Mobilität

Weltpremiere VW ID3

Strom ist die Hoffnung

IAA-Tradition: Am Vorabend der Messe präsentiert VW Autos für eine glanzvolle, grüne Zukunft. Dann verschwinden die gezeigten Studien in der Versenkung. Nun soll es endlich klappen - mit dem ersten Volks-Stromer, dem ID3.

Foto: Silas Stein/ DPA
Aus Frankfurt berichtet
Dienstag, 10.09.2019   09:45 Uhr

Anders als geplant fielen die Vorhänge nicht; anders als geplant leuchteten die Lichtlein an den Armbändern der Weltpremieren-Gäste nicht; und anders als geplant geriet der erste Teil der VW-Show in Halle 3 auf dem Messegelände in Frankfurt arg langatmig. Als jedoch Herbert Diess, der Chef des Volkswagen-Konzerns, zum neuen Elektroauto ID3 auf die Bühne kam, war auf einmal alles wie immer: Superlative, Versprechen, markige Worte.

"Wir werden bis 2028 fast 70 neue Elektroautos auf den Markt bringen", kündigte Diess an, und rechnete vor, dass das "in Summe bis dahin 22 Millionen Elektroautos" des Konzerns bedeute. Dass VW forsch voranfährt in Richtung Zukunft, ist inzwischen ein IAA-Evergreen. Bislang verkündeten die Wolfsburger alle zwei Jahre wieder die Vision einer sauberen Mobilität, um dann unmittelbar nach der Messe genauso weiterzumachen wie eh und je.

Leere Versprechen vom Fließband

Vor zehn Jahren, bei der IAA 2009, stellte VW den Hybrid-Zweisitzer L1 ins Rampenlicht - er wurde nie wiedergesehen. 2011 hatte VW herausgefunden, dass die meisten Autos völlig überdimensioniert sind, und ließ das Minimalauto Nils beklatschen - es verschwand in der Versenkung. 2013 fuhren mit E-Golf, E-Up und E-Load gleich drei Elektromobile auf die IAA-Bühne - weitgehend folgenlos.

2015 wurde das Spektakel mit den leicht modifizierten Typen E-Load-Up, E-Up und E-Golf wiederholt und der damalige Konzernchef Martin Winterkorn kündigte "zwanzig E- oder Plug-in-Hybridmodelle bis 2020" an. Dann wurde der Dieselskandal bekannt, Winterkorn und seine Pläne waren Geschichte. 2017, bei der bisher letzten IAA, stellte VW die Elektro-Studien ID Crozz und ID Buzz vor. Konzernchef Matthias Müller kündigte 50 rein elektrische Fahrzeuge bis 2025 an. Jetzt, 2019, sind Herbert Dies und der ID3 an der Reihe.

Der jetzt vorgestellte ID3 soll nun wirklich auf den Markt kommen. "Die Auslieferung des ID3 startet in Deutschland Mitte 2020", heißt es, die Produktion im frisch umgerüsteten Werk Zwickau soll im November beginnen. Schon jetzt rücken die VW-Strategen den ID3 "in eine Reihe mit den Automobilikonen Käfer und Golf". Das Auto ist das erste, das auf dem modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) basiert. Die Plattform, verkündet VW, folge "einer der beeindruckendsten Formen der Natur: der Honigwabe". Die sei "superleicht, äußerst stabil und absolut nachhaltig". So soll auch der ID3 wahrgenommen werden.

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IAA-Premiere: Elektrischer Volkswagen

Die wichtigsten technischen Details des elektrischen Volkswagens: An der Hinterachse sitzen ein 150 kW (204 PS) starker Elektromotor, das Eingang-Getriebe und die Leistungselektronik. Der Lithium-Ionen-Akku ist im Unterboden verbaut. Zunächst wird es den Wagen mit einer Batterie mit 58 kWh Speicherkapazität geben, die eine Reichweite von bis zu 420 Kilometern ermöglicht; später sollen ein kleinerer (45 kWh, 330 km) und ein größerer Akku (77 kWh, 550 km) das Angebot ergänzen. Der ID3 mit dem kleinen Akku soll in der Basisversion knapp unter 30.000 Euro kosten - alle anderen Varianten sind teurer. VW gibt eine Garantie von acht Jahren oder 160.000 Kilometer Laufleistung auf den Akku - je nachdem, was zuerst erreicht wird.

Der VW ID3 wirkt auf den ersten Blick tatsächlich sympathisch. VW-Marketing-Chef Jochen Sengpiehl sagt, dies solle auf die ganze Marke abstrahlen, die insgesamt "empathischer, freundlicher, menschlicher werden soll". Äußeres Zeichen dieser Neuorientierung soll das neue VW-Logo sein, das nicht mehr als chromglänzendes, selbstbewusstes Relief daherkommt, sondern bescheiden zweidimensional.

Dass in Wolfsburg ein neues Denken einzieht, deutete auch Diess in seiner Rede mehrfach an. Es gebe für die Umwelt keine Alternative, als auf Elektromobilität umzustellen, sagte er. Allein die Fahrzeuge des VW-Konzerns seien schließlich für ein Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Das soll in Zukunft anders werden - allerdings nicht, indem einfach weniger Autos gebaut und verkauft werden. Im Gegenteil: "Ich spreche mit Leuten, die sagen, es sollten sehr viel weniger oder gar keine Autos mehr neu auf die Straßen kommen", sagte er. "Für uns ist diese Diskussion wichtig, trotzdem sind wir anderer Meinung."

Die lautet, kurz zusammengefasst, so: Mit Elektroautos wie dem ID3, dem ersten "bilanziell CO2-neutralen Fahrzeug der Welt", wie Diess es nennt, könne man Klimaschutz und individuelle Mobilität unter einen Hut bringen. Es brauche dafür allerdings unter anderem sauberen Strom. Diess fordert daher: "Kohlekraftwerke abschalten" und "die Kfz-Besteuerung überdenken". Denn elektrisch zu fahren, das müsse sich für die Bürger lohnen. Das klingt dann doch wieder nach Weiter-so - nur eben mit Ladebuchse statt Einfüllstutzen.

insgesamt 226 Beiträge
Fürstenwalder 10.09.2019
1. Das liest sich..
.. als wenn bei VW jeder mal schwafeln darf.. Um langfristig Erfolg zu haben, sollte VW gleichzeitig in ein Ladestellennetz investieren. Quasi an jede Laterne eine Steckdose basteln lassen.
.. als wenn bei VW jeder mal schwafeln darf.. Um langfristig Erfolg zu haben, sollte VW gleichzeitig in ein Ladestellennetz investieren. Quasi an jede Laterne eine Steckdose basteln lassen.
naklar261 10.09.2019
2. Interessant
Ist der id3 schon. Allerdings sind die Diesellügen noch nicht vergessen. Noch nicht ganz...
Ist der id3 schon. Allerdings sind die Diesellügen noch nicht vergessen. Noch nicht ganz...
Tante_Frieda 10.09.2019
3. Hübsches Wägelchen
Auch wenn die Dauernörgler jetzt wieder aus der Deckung kommen werden:Der VW-Stromer ist ein hübsch anzusehendes Wägelchen.Er kann - und soll - seine optische Verwandtschaft mit dem Erfolgsmodell "Golf" nicht verleugnen und [...]
Auch wenn die Dauernörgler jetzt wieder aus der Deckung kommen werden:Der VW-Stromer ist ein hübsch anzusehendes Wägelchen.Er kann - und soll - seine optische Verwandtschaft mit dem Erfolgsmodell "Golf" nicht verleugnen und dürfte ein Renner werden,wären da nicht zwei Einschränkungen:Zum einen die nach wie vor ungenügende Ladeinfrastruktur hierzulande,wofür allerdings Volkswagen nicht verantwortlich ist.Verantwortlich ist VW allerdings für den happigen Preis,der für den feschen Stromer bezahlt werden muss.Dieser Preis könnte den möglichen Erfolg kräftig abbremsen,fürchte ich.Volkswagen bedient schließlich eine andere Einkommensklientel als etwa BMW oder Daimler-Benz.
gipfel 10.09.2019
4.
Wieso klingt das nach "weiter so"? Diess hat schon Recht, was nutzten uns die ganzen Elektroautos, wenn der Strom mit dem sie betrieben und produziert werden aus Kohlekraft stammt? Bei der Reichweite ist man aktuell beim [...]
Wieso klingt das nach "weiter so"? Diess hat schon Recht, was nutzten uns die ganzen Elektroautos, wenn der Strom mit dem sie betrieben und produziert werden aus Kohlekraft stammt? Bei der Reichweite ist man aktuell beim technisch möglichen angekommen und mit der Kfz Steuer hat er auch recht. Irgendwo müssen die Anreize geschaffen werden, immerhin ein Vorschlag. Bisher der konstruktivste Beitrag aus dem Hause VW.
briefzentrum 10.09.2019
5. Plaste und Elaste aus Zwickau
Ich nehme an, das abgebildete Fahrzeug gehört zum Modell ID3 First Edition. Das wären dann Minimum 40.000€. Über die Fahreigenschaften und die tatsächliche Reichweite in einem Land, in dem 6 Monate Winter ist, wird man erst [...]
Ich nehme an, das abgebildete Fahrzeug gehört zum Modell ID3 First Edition. Das wären dann Minimum 40.000€. Über die Fahreigenschaften und die tatsächliche Reichweite in einem Land, in dem 6 Monate Winter ist, wird man erst noch lesen müssen. Aber der optische Eindruck ist keine Erweckung. Der Innenraum, wirkt wie bei einem 12.000 € Kleinwagen. Hartplastik bis zur Windschutzscheibe. Sitze wie im C2. Ist das der Deal? 40.000€ Für einen Elektroantrieb. Dafür nimmt man in Kauf, dass die gesamte Ausstattung auf Billigniveau getrimmt ist? Von den pfiffigen Designelementen der ID-Studie und Prototypen bleibt jetzt nur die Anmutung eines Opel-Astra? Wir müssen nächstes Jahr unseren Golf VI ersetzen. Ich warte erst mal den Golf 8 ab und die Gelegenheit, beide Modelle selbst zu vergleichen.

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