Mobilität

Verkehrskonzept in Wien

Auto? Nein danke!

Kaum eine Stadt experimentiert so konsequent mit neuen Mobilitätskonzepten wie Wien. Dabei wird Autofahren nicht, wie sonst oft, bestraft - es gibt einfach attraktivere Angebote.

Manfred Helmer / Wiener Linien
Von , Wien
Freitag, 05.07.2019   04:59 Uhr

Die Freude ist groß in Wien: Vergangene Woche wurde der neue Copenhagenize Index vorgestellt, die Rangliste der fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Erstmals steigt Österreichs Hauptstadt mit Platz neun in die Top Ten auf.

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Heft 27/2019
Das Su­per­or­gan
Der Darm und das Geheimnis eines langen Lebens

Damit wurde Wien einmal mehr bescheinigt, auf dem richtigen Kurs zu sein. Seit Jahren schon landet die Stadt in unterschiedlichen Studien, die Lebensqualität untersuchen, auf dem Spitzenplatz. Mobilität und Verkehr spielen dabei eine wichtige Rolle.

Eine Tour mit dem Fahrrad ersetzt oft eine Fahrt mit dem Auto, das weiß man in Wien schon lange. Und weniger Autos in der Innenstadt bedeuten: weniger Staus, weniger Abgase, weniger Lärm, weniger zugeparkte Flächen, damit mehr öffentlichen Raum. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten hat Wien eine pragmatische Verkehrspolitik betrieben: Es ging und geht nicht gegen das Auto, wie man im Wiener Rathaus betont, sondern um das bessere Verkehrskonzept, das mehr Lebensqualität verspricht. So viel Auto wie nötig, so wenig Auto wie möglich. Nicht Verbote stünden im Vordergrund, sondern Angebote, heißt es in der Stadtverwaltung.

Frühzeitig haben Politiker erkannt: Es genügt nicht, Autofahrern mit Parkplatzverknappung, teuren Parkgebühren, Tempolimits und anderen Regeln das Leben schwer zu machen, sondern man muss gleichzeitig attraktivere Alternativen bieten. Wer in Wien unterwegs ist, soll nicht in erster Linie das Gefühl haben, der Besitz eines Autos wäre unattraktiv, vielmehr soll sichtbar sein: Das Auto ist entbehrlich. Ziel ist es, heißt es in der Stadtregierung, das Gehen, das Radfahren und die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln so effizient miteinander zu verknüpfen, dass das Auto überflüssig wird.

Radikal bequem

Und das funktioniert so:

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Gleichzeitig hat Wien Anreize geschaffen, auf die "Öffis" umzusteigen, wie hier U-, S- und Straßenbahnen sowie Busse genannt werden. Ein gutes und dabei für die Nutzer leistbares öffentliches Verkehrsnetz erleichtern den Verzicht aufs Auto. Die rot-grüne Stadtregierung einigte sich 2012 auf eine Jahreskarte für 365 Euro, eine Verbilligung um 20 Prozent. Der Preis gilt bis heute, eine Steigerung ist wegen der Symbolik - ein Euro pro Tag - eher schwierig durchzusetzen. Einen Fahrplan muss man kaum kennen, Züge und Busse fahren alle paar Minuten.

Wien gilt seither als "Öffi"-Stadt: Rund 822.000 Menschen besitzen inzwischen eine Jahreskarte der Wiener Linien, Tendenz steigend. Der Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr der Stadt macht 38 Prozent aus. Das Auto folgt mit 28 Prozent, Fußwege liegen bei 26 Prozent, Radfahrten bei nur sieben Prozent. Neue Radwege vor allem in den Außenbezirken sollen diesen Anteil erhöhen. "In der Innenstadt fahren viel mehr Menschen Rad als am Stadtrand", sagt Petra Jens von der Mobilitätsagentur, einem 2013 gegründeten städtischen Kommunikationsunternehmen, das die Mobilität mit Rad und zu Fuß verbessern soll. 1993 machte der Autoanteil noch 40 Prozent aus, die "Öffis" lagen bei 20 Prozent.

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Verkehr in Wien: Es geht auch ohne Auto

Mit den Einnahmen aus den Fahrkarten finanzieren die Wiener Linien sich nach eigenen Angaben zu 60 Prozent. Der Rest kommt von der Stadt. Ausbau der Infrastruktur wie neue Verbindungen oder der Ausbau bestehender Linien wird vom Bund unterstützt. "Öffentlicher Verkehr ist nie kostendeckend", sagt Jens. Er mache aber eine lebenswerte Stadt aus. Viele Politiker in Wien und anderswo finden daher, eine Finanzierung durch die Allgemeinheit sei angebracht.

Eine U-Bahn-Linie ins Nirgendwo - doch später ein Pluspunkt

So mutig wie Wien ist dabei kaum eine andere Stadt: Noch bevor mit der Errichtung eines neuen Stadtteils weit draußen im 22. Bezirk begonnen wurde, baute man als erstes eine U-Bahn-Linie dorthin. "Sie führte damals buchstäblich ins Nichts", erinnert sich Jens. Wäre das Stadtteilprojekt gescheitert, hätte man Wien die Verschwendung von Millionensummen vorgeworfen. Doch das Projekt Seestadt Aspern begann, und sofort war es attraktiv, dorthin zu ziehen, weil der Ortsteil von vornherein gut angebunden war. Am dortigen Bahnhof stehen kostenlose Leihfahrräder für die ersten beziehungsweise letzten Meter zur Verfügung, neuerdings fahren dort auch autonome E-Busse.

Solche Projekte sind Teil einer politischen Strategie und zudem Notwendigkeit: Wien wächst rasant, Jahr für Jahr kommen bis zu 30.000 Menschen hinzu. Entsprechend nimmt auch der Verkehr zu. Damit die Zahl der Autos in der Stadt nicht weiter wächst, soll der Anteil des Carsharings steigen. Überhaupt soll gelten: "Nutzen statt besitzen", wie es im 130 Seiten starken Wiener Mobilitätskonzept "Step2025" heißt. Der Automobilverband ÖAMTC unterstützt das. "Wir verstehen uns seit einigen Jahren als Mobilitätsverband", sagt Ernst Kloboucnik, Landesdirektor für Wien, Niederösterreich und das Burgenland. Wichtig sei, "dass nicht ein Verkehrsmittel gegen das andere ausgespielt wird". Den Wandel bei der individuellen Mobilität wolle man mitgestalten.

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Auch sonst ist Wien in Sachen Verkehr experimentierfreudig: Im Jahr 2018 ließ die Verwaltung zu, dass asiatische Firmen die Stadt mit Leihfahrrädern fluteten. Die Hoffnung war, dass der Radanteil deutlich steigen würde. Das ging schief: An immer mehr Ecken türmten sich Fahrradleichen, am Ende blieb die Stadt auf Entsorgungskosten von einer Million Euro sitzen. Die beiden Radverleiher, O-Bike und Ofo, sind inzwischen aus Wien verschwunden. Dafür funktioniert das städtische Citybike, ein Radverleih mit mehr als 120 Stationen, gut.

In diesem Jahr sind E-Scooter der Renner. Sechs Firmen bieten die Flitzer an, insgesamt 7000 Stück sind in Wien registriert. Wieder will die Stadt pragmatisch vorgehen: Man schaue sich das noch bis Herbst an, bewerte dann die Situation und werde dann Regeln aufstellen, heißt es in der Verwaltung. Bis zum Jahr 2050 will Wien die CO2-Emissionen im Verkehr auf null reduzieren, dazu könnten die Scooter beitragen. Doch noch wisse man nicht, ob sie Autos ersetzten oder Radfahrten und Strecken zu Fuß. Das werde derzeit untersucht. Kritisch sehe man allerdings schon jetzt, dass die Zahl der Unfälle zugenommen habe, dass auch hier Fahrzeuge achtlos am Straßenrand liegen und dass die Lebensdauer eines E-Scooters bei maximal zwei Monaten liege - aus ökologischer Sicht spreche also einiges gegen diese Art der Mobilität.

insgesamt 63 Beiträge
villazurfroehlichenkatze 05.07.2019
1. Bei all der Lobhudelei
wäre es schön gewesen, auch einmal z.B. die dauernden Verspätungen der Öffis zu thematisieren. Wiener Linien und ÖBB sind eine Strafe für Pendler - ausfallende Züge sind keine Seltenheit, der Schienenersatzverkehr [...]
wäre es schön gewesen, auch einmal z.B. die dauernden Verspätungen der Öffis zu thematisieren. Wiener Linien und ÖBB sind eine Strafe für Pendler - ausfallende Züge sind keine Seltenheit, der Schienenersatzverkehr funktioniert oft nicht usw. Da werden dann aus 1.5 Stunden Fahrt schon einmal 5 Stunden bis zum Zuhause. Sehr zur Freude der Familie natürlich.
der IV. Weg 05.07.2019
2. schlau abgucken
ist das Motto für die Zukunft. Warum das Rad neu erfinden? Wenn Städte wie Kopenhagen es vormachen, wie man das macht: Fahrrad fahren in der Innenstadt. Das ist für Auswärtige aber nicht so ganz einfach --> [...]
ist das Motto für die Zukunft. Warum das Rad neu erfinden? Wenn Städte wie Kopenhagen es vormachen, wie man das macht: Fahrrad fahren in der Innenstadt. Das ist für Auswärtige aber nicht so ganz einfach --> Unfallgefahr beim rechts abbiegen. Weil völlig ungewohnt, dass Fahrradfahrer auf ihrer Fahrbahn Vorfahrt haben! Das müsste (für Touristen u.a.) besser beschildert sein. ps Was Fahrradwege angeht bekommt Saarbrücken von mir eine glatte 6 Der Fahrradbeauftragte (LOL) fährt wohl einen SUV, aber nie im Leben selbst mit dem Fahrrad durch die Innenstadt. Zu dumm zum abgucken!
marthaimschnee 05.07.2019
3. überhaupt ein Konzept wäre schon gut
in manchen deutschen Städten hat man den Eindruck, es gibt gar kein Verkehrskonzept. Alleine schon die überhaupt nicht smarten Ampelschaltungen, die scheinbar eh auf maximal mögliche Verkehrsbehinderung ausgelegt sind, lassen [...]
in manchen deutschen Städten hat man den Eindruck, es gibt gar kein Verkehrskonzept. Alleine schon die überhaupt nicht smarten Ampelschaltungen, die scheinbar eh auf maximal mögliche Verkehrsbehinderung ausgelegt sind, lassen darauf schließen. Dann grätschen wild Straßenbahnen und Busse in den Autoverkehr hinein, wie es ihr Fahrplan gerade vorsieht. Daß auch diese dann zwangsläufig im Stau stehen und der Fahrplan hinfällig ist, interessiert ebensowenig wie Fahrradwege, die irgendwie dazwischen gequetscht werden, zB hochgefährlich zwischen fließendem und parkendem Verkehr. Oder die gar nicht existieren, plötzlich einfach aufhören zu existieren, oder generell wie auch Fußwege und Straßen in einem Zustand sind, bei dem man das römische Reich als Bauträger vermuten könnte. Hinzu kommt, daß derzeit jedes freie Fleckchen mit Wohnungen zugepflastert wird, ebenfalls ohne sich über entsprechend zusätzliche Verkehrskapazitäten überhaupt Gedanken zu machen. Das Deutschland des 21. Jahrhunderts ist eine Ansammlung blindwütiger Marktgläubigkeit, und obwohl die fundamentalen Fehler dieser religiös fanatischen Auffassung sich überall und mehr als offensichtlich in Form von Problemen manifestieren, will die regierende Politik dies nicht nur nicht aufgeben, sondern gemäß dem Spruch des Kurpfuschers "Die Dosis war bisher zu schwach" das ganze noch verstärken. Aber Hauptsache die schwarze Null steht!
chrismuc2011 05.07.2019
4.
An den Wienern könnten sich deutsche Kommunalpolitiker, insbesondere aus Berlin mal ein Beispiel nehmen. Gute Verkehrspolitik, die durchdacht ist, erst einmal Erkenntnisse abwartet und dann Regeln aufstellt, als ausgrenzende [...]
An den Wienern könnten sich deutsche Kommunalpolitiker, insbesondere aus Berlin mal ein Beispiel nehmen. Gute Verkehrspolitik, die durchdacht ist, erst einmal Erkenntnisse abwartet und dann Regeln aufstellt, als ausgrenzende Verkehrspolitik zu betreiben. Auch was den Wohnungsbau und die Anzahl der im städtischen Besitz befindlichen Wohnungen angeht und damit die Bezahlbarkeit von Wohnraum absichert, ist Wien ein leuchtendes Beispiel. Und wenn man sich das Rentenniveau ansieht, wünscht man sich geradezu ein copy und paste für Deutschland.
99koelsch 05.07.2019
5. Funktioniert deshalb
weil hier weitsichtig und nicht nur bis zur nächsten Kommunalwahl geschaut und geplant wurde und wird. Erst leistungsfähige Alternativen, dann das Auto zurück drängen, so funktioniert's. Ich befürchte, bei uns in D hat man [...]
weil hier weitsichtig und nicht nur bis zur nächsten Kommunalwahl geschaut und geplant wurde und wird. Erst leistungsfähige Alternativen, dann das Auto zurück drängen, so funktioniert's. Ich befürchte, bei uns in D hat man so etwas noch lange nicht begriffen.

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