Mobilität

Ice Full-Fat-E-Trike

Fettes Dreirad unter Strom

Das Ice Full-Fat-E-Trike zieht Blicke auf sich wie ein italienischer Sportwagen. Dabei ähnelt es eher einem Unimog. Sand, Steine, Wurzeln - kein Problem. Doch Fahrer sollten sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen.

Stefan Weißenborn
Von
Montag, 29.07.2019   05:09 Uhr

Der erste Eindruck: Kann ich auch mal? Kaum haben wir Platz genommen auf dem bequemen Sitz, sollen wir wieder aufstehen und andere fahren lassen. Die Außenwirkung des Fat-Trikes ist drastisch.

Das sagt der Hersteller: Mit dem Full-Fat-E-Trike hat der britische Dreiradhersteller Ice nach eigenen Angaben das weltweit erste gefederte Fat-Trike im Programm. An sich keine Kunst: Die Konkurrenz ist rar, Interessenten werden gerade noch beim tschechischen Mitstreiter Azub fündig.

Für wen soll so ein Trike eigentlich sein? Während in Händlerkreisen schon mal das Wort "Freak" fällt, sagt es Chris Parker, einer der beiden Ice-Inhaber und Entwickler, so: Das Fat-Trike sei "für jeden, der mit einem großen Grinsen im Gesicht überall hinwill".

Am Liegerad sind grobstollige 26-Zoll-Reifen aufgezogen, zwölf Zentimeter breit - Motorradniveau. So soll sich das Fat-Trike problemlos durch Sand wühlen, Geröllpisten und schlammige Passagen meistern, Bordsteine und sogar Treppenstufen erklettern.

Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte des Rades. Ice rüstete 2013 die britische Extremsportlerin Maria Leijerstam mit dem Polar Trike aus. Damit radelte sie mehr als 650 Kilometer durch Eis und Schnee und erreichte nach zehn Tagen als erster Mensch den Südpol mit einem Fahrrad. Daraufhin legte Ice eine Serienfassung auf Basis des Polar Trike auf.

Die Kaufversion verfügt über eine Dämpfung am Hinterbau, die laut Ice Kraft und Komfort steigert. Versprochen werden zehn Zentimeter Federweg - für eine Federung aus Elastomer-Kunststoff eine ganze Menge. Je nach Gewicht von Fahrer und Gepäck sind drei verschiedene Härten verfügbar; der Austausch der Federelemente sei eine Sache von Sekunden.

Das Dreirad ist auch ein Faltrad. Eine Minute soll es dauern, es zusammenzulegen, so der Hersteller. So lässt es sich bequem zu allen erdenklichen Einsatzorten transportieren.

Fotostrecke

Ice Full Fat: Schweben über Stock und Stein

Das ist uns aufgefallen: Wer mit dem Trike losradelt, bekommt viel zu hören: "Machste bei 'Star Wars' mit?", "Ist das selbst gebaut?" Auf einer kurzen Strecke sehen wir einen Postboten, dessen Augen fast hervorquellen. Senioren bleiben stehen und recken die Hälse. Im Wald ein Jogger: "Was haste denn da für 'ne Monsterkarre?"

Doch das Trike ist kein Blender. Für andere Fahrräder mag es eine Übertreibung sein, dass sie "komfortabel" über Stock und Stein kommen. Auf dem Fat-Trike spüren wir Wurzelwerk und Schlaglöcher tatsächlich kaum. Auf Sandwegen dreht das Hinterrad mal leicht durch, aber auf unseren Testfahrten niemals frei - obwohl der Shimano-Pedelecs-Motor Steps E8000 mit bis zu 70 Newtonmetern (Nm) genug Kraft dafür hätte. Alternativ gibt es einen Motor mit 60 Nm.

Wer allerdings Kurven eng zirkelt, stößt mit dem Lenker an die Reifen - was vor allem mit Breitreifen den Wendekreis schmälert. Mehr Bewegungsfreiheit erhält, wer den Lenker verstellt, der zwischen den Vorderrädern angebracht ist.

Auch beim Zusammenklappen des Trikes sind die fetten Pneus im Weg. Der Hinterbau lässt sich nicht wie vorgesehen ganz zwischen die Vorderräder legen. Kleinere Räder wären die praktischere Lösung. Soll das Trike platzsparend verstaut werden, empfiehlt es sich ohnehin, die Vorderräder zu demontieren.

Das muss man wissen: Das Ice-Trike bietet auf Radtouren viel Komfort. Zumal jede Menge Gepäck befestigt werden kann. Hinten fahren am Gepäckträger Radtaschen mit, an der Kopfstütze finden gängige Satteltaschen Platz.

Doch zum Mountainbike-Ersatz taugt das Trike nur bedingt. Zum einen müssen Trails und Wege mindestens so breit sein wie die vordere Spurbreite plus Reifen - das sind immerhin 97 Zentimeter. Geht es zu steil bergauf, neigt das Testexemplar dann doch dazu, mit dem Hinterrad Grip zu verlieren.

Im bequemen Sitz lässt sich der Oberkörper kaum mobilisieren, um den Druck aufs Antriebsrad zu erhöhen. Dazu ist es zu weit hinten. Doch so wie es aussieht, schreit das Trike danach, hart rangenommen zu werden. Das birgt eine Gefahr. Denn wer die Bremshebel zu heftig zieht, überschlägt sich im Extremfall. Von Zweirädern kennt man das, doch das robuste Trike wiegt einen in Sicherheit. Die Bremsklötze pressen sich gegen die Scheiben der beiden vorn montierten 160-Millimeter-Discs. Ein ums andere Mal kommt das Heck hoch, was uns rasante Downhill-Fahrten verleidet. Dosiertes Bremsen hilft. Wer zu stark auf einer Seite zieht, dem bricht das Heck aus.

Der Hersteller verteidigt das Konzept. Mit dem rechten Rad auf Asphalt und dem linken auf Sand würden synchron zupackende Bremsen das Trike ebenfalls hinten ausbrechen lassen. "In der Gefahrensituation haben sie mit zwei unabhängig voneinander agierenden Bremsen mehr Möglichkeiten, das auszugleichen", sagt Kirk Seifert vom Importeur Icletta.

Ratgeber Rad

Das werden wir in Erinnerung behalten: Wie viel Aufsehen Radeln erregen kann. Und natürlich den Preis: Bei 4990 Euro geht's los. Unser Testrad war fast doppelt so teuer, weil zum Beispiel eine 14-Gang-Nabenschaltung von Rohloff in Kombination mit dem Shimano-Elektromotor montiert war.

insgesamt 47 Beiträge
mazzmazz 29.07.2019
1. 10k für ein Spielzeug
Na ja, es gibt auch Leute, die einen KTM X Bow kauften... Allerdings konnte dieser eine wichtige Sache besser als der 2- und 4-rädrige Wettbewerb: Kurvenbynamik. Dieses komische 3-Rad hingegen scheint mir nichts wirklich zu [...]
Na ja, es gibt auch Leute, die einen KTM X Bow kauften... Allerdings konnte dieser eine wichtige Sache besser als der 2- und 4-rädrige Wettbewerb: Kurvenbynamik. Dieses komische 3-Rad hingegen scheint mir nichts wirklich zu können.
CKadri 29.07.2019
2.
Das Gerät dürfte in der Stadt vor allem ein fettes Verkehrshindernis sein. Kein Radweg ist so breit, dass da noch irgend jemanden vorbei kommt.
Das Gerät dürfte in der Stadt vor allem ein fettes Verkehrshindernis sein. Kein Radweg ist so breit, dass da noch irgend jemanden vorbei kommt.
haiti 29.07.2019
3. Preis ???
Wie kann es sein, dass E-Bikes preislich an Kleinwagen heranreichen? M. E. wird da der der Hype zur Preistreiberei ausgenutzt. Da hier ja auch Klimakiller (Akku, etc. ) verbaut sind, sollte bei E-Bikes und freilich auch E-KFZ, [...]
Wie kann es sein, dass E-Bikes preislich an Kleinwagen heranreichen? M. E. wird da der der Hype zur Preistreiberei ausgenutzt. Da hier ja auch Klimakiller (Akku, etc. ) verbaut sind, sollte bei E-Bikes und freilich auch E-KFZ, etc. eine Klimaschutzabgabe beinhaltet sein. Diese könnte dann klassische Räder subventionieren, das wäre dann wieder gut für die Gesundheit der Menschen.
gwyar 29.07.2019
4. im Ernst?
Fast 10k Euro soll das Testrad kosten; was ich ja gar nicht anzweifeln möchte, weil die Preis-Leistung-Nutzen - Diskussion wird unweigerlich folgen. Aber im Ernst: da wird über ein Hinterrad geschrieben, was an der Befestigung [...]
Fast 10k Euro soll das Testrad kosten; was ich ja gar nicht anzweifeln möchte, weil die Preis-Leistung-Nutzen - Diskussion wird unweigerlich folgen. Aber im Ernst: da wird über ein Hinterrad geschrieben, was an der Befestigung des Schmutzfängers schleift - dem Hersteller bisher unbekannt, er vermutet eine verbogene Befestigung.... Auf den Fotos sieht es so aus, als wäre da ein LKW hinten drauf gefahren, so verbogen ist das Ganze! Transportschaden? Das zusammen geklappte Testrad von der Ladefläche gefallen, oder Folge des Versuchs, ob es in einen Kombi passt? In dem Zustand kann es das Werk jedenfalls nicht verlassen haben....
dummzeuch 29.07.2019
5. Endlich gibt es auch das SUV für der Radweg!
... nicht nur zum drauf parken. Es mag Leute neben, für die solch ein Rad sinnvoll ist, der typische Radfahrer in der Stadt gehört nicht dazu. Aber wie bei vielem, gilt auch hier: Rational ist der Kauf kaum zu begründen. Auf [...]
... nicht nur zum drauf parken. Es mag Leute neben, für die solch ein Rad sinnvoll ist, der typische Radfahrer in der Stadt gehört nicht dazu. Aber wie bei vielem, gilt auch hier: Rational ist der Kauf kaum zu begründen. Auf der anderen Seite fahren Leute auch mit dem Quad zur Eisdiele.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP