Wissenschaft

Problem Plastikmüll

Papiertüten sind auch nicht besser

Plastikmüll verschmutzt die Umwelt, bedroht Lebewesen. Doch die Alternativen Bioplastik und Papier erweisen sich ebenfalls als problematisch.

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Freitag, 12.01.2018   13:55 Uhr

Umweltfreundliche Produkte sind beliebt, Beschreibungen wie "ökologisch" und "biologisch" geben Verbrauchern ein gutes Gefühl. In Zeiten, in denen Land und Meer unter riesigen Mengen Müll leiden, werben Unternehmen mit angeblich umweltfreundlichem Bioplastik oder kompostierbaren Behältnissen.

Doch können Einwegverpackungen tatsächlich umweltfreundlich sein?

Die Firma Velibre aus Bremen zum Beispiel verkauft biologisch abbaubare Kaffeekapseln für Nespresso-Maschinen. Solche Kaffeeautomaten werden nach Angaben der Firma Nestlé in mehr als 60 Ländern verwendet und von Stars wie George Clooney beworben.

Viel Koffein, viel Abfall

"Herkömmliche Kaffeekapseln produzieren eine gigantische Menge Müll", sagt Velibre-Sprecher Walter Hasenclever. "Unsere Kapseln bestehen vollständig aus Rohstoffen, die sich im Erdboden oder im Kompost biologisch abbauen", heißt es auf der Homepage.

Wer genauer liest, erfährt, dass der Abbau der Kapseln von vielen Bedingungen abhängt, beispielsweise von Temperatur und Umgebung. In Laboruntersuchungen bei Raumtemperatur zeigte sich demnach, dass die Kapseln nach acht Monaten fast vollständig zersetzt waren.

Kapsel aus Papier

"Das ist zu lange", sagt die studierte Biotechnologin Petra Weißhaupt vom Umweltbundesamt. "Streng genommen muss dieses Produkt in die schwarze Tonne, in den Restabfall." In industriellen Anlagen dauert die Kompostierung des Biomülls in der Regel maximal zwölf Wochen.

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Müll: 822.000 Eiffeltürme aus Plastik

Auch Velibre hat das inzwischen erkannt und eine Kapsel aus Papier entwickelt, die dem Unternehmen zufolge komplett kompostierbar ist und sich innerhalb weniger Wochen zersetzt. Die Kapsel, die bis Ende März 2018 auf den Markt kommen soll, besteht aus Zuckerrohrfasern, die unter Zugabe von Wasser und natürlichem Bindemittel zu einem feinen Brei gemahlen und in Form gepresst werden.

"Wir sind sicher, dass wir eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Kaffeekapseln gefunden haben", sagt Sprecher Hasenclever. "Der Markt für Kaffeekapseln wächst. Ich glaube, dass dieser Trend nicht aufzuhalten ist."

Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind kompostierbare Kapseln eine große Verbrauchertäuschung. "Grundsätzlich kann es nicht ökologisch sein, Kaffee grammweise zu verpacken", sagt der Umweltwissenschaftler aus Berlin.

"Hat nichts mit Umweltschutz zu tun"

"Die angeblich ökologischen - weil biologisch abbaubaren - Kaffeekapseln verändern nichts an der Umweltschädlichkeit eines ressourcenfressenden, klimaschädigenden und unnötigen Verpackungssystems", sagt Fischer. "Mit Umweltschutz hat das rein gar nichts zu tun."

Ähnlich kritisch sehen Umweltbundesamt (UBA) und Deutsche Umwelthilfe Biokunststoffe. "Immer größer werdende Mengen kurzlebiger und ressourcenvergeudender Wegwerfverpackungen sollen durch den Einsatz von Biokunststoffen legitimiert werden", kritisiert Umwelthilfe-Experte Fischer.

Gefühlt besser?

Genau wie die Experten des Umweltbundesamtes betont er, dass die Ökobilanz von Biokunststoffen bislang keineswegs besser ist als die von Plastik aus fossilem Rohöl. Während herkömmliche Verpackungen im Gelben Sack landen und recycelt werden können, würden viele Biokunststoffe vor dem Kompostieren in einer Anlage aussortiert und letztlich verbrannt.

Zudem benötigt der Anbau von Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr für Bioplastik nicht nur Sprit und Dünger, sondern oft auch Pestizide, wie das UBA betont. Nach der Ernte müssten die Pflanzen noch verarbeitet werden, was auch zu Umweltbelastungen führe. Der Dünger könne Gewässer verschmutzen.

Kapsel aus Papier

Auch Einwegtüten aus Papier schneiden Umweltexperten zufolge in Ökobilanzen nicht besser ab als konventionelle Plastiktüten. Im Gegenteil: "Sie brauchen für die Papiertüte sehr lange, sehr reißfeste Zellstofffasern. Zu deren Herstellung ist sehr viel Wasser und Energie nötig, es müssen viele Chemikalien eingesetzt werden", erklärt der DUH-Experte Fischer.

Um dieselbe Reißfestigkeit wie eine Plastiktüte zu haben, sei für eine Papiertüte doppelt so viel Material nötig. "Was die Ressourcenverbräuche angeht, schneidet die Papiertüte schlechter ab als die Einwegplastiktüte. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Plastiktüten durch Einwegpapiertüten ersetzt werden."

Umweltschutz

Ziel müsse sein, grundsätzlich auf Einwegtüten zu verzichten. Auch der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, betont: "Wir brauchen keine Einwegverpackungen - egal aus welchem Werkstoff - sondern Mehrwegsysteme zur Schonung von Ressourcen und zum Schutz unserer Ozeane vor Müllteppichen."

Die Strategie, den Verbrauch von Rohöl zu reduzieren und nachwachsende Rohstoffe zu verwenden, ist Fischer zufolge grundsätzlich sinnvoll. Oberste Ziele müssten aber Abfallvermeidung und Mehrwegalternativen sein. Derzeit würden Biokunststoffe von Einwegherstellern missbraucht, um Geld zu machen. "Man muss die Leute wachrütteln."

Falsche Erwartungen

Nach einer Trendwende hin zu Mehrwegverpackungen sieht es derzeit allerdings nicht aus. Nach Angaben des EU-Projekts BioCannDo boomt der globale Markt mit Bioplastik. Experten erwarten demnach in den kommenden fünf Jahren ein Wachstum um 20 Prozent.

Ein Segment, in dem sich viele Firmen Gewinne erwarten, ist Spielzeug. Eine wachsende Zahl von Spielsachen sei aus Bioplastik, heißt es auf einer Internetseite des Projekts. Die Nachfrage von Eltern ist demnach groß - viele hätten falsche Erwartungen.

In der Tat setzen viele bekannte Firmen wie Lego auf Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen. Bis 2030 will der Konzern seine Bausteine nicht mehr aus Plastik auf Erdöl-Basis herstellen, sondern nachhaltige Rohmaterialien und Verpackungen verwenden.

Die Annahme, dass Bioplastik-Spielzeug automatisch nachhaltiger und sicherer ist, stimmt dem Wissenschaftler Martin Wagner von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim zufolge nicht.

Chemische Zusätze, die Spielzeug etwa flexibel und widerstandsfähig machen, seien bei Bioplastik genauso nötig wie bei herkömmlichem Plastik. Untersuchungen über die Wirkung solcher Zusätze in Bioplastik gebe es kaum. Über mögliche gesundheitliche Risiken für Kinder wisse man daher wenig.

Von Helen Hoffmann, dpa/boj

insgesamt 185 Beiträge
angst+money 12.01.2018
1. Hauptsache sanft
Leider ersetzt gerade bei Umwelt-Themen meistens Wohlfühl-Rethorik echtes Wissen.
Leider ersetzt gerade bei Umwelt-Themen meistens Wohlfühl-Rethorik echtes Wissen.
Onkel Drops 12.01.2018
2. Einweg Tüten verbieten!!!
den Stoffbeutel sind erheblich belastbarer ( Beutel aus Naturstoffen!!!)! da aber der Kunde damit überfordert scheint ,einen 20-40g schweren Baumwollbeutel erstens einzustecken und dann noch zum Laden zu tragen. der darf sich [...]
den Stoffbeutel sind erheblich belastbarer ( Beutel aus Naturstoffen!!!)! da aber der Kunde damit überfordert scheint ,einen 20-40g schweren Baumwollbeutel erstens einzustecken und dann noch zum Laden zu tragen. der darf sich nicht wundern wen vorm Lidl "eine" Person mit Fertigsalat und einer Wegwerfflasche Orangennektar (identische Flasche ACE Vitamin Getränk vom gleichen Hersteller hat aber Pfand!?!) sich alleine in den PKW ( besser noch SUV) setzt mit einer stolzen Pseudoökotragetasche und zurück zur Mittagspause fährt. für solche Umweltverweigerer sind 1? pro Papp Sack und 5 ? je Liter Treibstoff vielleicht ein Grund die Gehirnzellen mal zu nutzen. das Einwegpfandsystem funktioniert je nach Laune/Trickserei des Herstellers !!! energydrinks mit 51% Molkerei Erzeugnissen (Kondenswasser oder anderes, halt unbenötigte Nebenprodukte!!!) und Cola/Limo mit Kohlensäure in der 3,001 Liter Flasche sind halt pfandfrei. Unterschied Lidl Orangennektar und ACE Vitamindrink : Nektar 50% Fruchtsaft, ACE Drink 32% in der gleichen Flasche angeboten . Nektar pfandfrei, Drink 0,25? Pfand , nach dem Genuss erzeugt beides gleich viel Plastikmüll !!! da dieses ein Gesetz made bei Bundestag ist ,hat es natürlich lobbytechnische Lücken ! aber wen interessiert das schon in Merkels Schland... man muss dem Kunden nur sagen alles is gut, dank der Schulbildung wird dieses auch fraglos akzeptiert! also weiter so , "same shit but different glitter to cover the shit" sagt der Brite!!!
isegrim der erste 12.01.2018
3. Weidenkörbe sind eine Alternative
ich verwende diese schon lange. Je nach Qualität hält jeder zwischen zwei und fünf Jahren.
ich verwende diese schon lange. Je nach Qualität hält jeder zwischen zwei und fünf Jahren.
rockwater 12.01.2018
4. oje
Na dann eben Jute und Einheitsgläsersystem.
Na dann eben Jute und Einheitsgläsersystem.
Paddel2 12.01.2018
5. Nervige Besserwisser
Auch wenn die Argumente sachlich korrekt sind, schießen die Umweltverbände wie so oft über das Ziel hinaus. Ist diesen Leuten nicht bewusst, dass ihre scharfe Rhetorik abschreckt? Hand aufs Herz: wer möchte sich gerne sagen [...]
Auch wenn die Argumente sachlich korrekt sind, schießen die Umweltverbände wie so oft über das Ziel hinaus. Ist diesen Leuten nicht bewusst, dass ihre scharfe Rhetorik abschreckt? Hand aufs Herz: wer möchte sich gerne sagen lassen, dass seine neue Kapselmaschine Gift ist oder das der eigene Kaffeekonsum schädlich ist? Lösungen auf Basis kompostierbarer Rohstoffe sind ein Anfang für eine sanfte aber nachhaltige Entwicklung. Papiertüten landen nicht als Plastikteilchen in den Ozeanen, also liebe Aktivisten: hören Sie mit Ihrer weltfremden Besserwisserei auf und setzen Sie auf sanfte Akzente, sonst erreichen Sie gar nichts.

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