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Satellitenbild der Woche

Schöne Sch...

Pinguine aus dem All zu beobachten: Das ist schon abgefahren. Aber mittlerweile können Wissenschaftler sogar aus der Ferne sagen, was die Tiere fressen - weil sie ihre Exkremente untersuchen. Mit Satelliten.

NASA

Danger-Inseln

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Montag, 17.12.2018   06:32 Uhr

In diesem Text wird es um Fäkalien gehen. Um Exkremente, Kot, Kacke, Sch... - naja, Sie wissen schon. Es wird auch um Menschen gehen, die sie im Dienst der Wissenschaft einsammeln und darin herumstochern. Und um putzige Pinguine, um die wird es natürlich auch gehen.

Aber eins nach dem anderen.

Zunächst einmal möchten wir Sie bitten, uns zu folgen. Und zwar zu den Danger-Inseln in der Antarktis. Auf vielen Landkarten sind die gar nicht verzeichnet - weil sie so klein und unscheinbar sind. Sieben von ihnen gibt es insgesamt. Die größte, die Darwin-Insel, misst einen Kilometer im Durchmesser, die kleinste, Dixey Rock heißt sie, ist genau das: ein kleiner, wenngleich hoch aufragender Felsbrocken im Ozean.

Der britische Entdecker James Clark Ross hätte die Inseln auch beinahe übersehen, als er ihre Umgebung im Jahr 1842 mit seinen Schiffen erkundete. Es war kurz nach Weihnachten, und weil die Eilande trotz des Südsommers von so dickem Packeis umgeben waren, wären die "Erebus" und die "Terror" beinahe aufgelaufen. Daher der Name der Inseln, die hier auf einem Bild des US-Satelliten "Landsat 7" zu sehen sind.

Die Welt würde von den Danger-Inseln wahrscheinlich bis heute keine Notiz nehmen, hätten Forscher um Heather Lynch von der Stony Brook University (US-Bundesstaat New York) dort nicht kürzlich 1,5 Millionen Pinguine aufgespürt, die bis dahin in keiner Statistik erfasst waren. Zur Einordnung: Rechnet man die Neuentdeckungen schon mit ein, leben weniger als sieben Millionen Pinguine in der Antarktis: 143.000 Eselspinguine, 283.000 Kaiserpinguine, 1,3 Millionen Zügelpinguine und 4,7 Millionen Adéliepinguine. (Eine interaktive Karte aller bekannten Kolonien finden Sie hier.)

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Adeliepinguine: Leben im Eis

Es war also ein ziemlich spektakulärer Fund. "Wir dachten, dass wir wussten, wo die Pinguine sind", so hat es Lynch in der vergangenen Woche auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union (AGU) in Washington erklärt. Doch dann fielen den Wissenschaftlern auf Satellitenbildern verdächtige Spuren auf: Die Tiere verrieten sich. Durch ihre Exkremente.

Und über diese wird jetzt hier doch noch einmal im Detail zu sprechen sein. Sorry, dass wir Ihnen das zumuten müssen.

Wenn Adéliepinguine brüten, dann wechseln sich weibliche und männliche Tiere immer ab. Sie brüten aber immer an derselben Stelle. Daher sammeln sich dort über die Jahre verräterische Hinterlassenschaften an. Richtig viele. Es gibt Stellen auf den Danger-Inseln, an denen haben furchtlose Wissenschaftler wie Michael Polito von der Louisiana State University in Baton Rouge (US-Bundesstaat Louisiana) Pinguinkacke aus einer Zeitspanne von insgesamt 3000 Jahren eingesammelt.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Und der Pinguindreck wächst nicht nur in die Höhe, immer wenn ein neues Brutpaar in der Kolonie dazu kommt, wächst er auch in die Breite. Und das wiederum lässt sich auf den Satellitenbildern erkennen. "Wir können die einzelnen Tiere nicht sehen, wohl aber ihre Fäkalien", so Lynch.

Als sie wussten, wo sie suchen mussten, sahen sich die Wissenschaftler also auch ältere Satellitenbilder an. Und auch darauf waren die bis dahin unbekannten Kolonien schon zu finden - beziehungsweise der Kot ihrer Bewohner.

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Auf Falschfarbenbildern wie dieser "Landsat 8"-Aufnahme sehen die Forscher den Vogelkot

Bei der Auswertung der Bilder konnten die Forscher einen Trend ausmachen: "Die Population ist groß. Wir gehen aber davon aus, dass sie früher noch größer war", sagt Lynch. Seit etwa 1990 gebe es einen langsamen Rückgang. "Es ist nicht katastrophal. Wir sprechen von vielleicht 10 bis 15 Prozent weniger."

"Auf die Farbe kommt es an"

Was aber war schuld an dem Minus? Hatte sich das Nahrungsangebot der Tiere womöglich verändert?

Hier kommt Lynchs früherer Doktorand Casey Youngflesh von der University of Connecticut in Storrs ins Spiel. Denn der hat sich mit genau diesen Fragen beschäftigt. Im Infrarotbereich der Satellitenbilder lassen sich nämlich auch Farbunterschiede zwischen den Pinguinrückständen in verschiedenen Kolonien ausmachen. "Auf die Farbe kommt es an", sagt Youngflesh. Wenn die Pinguine sich - wie auf der antarktischen Halbinsel und in der Westantarktis - eher von Krill ernähren, leuchtet der Kot orangerot. Fressen die Tiere vor allem Fisch - wie in der Ostantarktis - ist er eher weiß.

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Forscher mit Proben

Wie es zu dem Ernährungsunterschied kommt, wissen Forscher nicht. Youngflesh wollte aber herausbekommen, ob sich die Farbe - und damit die Nahrung - über die Zeit ändert. Dazu sah er sich alle seit 1982 verfügbaren Bilder der Danger-Inseln über die Jahre an, fahndete nach Farbänderungen im Kot. Dabei zeigte sich: Ein langfristiger Trend bei der Ernährung lässt sich nicht nachweisen. Der Rückgang der Population hat also vermutlich andere Gründe.

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Faszinierende Satellitenbilder: Abc - Das Alphabet der Erde

Um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen, musste der Forscher allerdings durchaus persönliche Opfer bringen. Um sicherzugehen, ob die Farben auf den Satellitenbildern wirklich Rückschlüsse auf die Ernährung der Tiere erlauben, musste er Pinguinkot an verschiedenen Stellen der Antarktis untersuchen. Konkret analysierte er die Exkremente auf ihren Gehalt an dem Stickstoffisotop 15N. Das reichert sich in der Nahrungskette an: Pinguine, in deren Hinterlassenschaften sich eine hohe Konzentration fand, hatten also mehr Fisch zu sich genommen, ein geringeres Niveau an 15N sprach für eine Krill-Diät.

Die Isotopenanalysen hat Youngflesh übrigens an Bord des kleinen Expeditionsschiffs "Hans Hansson" gemacht. In einem fensterlosen Raum. Um Pinguine aus der Ferne zu untersuchen, muss man eben manchmal auch vorher nahe an sie heran. Und man muss Gestank aushalten können.

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