 gemeldet. Sie berichteten, dass sich die Spitze der Boeing 737 Max kurz nach dem Start überraschend gesenkt habe - nur wenige Sekunden, nachdem die Piloten den Autopiloten eingeschaltet hätten.

Erst als sie die Automatik wieder ausschalteten, sei die Maschine wie geplant weiter gestiegen. Auf einen solchen Fall seien sie nicht ausreichend vorbereitet worden, kritisierten die Piloten. Die Software ist ebenso neu wie die Boeing 737 Max. Die Einweisung umfasste bei der Einführung des Flugzeugs lediglich drei Stunden Training am Computer und einen Eingewöhnungsflug.

AFP

Flightrecorder (Archivfoto)

Ob die Geschwindigkeitsschwankungen bei der Ethiopian-Airlines-Maschine tatsächlich von einem Softwarefehler verursacht wurden, ist jedoch noch völlig unklar. Experten halten einen Rückschluss auf die Absturzursache allein auf Grundlage von Satellitendaten für nicht aussagekräftig. Die Untersuchungen haben erst begonnen, und selbst die Absturzursache der Lion-Air-Maschine ist noch nicht endgültig geklärt. Es liegt zwar ein Zwischenbericht vor, die endgültige Analyse soll jedoch erst im September veröffentlicht werden.

Zusammengefasst: Die Flugschreiber der in Äthiopien abgestürzten Boeing 737 Max 8 könnten klären, wie es zu dem Absturz gekommen ist. Sie sollen in Frankreich ausgewertet werden. Eine Analyse dauert womöglich Monate. Indes gibt es neue Spekulationen, die Maschine sei aus einem ähnlichen Grund abgestürzt wie die baugleiche Lion-Air-Maschine Ende Oktober. Demnach könnte ein Software-Fehler oder ein beschädigter Sensor dafür gesorgt haben, dass der Bordcomputer das Flugzeug Richtung Boden steuerte. Experten warnen jedoch vor voreiligen Rückschlüssen auf die Absturzursache. Zuverlässige Antworten könne nur eine Analyse der Flugschreiber liefern.

Mit Material von Reuters und dpa

insgesamt 80 Beiträge
Gluehweintrinker 14.03.2019
1. Warum lehnt Deutschland die Flugschreiberauswertung ab?
Zunächst wurde die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Deutschland gebeten, die Auswertung des Flugdatenschreibers vorzunehmen. Dieses wurde abgelehnt. Mit welcher Begründung? Es ist doch ehrenvoll, mit einer solchen [...]
Zunächst wurde die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Deutschland gebeten, die Auswertung des Flugdatenschreibers vorzunehmen. Dieses wurde abgelehnt. Mit welcher Begründung? Es ist doch ehrenvoll, mit einer solchen wichtigen Aufgabe betraut zu werden und bedeutet, dass man deutschen Experten eine hohe Fachkompetenz zubilligt. Oder... könnte es sein, dass man sich davor fürchtet, unangenehme Ergebnisse für Boeing zu Tage zu fördern? Könnte es sein, dass dann ein Autokrat im Weißen Haus aus der Hose springt und Deutschland mit Bestrafung droht, weil wir angeblich "Airbus schützen und Boeing belasten würden" und dieses ja so perfekt in die deutsche Strategie der "Vernichtung Amerikas" durch VW-Fahrzeuge, Daimlers und Porsches passt? Die unerschrockenen und kampfeslustigen Franzosen machen nun den Job. Vive la Liberté, vive la France! Und wir bleiben leider die armseligen Opportunisten, die wir immer schon waren. Nur peinlich.
peterwever 14.03.2019
2.
Die auf dem Foto gezeigte Maschine von Ryanair ist keine 737 Max. Das kann man u.a. an den Winglets erkennen.
Die auf dem Foto gezeigte Maschine von Ryanair ist keine 737 Max. Das kann man u.a. an den Winglets erkennen.
lynx999 14.03.2019
3. Schlimmer Fehler!
Das Bild und die Bildbeschriftung passen nicht zusammen! Das Bild zeigt eine Boeing 737-800 der Ryanair und keine Max8. Das hätte man leicht sehen können, wenn man a) mal die Registrierung gegoogelt hätte b) mal überlegt [...]
Das Bild und die Bildbeschriftung passen nicht zusammen! Das Bild zeigt eine Boeing 737-800 der Ryanair und keine Max8. Das hätte man leicht sehen können, wenn man a) mal die Registrierung gegoogelt hätte b) mal überlegt hätte ob Ryanair die Max8 überhaupt schon in der Flotte hat c) Wenn das Foto wirklich gestern aufgenommen wurde, dann geht das wegen dem Grounding nicht. Wie soll ich nun dem Artikel glauben?
tibee 14.03.2019
4. Ist die abgebildete Ryanair eine Max
Ich bezweifle, dass die abgebildete Maschine mit Ryanair eine Max ist. (stichwort Winglets und Cowling der Motoren) Im Artikel geht es dann auch munter durcheinander mit Satellitendaten, ads-b Daten, Autopilot und Mcas.
Ich bezweifle, dass die abgebildete Maschine mit Ryanair eine Max ist. (stichwort Winglets und Cowling der Motoren) Im Artikel geht es dann auch munter durcheinander mit Satellitendaten, ads-b Daten, Autopilot und Mcas.
kalaus 14.03.2019
5. Peinlicher Fehler
In einer früheren Version dieses Berichts wurde auf dem Bild zum Artikel keine 737-max-8 gezeigt, sondern eine 737 600 von Ryanair. Dies wurde unterdessen korrigiert. Es wäre trotzdem schön, wenn solche Fehler von Anfang an [...]
In einer früheren Version dieses Berichts wurde auf dem Bild zum Artikel keine 737-max-8 gezeigt, sondern eine 737 600 von Ryanair. Dies wurde unterdessen korrigiert. Es wäre trotzdem schön, wenn solche Fehler von Anfang an vermieden würden. Ryanair setzt noch gar keine Maschinen dieses Typs ein. Warum zeigt man sie dann im Kontext mit dem 737-max-8 Desaster?

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