Mobilität

Schindelhauer Eingang-E-Bike Oskar

Single auf Speed

Mit nur einem Gang stattet die Berliner Fahrradschmiede Schindelhauer ihr E-Bike Oskar aus. Klingt unspektakulär - ändert das Fahrgefühl aber fundamental.

Stefan Weißenborn
Von
Donnerstag, 25.04.2019   06:26 Uhr

Der erste Eindruck: Lenker in Motorradoptik, hinten ein Hauch von Rennrad, Mittelmotor und dann noch der Singlespeed-Antrieb - das Testrad wirkt ein bisschen zusammengewürfelt. Gehen wir mal davon aus, dass für jeden was Sachdienliches dabei ist.

Das sagt der Hersteller: "Als Serienrad gab es das bisher noch nicht", sagt Sebastian Taege, Schindelhauer-Techniker und meint damit die Kombination eines Mittelmotors vom Zulieferer Bosch mit einem Eingangantrieb. Die Übersetzung sei so gewählt, dass der Radler in der Stadt gut zurechtkommt - beim Anfahren an der Ampel trete sich das Oskar nicht zu schwer, während der Fahrt nicht zu leicht. Man müsse nicht jedes Mal aus dem Sattel gehen, um vom Fleck zu kommen, sagt Taege. Auch mit leerer Batterie könne das 19,7 Kilo schwere E-Bike noch gut bewegt werden - wenn es nicht zu hügelig wird.

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Singlespeed-Rad Oskar: Ein Gang, viel Spaß

Der kleine Hersteller baut zum Modelljahr 2019 erstmals E-Bikes. Ab Mitte Mai soll das Oskar ausgeliefert werden - mit dem um 180 Grad gedreht montierten Cityradlenker, den Taege als Markenzeichen beschreibt. Dies greife die Formensprache der Motorradgattung der Cafe Racer auf, die in den Sechzigern aufkam.

Das ist uns aufgefallen: Die Anleihe an die motorisierte Zweiradsubkultur von einst geht auf: Der nach unten strebende Schwung im Lenkbügel verleiht dem Fahrradgesicht etwas Mürrisch-Verwegenes. Doch anders als die frisierten Cafe Racer hält sich Oskar beim Motor an Recht und Ordnung: Vorschriftskonform regelt die Motorsteuerung bei Tempo 25 ab, und das, wie man es von Bosch gewohnt ist: geschmeidig. Der Antrieb unterstützt den Fahrer ergonomisch. Man hat scheinbar schlicht mehr Kraft in den Beinen, spürt die Hilfe von außen nur mittelbar.

Der Antrieb ohne Schaltung hat aber seine Eigenheiten. Ja, der Carbonriemen senkt den Wartungsaufwand, weil er nicht wie eine Kette gepflegt werden muss. Doch die starre Übersetzung sorgt am Berg für einen unerwartet langen Kriechmodus: Ist die Trittfrequenz zu niedrig, bekommt der Motor kein Signal, verstärkt mitzuhelfen. Da hilft es auch nichts, am Lenkerdisplay die höchste "Turbo"-Stufe zu wählen. Also doch raus aus dem Sattel. Auch beim Ampelstart gingen wir öfters intuitiv in den Wiegetritt - was immerhin zum Vehaltensrepertoire von Single-Speed-Radlern gehört und sich irgendwie natürlich anfühlt.

Etwas unangenehmer: Sobald man die Kurbeln in vertikaler Stellung ruhen lässt, klinkt sich die Tretunterstützung mit einem Hakeln aus. In der Pedale ist das deutlich spürbar, es stört. Dafür ist der Motor leise. Auf feuchter Fahrbahn übertönen ihn sogar die Geräusche der Reifen.

Die 27,5-Zoll-Räder rollen super ab, was den 47-Millimeter-Ballonreifen zu verdanken ist. Werden diese am unteren Ende der empfohlenen Luftdruckspanne mit 3,1 bar gefahren, ist das sehr komfortabel. Und das ohne all die Wartungspflichten und -kosten, die eine Federgabel mit sich brächte, wie Techniker Taege hervorhebt.

Statt der gibt es vorn ein anderes Extra - den Frontgepäckträger. Das Oskar soll schließlich auch Pragmatiker sein. 15 Kilo hält das Teil aus, 149 Euro kostet es. Aber es funktioniert nur bedingt. Mit Laptoptasche oder dicken Bildbänden gibt es keine Probleme. Sobald der Einkauf aber groß oder die Tasche zu unförmig ist, lässt sich das Rad nicht mehr ordentlich lenken. Die Züge bleiben an der Ladung hängen oder gleich ein Bremsgriff.

Bei Dunkelheit tut sich ein weiteres Sicherheitsproblem auf: Der Lichtkegel des Scheinwerfers bleibt ganz oder teilweise am Gepäck hängen. Beim ebenfalls 2019 debütierenden Pedelec Heinrich mit Schaltung und mehr Ausstattung war Schindelhauer schlauer - der Scheinwerfer sitzt unterhalb des Trägers auf dem Schutzblech.

Das muss man wissen: Das Oskar wird verkehrssicher im Sinne der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) ausgeliefert. Der genügen auch die galant in die Sattelstütze integrierten LED.

Am Hinterbau erleichtert eine feine Konstruktion das Reifenwechseln. Dazu werden die Achsmuttern gelöst; und weil sich die Hinterachse leicht in Längsrichtung in einer Schiene verschieben lässt, bekommt der Carbonriemen beim Wiedereinbau automatisch wieder die rechte Spannung.

Ratgeber Rad

Weniger perfekt ist der Akku integriert: Dass er an der Ober- statt der Unterseite des Unterrohrs integriert ist, schützt ihn vor Dreckspritzern von unten, allerdings sind die Spaltmaße groß: Weil die Kabel von innen hervorblitzen, fragt man sich, was passiert, wenn Starkregen niedergeht. Laut Hersteller besteht keine Gefahr. Die Elektrik sei verkapselt. Tritt Wasser ein, laufe es über extra dafür vorgesehene Löcher unten im Bereich der Motorbrücke wieder ab. Das Spaltmaß sei notwendig bei der Entnahme des Akkus, um Kratzer am Rahmen zu verhindern.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Anfangs will man noch schalten, doch nach und nach verinnerlicht man, wie dieses Rad gefahren werden will: An der Ampel geht es bei Grün in den Wiegetritt und mit E-Hilfe schnell davon. Das fühlt sich für ein E-Bike sehr sportlich an - auch wenn es vom Hersteller gar nicht so gewollt ist.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes hieß es, das Fahrrad werde ohne Klingel und Reflektoren an den Pedalen ausgeliefert. Diese Angaben hatte der Hersteller unserem Autoren gegenüber zunächst gemacht, nach Veröffentlichung des Textes aber geändert. Wir haben die Passage geändert.

insgesamt 74 Beiträge
Cudo 25.04.2019
1. Und bei Regen?
Am Hinterrad spritzen dann Wasser und Dreck hoch, so dass dies direkt auf den Rücken des Radfahrers landet. Hinten würde ein beladener Gepäckträger auch nicht das Scheinwerferlicht und die Lenkung behindern.
Am Hinterrad spritzen dann Wasser und Dreck hoch, so dass dies direkt auf den Rücken des Radfahrers landet. Hinten würde ein beladener Gepäckträger auch nicht das Scheinwerferlicht und die Lenkung behindern.
Sibylle1969 25.04.2019
2.
Dass sich ein Fahrrad ohne Gangschaltung am Berg von selbst verbietet, sollte klar sein. Also nur was für Flachländer. Immerhin ist es mit 19,7 kg inkl. Akku relativ leicht, dh. mit abgenommenem Akku kann man das Ding sogar eine [...]
Dass sich ein Fahrrad ohne Gangschaltung am Berg von selbst verbietet, sollte klar sein. Also nur was für Flachländer. Immerhin ist es mit 19,7 kg inkl. Akku relativ leicht, dh. mit abgenommenem Akku kann man das Ding sogar eine Treppe rauf und runter tragen, was sich bei E-Bikes der Gewichtsklasse 25 kg von selbst verbietet.
markolito1 25.04.2019
3. Ja ja
Dieser E-Bike Hype ist schon merkwürdig. Auf der einen Seite freue ich mich, das viele Menschen auf das Rad umsteigen auf der anderen Seite sehne ich mich nach dem Winter. Dann bin ich weider alleine auf dem Radweg und genieße [...]
Dieser E-Bike Hype ist schon merkwürdig. Auf der einen Seite freue ich mich, das viele Menschen auf das Rad umsteigen auf der anderen Seite sehne ich mich nach dem Winter. Dann bin ich weider alleine auf dem Radweg und genieße die Ruhe. Gerade in Berlin fehlt es einfach an vernünftiger Infrastruktur. Aber nun zum Rad. Sicher nicht schlecht. Mir persönlich würde dann doch der Gepäckträger hinten fehlen und wenigstens eine gute Gangschaltung (mind Alfine 8 Gang) Scheibenbremsen in der Stadt sind nach meiner (und auch meiner Kollegen) Erfahrung in der Stadt eher schlecht. Fahrradständer, andere Fahrräder oder Hindernisse und einer kleiner Rempler reichen aus um eine Unwucht in die Scheibe zu bekommen und schwupps schleifen sie. Ich bevorzuge daher dann doch eher eine Magura Hydraulik-Felgen-Bremse. Warum gibt es eigentlich keine geschützten Scheibenbremsen? Schutzbleche sind irgendwie ein muss. Und natürlich der Preis. Wie soll man so ein Fahrrad sichern? Da steht Diebstahl ja schon drauf. Dafür kann natürlich das Rad nichts. Fazit: Schick und für schönes Wetter gedacht. Für den täglichen Gebrauch ein wenig unpraktisch bzw muss man noch nachrüsten / umbauen.
Sibylle1969 25.04.2019
4. Schutzbleche
Ich weiß, Schutzbleche sehen uncool an so einem Fahrrad aus, aber es ist noch viel uncooler, total eingesaut im Büro anzukommen. Denn das Rad ist ein reines Alltagsrad, kein Sportgerät, wo man evtl. auf ein Schutzblech [...]
Ich weiß, Schutzbleche sehen uncool an so einem Fahrrad aus, aber es ist noch viel uncooler, total eingesaut im Büro anzukommen. Denn das Rad ist ein reines Alltagsrad, kein Sportgerät, wo man evtl. auf ein Schutzblech verzichten kann.
frankasten 25.04.2019
5. Was ein Geschwurbel für ein Chinarad
zum mindestens 300% überhöhten Profit für den "Schmied", der nie eine Schmiede mit Schürze betreten hat. Warum sollte ein Single Speed nicht gehen. Etwas Elektronik und alles geht geschmeidig. Immerhin wird mit [...]
zum mindestens 300% überhöhten Profit für den "Schmied", der nie eine Schmiede mit Schürze betreten hat. Warum sollte ein Single Speed nicht gehen. Etwas Elektronik und alles geht geschmeidig. Immerhin wird mit Gleichstrom angetrieben. Wozu Ballonreifen in der Stadt. Damit es nicht so schnell wird? 20kg und Durchschnittsgewicht Deutschland 100kg ergeben 120 kg. Da wird es mit Felgenbremsen schon knapp, vor allen wenn Höhendifferenzen vorhanden sind. Warum keine Hinterradnabe mit Rücktritt oder Rollenbremse oder Rekuperator? Weil die viel besser bremsen als Felgenbremsen, die bei jedem Wetter ein anderes Bremsverhalten an den Tag legen? Riemenantrieb bringt auch nix außer Verluste ggü. einer Kette und dürfte auch keinesfalls so langlebig sein. Man kann ja mal versuchen, nach Längung des Riemens diesen zu verkürzen, wie es bei Ketten problemlos geht. Die Starrgabeln aus ALU sind auch nichts Gutes, da bei schnellerem Treten sich das Fahrrad quer zur Fahrtrichtung aufzuschaukeln beginnt und ab vllt. 30 km/h dabei gerne gefährlich wird und zum langsamer fahren zwingt. Unicrown-Gabeln der 80er-90er Jahre sind die Gabeln, welche sich am besten fahren. Ich bin mit solchen Schwurbelmanufakturrädern immer mal Probe gefahren und habe hier nur beschrieben, was ich aus eigener Anschauung und Erfahrung gewonnen habe. Ich würde das Rad noch nicht einmal für 1000 EUR kaufen wollen.

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