Wissenschaft

Näherin für die Nasa

Frau Pham, die Satelliten-Schneiderin

Forschungssonden für die Tiefen des Weltalls - das klingt nach Hightech. Doch manchmal braucht es einfach gutes Handwerk. Dann wird Lien Pham gefragt. Sie ist Maßschneiderin für die US-Weltraumbehörde Nasa.

NASA/JPL-Caltech
Aus Pasadena berichtet
Donnerstag, 27.12.2018   21:45 Uhr

Ihre Töchter, sagt Frau Pham, hätten sie damals ins Kino geschleppt. Es gebe da diesen Film, den sie unbedingt sehen müsse. Und tatsächlich: "Ich habe ihn geliebt." "Hidden Figures" erzählt von der Arbeit dreier afroamerikanischer Mathematikerinnen für die US-Weltraumbehörde Nasa, es ist eine wahre Geschichte: Die Frauen hatten in den Fünfzigern und Sechzigern mit ihren Flugbahnberechnungen geholfen, die Raumflüge des "Mercury" und "Apollo"-Programms zum Erfolg zu machen. Öffentliche Anerkennung erhielten sie dafür jedoch erst Jahrzehnte später.

"Unerkannte Heldinnen" lautete der deutsche Untertitel des Films. Und Lien Pham ist auch solch eine unbekannte Heldin. Auch sie arbeitet im Auftrag der Nasa, auch von ihr hängt der Erfolg so mancher Mission der US-Weltraumbehörde mit ab. Auch sie kennt kaum jemand. Und nicht nur sie. "Es gibt so viele von uns, die mit Hand anlegen. So viele Menschen, die mitarbeiten", sagt Pham. Weil der Film daran erinnere, habe er ihr so gut gefallen.

Pham ist Näherin am Jet Propulsion Laboratory, kurz JPL, im kalifornischen Pasadena. Seit Jahrzehnten baut und betreibt die Forschungseinrichtung, die formal zum California Institute of Technology gehört, Raumsonden für die Nasa. Und keine dieser Sonden kommt ohne einen Schutz gegen Hitze- und Kälteextreme des Weltalls aus.

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Nasa-Schneiderin: Wie "Hidden Figures" - nur in echt

Diese Thermofolien schneiden und nähen Frau Pham und fünf ihrer Kollegen im sogenannten shield shop des JPL, zum Teil aus 30 Lagen verschiedener Materialien: Polyester-Folien ("Mylar") und -gewebe ("Dacron"), Polyimid- ("Kapton") und Teflon-Folien. Es ist Maßarbeit mit Nähmaschine, Schere, Skalpell, Locher, Heißklebepistole und Lineal, jedes Mal, denn kein Satellit ist wie der andere.

Mit den ferngesteuerten Mars-Autos "Spirit" und "Opportunity" habe für sie alles hier angefangen. "Das waren meine ersten Babys", erinnert sich Pham. Im Jahr 2003 war es, als die beiden kleinen Forschungsmobile zum Roten Planeten abhoben. Ursprünglich sollte deren Einsatz nur 90 Marstage dauern - mit 24 Stunden und 39 Minuten ist ein Tag auf dem Roten Planeten, Forscher sprechen von einem Sol, etwas länger als auf der Erde.

Bei "Spirit" wurden aus den 90 Sol allerdings 2208, bei "Opportunity" sogar 5613. Erst in diesem Sommer stellte der Roboter im Zuge eines Staubsturms den Dienst ein, die Nasa hofft bis heute, ihn noch aufwecken zu können.

Flucht aus Vietnam

"Dass wir hier am JPL die Folien für die Raumfahrzeuge nähen, ist etwas Besonderes", sagt Pham. Woanders werde auch getackert oder geklebt. "Weil bei uns so häufig Dinge an den Sonden getestet werden, müssen die Folien aber wieder und wieder an- und abgemacht werden." Und wenn sie dann genäht seien, ginge das einfach besser. "Sie sind dann widerstandsfähiger."

Pham wuchs in Vietnam auf, in einer christlichen Familie. Mitte der Siebziger, als die Lage auf dem Arbeitsmarkt schlecht gewesen sei, habe ihre Mutter sie gedrängt, nähen zu lernen: "Wenn du nähen kannst, dann kannst du eine Familie ernähren." Lust habe sie keine große gehabt, sagt Pham. Aber dann habe sie sich eben doch gefügt.

Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.

Ende 1977 flüchtet die Familie. Übers Meer nach Thailand soll es gehen, mit insgesamt 37 Menschen auf einem schrottreifen Fischerboot. "Wir waren gepackt wie die Sardinen", sagt Pham. "Jedes Mal, wenn ich davon spreche, frage ich mich, wie wir es geschafft haben."

Denn bevor die Flüchtlinge die internationalen Gewässer erreichen, geht der Motor aus und lässt sich nicht mehr starten. Einen Tag und eine Nacht treibt die Gruppe auf dem Meer. "Mein Onkel war ein Priester, er war auch auf dem Boot und hatte uns schon den letzten Segen gegeben."

Doch die verzweifelten Flüchtlinge sind offenbar auf dem Wasser in die richtige Richtung getrieben. Thailändische Fischer lesen die Menschen auf, gerade in dem Moment, als das Boot endgültig auseinanderbricht. Ihr Vater habe sich an einer Planke im Wasser festhalten müssen, sagt Pham.

Dann zerstreut sich die Familie. Manche landen in Australien. Pham und ihre Eltern kommen in die USA. Und dort kann sie zwar die Sprache zunächst nicht sprechen - sie kann aber nähen. Also näht sie: Unterwäsche für 2 Dollar und 10 Cent die Stunde. Später, als sie pro Stück bezahlt wird, kommt sie auf etwa fünf Dollar. Viel ist das nicht, aber immerhin.

"Vorbild, das ist ein großes Wort"

Irgendwann will Pham mehr. Die Raumfahrtbranche boomt im Kalifornien der Achtziger. Also lernt sie in Abendkursen, wie man lötet und Kabel verlegt - und bekommt ihren ersten Job, dann den zweiten. Als die Firma aber Stellen abbauen muss, erzählt ihr jemand vom JPL. Dort verlegt sie auch erst Kabel an der "Cassini"-Sonde - doch als eine Kollegin zufällig sieht, wie aufwändig und gut Phams Halloween-Kostüme für die Kinder geschneidert sind, empfiehlt sie die Vietnamesin an einen Ingenieur im shield shop weiter, zum Nähen der Thermofolien.

Dem Ingenieur dort sagt Pham: "Ich habe so etwas noch nie gemacht. Aber wenn Sie es mir beibringen, dann lerne ich es gern." Sie bekommt den Job. Und so näht sie seitdem, verlegt gelegentlich auch noch Kabel. Gerade wird der Marsroboter ausgestattet, der in zwei Jahren auf dem Roten Planeten landen soll, außerdem ein indisch-amerikanischer Radarsatellit - und so weiter.

Sieht sich Frau Pham als Vorbild für andere? Sie überlegt. "Vorbild, das ist ein großes Wort. Aber ich bin froh, wenn ich jemanden inspirieren kann."

insgesamt 3 Beiträge
felisconcolor 28.12.2018
1. Toller Artikel
Als Raumfahrt begeisterter Mensch finde ich es sehr interessant auch etwas über die Arbeiten und die Menschen die diese Arbeiten dahinter ausführen. Die die Ideen von Ingenieuren und Wissenschaftlern in die reale Hardware [...]
Als Raumfahrt begeisterter Mensch finde ich es sehr interessant auch etwas über die Arbeiten und die Menschen die diese Arbeiten dahinter ausführen. Die die Ideen von Ingenieuren und Wissenschaftlern in die reale Hardware umsetzen. Von vielen Dingen wird hier immer wieder berichtet, was sich Wissenschaftler ausgedacht haben. Wie das fertige Objekt nachher aussieht. aber eigentlich nichts über die Entstehung und Fertigung. Ich fände es sehr schön wenn man öfters solche Artikel zu lesen bekäme. Sie macht vielleicht auch Wissenschaft und Forschung für jene zugänglich denen die anderen Artikel zu abgehoben erscheinen.
dasfred 28.12.2018
2. Die Menschen dahinter steht man zu selten
Ohne diesen Artikel hätte sich kaum jemand Gedanken gemacht, wie diese Satelliten und ähnliches zusammengesetzt werden, was für Gewerke dahinter stehen und was für Menschen dort tätig sind. Gut, Ingenieure erwarten wir, aber [...]
Ohne diesen Artikel hätte sich kaum jemand Gedanken gemacht, wie diese Satelliten und ähnliches zusammengesetzt werden, was für Gewerke dahinter stehen und was für Menschen dort tätig sind. Gut, Ingenieure erwarten wir, aber wer denkt bei Raumfahrt an eine Schneiderin? Mal ein Artikel, der mich kurz Innehalten lässt.
alois.busch 31.12.2018
3. Super
So ein Artikel gehört auf die erst Seite, nicht immer nur die Ingenieure Leistungen.
So ein Artikel gehört auf die erst Seite, nicht immer nur die Ingenieure Leistungen.

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