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Das dickliche Gesicht, in das ich gucke, wirkt grimmig. Vielleicht auch nur müde. Es gehört einem kleinen Mann mit Schnurrbart, der noch vor wenigen Sekunden am Stacheldrahtzaun lehnte und stehend schlief. Nun ist er wach. Er blickt auf die Dokumente in seiner Hand, und ich bin mir sicher, dass er keine Ahnung hat, was er da eigentlich liest. Er mustert mich, dann meinen Fahrer, der besorgt schaut. Vielleicht weil auch er denkt, dass die Reise nun vorbei ist.


Deutschland wenige Tage zuvor: Panik breitet sich unter den Wissenschaftlern der Expedition AT37-06 aus. Donald Trump wird neuer Präsident der USA, aber daran liegt es nicht, oder doch? Praktisch über Nacht hat die mexikanische Regierung ein Sondervisum für alle Teilnehmer von US-Forschungsreisen ins Leben gerufen, ohne das anscheinend nichts mehr geht. Hektische Krisenkommunikation folgt. Manch einer befürchtet, dass es für einen Termin in der mexikanischen Botschaft längst zu spät sei. Der Expedition droht noch vor dem Start das Aus.


NOTIZ:

Ich stehe noch immer am Hafeneingang, und der Sicherheitsmann guckt unsicher. Er wirft einen letzten Blick auf mein Notfallvisum und das Dokument, auf dem meine Kameraausrüstung detailliert aufgelistet ist. Dann raunt er etwas in sein Funkgerät, öffnet das Tor und begibt sich zurück an seinen Schlafplatz. Ich gehe entlang des Stegs und betrete schwer beladen mit Stativ, Kamerarucksack und Koffer die "R/V Atlantis". Sie wird für die kommenden drei Wochen mein Arbeitsplatz und mein Zuhause sein. Auch die restlichen Forscher schaffen es an Bord, doch das nächste Problem kündigt sich bereits an. Vieles ist komplizierter geworden im Hafen von Manzanillo, seitdem die Marine hier das Kommando übernommen hat:



"Für mexikanische Verhältnisse gar nicht mal so schlimm", sagt Andreas Teske. Das Lächeln in seinem Gesicht wirkt ein wenig gequält, wenn man ihn fragt, ob alles nach Plan läuft.

Chefwissenschaftler Teske

"Immerhin sind wir hier alle lebendig angekommen." Der deutsche Chefwissenschaftler bleibt gelassen, auch wenn die Forschungsreise nach jahrelanger Vorbereitung nun endgültig zu scheitern droht. Sein Blick wandert zum Bug, wo drei Schiffscontainer am Boden verankert sind. Auf einem prangt groß, blau auf weiß, das Emblem der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI), eines der bedeutendsten Meeresforschungsinstitute der Welt.

Eigentlich sollten dort noch zwei weitere Container stehen, die für die Arbeit der Mikrobiologen nahezu unverzichtbar sind. Kisten vollgepackt mit Arbeitskleidung, technischem Equipment und Chemikalien wie Ethanol, Salzsäure oder Natriumhydroxid. Ohne diese Ausrüstung geht in den Labors an Bord wenig bis nichts. Keiner weiß, warum die Ladung noch immer im Zoll festhängt, doch eins ist sicher: Mit jeder Sekunde im Hafen verschwendet die Expedition Geld. Pro Tag kostet das Unternehmen den amerikanischen Steuerzahler rund 150.000 US-Dollar. Noch glaubt Teske, dass alles gut wird. Doch die Container werden das Schiff nie erreichen. Die Crew kann nicht länger warten, Teske beschließt: Es muss auch ohne die Ausrüstung gehen, irgendwie.






Knapp zweieinhalb Wochen wird die "R/V Atlantis" von nun an unterwegs sein, Richtung Guaymas-Becken. Von Süd nach Nord über den Golf von Kalifornien, dann im Zickzackkurs ohne einen Hafen anzulaufen, immer auf der Suche nach Hydrothermalquellen, heißen Unterwasserquellen, an denen so einzigartige Lebensbedingungen vorherrschen wie sonst nirgends auf diesem Planeten. Für viele der 18 Wissenschaftler wird ein Traum in Erfüllung gehen, auch wenn sie nicht viel mitbekommen werden von der Hitze, der Sonne, der Meeresbrise. Sie werden Nacht für Nacht in den drei Labors auf dem Schiff arbeiten und tagsüber schlafen. Sie werden seltene Gesteinsproben in den Händen halten, Krebstiere aus der Tiefe emporholen, bizarre Röhrenwürmer, flauschige orangene und gelbe Bakterienmatten - und Matsch. Kiloweise dunkelbraunen, glitschigen, stinkenden Matsch.



Vor allem aber werden sie eine Extremerfahrung machen, die nur wenigen Menschen auf diesem Planeten zuteilwird. Sie werden den Rockstar der Tiefsee kennenlernen und mit ihm Hinabtauchen ins kalte Schwarz, in Tausende Meter Tiefe, an Orte, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Abgeschottet von der Außenwelt und auf sich allein gestellt, an manchen Stellen nur umhüllt von wenigen Zentimetern Titan. Es geht hinunter zum Meeresgrund mit "Alvin". "Alvin"?







NOTIZ:

Ich beziehe eine knapp neun Quadratmeter große Kabine, die ich mir mit dem Mikrobiologen John Paul Balmonte teile. Wir verstehen uns gut, begegnen uns im Laufe der Reise aber immer seltener. Wenn ich kurz vor Sonnenaufgang aufstehe, fällt er meist erschöpft ins Bett. JP wird der erste sein, der zum Meeresgrund hinabtaucht. Die Aufregung ist ihm anzusehen.


Bevor es losgeht, steht im "Alvin"-Hangar das Sicherheitstraining an. Wie sollen die Forscher reagieren, wenn es im U-Boot in 2000 Meter Tiefe anfängt zu brennen? Wenn der Sauerstoff ausgeht oder der Pilot das Bewusstsein verliert? Unten sind die Alvinauten auf sich allein gestellt. Training schafft Sicherheit, Panik führt im schlimmsten Fall zur Katastrophe. JP klettert durch "Alvins" Luke und steigt hinab ins Herzstück der Expedition:



NOTIZ:

Mit gemischten Gefühlen klettere ich ungelenk aus dem Bauch des U-Boots. Es war viel komfortabler als gedacht, fast schon gemütlich. Doch Sicherheit fühlt sich anders an. Was bringt schon ein einstündiger Crashkurs, wenn Wasser in den Kommandoraum strömt? Wer schaut in solchen Momenten ins Handbuch? Warum zum Teufel treibt sich der Mensch überhaupt in Tausenden Metern Tiefe umher?


"Tiefseetauchen ist wie Busfahren", raunt Pat Hickey, wie immer schlecht gelaunt. Er ist mit mehr als 680 Tauchgängen der erfahrenste aller "Alvin"-Piloten. Ein ausgebrannter Profi. Für die Jüngeren ist alles aufregender. Sie sind hungrig, ehrgeizig, für sie geht es um alles. Pilot zu werden erfordert jahrelange Vorbereitung, außergewöhnliche technische und mentale Fähigkeiten, auch Durchsetzungsvermögen. Manche schaffen es nie. Die Trainingstauchgänge sind rar gesät und der Konkurrenzkampf unter den angehenden Piloten ist groß, auch wenn das hier niemand offen zugeben will. Doch sobald im Hafen Alkohol fließt und die Stimmung kippt, bricht der angestaute Frust aus manchen heraus.



Jefferson Grau hat das alles hinter sich. Er ist einer von drei fertig ausgebildeten Piloten, die auf dieser Expedition das U-Boot im Wechsel steuern. Wenn er nicht darin sitzt, schraubt er daran herum oder leitet das Team beim Zuwasserlassen und Bergen von "Alvin". Man sieht ihn fast immer mit Buch in der Hand, er strahlt Ruhe aus, also genau das, was man sich wünscht, wenn man auf engstem Raum einer Extremsituation ausgeliefert ist. Jeff hat zu diesem Zeitpunkt gerade 21 Tauchgänge hinter sich gebracht. Also auch schon ein Busfahrer?








NOTIZ:

Ein tiefes Dröhnen schallt über den Golf von Kalifornien, und ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Es ist der 12. Dezember, morgens kurz vor acht, es geht los.


Das Signal kommt vom Schiffshorn und befielt: einsteigen, abtauchen! Für die Forscher ist es die letzte Chance, sich noch umzuentscheiden. Doch die wissenschaftliche Neugier siegt. Andreas Teske und John Paul Balmonte besteigen nacheinander die Rampe, die sie zu "Alvins" Einstiegsluke führt. Schuhe aus, ein letzter Gruß, dann wird das U-Boot von innen verriegelt. Chance verpasst.

Die Einkaufsliste ist lang. Der Plan der heutigen Exkursion: Bekannte Hydrothermalquellen aufsuchen und Sedimentkerne ziehen, Temperaturmessungen durchführen, Wasserproben nehmen, Röhrenwürmer und andere Meerestiere ernten und Bakterienmatten aufsaugen. Und natürlich unbekanntes Terrain erkunden. Orte, an denen bisher noch kein Mensch war. Ein straffes Programm, die Zeit ist knapp und die Tiefsee unberechenbar.


NOTIZ:

Ich schaue noch ein paar Minuten lang aufs Meer, das soeben drei Menschen verschluckt hat. Auf der "Atlantis" kehrt nun Ruhe ein, und ich nutze die Zeit, um mich an Bord umzusehen. Ich streife über das Hauptdeck, durch die Labors, die Aufenthaltsräume.


Die "Atlantis" ist rund 84 Meter lang, ein U.S.-Navy-Schiff, weder sonderlich schön noch komfortabel, dafür robust und leistungsfähig. Kein Vergleich zu Luxusforschungsschiffen wie der berühmten "Sonne" oder der "Polarstern", auf denen die Besatzung in der Sauna ausspannen oder in der Crewbar Alkohol trinken kann. Auf der "Atlantis" sind Alkohol und andere Drogen verboten. Es fühlt sich nach Arbeit an.

Im Maschinenraum arbeitet Steve, der Chefingenieur. "Das ist wirklich kein besonderes Schiff, auch nicht für einen Ingenieur", sagt er. "Das einzig Außergewöhnliche ist der A-Frame, der Kran, den wir beim Start und Einholen von "Alvin" einsetzen. Der steht unter Aufsicht der U.S. Navy, und die ist sehr, sehr streng mit allem." Steve fährt seit mehr als vierzig Jahren zur See, hat einiges gesehen, kann viele Geschichten erzählen. Geschichten von Zusammenhalt und Teamgeist und Überlebenskampf und Tod:



NOTIZ:

Ich denke noch lange über Steves Erzählungen nach. Darüber, wie er den besonderen Zusammenhalt an Bord beschreibt, das Gefühl, eine Ersatzfamilie zu haben. Ein Gefühl, das man wohl nur nachempfinden kann, wenn man selbst lange Zeit zur See gefahren ist. Vielleicht zu lange. Zweieinhalb Wochen reichen dafür nicht aus. Ich ziehe mich mit Stativ und Kamera in meine Kajüte zurück, um das Videomaterial zu sichten.







NOTIZ:

Das laute Dröhnen des Schiffshorns lockt mich vom Bildschirm weg. Es ist kurz nach vier Uhr nachmittags. Sie sind wieder aufgetaucht. Ich greife mir mein Equipment und gehe in Position, um die Ankunft der Alvinauten zu dokumentieren:



Das folgende Prozedere wird sich von nun an täglich wiederholen: Proben katalogisieren und aufarbeiten, Nachtschichten im Labor. Tagsüber schlafen, abends die Ankunft "Alvins" abwarten, sich wieder auf die Proben stürzen und alles noch mal von vorn. Arbeitsalltag an Bord der "Atlantis":


NOTIZ:

Irgendwann wird alles Routine, sind alle wichtigen Bilder gedreht und die meisten Leute interviewt. Ich finde Zeit, das Leben auf See zu genießen. Das Meeresrauschen, die Sonnenuntergänge, die schwankenden Sessel im Schiffskino, während ich "The Fountain" oder "Into the Wild" gucke. Aber irgendwann schleicht sich auch das Gefühl ein, dass sich die Welt da draußen ohne einen weiterdreht. Es ist Weihnachtszeit, die vielleicht schwierigste Zeit, weg von zu Hause zu sein, nicht für jeden aber doch für viele. Darüber kann auch die spärliche Weihnachtsdeko nicht hinwegtrösten. Es scheint, als ob ein Großteil der Crew mit aller Gewalt versucht, jedes Gefühl von Besinnlichkeit hier an Bord zu ersticken. Die Feiertage werden so zu gewöhnlichen Tagen. Keine Gans, kein Liedersingen, keine Spiele, kein geselliges Beisammensein.


Ein spezielles Leben, das für manche Menschen wie gemacht zu sein scheint. Zum Beispiel für Steve, den Chefingenieur. Er zückt nicht sofort sein Smartphone, sobald Land in der Ferne erscheint, in der Hoffnung, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten einzufangen, bis man wieder auf das quälend langsame Schiffsinternet angewiesen ist, das es immerhin mittlerweile gibt. Steve wirkt immer ausgeglichen und mit sich im Reinen.

Für viele andere an Bord wird die Seefahrerromantik nach einer gewissen Zeit zu Melancholie, in der nächsten Evolutionsstufe zu Einsamkeit. Für die Forscher dauert die Reise nur drei Wochen, doch für die Schiffscrew sind es Monate, in denen sie weit weg sind von zu Hause. In denen Kinder groß werden, sich Freunde trennen und neu verlieben. In denen das Leben weitergeht, nur eben ohne einen. Wie geht man damit um? Und wofür das alles?








NOTIZ:

Tag sechs auf See, endlich ist es soweit. Ich bin bei Tauchgang Nummer 4863 mit dabei, zusammen mit dem Meeresbiologen Javier Caraveo-Patiño. Es wird einer der längsten Tauchgänge der Expedition. Frühmorgens geht es los:







DAS TEAM



Autor/Kamera/Schnitt: Alexander Epp

Animation: Birk Reddehase

3-D-Modelling: Visoric

Programmierung: Lorenz Kiefer, Chris Kurt

Grafik: Max Heber

Layout: Elsa Hundertmark

Dokumentation: Michael Jürgens

Redaktion: Olaf Heuser, Jens Radü

Zusätzliches Videomaterial: Patrick Neumann, Drew Bewley


Unterwasser-Videomaterial von "Alvin" mit Genehmigung der Woods Hole Oceanographic Institution