Wissenschaft

SpaceX-Manager Königsmann

"Für den Mars bin ich zu alt"

Elon Musk hat gerade reichlich Schwierigkeiten. Könnte sein Raumflug-Unternehmen SpaceX notfalls auch ohne ihn? Das haben wir seinen Chefingenieur Hans Königsmann gefragt.

REUTERS
Ein Interview von
Montag, 01.10.2018   09:02 Uhr

Der erste Versuch ging spektakulär schief, der zweite ebenso und auch der dritte. Und wenn nicht wenigstens der vierte Start der "Falcon 1" ohne Probleme über die Bühne gegangen wäre, dann würde der Name SpaceX heute vermutlich nur ein paar Weltraumhistorikern etwas sagen. Doch es kam anders: Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 28. September 2008, donnerte die erste privat entwickelte Rakete, die Nutzlasten in den Erdorbit befördern konnte, von der Omelek-Insel im Südpazifik in den Himmel.

Seitdem ist SpaceX nicht weniger gelungen, als die Raumfahrtbranche zu revolutionieren. Vor allem weil die Firma auf das Prinzip der Wiederverwendbarkeit setzt, bietet sie Satellitenstarts zu Kampfpreisen an. Außerdem hat das Unternehmen mit der "Falcon Heavy" die derzeit leistungsfähigste Rakete der Welt im Programm. Doch SpaceX-Gründer Elon Musk reicht das nicht aus: Er träumt von einer Mega-Schwerlastrakete namens "BFR". Sie soll Reisen zum Mond und sogar zum Mars möglich machen. Dort will Musk eine Kolonie einrichten - und die Menschheit, wie er es nennt, zur "multiplanetaren Spezies" machen.

Von Anfang an dabei ist der aus Deutschland stammende Chefingenieur Hans Königsmann. Er stellt die neuesten Pläne seiner Firma in dieser Woche auf dem Internationalen Astronautischen Kongress in Bremen vor. Der SPIEGEL hat bereits vorab mit ihm gesprochen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Königsmann, es gibt da eine Sache, die wir nicht verstehen. Ihre nächste Rakete soll "BFR" heißen. Das "B" steht für big, das "R" für rocket. Und das "F" steht für… …?

Königsmann: Offiziell steht es für Falcon. Big Falcon Rocket.

SPIEGEL ONLINE: Und inoffiziell?

Königsmann: Da können Sie sich für das "F" aussuchen, was Sie mögen (lacht). Das war ein kleines Späßchen für eine ziemlich große Rakete.

SPIEGEL ONLINE: Die BFR soll zum Mond und Mars fliegen. Wann denn eigentlich?

Königsmann: Im Jahr 2023, also in fünf Jahren. Das ist mit Sicherheit ein sportliches Ziel. Aber ich denke, dass es machbar ist.

SPIEGEL ONLINE: SpaceX legt immer wieder extrem optimistische Zeitpläne vor und muss sie später korrigieren. Warum machen Sie nicht einfach mal realistische Ankündigungen?

Königsmann: Über die Jahre habe ich mich an ambitionierte Ziele gewöhnt - und in manchen Fällen erreichen wir sie auch. In anderen Fällen nehmen wir uns Zeit. Wir sorgen dafür, dass alles sicher ist, bevor wir loslegen. In den vergangenen Jahren, ja, haben wir die eine oder andere Zielmarke verpasst. Aber wir haben viele Innovationen und neue Dinge umgesetzt. Wenn Sie etwas Großes erreicht haben und später zurückschauen, ist es egal, ob eine Rakete im Januar oder erst im Dezember eines bestimmten Jahres zum ersten Mal geflogen ist.

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SpaceX: Revolutionäre der Raumfahrt

SPIEGEL ONLINE: Der japanische Milliardär Yusaku Maezawa will eine "BFR" kaufen, um damit zusammen mit Künstlern um den Mond zu fliegen. Was zahlt er Ihnen?

Königsmann: Ich bin sicher, dass der Flug nicht billig ist, aber den exakten Betrag kenne ich nicht. Aber Maezawa hat eine Sache klar gesagt: Er will nicht in erster Linie über Geld diskutieren. Nicht einfach ein Milliardär hat das Ticket gekauft, sondern ein Träumer.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht unverantwortlich, völlig untrainierte Leute in einem neuen Fluggerät auf so eine Reise zu schicken?

Königsmann: Ich bin sicher, dass sie gut trainiert sein werden, wenn sie fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Raumschiff wird immer noch ganz neu sein.

Königsmann: Wir arbeiten jetzt seit ein paar Jahren am bemannten Raumflug. Wir sind nah dran, Astronauten zu befördern. Es gibt ein paar Sachen, die beachtet werden müssen, wenn man Menschen ins All bringt. Die lernen wir gerade und werden alle Erkenntnisse auf die "BFR" anwenden. Wir werden dafür sorgen, dass es ein sicheres und zuverlässiges Fluggerät ist.

SPIEGEL ONLINE: Einen guten Teil Ihres Geldes haben Sie bisher mit der US-Regierung verdient. Sie sollen für diesen Auftraggeber eigentlich auch Astronauten ins All bringen, nicht, wie bisher, nur Fracht. Aber diese Flüge verschieben sie immer weiter nach hinten. Wie findet es da die Nasa, dass sie gleichzeitig luftige Pläne für Mond und Mars vorstellen?

Königsmann: Der Crewtransport ist eine der Top-Prioritäten für uns. Wir sind an einem Punkt, wo wir das Fluggerät im Prinzip fertig haben. Jetzt müssen wir an der Zertifizierung und anderen Formalitäten arbeiten. Ich finde es eigentlich ganz gut, wenn man es an genau diesem Punkt langsamer angeht und die Sachen richtig sorgfältig macht, um sicher zu gehen, dass man nichts vergisst. Wenn sich der Start da um ein oder zwei Monate verschiebt, ist das gut investierte Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben noch keinen einzigen der nötigen Qualifikationsflüge für den Astronautentransport zur ISS gemacht.

Königsmann: Man braucht zwei Dinge, das Fluggerät und den Papierkram. Und das dauert eben. Deswegen hatten wir bisher noch keinen Start. Aber in Kürze wird es soweit sein.

SPIEGEL ONLINE: Wer macht eigentlich den ersten kommerziellen Astronautenflug zur Raumstation, Sie - oder doch Boeing? Und ist das ein Wettrennen?

Königsmann: Wir werden sehen. Wir arbeiten sehr hart daran, dass wir das sicher hinbekommen. Ich bin bei uns in der Firma für die Zuverlässigkeit der Flüge verantwortlich, nicht für die Zeitpläne. Sie fragen also den Falschen, wenn Sie wissen wollen, ob das ein Wettrennen ist oder nicht. In meinen Augen ist es jedenfalls keines. Es geht allein darum, die Astronauten sicher hoch und wieder zurück zur Erde zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr europäischer Konkurrent Arianespace hat sich beklagt, dass SpaceX von der US-Regierung überhöhte Preise verlangt - und dadurch bei kommerziellen Kunden zu billig anbieten kann. Was entgegnen Sie?

Königsmann: Das bringt mich zum Lachen! Weil es nicht stimmt. Wir listen unsere Preise auf der Webseite. Die US-Regierung fordert aber bestimmte Extramaßnahmen ein, wenn sie Starts kauft. Bei kommerziellen Starts müssen wir weniger tun. Wenn wir aber zum Beispiel für die Nasa einen "Dragon"-Frachter zur ISS schicken, dann müssen wir die Kapsel bauen, wir müssen einen ganzen Monat lang die Mission überwachen und so weiter. Und für andere Satellitenstarts verlangt die Regierung wiederum zusätzliche Formalitäten und Tests. All das kostet Geld und dafür werden wir bezahlt. Es gibt keine Subventionen.

SPIEGEL ONLINE: Das Wiederverwenden von Raketenteilen ist das zentrale Element Ihrer Strategie. Bei Arianespace sagt man, das lohne sich für die Firma derzeit nicht. Können Sie das nachvollziehen?

Königsmann: Die Wiederverwendbarkeit ist eine riesige Veränderung für den Markt. Es ist total sinnvoll, etwas mehr als einmal zu benutzen. Das macht Raketenstarts deutlich billiger als früher. Wenn man das nicht erkennt, sollte man sich mal sein Geschäftsmodell näher ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kunden, die darauf bestehen, immer neue Raketen zu bekommen - und keine bereits geflogenen?

Königsmann: Wir hatten mal Kunden, die nur neue Raketen wollten. Aber das wird weniger und weniger. Mit jedem Teil, dass wir nach einem Flug wieder bergen, lernen wir. Und das zeigen wir unseren Kunden. Und einen besonders wichtigen Kunden haben wir überzeugt: Die Nasa nutzt geflogene Raketen und "Dragon"-Kapseln bei Versorgungsflügen zur Internationalen Raumstation. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind sicher, sie sind zuverlässig und sie kosten weniger.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Firmenchef Elon Musk hält begeisternde Vorträge über Reisen zu Mond und Mars. Gleichzeitig irritiert er die Öffentlichkeit regelmäßig mit eigenartigen Äußerungen zu anderen Themen und Streitereien auf Twitter. Ist das eine Belastung für SpaceX?

Königsmann: Nein - nein! Ich kenne Elon sehr gut. Ich sehe keine Belastung für meine Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Musk ist auch Chef des Autobauers Tesla, der zwischenzeitlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte; jetzt musste er sogar als Verwaltungsratschef zurücktreten. Hat das Folgen für die Arbeit von SpaceX?

Königsmann: Tesla und SpaceX sind zwei getrennte Firmen, es gibt da keine Überschneidungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Unternehmen SpaceX auch ohne die Person Elon Musk denkbar?

Königsmann: Nein. Für mich ist Elon SpaceX. Natürlich sind wir ein gereiftes Unternehmen. Wir haben unsere Prozesse und unsere Führungskräfte. Und Elon ist ein wichtiger Teil dieser Führung.

SPIEGEL ONLINE: Elon Musk hat Interesse bekundet, selbst zum Mars zu fliegen. Was würde das für SpaceX bedeuten?

Königsmann: Das würde bedeuten, dass wir es geschafft haben, zum Mars zu fliegen. Es wäre großartig.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie auch gerne zum Mars fliegen?

Königsmann: Nein, ich würde gern in die Erdumlaufbahn fliegen. Zeit in der Schwerelosigkeit verbringen, ich habe das bei Parabelflügen im Flugzeug immer geliebt. Aber Mars? Dafür bin ich zu alt.

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