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Was bringt teurer Spezial-Sprit wirklich?

OBS/ Shell

Zapfpistolen mit Super 95 und 100-Oktan-Kraftstoff

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Samstag, 13.01.2018   15:32 Uhr

V-Power, Aral Ultimate - Spezialkraftstoffe versprechen mehr Leistung und größere Reichweiten. Wir haben überprüft, ob das stimmt.

Hach, was waren das für Zeiten damals 2003. Gerhard Schröder war als Autokanzler noch im Amt. Alexander Klaws, der erste Sieger bei "Deutschland sucht den Superstar", hatte mit "Take Me Tonight" einen Nummer eins Hit. Und Shell warb für seinen neuen Kraftstoff V-Power, der 100 statt 95 Oktan aufbot, dem Standardwert für Super.

Doch anders als Altkanzler Schröder und DSDS-Sieger Klaws ist der Kraftstoff V-Power geblieben. Andere Mineralölkonzerne haben sogar nachgezogen wie Aral mit seinem Treibstoff Ultimate. Der wirbt sogar mit einer Zahl von 102 Oktan.

Das Versprechen all dieser Kraftstoffe ist im Kern das gleiche: mehr Leistung. Der Motor soll effizienter laufen, weil der Kraftstoff "klopffester" ist. Das bedeutet nichts anderes, als dass mit hoher Oktanzahl weniger unkoordinierte, heftige Zündungen im Motor passieren, die ihn außer Takt bringen.

Weniger unerwünschte Zündungen?

Vorstellen kann man sich diese ungewünschte Zündung ein bisschen so, als würde in einem Song jemand immer wieder unrhythmisch mit einem Gong dazwischen hauen. Unerwünschte Zündungen sind umso häufiger, je höher die Verdichtung des Motors ist - je stärker also das Gemisch aus Kraftstoff und Luft im Zylinder vom Kolben zusammengedrückt wird.

Bei einer starken Kompression verläuft die Verbrennung des Kraftstoffs schneller - unter Umständen kann sich der Kraftstoff auch selbst entzünden, noch bevor die Zündkerze aktiv wird. Häufen sich solche Zündungen, spricht man vom Klopfen.

Problematisch ist dieser Off-Beat, weil er der Leistung und zugleich auch der Lebensdauer eines Motors schadet. Darum klingt eine höhere Oktanzahl erst einmal gut. Sie bedeutet, dass der Kraftstoff einen hohen Anteil des Kohlenwasserstoffs Isooktan hat. Das Benzin ist klopffester, es kommt nur zu wenigen dieser unerwünschten Zündungen.

Leistung nur marginal gesteigert

Doch schon 2003 gab es Zweifel, wie gut das Spezialbenzin wirkt. Die "Autobild" zum Beispiel stellte in einem Test zwar fest, dass V-Power die PS-Leistung in zwei der drei getesteten Autos tatsächlich steigerte. Allerdings konnten die Tester keinen nennenswerten Leistungssprung feststellen, schon gar nicht ein damals versprochenes Plus von zehn Prozent. Ähnlich war auch das Ergebnis eines ADAC-Tests, der ebenfalls nur marginale Leistungssteigerung beschrieb.

Seitdem wurde wenig weiter getestet. Gegenüber dem Fachmagazin "Sprit Plus" erklärte der ADAC auch den Grund dafür. Die Effekte der höheren Oktanzahlen seien wohl so klein, dass sie nur schwer nachweisbar seien und man wolle das eigene Budget für derartig aufwendige und experimentelle Tests nicht einsetzen.

Und auch Olaf Toedter vom Karlsruher Institut für Technologie sagt zum SPIEGEL: "Ein großes Mehr an Leistung werden sie mit einem normalen Fahrzeug und diesem Spezialbenzin nie erreichen." Der Grund dafür sei aber weniger Etikettenschwindel, sondern viel mehr, dass die Motoren in Durchschnittsautos nicht auf derart hochwertiges Benzin ausgelegt sind.

Die Elektronik moderner Autos steuert den Zeitpunkt der Zündung sehr genau, damit der Motor in möglichst allen Drehzahlbereichen und Gaspedalstellungen mit optimaler Leistung läuft. Kommt es trotz allem doch zum Klopfen, weil eine unkontrollierte Zündung passiert, schreitet die Klopfregelung des Motors ein. Der Motor zündet den Kraftstoff dann ein bisschen später, was ihn zwar weniger effizient macht, aber eben das belastende Klopfen reduziert.

Bei einer höheren Oktanzahl könnte ein Motor mit einer höheren Verdichtung arbeiten und so tatsächlich deutlich mehr an Leistung herausholen. Weil gängige Motoren jedoch keine erhöhte Verdichtung nutzen, laufen die Kolben mit dem Spezialkraftstoff nur minimal runder als mit normalem Benzin. Die minimalen Leistungsverbesserungen kommen demnach nur zustande, weil seltener die Klopfregelung eingreifen muss, die den Kraftstoff noch später zündet.

"Würden alle Autohersteller sich auf die neuen Benzinsorten einigen, könnten Motoren tatsächlich darauf ausgelegt werden und somit ihre Leistung verbessert werden, was auch für den CO2-Ausstoß besser wäre", sagt Toedter. Doch bisher sind es nur wenige Sportwagen, die von ihrem Fahrer verlangen, dass er sie mit teuren Kraftstoffen betankt, die 100 Oktan und mehr beinhalten.

Am Ende bleibt somit als Fazit übrig: In der Theorie könnten die Superkraftstoffe tatsächlich mehr an Leistung bringen und sogar der Umwelt nutzen. Doch die dafür ausgelegten Autos haben wohl die wenigsten von uns in der Garage.

insgesamt 91 Beiträge
chrismuc2011 13.01.2018
1.
Zitat: "Kommt es trotz allem doch zum Klopfen, weil eine unkontrollierte Zündung passiert, schreitet die Klopfregelung des Motors ein. Der Motor zündet den Kraftstoff dann ein bisschen früher, was ihn zwar weniger [...]
Zitat: "Kommt es trotz allem doch zum Klopfen, weil eine unkontrollierte Zündung passiert, schreitet die Klopfregelung des Motors ein. Der Motor zündet den Kraftstoff dann ein bisschen früher, was ihn zwar weniger effizient macht, aber eben das belastende Klopfen reduziert. " Diese Aussage ist falsch. Um das Klopfen zu verhindern muss die Zündung in Richtung spät verstellt werden. Andererseits, wenn man höheroktanigen Kraftstoff verwendet, kann man insbesondere bei hohen Drehzahlen die Zündung ein wenig nach früh stellen, was dann höhere Leistung bewirkt. Bei allen Tests, die gemacht wurden, wurde aber der serienmäßige Zündzeitpunkt nicht verändert. Daher hat sich bei der Leistungsausbeute auch wenig oder gar nichts geändert. Im normalen Auto könnte man auch mit relativ wenig Aufwand eine dünnere Kopfdichtung verwenden, wodurch sich das Kompressionsverhältnis ändern würde und damit sicher auch mehr Leistung rauszuholen wäre. Auf der anderen Seite wenn man die Oktanzahl von 95 auf 100 erhöht, sollte man keine zu hohen Leistungssprünge erwarten, wenn man nichts am Fahrzeug ändert. In der Formel 1 werden spezielle Spritsorten gefahren, die ca. 5-6 % Leistungszuwachs bringen, also ca. 30PS.
montecristo 13.01.2018
2. Abgase
Mir wurde erzählt das der "Spezialsprit" signifikant! weniger Abgase verursachen würde. Wäre mal interessant gewesen inwiefern dies stimmt und ob dadurch ein Beitrag zur besseren Ökobilanz erreicht werden könnte. [...]
Mir wurde erzählt das der "Spezialsprit" signifikant! weniger Abgase verursachen würde. Wäre mal interessant gewesen inwiefern dies stimmt und ob dadurch ein Beitrag zur besseren Ökobilanz erreicht werden könnte. Auch dadurch langlebigere Motoren wären von Vorteil. Ob mein Motor 4% mehr Leistung hat, interessiert doch nicht. Merkt man meist doch eh nicht.
senapis 13.01.2018
3.
Die physikalische Motorauslegung (Zylinderdurchmesser, Kolbenhub und Brennraumgröße) ist die grundsätzliche Kenngröße des Motors und im Betrieb nicht veränderbar. Hierdurch ist die Kraftstoffqualität festgelegt.Würde der [...]
Die physikalische Motorauslegung (Zylinderdurchmesser, Kolbenhub und Brennraumgröße) ist die grundsätzliche Kenngröße des Motors und im Betrieb nicht veränderbar. Hierdurch ist die Kraftstoffqualität festgelegt.Würde der besprochene Treibstoff tatsächlich eine nennenswerte Leistungssteigerung bewirken, wäre der Motor schlampig konstruiert.
qoderrat 13.01.2018
4.
---Zitat--- Kommt es trotz allem doch zum Klopfen, weil eine unkontrollierte Zündung passiert, schreitet die Klopfregelung des Motors ein. Der Motor zündet den Kraftstoff dann ein bisschen früher, was ihn zwar weniger [...]
---Zitat--- Kommt es trotz allem doch zum Klopfen, weil eine unkontrollierte Zündung passiert, schreitet die Klopfregelung des Motors ein. Der Motor zündet den Kraftstoff dann ein bisschen früher, was ihn zwar weniger effizient macht, aber eben das belastende Klopfen reduziert. ---Zitatende--- Ernsthaft jetzt, kann man sich nicht wenigstens ein bisschen informieren, wenn man über ein Thema schreibt von dem man keine Ahnung hat? Wenn der Motor klopft wird Richtung Spätzündung reguliert, und auch die Effizienz ist genau anders herum, Frühzündung ist effizienter in der Verbrennung. Der ganze Artikel scheint im technischen Teil mehr oder weniger abgeschrieben und aus einer Zeit zu stammen, aus der Sauger noch Standard war und Turbomotoren nur in ein paar Exoten zu finden sind. Denn heute könnte man diesen Kraftsstoff durchaus besser nutzen, indem man bei besserem Sprit den zulässigen Ladedruck erhöht, dieser ist nämlich im Gegensatz zur Verdichtung durchaus variabel im Rahmen der Leistungsdaten des Laders.
marthaimschnee 13.01.2018
5.
Beim Klopfen wird heute zuerst versucht, das über das Kraftstoff-Luft-Gemisch zu beseitigen, danach über die Ventilverstellung (sofern vorhanden) und erst dann greift man zum letzten Strohhalm und zündet früher, als man [...]
Beim Klopfen wird heute zuerst versucht, das über das Kraftstoff-Luft-Gemisch zu beseitigen, danach über die Ventilverstellung (sofern vorhanden) und erst dann greift man zum letzten Strohhalm und zündet früher, als man eigentlich will, um von der unkontrollierten, wieder zu eine kontrollierten Verbrennung zu kommen.

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