Mobilität

Cargobike Muli

Halb Esel, halb Rad

Lastenräder sind sperrig und schwer zu fahren? Nicht so das kleine, kräftige Muli. Problematisch wird es nur, wenn die Ladung in Bewegung gerät.

Stefan Weißenborn
Von
Montag, 01.04.2019   04:18 Uhr

Der erste Eindruck: "Das ist ja mal ein schönes Rad!" Eine Frau steht am Gartenzaun und erfreut sich an der Last, die auf der Straße vorbeirollt: zwei Kinder, die tief im Gepäckkorb des Mulis versunken sind. Nur Helme und gut gelaunte Gesichter sind zu sehen. Und der Vater strampelt fröhlich.

Das sagt der Hersteller: "Das Nervige ist: Sie müssen an jeder Ampel einen kleinen Vortrag halten", sagt Felix Schön von Muli Cycles in Driedorf-Mademühlen. Will heißen: Mit dem Lastenrad fällt man nicht nur auf, sondern wird von Passanten auch häufig darauf angesprochen. Aber der Lastesel hat ja auch seine Besonderheiten.

Fotostrecke

Fotostrecke: Lust an der Last - das Cargobike Muli

Dazu zählt zum einen seine Kompaktheit. Die Entwickler wollten das Rad auf eine Gesamtlänge von unter zwei Metern bringen, um es wendiger zu machen. Denn agil und flink waren Lastenräder bisher meist nicht. Lastenrad kommt von Last, das Fahren ist beschwerlich. Um das Rad zu optimieren, montierte Muli vorn ein kleines 16-Zoll-Rad und schob ansonsten alles ein bisschen zusammen. Schließlich landete man bei 1,95 Metern Gesamtlänge. Damit ist es vielerorts möglich, das Rad in der Bahn mitzunehmen. Nicht so bei anderen Lastenrädern, die meist um die 2,50 Meter lang sind.

Als Alleinstellungsmerkmal nennt Schön auch den Kindersitz, ein 280 Euro teures, in Deutschland handgefertigtes Luxusextra. Dafür sitzt der Nachwuchs stoßgedämpft. Zwei Kinder bis zum empfohlenen Alter von fünf Jahren haben nebeneinander Platz. Die Sitzfläche wird mit Gummibändern an zwei Ösen aufgehängt und federt mit, wenn es mal über Stock und Stein geht. Eine Montage in und gegen die Fahrtrichtung ist möglich.

Haupteinsatzgebiet von Lastenrädern sind Städte und damit befestigte Wege. "Das Muli ist für jeden gemacht, der seinen Alltag bewältigen will und aufs Auto verzichten kann oder muss, weil er sich keins leisten kann", sagt Schön. "Kinder in den Kindergarten bringen, Einkäufe erledigen oder beides zusammen" - all das meistere das Cargobike. Wenn der Lastenkorb in Längsrichtung eingeklappt ist, schrumpft das Muli auf normale Fahrradbreite. Ein Rucksack oder eine Einkaufstüte passt aber auch dann noch in den Korb.

Das ist uns aufgefallen: Wendiger und kompakter ist das Muli - aber: Der Vergleich gilt in Bezug auf andere Lastenräder. Wer zum ersten Mal mit so einem Schlepper unterwegs ist, muss sich an ihn gewöhnen. Etwas eigenartig fühlt sich das Fahren zunächst an, weil man das Vorderrad beim Lenken hinter dem Lastenkorb kaum sieht. Um nicht in Schlangenlinien zu geraten, sind feinfühlige Lenkbewegungen notwendig. Doch ein paar Proberunden helfen merklich.

Mit ein paar Kilo Ladung auf dem kleinen Rahmen liegt das Muli schön satt auf der Straße. Wichtig ist aber, vorausschauend zu fahren. Hektische Lenkbewegungen mag das Muli ebenso wenig wie Bordsteinkanten. Diese führen mitunter dazu, dass der Fahrer abspringen muss, um die Fuhre zu stabilisieren. Besser, man umfährt solche Hindernisse - denn das Muli lässt sich nicht einfach mal während der Fahrt vorn hochreißen.

Noch etwas komplizierter wird es, wenn die Ladung lebendig ist und nicht stillhält: Mit Kindern kann es herausfordernd werden, den Karren auf Kurs zu halten. Schwierig wird es auch, wenn es stürmt. Trotz der Löcher in den Wänden ist der Lastenkorb etwas windanfällig. Zudem kommt das Muli - anders als sein behufter Namenspate - mit lockerem Grund nicht zurecht. Auf Sand stellt sich das Vorderrad schnell quer.

Das muss man wissen: Das Muli lässt sich mit maximal 170 Kilogramm bepacken - Fahrer inklusive. Der Korb ist für bis zu 70 Kilo ausgelegt, was im Alltag in den allermeisten Fällen völlig ausreicht. So können zwei Getränkekisten locker mitfahren, und für eine Sporttasche oder einen Rucksack ist auch noch Platz. In Kürze soll zusätzlich ein Gepäckträger für hinten als Extra verfügbar sein - wer mit dem Muli auf Reisen gehen will, kann sich freuen. Wer mal schneller unterwegs sein möchte, tauscht gegen Aufpreis die achtgängige Alfine-Nabenschaltung gegen die 11-Gang-Variante mit höherer Übersetzungsbandbreite aus.

Wer im Hügelland wohnt, wird womöglich für den E-Antrieb optieren, der 1400 Euro Aufpreis kostet (Pendix-Mittelmotor, 300 Wh-Akku). Der wartungsarme und zugfeste Carbonriemen statt Kette als Antrieb ist für 300 Euro mehr an Bord, auch ein Nabendynamo kostet extra. 120 Euro zahlt man in Verbindung mit einer Beleuchtung von Busch & Müller. Wichtiger vielleicht: Das Regenverdeck für 319 Euro, damit die Ware nicht einweicht und kein Kind mault.

Ratgeber Rad

Mit 2540 Euro für die nicht elektrifizierte Einstiegsversion sieht sich der Hersteller beim Gesamtpreis im Mittelfeld - günstiger sind zum Beispiel Bakfiets-Cargobikes, solche von Larry vs. Harry oder das Gazelle Cabby. Teurer sind viele Riese & Müller-Modelle. Marketing-Mitarbeiter Schön betont, dass das Muli in Deutschland gefertigt wird, selbst der Rahmen wird hierzulande geschweißt.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Die Lust an der Last. Das Muli motiviert, die ein oder andere Postsendung im Pick-up-Store selbst abzuholen, wo man sich sonst immer über die Zusteller geärgert hat.

insgesamt 7 Beiträge
three-horses 01.04.2019
1. Wahnsinn aber zwei Räder.
4200 mit einem Kindersitz. Immerhin für 2 Kinder. Etwas abwegig der Preis. So teuer muss die Klima Rettung auch wieder nicht sein.
4200 mit einem Kindersitz. Immerhin für 2 Kinder. Etwas abwegig der Preis. So teuer muss die Klima Rettung auch wieder nicht sein.
dbeck90 01.04.2019
2. wow
soviel wie die Elektrifizierung bei dem Teil kostet (so wie es aussieht nichtmal mit Mittelmotor), hat mich mein gesamtes E-Mountainbike gekostet. Und dabei war ein 500W/h Li-NMC Akku (neueste Generation) verbaut. Es wäre [...]
soviel wie die Elektrifizierung bei dem Teil kostet (so wie es aussieht nichtmal mit Mittelmotor), hat mich mein gesamtes E-Mountainbike gekostet. Und dabei war ein 500W/h Li-NMC Akku (neueste Generation) verbaut. Es wäre wirklich toll, wenn man mal ein preislich attraktives Lastenrad auf Spon präsentiert bekommen würde. bei nem E-Lastenrad mit winzigem Akku für knapp 4.000€ vom preislichen Mittelfeld zu sprechen, ist schon etwas frech.
Bellagio 01.04.2019
3. Cargo- Bike oder Cargo- Kult
Wofür bitte fast 4000 Euro? Ein ordentliches E- Bike plus ein guter Anhänger für Kind oder Kegel kostet nicht mal die Hälfte. Wozu sollte man überhaupt vorne die Last transportieren? Das lenkt sich doch total bescheiden
Wofür bitte fast 4000 Euro? Ein ordentliches E- Bike plus ein guter Anhänger für Kind oder Kegel kostet nicht mal die Hälfte. Wozu sollte man überhaupt vorne die Last transportieren? Das lenkt sich doch total bescheiden
ede_hac 01.04.2019
4. Und wo parke ich so ein Gefährt über Nacht?
Wieder so ein Gefährt für sehr gut verdienende Eigenheimbesitzer? Wie ist eigentlich im Miet- und/oder Baurecht das Abstellen von Fährrädern geregelt? Kann mich nicht erinnern jeweils was darüber in der Presse gelesen zu [...]
Wieder so ein Gefährt für sehr gut verdienende Eigenheimbesitzer? Wie ist eigentlich im Miet- und/oder Baurecht das Abstellen von Fährrädern geregelt? Kann mich nicht erinnern jeweils was darüber in der Presse gelesen zu haben!?
matimax 01.04.2019
5. Für den Transport des Wocheneinkaufs - aber ohne Fruchtzwerge
Auf sandigem, also rutschigem Untergrund stellt sich das kleine Vorderrad schnell quer. Für den Transport der kleinen Fruchtzwerge in die Kita oder sonst-wohin ist das für mich ein Ausschlusskriterium: viel zu gefährlich. [...]
Auf sandigem, also rutschigem Untergrund stellt sich das kleine Vorderrad schnell quer. Für den Transport der kleinen Fruchtzwerge in die Kita oder sonst-wohin ist das für mich ein Ausschlusskriterium: viel zu gefährlich. Ansonsten ist der horrende Preis im Marketingsprech etwas für die "early adopters", bei denen das Haben-Wollen im Vordergrund steht und es nicht auf ein paar tausend Euro mehr oder weniger ankommt. Es braucht wohl noch ein paar Lastrad-Produktgenerationen, bevor die Preise entschieden niedriger und damit massenkompatibel sind. Hoffentlich erhöht sich auch die Sicherheit beim Fahren. Erhöhte Sturzgefaht mit Kindern vorne im Körbchen sind ein zu hoher Preis für mehr Klimaschutz und weniger Autoverkehr in den Innenstädten.

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