Mobilität

Scheuer und die Stickoxide

Grenzwertige Folgefehler

Die lautstarken Zweifel des Lungenarztes Köhler an den Abgasgrenzwerten kamen Verkehrsminister Scheuer gerade recht. Leider benutzte der Professor falsche Zahlen - aber auch Scheuer selbst hat sich verrechnet.

AP

Andreas Scheuer

Ein Kommentar von
Freitag, 15.02.2019   08:13 Uhr

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist in akademischen Fragen nicht über alle Zweifel erhaben. Seine Promotion, die er an einer Prager Universität erworben hat, war nur ein sogenanntes "kleines Doktorat". Den Doktortitel durfte er in Deutschland nicht führen, trotzdem tat er es jahrelang. Dennoch darf man unterstellen, dass der Unionsmann eine geübte Praxis in der Wissenschaft kennt, die sich Peer Review nennt: Forschungsergebnisse jedweder Art durchlaufen die Kontrolle von Fachkollegen, bevor sie in Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht werden.

Das gilt für die Erkenntnisse, die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grundlage für den Grenzwert für Stickoxide von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft dienten. Ein Wert, der in Deutschland in vielen Städten überschritten wird.

Eine solche wissenschaftliche Begutachtung seiner Thesen kann der Lungenarzt Dieter Köhler allerdings nicht vorweisen. Er behauptete vergangenen Monat, dass "höchste wissenschaftliche Unsachlichkeit" zu dem Stickoxid-Grenzwert geführt habe. Genau diese Unsachlichkeit konnte ihm jetzt die "taz" in einer exzellenten Recherche nachweisen.

Scheuer hat jetzt ein Problem

Der emeritierte Professor aus dem Sauerland musste zugeben, falsche Berechnungen für seine harten Vorwürfe gegen die wissenschaftliche Grundlage für die Dieselfahrverbote angestellt zu haben. Das ruiniert seine Glaubwürdigkeit und blamiert auch die über 100 Unterstützer seines Aufrufes, den sie in Funk und Fernsehen großflächig verbreitet haben. Vor allem aber hat Verkehrsminister Scheuer jetzt ein Problem. Denn der hat sich diese Aussagen ohne kritische Prüfung ihrer Validität zu eigen gemacht und gefordert: "Der Aufruf der Lungenärzte muss dazu führen, dass die Umsetzung der Grenzwerte hinterfragt und gegebenenfalls verändert wird." Das sagte der Bayer auf Anfrage der "Bild"-Zeitung, die mit der Aussage Scheuers, einem Mitglied der Bundesregierung, ihre Kampagne gegen die Fahrverbotsklagen der Deutschen Umwelthilfe weiter befeuern konnte.

Scheuer wollte so offenbar auf der Empörungswelle reiten, die gerade gegen Dieselfahrverbote durch das Land schwappt. Es funktioniert allerdings nicht, in der Regierung zu sitzen und gleichzeitig die AfD rechts überholen zu wollen. Und schon erst recht nicht, wenn man sich dafür einen unzuverlässigen Kronzeugen aussucht, der emeritierter Lungenarzt mit akuter Dyskalkulie ist. Scheuer hat damit die Bürger gegen die Wissenschaft als Autorität aufgescheucht, aber letztlich auch gegen sich selbst: Denn seine Aufgabe ist es, dreieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals dieses Gesundheitsproblem in Deutschland zu lösen.

Stimmenfang #84 - Tempolimit und Fahrverbote - droht jetzt der Aufstand im Autoland?

Statt Nebelkerzen zu werfen, hätten Scheuer und sein Vorgänger im Amt des Verkehrsministers, Alexander Dobrindt, die Autoindustrie zu Hardware-Nachrüstungen an Dieselfahrzeugen zwingen müssen, damit die Luft in den Städten sauberer wird. Dazu hätten sie die Manipulationen und Trickserein an der Software der Dieselfahrzeuge nicht nur bei VW, sondern auch bei den anderen Herstellern als illegal einstufen müssen. Das wäre bei mutiger Auslegung der europäischen Abgasgesetzgebung möglich gewesen, und ein wirksamer Hebel, die Autoindustrie zu technischen Nachrüstungen zu zwingen.

Die Bürger sind zu Recht wütend

Doch Dobrindt und Scheuer wollten die Autoindustrie nicht zu hart rannehmen. Mit dem Resultat, dass die Stickoxid-Werte in den deutschen Innenstädten nicht so schnell sinken, um Fahrverbote zu verhindern. Die Bürger sind zu Recht wütend darüber, dass die Politik erst dabei versagt hat, die Einhaltung von Abgaswerten zu kontrollieren, und dann dabei, das Problem zu lösen.

Von diesem Versagen wollte Scheuer mit dem Lungenarzt aus dem Sauerland und seinen kruden Thesen ablenken. Jetzt müsste er erkennen, dass er auf den falschen Wissenschaftler gesetzt hat - zeigt sich aber nicht einsichtig, sondern lässt ausrichten, Köhlers Aufruf habe "einen Impuls zur Debatte" gesetzt. Dass es sich dabei um einen unsinnigen und schädlichen Impuls handelte, scheint Scheuer nicht zu stören.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine promovierte Physikerin, hätte das Treiben ihres Ministers schneller unterbinden müssen. Jetzt ist es ihre Pflicht, das schwelende Dieselproblem selbst zu lösen.

insgesamt 254 Beiträge
claus7447 15.02.2019
1. Leute, schützt nicht den Minister
Er und Vorgänger haben es versiebt. Er macht sich wie Dobrint zum willfährigen Instrument der Autoindustrie. Kein Rückgrat, vermutlich von Lobbyisten umzingelt die Politik des Geldes betrieben. Aber der deutsche Autofahrer [...]
Er und Vorgänger haben es versiebt. Er macht sich wie Dobrint zum willfährigen Instrument der Autoindustrie. Kein Rückgrat, vermutlich von Lobbyisten umzingelt die Politik des Geldes betrieben. Aber der deutsche Autofahrer hat Angst um sein heiliges Blechle. Klar ist es jetzt kalte Enteignung wenn Innenstädte gesperrt werden, das bestreiten ich nicht. Nur was würde seit Bekanntwerden der Daten gemacht. Nichts, nichts und wieder nichts. Aussitzen, verschieben, relativieren, dazu ist das Beispiel dieses lungenspezialisten ein gelungenes Beispiel. Möglichst Sand verschleudern, den Blick verschleiern und dann der bösen DUH die Schuld in die Schuhe schieben, nur weil die es gewagt hat Dinge ein zu fördern die der Staat beschlossen hat. Das wäre ja so, wie wenn ich eine privatpolizei Gründen muss um banküberfälle zu bearbeiten. Das Versagen liegt bei der Politik und die haben Namen CSU. Aber nebenbei, kann mir einer sagen, warum es weder in Frankreich noch Italien aufdrängte gibt wenn dort Fahrverbote an geraden und ungeraden Tagen erlassen werden. Sind wir nicht etwas Bluna?
doctiloquus 15.02.2019
2. Grenzwertige Folgefehler
Ich verstehe ja nicht viel von Grenzwerten und Folgefehlern, Herr Traufetter. Sie schreiben: "...Von diesem Versagen wollte Scheuer mit dem Lungenarzt aus dem Sauerland und seinen kruden Thesen ablenken. ...". Ich denke [...]
Ich verstehe ja nicht viel von Grenzwerten und Folgefehlern, Herr Traufetter. Sie schreiben: "...Von diesem Versagen wollte Scheuer mit dem Lungenarzt aus dem Sauerland und seinen kruden Thesen ablenken. ...". Ich denke nicht, dass das krude ist. Mag sein, dass hier handwerkliche Fehler gemacht wurden. Aber der Kern ist doch, dass hier stellvertretend und zurecht die völlig willkürlichen Daten (Tote, Grenzwerte, Trends, Vorhersagen, ...) infrage gestellt werden werden, die z.B. von Hr. Resch und Sinnesgenossen genutzt werden, um seinen Businesscase zu realisieren (Erinnerung: Resch ist HON, insofern schreibe ich ihm jegliches intrinsiches Interesse an Umwelt ab). Und obendrein werden damit große Teile einer Bevölkerung durch darauf basierende Gesetzgebung gegängelt.
mystyhax 15.02.2019
3.
Was mich an der ganzen Diskussion stört ist das man das ganze nicht versachlicht. Das grundübel sind die ideologisch geführten Disskussionen und die Fake News von beiden Seiten. Die Politik und einfach gestrickten springen dann [...]
Was mich an der ganzen Diskussion stört ist das man das ganze nicht versachlicht. Das grundübel sind die ideologisch geführten Disskussionen und die Fake News von beiden Seiten. Die Politik und einfach gestrickten springen dann darauf an. Gelten denn Fakten nix mehr? Es sollte doch ohne Probleme möglich sein auf wissenschaftlich basierten Fakten festzustellen ab wann ein Grenzwert schädlich ist oder für den Menschen tolerabel. Diese Grenze muss dann gezogen werden. Auch wenn es Zeit dauert. Diese Frage muss doch als erstes geklärt werden.
pragmatiker2017 15.02.2019
4.
Immerhin hat der Autor des Papiers seine Fehler eingestanden. Das eine geringere Belastung der Atemluft grundsätzlich zu begrüßen ist, dürfte auch niemand in Frage stellen. Die Gretchenfrage ist was eine weitere Senkung des [...]
Immerhin hat der Autor des Papiers seine Fehler eingestanden. Das eine geringere Belastung der Atemluft grundsätzlich zu begrüßen ist, dürfte auch niemand in Frage stellen. Die Gretchenfrage ist was eine weitere Senkung des NO2 - Anteils in der Praxis tatsächlich für Effekte hat. Diese Frage kann letztlich niemand seriös beantworten und dann gilt es abzuwägen, ob die Auswirkungen der aktuellen oder schärferer Grenzwerte in einem angemessenen Verhältnis zum eventuellen Nutzen stehen. Der Nutzen dürfte aber eher sehr gering sein, alleine deshalb weil im Prinzip niemand an einer NO2-Vergiftung stirbt. Sondern man z. B. nur die Anzahl der Lungenkranken erfassen kann. Die Ursachen dafür sind vielfältig und die Belastung der Atemluft mit NO2 ist wenn dann nur ein Grund, aber eben nicht zwingend der entscheidende. Die Lebenserwartung in Stuttgart und München (nach aktueller Lesart "stark NO2 belastet") liegt über dem Bundesdurchschnitt - das wäre dann in der geführten Debatte durchaus ein Argument für eine Lockerung der Grenzwerte.
lesheinen 15.02.2019
5.
Artikel 64 Abs. 2, 56 GG (Amtseid der Bundesminister) „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und [...]
Artikel 64 Abs. 2, 56 GG (Amtseid der Bundesminister) „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. (So wahr mir Gott helfe.)“ Scheuer versteht unter "Volk" die Autoindustrie, unter Volksgesundheit "Asthma, Lungenkrebs und sonstige Einschränkungen". Das nenne ich Verstoß gegen den Amtseid. Dieser Verstoß ist leider strafrechtlich nicht relevant, ihn zu begehen ist also nach gusto möglich und morgen vergessen. Diesen Professor Köhler würde ich am liebsten zum Steineklopfen auf Lebenszeit verurteilen. Vielleicht hilft ihm diese Erfahrung, mit seinen Äußerungen weniger Wind zu machen.
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