Mobilität

CO2-Grenzwerte

Wie Norwegen die Autoindustrie vor einer Blamage bewahren könnte

Viele Autobauer drohen an den CO2-Höchstwerten für ihre Flotten 2020/21 krachend zu scheitern. Hilfe kommt jetzt aus Norwegen: Die Elektroautohochburg zählt künftig für die Berechnung mit - und drückt den Schnitt.

Getty Images/ Bloomberg

Elektroautos in Oslo

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Freitag, 01.02.2019   10:31 Uhr

Norwegen ist das gelobte Land für Elektroautofans: Sie dürfen Busspuren nutzen, finden ein dichtes Ladesäulennetz vor und profitieren von Steuersubventionen in fünfstelliger (Euro-) Höhe pro Fahrzeug. Kein Wunder, dass 2018 fast jeder dritte Neuwagen rein batterieelektrisch fuhr.

Von diesem Umstand wird die Autoindustrie künftig europaweit profitieren. Seit Anfang 2019 zählen Fahrzeuge, die in dem Nicht-EU-Land zugelassen werden, für die offizielle CO2-Bilanz der Hersteller für Europa - und drücken deren Werte. Das bestätigte eine Sprecherin der EU-Kommission dem SPIEGEL.

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CO2-Ziele: Wer es schafft, wer's verpatzt

Die neue Regel kommt für Konzerne wie Volkswagen, Daimler oder BMW zu einem günstigen Zeitpunkt. Ab 2020/21 gelten neue CO2-Grenzwerte in der EU. Dabei dürfen Neuwagen im Schnitt nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Ob alle Hersteller das schaffen, erscheint fraglich, manchem droht eine Blamage: Im Jahr 2017 war der Wert um ein Gramm auf 119 gestiegen, offizielle Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor.

Mit Norwegen in der Statistik "wird es zweifellos einfacher für Hersteller, ihre CO2-Ziele zu erreichen", sagt Autoexpertin Julia Poliscanova von der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E). "Wir halten das für problematisch, da es die Grenzwerte eher abschwächt", heißt es bei T&E. Schließlich sinkt der Druck, sparsame Autos im Rest der EU anzubieten.

Norwegen-Effekt ist klein aber womöglich entscheidend

Die Aufnahme Norwegens in das CO2-System sei schon seit 2009 geplant gewesen, heißt es beim Verband der europäischen Autohersteller (Acea). Das Verfahren habe sich aber verzögert. Der Verband habe nicht gezielt auf die Regelung hingewirkt.

Auf den ersten Blick ist der Norwegen-Effekt klein. In dem Land ließen die Behörden 2018 lediglich 150.000 Fahrzeuge zu (EU: 15,2 Millionen). Diese wiesen im Schnitt allerdings einen CO2-Ausstoß von nur 71 Gramm CO2 pro Kilometer auf. Besonders attraktiv aus Sicht der Industrie: Die in Norwegen beliebten Elektroautos werden nicht nur mit null Gramm angerechnet, sondern zählen in der EU-Wertung zunächst doppelt.

Für die Hersteller sind auch kleine Mengen eingespartes - oder weggerechnetes - CO2 wertvoll. Für jedes Gramm, um das ein Hersteller seinen individuell festgesetzten Flottengrenzwert übersteigt, wird eine Strafe von 95 Euro fällig - pro Auto. Schafft Volkswagen statt der vorgegebenen knapp 98 Gramm nur 99, kostet das den Konzern eine Strafe in Höhe von etwa 380 Millionen Euro.

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Um dieses eine Gramm könnten einzelne Hersteller ihren CO2-Wert durch den Norwegen-Faktor senken, schätzt T&E. BMW verkaufte 2018 knapp 6000 elektrische i3 in dem Land - diese Menge allein entlastet die Münchner rechnerisch um etwa ein Gramm in der künftigen europaweiten CO2-Bilanz.

Kias Norwegen-Trick aus dem Jahr 2015 ist nicht mehr nötig

Künftig dürften Hersteller ihre Elektroautos in Norwegen deshalb noch aktiver anpreisen. Es sei für die Hersteller jetzt schon oft "interessant, sich mit ihren Vertriebs- und Verkaufsaktivitäten auf Märkte zu fokussieren, die alternative Antriebe besser fördern als andere", sagt Branchenexperte Karsten Gross von der Unternehmensberatung PA Consulting.

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Norwegen selbst kommt der womöglich noch stärkere E-Auto-Boom ebenfalls gelegen. Ab dem Jahr 2025 sollen in dem an Wasserkraft reichen Land nur noch emissionsfreie Autos verkauft werden. Dieses Ziel wäre "in Gefahr geraten, wenn Norwegen dem EU-System nicht beigetreten wäre" sagt ein Sprecher der E-Auto-Vereinigung Norsk elbilforening.

Welche Bedeutung Norwegen für die Hersteller haben kann, hat sich schon 2015 gezeigt. Damals verschiffte Kia Hunderte Elektroautos des Typs Soul EV von Deutschland aus in das skandinavische Land, um seine CO2-Flottenbilanz zu schönen.

Warum die Schweiz nicht in die CO2-Wertung einfließt

Die Autos wurden bereits in der Bundesrepublik angemeldet, wodurch sie die EU-Flottenbilanz des Mutterkonzerns Hyundai verbesserten. Einen Käufer fanden sie aber erst in Norwegen, wo E-Autos schon damals beliebt waren. Das Manöver trug dazu bei, dass Hyundai-Kia das damalige CO2-Ziel von 130 Gramm pro Kilometer knapp erreichte. Nun, da Norwegen selbst bei der Berechnung mitmacht, sind derartige Verrenkungen nicht mehr nötig.

Weiterhin nicht dabei im europaweiten CO2-System ist die Schweiz. Der Alpenstaat orientiert sich bei den Grenzwerten zwar an der EU, will Verfehlungen aber auch künftig selbst sanktionieren. Ein günstiger Umstand für die Autoindustrie: Die kräftig motorisierten Fahrzeuge der Eidgenossen würden die Bilanz verschlechtern - sie stießen 2017 im Schnitt satte 134 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

insgesamt 143 Beiträge
Niteftef 01.02.2019
1. Rechentricks
Das rettet vielleicht die Bilanz, aber nicht das, worauf es wirklich ankommt: Das Klima! Unbefriedigend, Ungenügend.
Das rettet vielleicht die Bilanz, aber nicht das, worauf es wirklich ankommt: Das Klima! Unbefriedigend, Ungenügend.
tombadil1 01.02.2019
2. Man sollte Autos die ihre
Energie in Akkus speichern nicht als Heilsbringer verkaufen. Die Umweltschäden die man bei der Gewinnung der für die Batterien notwendigen Materialien anrichtet, interessieren wohl niemanden. Weiterhin wird der Strom der aus [...]
Energie in Akkus speichern nicht als Heilsbringer verkaufen. Die Umweltschäden die man bei der Gewinnung der für die Batterien notwendigen Materialien anrichtet, interessieren wohl niemanden. Weiterhin wird der Strom der aus der Steckdose kommt für die Berechnung der Emissionen der Autos als komplett CO2-neutral angesehen. Ob der Strom dabei aus dem nächstliegenden Kohlekraftwerk kommt und genau so CO2 in die Umwelt bläst, interessiert auf dem Papier niemanden.
general_0815 01.02.2019
3. 95 Gramm CO2
Wenn Theoretiker solche Werte willkürlich festsetzen, dann sollen sie auch sagen wie man die Werte erreicht/umsetzt, also bitte auch die Lösung präsentieren Wäre ja genauso, als wenn das IOC die Qualifizierungszeit für 100 m [...]
Wenn Theoretiker solche Werte willkürlich festsetzen, dann sollen sie auch sagen wie man die Werte erreicht/umsetzt, also bitte auch die Lösung präsentieren Wäre ja genauso, als wenn das IOC die Qualifizierungszeit für 100 m auf 6,6 Sekunden festlegt und sich dann wundert wenn niemand bei den Spielen startet.
bt092002 01.02.2019
4. Öl und Gas rettet die Bilanz
Ein Land, dessen Wirtschaft auf Öl und Gas basiert, macht Greenwashing mit E-Autos. Und die Presse jubelt. Bravo!
Ein Land, dessen Wirtschaft auf Öl und Gas basiert, macht Greenwashing mit E-Autos. Und die Presse jubelt. Bravo!
ttvtt 01.02.2019
5. Norwegen der Klimaretter
Noch eine irre Idee für die Norweger. Sie stoppen ihre Ölförderung. Dadurch wird das Angebot verknappt, die Ölpreise ergo auch das Benzin wird teurer. Daher lohnt es sich zunehmend Elektroautos zu kaufen.
Noch eine irre Idee für die Norweger. Sie stoppen ihre Ölförderung. Dadurch wird das Angebot verknappt, die Ölpreise ergo auch das Benzin wird teurer. Daher lohnt es sich zunehmend Elektroautos zu kaufen.
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