Mobilität
Radel verpflichtet

Sattelkauf beim Fahrrad

Diese Entscheidung muss sitzen

Der Ledersattel an meinem Stadtfahrrad ist kaputt. Das Leder ist brüchig, vorne ist eine Niete ausgerissen. Ersatz muss her - doch welcher Sattel ist der richtige für mich?

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Beim Kauf eines Sattels gibt es einige Grundregeln, die man beachten sollte

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Samstag, 19.10.2019   09:26 Uhr

Kein Fahrradteil ist so wichtig wie der Sattel. Lenker, Pedale, Schaltung - bei allen lässt sich mit Kompromissen leben. Aber nichts kann einem die Freude am Fahrradfahren so verleiden wie ein wundgescheuerter Oberschenkel oder schmerzende Pobacken.

Leider sind auch bei keinem Fahrradteil die Vorlieben so individuell wie beim Sattel. Objektive Kaufkriterien sind rar, Satteltests nutzen in der Regel wenig. Sie können allenfalls einen Anhaltspunkt dafür liefern, wie haltbar ein Sattel ist.

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Ich habe mir vor einigen Jahren einen Sattel von SQ Lab-gekauft, der auf meine Gesäßbreite abgestimmt war und hinten zwei Höcker hat, die den Dammbereich entlasten sollten. Der Sattel hatte in Tests super abgeschnitten, es konnte eigentlich nichts schiefgehen. Dachte ich. Ich habe den Sattel drei Monate lang gefahren, dann habe ich ihn wieder verkauft. Er schmerzte zu sehr.

Ein paar Grundregeln gibt es schon

Sättel sind also eine sehr persönliche Sache. Trotzdem gibt es einige Grundregeln, die man beachten sollte. Die wichtigste lautet: je gebeugter die Haltung, desto schmaler sollte der Sattel sein. Breite Sättel sind okay, wenn man aufrecht fährt, der Hintern braucht dann Auflagefläche. Bei Rennrädern kommt es vor allem darauf an, dass die Sattelnase schmal ist, sonst reibt der Sattel an den Oberschenkeln. Das kann übel enden.

Die erste Frage, die sich beim Sattelkauf stellt, ist: Leder oder Kunststoff?

Ich finde nichts bequemer als einen eingefahren Ledersattel. Auf meinem Rennrad, mit dem ich Touren von 200 Kilometer und mehr unternehme, habe ich einen Brooks B15 Swallow mit Titangestell montiert. Ein sehr teurer Sattel, aber der komfortabelste, den ich je gefahren bin. Es ist kein Zufall, dass bei Langstreckenfahrten wie der über 1200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück überdurchschnittlich viele Ledersättel zu sehen sind.

Ledersättel sind teuer

Leider haben Ledersättel eine Reihe von Nachteilen: Sie kosten viel Geld. Dafür halten sie länger als die meisten Kunststoffsättel. Vorausgesetzt - und das ist der zweite Nachteil - sie werden gut gepflegt. Einen Ledersattel muss man hin und wieder einfetten, er muss nachgespannt werden, und man sollte ihn vor Nässe schützen. Das kann auf Dauer nerven.

Außerdem muss man einen Ledersattel einfahren. Anfangs sind die meisten Ledersättel bretthart, aber mit der Zeit passen sie sich der individuellen Kontur des Fahrers an. Das kann 500 bis 600 Kilometer oder mehr dauern. Dass der Sattel sich dann angenehm fährt, ist keineswegs sicher. Wer einen Ledersattel kauft, geht also immer auch ein Risiko ein.

Lange Zeit gab es für Ledersättel nur den Marktführer Brooks in Deutschland. Mittlerweile bekommt man zumindest in Großstädten auch die französische Marke Gilles Berthoud, deren Sättel meiner Erfahrung nach robuster und mindestens ebenso bequem sind. Puristen stoßen sich an dem Kunststoffrahmen, an dem das Leder befestigt ist. Mich stört er nicht. Im Gegensatz zu Brooks sind Berthoud-Sättel verschraubt, nicht vernietet. Das macht es kinderleicht, eine neue Satteldecke zu montieren, wenn die alte durch ist. Mein Berthoud-Sattel ist mir leider gestohlen worden. Ein neuer war mir seinerzeit zu teuer.

Neuen Sattel probefahren

Wem Leder nicht gefällt oder zu teuer ist, der greift zu Plastik oder anderen synthetischen Materialien. Sättel aus Kunststoff müssen nicht gepflegt werden und sie haben gegenüber Ledersätteln einen weiteren Vorteil: Man kann sie bei guten Händlern Probefahren. Dieses Angebot sollte man nutzen und nicht nur bei einer Runde um den Block. Dann aber auch bitte den Sattel bei dem Händler kaufen und nicht 10 Euro günstiger im Internet bestellen.

Anders als Ledersättel brauchen Kunststoffsättel eine Polsterung. Dabei gilt die zunächst paradox klingende Faustregel: Je länger die Tour, desto härter sollte der Sattel sein. Superweiche Sättel sind für die Stadt in Ordnung. Auf langen Fahrten sinkt der Körper aber bei weichen Sätteln zu sehr ein. Das verursacht unangenehme Druckstellen in genau den Bereichen, die eigentlich geschützt werden sollen.

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Auch bei Kunststoffsätteln haben sich im Laufe der Zeit einige klassische Formen durchgesetzt. Welche einem persönlich am besten liegt, muss man ausprobieren. In den letzten Jahren ist eine Variante auf dem Vormarsch, die man früher eher selten gesehen hat: In der Mitte des Sattels ist eine längliche Aussparung, ein breiter Schlitz. Diese Leerstelle soll den Dammbereich entlasten, auf dem sich bei längeren Fahrten unangenehmer Druck aufbauen kann. Bei mir funktioniert das leider nicht, im Gegenteil. Sättel mit Schlitz zwicken bei mir an Stellen, an denen ich das nicht so gerne habe. Aber wie gesagt, die Vorlieben sind hier sehr individuell.

Auch die Optik spielt eine Rolle

Ein Wort des Trosts an alle, die auch nach Jahren noch auf der Suche nach dem perfekten Sattel sind: Ich habe ihn auch noch nicht gefunden. Ich lese immer voller Neid (und auch ein wenig ungläubig) die Schilderung von Radfahrern, die auch nach 20 Stunden im Sattel keine Beschwerden haben. Das kenne ich nicht. Spätestens nach fünf oder sechs Stunden spüre ich Druck an irgendeiner Stelle. So lange er nicht so groß wird, dass er mir den Spaß verleidet, bin ich zufrieden.

Ich habe mich schließlich für einen Brooks Cambium C17 entschieden, einen Sattel aus Kautschuk mit Nylonüberzeug. Für die Stadt reicht der Komfort allemal, und ich muss mich nicht die Pflege kümmern. Er sieht fast so hübsch wie mein alter Ledersattel. Das ist von allen Aspekten, die man beim Sattelkauf beachten sollte, nicht der unwichtigste.

insgesamt 65 Beiträge
qoderrat 19.10.2019
1.
So ein Ledersattel ist so ein typisches Schicki-Micki Beiwerk was einem Alltagsfahrer relativ zügig auf die Nerven gehen wird. Spätestens wenn man das Rad bei Regen einmal ohne Überdachung abgestellt hat, dann ist das ein [...]
So ein Ledersattel ist so ein typisches Schicki-Micki Beiwerk was einem Alltagsfahrer relativ zügig auf die Nerven gehen wird. Spätestens wenn man das Rad bei Regen einmal ohne Überdachung abgestellt hat, dann ist das ein herrliches Gefühl auf den klatschnassen Sattel zu sitzen und nach 2 Minuten spürt man dann wie die Nässe durch die Hose in den Schritt wandert. Ein wirklich tolles Gefühl. Und ja, der war eingefettet und trotzdem nass. Ich hab das Ding nach 2 Wochen auf Ebay vertickt, zum Glück hat mich das nur 50Euro Lehrgeld gekostet. Aktuell fahre ich seit etwa 2 Jahren einen schmalen Aldi-Gelsattel, den hatte ich mir eigentlich nur für den Notfall gekauft, einwandfrei, komfortabel und bisher auch keine nennenswerten Verschleisserscheinungen, obwohl ich mit 6-7tkm im Jahr schon mehr als der Durchschnittsfahrer unterwegs bin. Würde ich mir sofort wieder kaufen.
herjemine 19.10.2019
2.
Eigentlich wird den Brooks- resp. Ledersätteln nachgesagt, dass sie einige 100 Kilometer eingefahren werden müssen. Mittlerweile denke ich, der Hintern muss auf Brooks eingefahren werden. Ich hatte ca 10 Jahre einen Brooks. [...]
Eigentlich wird den Brooks- resp. Ledersätteln nachgesagt, dass sie einige 100 Kilometer eingefahren werden müssen. Mittlerweile denke ich, der Hintern muss auf Brooks eingefahren werden. Ich hatte ca 10 Jahre einen Brooks. Danach 20 Jahre allerlei, aber sicher keine Marke. Als ich mir dann vor zwei Jahren wieder einen Brooks kaufte dachte ich: das wird jetzt erstmal (einige hundert Kilometer eben) weh tun. Aber: nix da. Vom ersten Tag ein superentspanntes Sattelgefühl. Meine (persönliche!) Schlussfolgerung: da wurde also damals mein Hintern auf Brooks, nicht Brooks auf meinen Hintern eingefahren...
Papazaca 19.10.2019
3.
Problem Sattel? Stimmt! ich fahre seit Jahren den Flite von Selle Italia. Ist jetzt kein Leder-Brooks, aber für mich ok. Grundsätzlich gilt aber für mich: Je weniger ich fahre, desto mehr tut mein Allerwertester weh. Ansonsten [...]
Problem Sattel? Stimmt! ich fahre seit Jahren den Flite von Selle Italia. Ist jetzt kein Leder-Brooks, aber für mich ok. Grundsätzlich gilt aber für mich: Je weniger ich fahre, desto mehr tut mein Allerwertester weh. Ansonsten habe ich das Problem im Griff, mehr oder weniger.
HH1960 19.10.2019
4.
Auf dem Upright ist für mich ein gut eingefahrener Ledersattel immer noch das Beste. Einmal im Jahr etwas nachfetten ist kein so großer Aufwand. Den Sattel spannen mache ich nur ungern. Es gibt aber noch eine viel bessere [...]
Auf dem Upright ist für mich ein gut eingefahrener Ledersattel immer noch das Beste. Einmal im Jahr etwas nachfetten ist kein so großer Aufwand. Den Sattel spannen mache ich nur ungern. Es gibt aber noch eine viel bessere Alternative und das sind Liegeräder. Bequemer als auf einem Liegerad kann man nicht unterwegs sein.
solna 19.10.2019
5. Probieren geht über studieren
Auch ich fahre gerne Ledersattel, schlage aber allen vor, die das noch nie probiert haben, erst einmal ein gebrauchtes Exemplar zu kaufen, auch wenn es schrecklich ausschauen sollte, weil sich die Satteldecke eventuell durch [...]
Auch ich fahre gerne Ledersattel, schlage aber allen vor, die das noch nie probiert haben, erst einmal ein gebrauchtes Exemplar zu kaufen, auch wenn es schrecklich ausschauen sollte, weil sich die Satteldecke eventuell durch Regenwasser nach oben gewölbt hat. Im Internet gibt es zahlreiche Anleitungen wie man nach einem Wasserbad die Satteldecke wieder in Form bekommt, sie dann richtig fettet, und schließlich einen quasi neuwertigen Sattel hat, der wieder neu eingeritten werden kann. So werden aus 100 € erträgliche 25 €, denn so günstig kommt man auf dem Flohmarkt zu einem Brooks oder Ideale. Schlechte Ergebnisse sind meist bei pseudowissenschaftlichen Sattelprodukten zu erwarten; glauben Sie nicht an die Vermessungstechnik, schenken Sie Ihr Vertrauen nicht irgendwelchen pseudoorthopädischen Thesen. Die meisten Sattelhersteller wären finanziell gar nicht in der Lage, eine medizinisch tragbare Langzeit-Studie mit einem genügend großen Sample von, sagen wir, 4000 Teilnehmern zu finanzieren. Also findet sich in den Anzeigen meistens Marketing-Talk, der scheinwissenschaftlich verbrämt wird. Da die werbeabhängige Fahrradpresse Derartiges gerne weiterverbreitet, fallen viele darauf leider herein. Und schließlich: Geben Sie niemals auf, sollte nicht gerade ein extremes Missverhältnis zwischen ihrer Anatomie und der Form des Sattels existieren, so passt sich am Ende entweder ihr Gesäß (Muskulatur) an oder aber der Sattel.

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