Wissenschaft

Abstürzende chinesische Raumstation

"Es wird etwas am Boden ankommen"

Sie reagiert nicht mehr auf Funkkommandos, Ende März wird die chinesische Raumstation "Tiangong-1" unkontrolliert zur Erde stürzen. Weltraumexperte Heiner Klinkrad erklärt, wer sich Sorgen machen muss.

DPA / CMSE / Europa Press

"Tiangong-1" im All (grafische Darstellung)

Ein Interview von
Montag, 12.02.2018   09:48 Uhr

Sie war der ganze Stolz der Regierung in Peking. An Bord einer Trägerrakete des Typs "Langer Marsch 2F" startete die chinesische Raumstation "Tiangong-1" Ende September 2011 ins All. Groß war der Himmelspalast - das bedeutet der Name nämlich auf Chinesisch -, nicht. Doch weil China wegen eines Vetos des US-Kongresses nicht bei der Internationalen Raumstation mitmachen darf, war der eigene Außenposten im All ein wichtiger Schritt in der Raumfahrtstrategie des Landes.

Zweimal besuchten Raumfahrer die Station, in den Sommern 2012 und 2013. Auch unbemannte Frachter dockten an. Doch im März 2016 riss der Funkkontakt zur Station ab. Seitdem lässt sie sich nicht mehr steuern. Voraussichtlich im März wird die Station abstürzen - und zwar unkontrolliert.

China forscht unterdessen in dem im September 2016 gestarteten Komplex "Tiangong-2" weiter. Im kommenden Jahr will man außerdem das erste Modul einer neuen Station starten, in der eines Tages auch europäische Raumfahrer schweben wollen. Aktuell trainiert auch der aus Deutschland stammende Astronaut Matthias Maurer für so eine Mission.

Welche Gefahren gehen vom Absturz der Raumstation "Tiangong-1" aus? Heiner Klinkrad, Honorarprofessor an der TU Braunschweig und Experte für Weltraumrückstände, erklärt die Risiken.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klinkrad, wann genau stürzt "Tiangong-1" auf die Erde?

Heiner Klinkrad: Die Station sinkt aktuell immer weiter ab. Irgendwann wird der Luftwiderstand zu groß, um die Umlaufbahn aufrechtzuerhalten, dann kommt es zum Absturz. Die jüngsten Prognosen konzentrieren sich auf die letzte Woche im März. Aber die Unsicherheit liegt bei plus-minus drei Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Wo auf der Welt müssen sich die Menschen dann Sorgen machen?

Klinkrad: Die Bahn der Raumstation hat eine Neigung von 43 Grad, bezogen auf den Äquator. Das bedeutet, dass sie auch nur in einem Korridor zwischen 43 Grad nördlicher und 43 Grad südlicher Breite abstürzen kann. Die nördliche Grenze liegt also auf einer Linie etwa von Barcelona über Rom nach Istanbul. Deutschland ist jedenfalls nicht betroffen, aber beispielsweise Mallorca, Süditalien und große Teile Griechenlands.

SPIEGEL ONLINE: Kommt die Raumstation an einem Stück zur Erde zurück?

Zur Person

Heiner Klinkrad, 65, ist einer der führenden Experten für Raumfahrtrücksstände. Er lehrt als Honorarprofessor an der Technischen Universität Braunschweig. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2015 hat er das Büro für Raumfahrtrücksstände bei der Europäischen Raumfahrtorganisation (Esa) in Darmstadt geleitet. Für seine Verdienste wurde auch ein Asteroid nach ihm benannt: 2009 RC26 HeinerKlinkrad.

Klinkrad: Nein. Die Station wird sehr flach in die Erdatmosphäre eintauchen. Am stärksten wird sie sich in etwa 80 Kilometern Höhe aufheizen, dort wird sie innerhalb kürzester Zeit massiv abgebremst. Die freigesetzte Energie entspricht dann der Leistung eines guten Kraftwerks. Das heißt: Die Materialien schmelzen auf, die Station wird in ihre Teile zerlegt. Der Streubereich kann mehr als tausend Kilometer lang sein.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt von der Station übrig?

Klinkrad: Es wird auf jeden Fall etwas am Boden ankommen. Die Station hat eine Masse von acht Tonnen und stattliche Abmaße. Sie ist im All von Raumtransportern besucht worden. Die dafür nötigen Docking-Adapter werden aus widerstandsfähigem Metall gebaut. Die überstehen den Flug durch die Erdatmosphäre. Titan, rostfreier Stahl - so etwas trotzt den hohen Temperaturen. Und Hohlkörper wie Tanks.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine elegantere Entsorgungsmöglichkeit als so eine Raumstation unkontrolliert abstürzen zu lassen?

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Klinkrad: So lange man die Kontrolle hat, kann man Raumfahrzeuge gezielt entsorgen. Die Russen haben das mit mehreren "Saljut"-Weltraumstationen gemacht, die Europäer und die Japaner mit ihren Weltraumtransportern für die ISS. Diese haben jeweils um die 20 Tonnen gewogen, waren also fast dreimal so schwer wie die chinesische Raumstation jetzt. Wenn man die Raumfahrzeuge steuern kann, werden sie gern in ein unbewohntes Gebiet im Pazifik zwischen Neuseeland und Chile versenkt. Dort liegen keine Inseln, es gibt kaum Schifffahrts- oder Luftverkehrsrouten. So wird niemand gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Liegen da nicht mittlerweile größere Mengen Schrott am Meeresgrund?

Klinkrad: Was an unkontrollierten Raumfahrzeugen runterkommt, sind pro Jahr weniger als 100 Tonnen Material. Gleichzeitig fallen pro Jahr etwa 40.000 Tonnen an Material aus dem Weltall auf die Erde, vom Staubkorn bis zum metergroßen Meteoriten. Im Vergleich ist der Weltraumschrott also wirklich eine kleine Menge.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich mit der Internationalen Raumstation am Ende ihrer Lebenszeit?

Klinkrad: Die soll auch gezielt im Südpazifik entsorgt werden. Früher gab es Pläne, sie Stück für Stück auseinanderzunehmen. Aber aktuell ist die Idee, sie mit mehreren kontrollierten Bremsschüben an einem Stück zum Absturz zu bringen. Um die Geschwindigkeit so stark zu ändern, muss man jedoch einen erheblichen Aufwand treiben. Wahrscheinlich braucht man mehrere Raumtransporter, die gleichzeitig Bremsmanöver ausführen. Immerhin hat die Station eine Masse von etwa 340 Tonnen.

insgesamt 38 Beiträge
joG 12.02.2018
1. Sehr interessant....
....aber wer zahlt den Schaden, wenn das chinesische Stückchen mein Auto in Barcelona auslöscht oder die Ufizien in Florenz?
....aber wer zahlt den Schaden, wenn das chinesische Stückchen mein Auto in Barcelona auslöscht oder die Ufizien in Florenz?
torsten_raab 12.02.2018
2. Washington D.C.
liegt auf 38°, New York bei 40° ... Zufälle gibt´s ;-)
liegt auf 38°, New York bei 40° ... Zufälle gibt´s ;-)
hans.rueckert 12.02.2018
3. UN Vereinbarung
Warum gibt es keine UN Vereinbarung, die besagt, dass bei jedem extraterristischen Gerät eine Selbstzerstörungseinrichtung vorhanden sein muss, die auch dann automatisch gezündet wird, wenn eine bestimmte Zeitlang kein [...]
Warum gibt es keine UN Vereinbarung, die besagt, dass bei jedem extraterristischen Gerät eine Selbstzerstörungseinrichtung vorhanden sein muss, die auch dann automatisch gezündet wird, wenn eine bestimmte Zeitlang kein Erdkontakt möglich ist?
ans-peter-paul 12.02.2018
4.
Weil dann der Schrott großzügig im Orbit verteilt würde?
Zitat von hans.rueckertWarum gibt es keine UN Vereinbarung, die besagt, dass bei jedem extraterristischen Gerät eine Selbstzerstörungseinrichtung vorhanden sein muss, die auch dann automatisch gezündet wird, wenn eine bestimmte Zeitlang kein Erdkontakt möglich ist?
Weil dann der Schrott großzügig im Orbit verteilt würde?
white_rd 12.02.2018
5. Peking, PRC
Genau wie Peking. So ein Zufall aber auch!
Zitat von torsten_raabliegt auf 38°, New York bei 40° ... Zufälle gibt´s ;-)
Genau wie Peking. So ein Zufall aber auch!

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