Mobilität

S-Pedelec Stromer ST3

Was brüllt da in den Ohren? Ah, der Fahrtwind!

Mit den bis zu 45 km/h tretunterstützten S-Pedelecs wie dem Stromer ST3 ist man mit berauschender Geschwindigkeit unterwegs - und wird in eine Zwischenwelt des Verkehrs befördert.

Stafan Weißenborn
Von
Montag, 30.09.2019   04:31 Uhr

Der erste Eindruck: Was brüllt denn da so in den Ohren? Ah, das ist der Fahrtwind!

Das sagt der Hersteller: Einmal habe er mit dem ST3 an der Ampel einen Porsche abgehängt, sagt Helge Losch von der Firma Stromer, dem Schweizer Spezialisten für S-Pedelecs. An der nächsten Ampel drückte der Sportwagenfahrer dann richtig auf die Tube, erst da hatte er eine Chance. "Die Leistungsentfaltung ist schon geil - mit dem ST3 bist du in vier Sekunden auf 45 km/h."

Der Hersteller versteht das ST3 trotz der sportlichen Beschleunigung nicht als ausdrückliches Renngerät, aber als flotten Autoersatz. Der Slogan lautet: "So fährt man heute zur Arbeit." Die Zutaten: ein gegenüber normalen E-Bikes kräftigerer Motor und ein Akku mit mehr Kapazität. So würden typische Pendlerdistanzen von 20 bis 30 Kilometern im Sattel konkurrenzfähig schnell bewältigt.

Die Nenndauerleistung - bei Pedelecs auf 250 Watt gesetzlich begrenzt - darf bei den Speed-Pedelecs seit 2017 statt 500 Watt maximal 4000 Watt betragen, sofern die maximale Tretkraftunterstützung 400 Prozent nicht übersteigt, der Motor also nicht mehr als das Vierfache der Beinkraft beiträgt. Da ein gut trainierter Radler dauerhaft vielleicht 150 bis 200 Watt aufbringt, sollten 800 Watt genügen. Das ST3 besitzt 820 Watt Nenndauerleistung und damit mehr als viele S-Pedelecs am Markt, die sich noch mit 500 Watt begnügen.

"Für den Einsatzzweck Pendeln ist ein Nabenmotor ideal", sagt Losch. Das ST3 besitzt einen Heckmotor vom taiwanesischen Hersteller TDCS, die Motorsteuerung wurde bei Stromer programmiert. Weil die Kraft direkt auf das Hinterrad übertragen wird, arbeite er effizienter als Mittelmotoren. Während diese oft um die 70 Newtonmeter (Nm) Maximal-Drehmoment aufbringen, genügen dem ST3 für sportliche Fahrleistungen 44 Nm, da dieser seine Kraft nicht erst über Kette oder Riemen, sondern direkt auf die Achse stemmt.

Fotostrecke

S-Pedelec Stromer ST3: Ssssssaus!

Die Reichweite gibt Stromer beim ST3 mit einem Richtwert von maximal 150 Kilometern an. Wählt der Fahrer über die Tasten am Lenker die höchste Unterstützungsstufe 3, schmilzt sie auf 50. Ist der Akku mit 814 Wattstunden einmal leer gefahren, kann er in unter fünf Stunden komplett aufgeladen werden.

Das ist uns aufgefallen: Simsalabim, schon rauschen wir mit 45 km/h durch die Lande. Passanten schauen und denken wohl: Wie schnell ist der denn, bitte? Als Nächstes lässt sich ein Busfahrer verwirren. Er unterschätzt unser Tempo, biegt auf die Kreuzung, nimmt uns die Vorfahrt. Später auf der Landstraße entfachen wir den Zorn eines Autofahrers, der uns wild gestikulierend auf den parallel verlaufenden Fahrradweg verweist. Doch als versicherungspflichtiges Kraftfahrzeug muss auch das ST3 auf die Straße, den Radweg dürfen wir nicht benutzen.

Als wir das dann doch mal tun - die Straße ist gefährlich eng geworden - steigen wir in der Beliebtheitsskala auch nicht auf. Rennradfahrer setzen nicht mal mehr zum Gruß an. Kurzum: Mit dem ST3 radeln wir in einer heimatlosen Zwischenwelt ohne angemessene Infrastruktur. Und den Führerschein muss man im Übrigen auch immer dabeihaben.

Am Stromer selbst gibt es dagegen kaum etwas auszusetzen. Das rund 30 Kilo schwere S-Pedelec lässt sich zwar nur unter Mühen in den Fahrradkeller wuchten, dafür legt die pure Masse das ST3 satt und laufruhig auf die Straße.

Der Nabenmotor arbeitet kaum hörbar und gut abgestimmt. Der Zusatzschub fühlt sich nie künstlich an. Es ist, als könnten die Beine einfach mehr Watt abgeben. Gewöhnungsbedürftig ist nur der Drehmomentsensor. Dieser regelt das Motordrehmoment in Abhängigkeit davon, wie kräftig man in die Pedale tritt. Ist man mit hoher Trittfrequenz - Kadenz - unterwegs, kann es passieren, dass die Einheit weitere Kraftreserven erst dann bereitgestellt, wenn man hochschaltet und in der Folge mehr Druck auf die Pedale ausübt, aber langsamer tritt. Für Fahrer, die eine höhere Kadenz fahren, kann sich das ungewohnt anfühlen.

Ernüchternd ist auch die typische gefühlte Mauer, in die man mit dem ST3 bei Geschwindigkeiten oberhalb von 45 Km/h fährt. Dann hört die Tretunterstützung schlagartig auf und ohne Maschinenschub tritt sich das S-Pedelec besonders schwer, da Geschwindigkeiten jenseits von 45 km/h immense Muskelkraft erfordern - was auch am erhöhten Luftwiderstand liegt.

Das muss man wissen: Viele Funktionen am ST3 werden digital gesteuert. "Ein rollender Computer", sagt Losch. Wie bei jedem E-Bike verarbeiten nicht nur die Sensoren, das Batteriemanagement oder die Motorsteuerung fortwährend Daten. Das ST3 sendet Daten auch. Ein GPS-Modul und eine SIM-Karte sind fest verbaut. Damit lässt sich das Rad bei Diebstahl orten, und über Mobilfunk werden etwaige Fehlercodes "over the air" im Stromer-Webportal registriert. "Das ist wie bei Tesla. Der Händler kann sich aufs Bike einloggen und Software-Updates aufspielen", erläutert Losch. Folgekosten entstehen dabei nicht, denn die Mobilfunkverbindung ist ein Fahrradleben lang kostenfrei.

Aus der Ferne orten kann der Besitzer das flotte Bike über eine Hersteller-App auch selbst. Das Programm informiert über den Ladezustand, man kann die mittlere Unterstützungsstufe individualisieren. Eine Navigationsfunktion fehlt allerdings. Dazu muss eine Dritt-App her.

Außerdem lässt sich mit dem ST3-Motor Energie zurückgewinnen. Die Rekuperation verspricht einen kräftigen Verzögerungseffekt, ohne dass die Scheibenbremsen sofort benötigt werden. Die Intensität lässt sich über den Touchscreen am Oberrohr einstellen, die Rekuperation aber auch deaktivieren. Dann rollt das Rad frei.

Freie Fahrt haben aber nicht alle, denn wer das ST3 steuern möchte, muss wie bei allen S-Pedelecs in der Regel mindestens 16 Jahre alt sein. Anders als bei einem Pedelec, das rechtlich dem Fahrrad gleichgestellt ist, werden bei den Schnelleren die Regeln für Kleinkrafträder angewendet - ein Führerschein der Klasse AM ist damit unter anderem Pflicht. Auch wer den Pkw-Führerschein besitzt, darf stromern.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Das Tempo. In unserer gewohnten Trittfrequenz unterwegs, waren wir auf den Ausfahrten über Land mit rund um zehn km/h höherer Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs als auf einem Fahrrad ohne Motor. Doch in der Stadt rinnt der Vorteil umso stärker dahin, je öfter man an Ampeln anhalten muss.

Ratgeber Rad - E-Bikes

insgesamt 109 Beiträge
dr2jh 30.09.2019
1. Beeindruckendes Fahrzeug, beeindruckender Preis
Als ST3-Gelegenheitsfahrer kann ich den Fahrbericht nur bestätigen, lediglich im Flachland sind selbst bei höchster Unterstützungsstufe bei dem knapp 1kW/h Akku eher 80km drin. Im reinen Stadtverkehr dürften es dann eher 60km [...]
Als ST3-Gelegenheitsfahrer kann ich den Fahrbericht nur bestätigen, lediglich im Flachland sind selbst bei höchster Unterstützungsstufe bei dem knapp 1kW/h Akku eher 80km drin. Im reinen Stadtverkehr dürften es dann eher 60km sein. Optimal fährt es unter Berücksichtigung der vertretbaren Ordnungswidrigkeiten, d. h. doch mal den Radweg mit angepasster(!) Geschwindigkeit (EUR10) und dann über die landwirtschaftlichen Wege fahren. Das Teil habe ich als Autoersatz in Gebrauch, d. h. wenn es mit dem normalen Fahrrad doch zu beschwerlich ist (wie heute mit dem Sturmböen) und man sich sonst in das Auto setzte.
dolfi 30.09.2019
2. Ich weiss nicht so recht...
Das aufgepimpte E-Bike ist weder ein Fahrrad noch ein Motorrad. Rahmen und Bremsen eines Fahrrades, den Antritt und Speed eines Motorrads. Und vor allem haben die Fahrer nicht das Mindset und die Ausbildung eines Motorradfahrers. [...]
Das aufgepimpte E-Bike ist weder ein Fahrrad noch ein Motorrad. Rahmen und Bremsen eines Fahrrades, den Antritt und Speed eines Motorrads. Und vor allem haben die Fahrer nicht das Mindset und die Ausbildung eines Motorradfahrers. Ein Führerschein wäre hier sinnvoll.
neptun680 30.09.2019
3. Fahrrad?!
Man sollte das Gefährt nicht mehr mit einem Fahrrad vergleichen. Dafür ist es viel zu schwer, zu schnell und teuer. Auf der Straße sollte es in jedem Fall bleiben. Kaum nachvollziehbar ist mir warum man, zu diesem Preis, sich [...]
Man sollte das Gefährt nicht mehr mit einem Fahrrad vergleichen. Dafür ist es viel zu schwer, zu schnell und teuer. Auf der Straße sollte es in jedem Fall bleiben. Kaum nachvollziehbar ist mir warum man, zu diesem Preis, sich nicht gleich einen E-Roller anschafft. Da können zwei mitfahren und die Reichweite ist, so weit ich weiß, auch höher.
spon_7924415 30.09.2019
4. Hauptsache schnell und protzig
Die E-Bike und E- Auto Testberichte, die ständig nur auf Beschleunigungsmomemt und Fahrtrausch fokussieren wirken doch ein wenig aus der Zeit gefallen.
Die E-Bike und E- Auto Testberichte, die ständig nur auf Beschleunigungsmomemt und Fahrtrausch fokussieren wirken doch ein wenig aus der Zeit gefallen.
stefan7777 30.09.2019
5. Diese Klasse ist zeitweise lebensgefährlich
Ich hatte ein S-Pedelec. Zwei Umstände erschweren ernsthaft die Teilnahme am Verkehr. Erstens ist man in der Stadt ein Hindernis und es kommt zu Situationen, die das Risiko zu verunfallen extrem erhöhen. Die Geschwindigkeit mit [...]
Ich hatte ein S-Pedelec. Zwei Umstände erschweren ernsthaft die Teilnahme am Verkehr. Erstens ist man in der Stadt ein Hindernis und es kommt zu Situationen, die das Risiko zu verunfallen extrem erhöhen. Die Geschwindigkeit mit der ein Auto überholen darf fordert entweder vom Autofahrer bis auf weit über 50 km/h zu beschleunigen, oder er tut es nicht, und hält den Abstand nicht annähernd ein, wenn Gegenverkehr herrscht. Ja natürlich ist es falsch, aber deplatziert fühlt man sich doch. Wobei die Ausweichmanöver und die Enge oft extrem schwierige Situationen hervorgerufen haben, die ich definitiv nicht mehr erleben wollte. Zweitens resultiert aus dem Verbot der Radwege für S-Pedelecs, eine Verstärkung dieser ungünstigen Geschwindigkeit von 45 km/h. Denn wenn es eng wird, fährt man pragmatisch besser streckenweise auf dem Radweg, ist dort aber weder gerne gesehen, noch dass man seinen Führerschein lange behält, sollte man sich erwischen lassen. Somit ist das S-Pedelec ein bescheuerter Zwitter, der weder auf die Straße noch auf den Radweg gehört. Die Macher-Beamten haben sich das wohl genau so gedacht und kalkuliert, es werde eh keiner nutzen. Tun auch nur einige wenige wagemutige und lassen es dann doch wieder. Vernünftig wäre ein S-Pedelec mit 55 oder 60 km/h ODER eine Erlaubnis in schwierigen Fällen wie manchen Bundesstraßen oder innerstädtisch in engen Bereichen den Radweg zu nutzen. Das würde aus meiner Erfahrung, viele Dramen verhindern und im Einzelfall Menschenleben retten. Die steigende Gefahr durch unangepasstes Fahren würde vermutlich auch etwas ansteigen, allerdings hängt dass ja eher vom Fahrer ab. Ich habe mich nun für ein normales Pedelec entschieden, welches allerdings ab 25 bis 35 immer weniger unterstützt, anstatt bei 25 eine Mauer zu bauen. Dieser Verstoß ist in Deutschland zwar auch verboten, aber in meinem Fall, nahezu nicht nachweisbar. Ich bin enttäuscht, wie hilf- und visionslos die Beamten bei uns in der Verkehrswende agieren. Es gibt kein Konzept und keine Idee, wie wir in 10 Jahren unterwegs sein wollen. Die aktuelle Generation an Entscheidern hat offensichtlich keine Möglichkeiten eine Vision zu entwickeln, weil sie sich nur ein Verkehrsmittel aussuchen und versuchen dieses irgendwie zu integrieren - Ergebnis ist die nur zu oft die denkbar schlechteste Lösung für die EU-Vorgaben im Vergleich zu anderen EU-Ländern. Werden die Herren beraten, ignorieren sie die Erfahrungen durchgängig und hartnäckig. Und das obwohl man aus anderen Ländern und Städten schon lange Belege und Statistiken hat.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP