Mobilität

Mobilität und Inklusion

Ridesharing für Rollstuhlfahrer

Italdesign hat einen elektrischen Fahruntersatz für Rollstuhlfahrer entwickelt, der vielleicht bald in großen Städten verfügbar sein soll. Behindertenverbände begrüßen das Konzept, sehen aber ein Problem mit dem Elektroantrieb.

italdesign/ WheeM-i
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Donnerstag, 17.10.2019   04:27 Uhr

Carsharing, Mietfahrräder oder E-Scooter - es gibt immer mehr Möglichkeiten, um von A nach B zu kommen. Rollstuhlfahrer blieben in dieser schillernden neuen Mobilitätswelt bislang allerdings außen vor.

Denn auf Menschen mit Behinderung sind die neuen Mobilitätsdienste nicht zugeschnitten. Das könnte sich jetzt ändern.

Das italienische Designstudio Italdesign hat auf der Elektronikmesse Gitex in Dubai nun den Prototypen eines elektrischen Fahruntersatzes für Rollstuhlfahrer vorgestellt. Die vierrädrige Plattform soll die Mobilität von Menschen mit Behinderung in Großstädten deutlich erleichtern.

Der WheeM-i (Wheelchairs Mobility Interface) genannte Prototyp ist ein halbautonomes Elektrofahrzeug, das speziell für die Nutzer handbetriebener Rollstühle entworfen wurde. Das Gefährt kann, ähnlich wie bei anderen Sharingdiensten, per App reserviert und an einer Station abgeholt werden. Über eine Rampe fahren die Nutzer dann in das vorgebuchte Fahrzeug ein und lassen sich zum gewünschten Ziel fahren.

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Mobilität und Inklusion: Autonomer Sharing-Rollstuhl

"Wir wollten eine neue Lösung anbieten, die das aktuelle Mobilitätsumfeld verbessert und gleichzeitig die Inklusion solcher Sharingdienste erhöht.", sagt Massimo Martinotti, Leiter von Italdesign Mobility Solutions.

"Solche Konzepte sind grundsätzlich zu begrüßen", sagt Marcus Graubner, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland e.V. (ABiD). Allerdings brächten elektrisch angetriebene Fahrzeuge auch Probleme für Rollstuhlfahrer mit sich. "Die Fahrzeuge sind lautlos und für Rollstuhlfahrer oft nur schwer zu sehen. Daher haben wir aktuell auch mit den E-Scootern ein großes Problem", so Graubner, der selbst körperlich beeinträchtigt ist. Dementsprechend müsse es entsprechende Trainings für neue Gefährte wie den WheeM-i aber auch für E-Scooter geben. "Und die Straßenverkehrsordnung muss so angepasst werden, dass von den Fahrzeugen keine Gefahr für Rollstuhlfahrer ausgeht."

Um Unfälle zu vermeiden, soll der WheeM-i mit Sensoren ausgestattet sein, die Hindernisse frühzeitig erkennen und einen Zusammenstoß vermeiden. Rollstuhlfahrer sollen damit auch Hindernisse wie Bordsteinkanten leichter überwinden können. Dafür wurden die großen Räder, die beim normalen Rollstuhl hinten sind, vorne angebracht. "In vielen Städten sind Bordsteinkanten ein echtes Problem für Rollstuhlfahrer, da sie vielerorts noch immer nicht abgesenkt sind", sagt Graubner.

Noch ist der WheeM-i ein Prototyp

Über die Vorderräder wird das Gefährt mit einem Elektromotor angetrieben. Die Batterie ist im Unterboden untergebracht und soll auch per Induktion geladen werden können. Über die multimodale App sollen die Nutzer nicht nur mit dem Fahrzeug, sondern auch mit anderen Rollstuhlfahrern kommunizieren oder andere Transportmittel nutzen können. Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer.

Derzeit ist der WheeM-i noch ein Prototyp. Konkrete Angaben zur Reichweite, einem möglichen Markstart oder dem Preis gibt es bislang nicht. Letzter sei laut Graubner ein Knackpunkt. "Menschen mit Behinderung müssen die Nutzung auch zahlen können. Hier wären Krankenkassen gefordert, sich an den Kosten zu beteiligen."

Bevor es soweit ist, müssten andere Maßnahmen den Verkehr für Rollstuhlfahrer komfortabler und sicherer machen, fordert Graubner. Neben abgesenkten Bordsteinen und einem guten Zugang zum ÖPNV wären auch Sekundenzähler an Kreuzungen eine kurzfristig umsetzbare Maßnahme. Diese zeigen an, wie lange die Grünphase der Passanten noch andauert. Graubner: "Als Rollstuhlfahrer überlege ich mir dann genau, ob ich die Straße noch überquere oder nicht." Diese sogenannten Countdown-Ampeln habe er in Kasachstan gesehen, wo sie längst Standard seien.

insgesamt 9 Beiträge
Rico456 17.10.2019
1. Countdownampeln
Diese Countdownampeln führen bei einem kleinen Teil der Fußgänger dazu, dass auch in den letzten Sekunden noch losgerannt wird, obwohl klar ist, dass es nicht zu schaffen ist. Deshalb steigt die Unfallrate an. Aus diesem durch [...]
Diese Countdownampeln führen bei einem kleinen Teil der Fußgänger dazu, dass auch in den letzten Sekunden noch losgerannt wird, obwohl klar ist, dass es nicht zu schaffen ist. Deshalb steigt die Unfallrate an. Aus diesem durch Studien belegten Gründen wurden diese Ampeln in D nicht breit eingeführt.
Zitrone! 17.10.2019
2.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Können Sie das belegen? Wenn ohne Countdown einfach nur grün ist, geht man doch auch los(?).
Zitat von Rico456Diese Countdownampeln führen bei einem kleinen Teil der Fußgänger dazu, dass auch in den letzten Sekunden noch losgerannt wird, obwohl klar ist, dass es nicht zu schaffen ist. Deshalb steigt die Unfallrate an. Aus diesem durch Studien belegten Gründen wurden diese Ampeln in D nicht breit eingeführt.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Können Sie das belegen? Wenn ohne Countdown einfach nur grün ist, geht man doch auch los(?).
Romiman 17.10.2019
3. Rollstuhlfahrer im "Eisbergsalat"
Das wesentlichste Bild fehlt: Wie ein Rollstuhlfahrer in diesem Mobil drinsitzt und fährt. Und ob es einen Regenschutz gibt.
Das wesentlichste Bild fehlt: Wie ein Rollstuhlfahrer in diesem Mobil drinsitzt und fährt. Und ob es einen Regenschutz gibt.
alterknacker54 17.10.2019
4. Countdownampeln
machen auch für den KfZ-Verkehr Sinn...
machen auch für den KfZ-Verkehr Sinn...
7eggert 17.10.2019
5.
Auch in der letzten Sekunde DARF noch die Kreuzung betreten werden und die Räumzeit MUSS noch für Oma und Opa reichen, daß sie sicher herübergehen können. Autofahrer haben zu warten, bis die Kreuzung frei ist. [...]
Zitat von Rico456Diese Countdownampeln führen bei einem kleinen Teil der Fußgänger dazu, dass auch in den letzten Sekunden noch losgerannt wird, obwohl klar ist, dass es nicht zu schaffen ist. Deshalb steigt die Unfallrate an. Aus diesem durch Studien belegten Gründen wurden diese Ampeln in D nicht breit eingeführt.
Auch in der letzten Sekunde DARF noch die Kreuzung betreten werden und die Räumzeit MUSS noch für Oma und Opa reichen, daß sie sicher herübergehen können. Autofahrer haben zu warten, bis die Kreuzung frei ist. Insbesondere bei Radfahrern gilt sogar noch eine virtuelle Gelbphase von drei bis fünf Sekunden.

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