Mobilität

Kia e-Soul im Langstreckentest

Mürrischer Elektriker

Nur mit Handy und Autoschlüssel von Hamburg nach Amsterdam fahren. Mit einem Verbrenner kein Problem, aber mit einem E-Auto? Das geht - wenn man die Nerven behält.

DER SPIEGEL
Von
Mittwoch, 09.10.2019   04:54 Uhr

Für fast jedes Auto gibt es den richtigen Moment - der des Kia e-Soul ist ein nasskalter Montagmorgen, vier Uhr. Mürrisch blicken die schmalen LED-Augen des Soul aus der Parklücke und treffen damit genau die Stimmung dieses klammen Wochenanfangs - der müde Fahrer fühlt sich verstanden.

Denn Kias rollender Quader ist in der dritten Generation nicht nur zum reinen E-Auto geworden, er hat auch das fröhliche Retrodesign abgelegt. Jetzt soll er mich spontan von Hamburg nach Amsterdam bringen - ohne spezielle Bezahlkarte eines Ladeanbieters, nur mit Autoschlüssel und Smartphone.

Sparsam in der Stadt, durstig auf der Autobahn

Für diese Strecke ist der Wagen mit dem größeren, 64 kWh fassenden Akku eigentlich gerüstet, bei vollem Akku kommt der Wagen rund 391 Kilometer weit. Mit dem aktuellen Ladestand wäre aber spätestens nach 341 Kilometern Schluss. Die gesamten 456 Kilometer nach Amsterdam hätte der Wagen ohnehin nicht ohne Ladepause geschafft, geplant ist ein Schnellladestopp nach 268 Kilometern - wenn der Soul durchhält.

In der Stadt ist der Soul zwar sparsam und begnügte sich im Test mit 13,7 kWh auf 100 Kilometer. Auf der Autobahn steigt der Verbrauch von Kias Designerkasten jedoch auf knapp 19 kWh pro 100 Kilometer - bei Tempo 120 und ausgeschalteter Klimaanlage.

Weniger Beschleunigung wäre mehr

Also Jacke anlassen und sanft losrollen. Durch das sphärische Fahrgeräusch des Soul fühlt sich das jedoch nicht nach verregneter Hamburger Nebenstraße an, sondern eher nach dem Losgleiten in einem Raumhafen aus dem "Star Wars"-Universum. Tritt man an der Ampel fest aufs Fahrpedal, setzt der Soul mit einem Tritt ins Kreuz der Insassen beinahe zum Hyperraumsprung an. Diese ruckartige Beschleunigung schafft der Wagen auch bei mittleren Geschwindigkeiten von 40 km/h.

Die durchaus sportlichen Fahrleistungen kommen so unerwartet wie unpassend: 167 km/h Spitze und 7,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h wollen irgendwie nicht so recht zu diesem gemütlich-mürrischen Auto passen. Und sie abzurufen, kostet nur wertvolle Reichweite, die auf der Autobahn ohnehin zu schnell zur Neige geht.

Im Gegensatz zum Audi e-Tron verliert der Soul dort zwar nicht plötzlich 80 Kilometer Reichweite - dennoch sinkt sie auch in diesem Auto zumindest auf der Autobahn rapide. Dafür entpuppt sich der Soul als gut ausgestatteter und erstaunlich komfortabler Reisewagen, der gleichmütig die Kilometer abspult und gerade noch mit 18 Kilometer Restreichweite die Ionity-Ladesäule bei Rheine erreicht.

Schnelles Laden gibt es serienmäßig

Diese Ladestationen sind zwar selten, bieten aber einen entscheidenden Vorteil: Laden ist dort beinahe genauso simpel wie tanken. Man braucht keine Ladekarte oder einen speziellen Schlüsselanhänger, ein Smartphone und eine Kreditkarte oder ein Paypal-Konto reichen aus. Stecker einstecken, QR-Code scannen, den Pauschalbetrag von acht Euro bezahlen, und wenig später lädt die Säule den Kia leise brummend auf. Das geht erstaunlich schnell, denn der Soul ist serienmäßig mit bis zu 100 kW schnellladefähig. Von 20 auf 80 Prozent Ladung vergeht so gerade einmal eine Stunde, genug Zeit, um sich den Wagen einmal genauer anzusehen.

Auch auf dem beinahe leeren Parkplatz des Autohofs wirkt der Soul wuchtig und ist mit 1,8 Tonnen vergleichsweise schwer - tatsächlich aber relativ klein. Mit knapp 4,20 Meter Länge ist er rund einen Zentimeter kürzer als ein Golf 7, dafür mit 1,80 Meter aber genau einen Zentimeter breiter als der VW. Die Höhe von 1,60 Metern macht den Kia beinahe zum Würfel.

Innenraum hui, Kofferraum pfui

So komfortabel und geräumig der Wagen ist, so schlecht ist leider die Aufbewahrung der Ladekabel durchdacht. Die liegen im relativ großen Unterbodenfach des 315 Liter fassenden Kofferraums. Wer sein Gepäck also einfach eingeladen hat, später aber an die Ladesäule muss, darf dort erst mal den Kofferraum leerräumen.

Dabei wäre unter der vorderen Haube, unter der der Motor sitzt, sogar noch Platz für einen kleinen "Frunk", einen Frontkofferraum, gewesen - in dem dann idealerweise die Ladekabel verstaut wären. Dann wären sie außerdem in direkter Nachbarschaft zur Ladebuchse verstaut, die beim Soul mittig an der Fahrzeugfront sitzt.

Viele Ladesäulen, aber kein Strom

Nach rund sechseinhalb Stunden endet die Fahrt vergleichsweise entspannt in Amsterdam - bis die Suche nach einer Ladesäule beginnt. Denn die gibt es dort zwar zuhauf, allerdings keine, an der man unkompliziert per Kreditkarte oder Smartphone bezahlen könnte.

Fotostrecke

Kia e-Soul im Test: Koreanischer Designerwürfel

Für die 456 Kilometer lange Rückfahrt nach Hamburg muss es deshalb eine Zwei-Stopp-Strategie an den seltenen Ionity-Säulen richten: Bis Apeldoorn fahren, auf 80 Prozent aufladen, und anschließend knapp 110 Kilometer nach Rheine weiterfahren. Dort lädt der Wagen in einer Stunde und 15 Minuten komplett auf und kommt mit sturen 120 km/h in Hamburg an.

Insgesamt beeindruckt der Soul durch seine Alltagstauglichkeit: In der Stadt hält sein Akku problemlos mehrere Tage, und auch eine Langstreckenfahrt ohne Ladekarte und größere Planung war trotz gelegentlichen Nervenkitzels kein Problem. Für 44.670 Euro gibt es hier viel Elektroauto fürs Geld - und ein Design, das vielleicht nicht jeder mag, das einem manchmal aber den Tag retten kann.

Hersteller: Kia
Typ: e-Soul 64 kWh
Karosserie: SUV
Motor: Permanentmagnet-Synchronmotor
Getriebe: Reduktionsgetriebe
Antrieb: Front
Leistung (E-Motor): 204 PS (150 kW)
Drehmoment (E-Motor): 395 Nm
Von 0 auf 100: 7,9 s
Höchstgeschw.: 167 km/h
CO2-Ausstoß: 0 g/km
Kofferraum: 315 Liter
umgebaut: 1.339 Liter
Preis: 44.670 EUR
insgesamt 322 Beiträge
suedniedersachse 09.10.2019
1. Mindestens 34.000 Euro?
Für einen Kleinwagen? Der getestete lag gar bei 45.000 Euro? Das ist völlig absurd teuer. Wann kommt denn endlich einer, der 20.000 Euro kostet und 400 km weit fährt? Nein, der eGo ist es nicht, der schafft gerade mal 150 km in [...]
Für einen Kleinwagen? Der getestete lag gar bei 45.000 Euro? Das ist völlig absurd teuer. Wann kommt denn endlich einer, der 20.000 Euro kostet und 400 km weit fährt? Nein, der eGo ist es nicht, der schafft gerade mal 150 km in der Topversion und ist dafür auch überteuert.
erictrav 09.10.2019
2.
Was für ein hässliches Verkehrshindernis.
Was für ein hässliches Verkehrshindernis.
jhent 09.10.2019
3. Ohne Ladekarte?
Kurze Anmerkungen zu den leider irreführenden Aussagen zum Laden. 1. Kein E-Auto-Besitzer fährt doch ohne Ladekarten oder zumimdest entsprechende Apps. Dann gibt es auf der Strecke zahlreiche, problemlos nutzbare [...]
Kurze Anmerkungen zu den leider irreführenden Aussagen zum Laden. 1. Kein E-Auto-Besitzer fährt doch ohne Ladekarten oder zumimdest entsprechende Apps. Dann gibt es auf der Strecke zahlreiche, problemlos nutzbare Schnellademöglichkeiten. Die Umsonstladesäulen diverser Supermärkte mal ausgelassen. 2. Wenn das Laden von 20 auf 80 % eine Stunde gedauert hat, so wurde maximalst mit eimer etwas langsamen 50 KW Säule geladen.
thenovice 09.10.2019
4.
Preis, Reichweite, Verbrauch und Verfügbarkeit von Ladestationen... Das sind die Hindernisse der E-Autos... Sie kosten das Doppelte in der Anschaffung, verbrauchen bei außerstädtischer Fahrt exorbitant viel und die Reichweite [...]
Preis, Reichweite, Verbrauch und Verfügbarkeit von Ladestationen... Das sind die Hindernisse der E-Autos... Sie kosten das Doppelte in der Anschaffung, verbrauchen bei außerstädtischer Fahrt exorbitant viel und die Reichweite schmilzt ab Tempo 70+ wie Eis in der Sonne... Bin im Übrigen gespannt, welcher Vermieter seinen Mietern die 100kw Ladestation aufstellt - am Straßenrand?! Ansonsten: Über Design und Geschmack lässt sich streiten. Alles andere ist Ideologie, ja fast Religion und die grünen Jünger erlauben an deren Religion keine Kritik...
Fait Accompli 09.10.2019
5. Wie man sieht...
... ist es gar nicht die eAutos an sich, was zur Zeit die größten Probleme macht, die sind schon recht ausgereift. Es ist die Ladeinfrastruktur, die ohne einheitliches Bezahl- und Abrechnungskonzept einem das Leben schwerer als [...]
... ist es gar nicht die eAutos an sich, was zur Zeit die größten Probleme macht, die sind schon recht ausgereift. Es ist die Ladeinfrastruktur, die ohne einheitliches Bezahl- und Abrechnungskonzept einem das Leben schwerer als nötig machen. Aus meiner Sicht aber Kinderkrankheiten, die man mittelfristig durch gesetzliche Regelungen ausbügeln könnte.

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