Mobilität

Streetscooter-Gründer über Mobilität

"Es reicht nicht, einfach Verbrenner-SUV durch Elektro-SUV zu ersetzen"

Mit dem Streetscooter hat er die großen Hersteller blamiert, zur Automobilmesse IAA urteilt E-Mobilitätsspezialist Achim Kampker hart: Die Branche habe nicht umgeschaltet. Er sieht vor allem Ingenieure in der Pflicht.

Marco Kneise/ Funke Foto S./ Action Press

Elektro-Pionier Streetscooter: Die etablierten Hersteller düpiert

Ein Interview von
Montag, 09.09.2019   07:49 Uhr

SPIEGEL: Herr Kampker, Sie haben einen Verein gegründet, der heißt "Ingenieure retten die Erde e.V." Das klingt selbstbewusst bis anmaßend. Sind Ingenieure die neuen Heilsbringer?

Achim Kampker: Der Namen ist mit Bedacht gewählt, als Heilsbringer sehen wir uns allerdings nicht. Es ist aber doch so, dass jeder gern auf den anderen zeigt, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Nichtpolitiker sagen, die Politiker müssten etwas tun, Kleinunternehmer verweisen auf die großen Konzerne und so weiter. Da meine Mitstreiter und ich Ingenieure sind, haben wir gesagt: Lasst uns bei uns selbst anfangen. Denn es gibt reichlich Potenzial, Dinge besser zu machen. Der Vereinsname soll das Signal senden: Wir haben verstanden, es ist unser Auftrag, die Erde besser zu machen.

SPIEGEL: Allein die Ingenieure werden es aber auch nicht richten.

Kampker: Stimmt. Deshalb heißt Verein ja auch nicht "Nur Ingenieure retten die Erde". Ich würde mich freuen, wenn alle andere Fakultäten sich auch an die eigene Nase fassen und ähnliche Ziele formulieren würden.

SPIEGEL: Gerade Ingenieure haben der Erde ja einiges eingebrockt.

Kampker: Das lässt sich nicht abstreiten. Aus ethischer Sicht sind wir Ingenieure bislang zu gar nichts verpflichtet. Normalerweise folgt unsere Arbeit dem Prinzip "höher, schneller, weiter". Was technisch machbar ist, helfen wir umzusetzen - und zwar meist ohne Bewertung, ob das nun gut oder schlecht, nützlich oder schädlich ist. Ich glaube jedoch, wir sollten dringend darüber nachdenken, in welchen Dienst wir uns stellen.

SPIEGEL: Und welcher Dienst wäre das?

Kampker: Der Dienst der Nachhaltigkeit. Ich bin Vater von vier kleinen Kindern und ich möchte, dass sie auch noch ein gutes Leben haben. Das ist unsere Verantwortung. Wir sind als Ingenieure bislang jedoch weit hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben, die wir in dieser Hinsicht haben. Das ist bedauerlich, und es gibt nur eine plausible Reaktion: Ab jetzt in die Hände spucken und es besser machen.

Zur Person

SPIEGEL: Nächste Woche startet die IAA in Frankfurt. Sehen Sie in der Automobilindustrie Anzeichen, dass die Ingenieure dort so agieren, wie Sie es fordern?

Kampker: Wir haben hier in Aachen ja vor zehn Jahren das Thema Streetscooter begonnen. Das hat sicher nicht die Welt verändert, aber es hat zumindest gezeigt, dass man etwas bewegen kann, dass Alternativen möglich sind. Wir sind alle zusammen in der Lage, viel mehr zu tun, als das, was bislang geschieht. Gerade die Autoindustrie ist sehr träge und langsam. Und das reicht nicht - weder in Bezug auf die Umwelt, noch in Bezug auf den Wettbewerb. Wir wollen weiterhin Weltspitze sein, doch dafür passiert viel zu wenig.

SPIEGEL: In den Ankündigungen zur IAA erwecken die großen Autohersteller den Eindruck, dass sich jetzt etwas ändert.

Kampker: Das mag sein, aber es sind eben nur Ankündigungen. Seit Jahren wird in Deutschland über eine Mobilitätswende diskutiert, längst haben sich Lager gebildet, die Argumente sind bekannt. Diskutieren ist okay, was uns aber früher stark gemacht hat, war das Handeln. Das scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

SPIEGEL: Es wird gehandelt. Porsche etwa stellt erstmals ein Elektroauto mit 600 PS Leistung vor.

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Kampker: Genau, es bleibt beim "höher, schneller, weiter". Wer die dickste Batterie hat, ist der coolste. Mit neuem Denken hat das nichts zu tun. Wir brauchen Brüche. Es reicht nicht, einfach den Verbrenner-SUV durch den Elektro-SUV zu ersetzen. Insofern stimmt es schon: Die Autoindustrie tut etwas, doch das bedeutet keinerlei Fortschritt. Vielleicht geht das noch eine Weile gut, aber nicht mehr lange.

SPIEGEL: Warum ist das so?

Kampker: Die meisten Verantwortlichen in der Autoindustrie sagen von sich selbst, sie hätten Benzin im Blut - als Metapher für ihre Begeisterung für Verbrennerfahrzeuge. Inzwischen müssten sie eigentlich, um in dieser Analogie zu bleiben, sagen: Meine Adern sind Stromkabel. Das tun sie aber nicht. Sicher, es gibt von etlichen Konzernspitzen das Bekenntnis zur Elektromobilität. Aber das findet auf einer rationalen Ebene statt. Sie wissen, dass sie was ändern müssen, aber überzeugt sind sie nicht. Man sollte jedoch - auch als Ingenieur - das, was man tut, wirklich wollen. Es braucht Begeisterung, um eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, und eine Leidenschaft wie für leistungsstarke Verbrennerfahrzeuge sehe ich nicht.

SPIEGEL: Häufig heißt es von Autoherstellern, man böte das, was die Kunden wollen. Liegt es also an der Nachfrage, dass kein Umdenken stattfindet?

Kampker: Da ist was dran. Es gibt ja Kleinwagen, aber das Gros der Kunden kauft eben Stadtförsterautos, also SUV, die in Sachen Energieeffizienz eher mangelhaft sind. Obwohl also ein breites Angebot vorhanden ist, trifft der Kunde einseitige Entscheidungen. Das ist die Macht des Kunden, und die wird oft unterschätzt. Die Kunden, also wir, sind oft zu selbstgefällig. Auch als Käufer hat man eine Verantwortung, die man nicht einfach wegschieben kann. Da bin ich wieder bei meinem Generalthema: Man muss sich an die eigene Nase fassen.

SPIEGEL: Gibt es unter den für die IAA angekündigten Autoneuheiten wenigstens ein paar Modelle, die konzeptionell oder technologisch in die Zukunft weisen?

Kampker: Nein. Ich glaube, die Hersteller hängen noch zu sehr am Bewährten. Sie verkaufen vor allem das, was sich schon bislang gut verkaufte und pflegen das, was bislang die jeweilige Marke ausgemacht hat. Mich hat noch kein Auto überzeugt. Wobei auch klar ist, dass ich mir nicht anmaße, das Patentrezept für das Auto der Zukunft zu haben.

SPIEGEL: Wie sollte die IAA in zehn Jahren, also 2029, nach Ihrer Vorstellung aussehen?

Kampker: Ich fände es gut, wenn wir dann nicht mehr von einer Automesse sprechen würden, sondern von einer Mobilitätsmesse. Auf der auch Lösungen präsentiert werden, wie sich Mobilität insgesamt sinnvoll reduzieren lässt. Würde es so kommen, dann hätten wir viel erreicht.

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insgesamt 336 Beiträge
claus7447 09.09.2019
1. Da haben sich die überbezahlten CEOs verzockt
Es klingt noch in meinem Ohr: "Bei uns nicht!", "Alles legal!". Und dann kam Scheibe für Scheibe der Betrug beim Diesel raus. Die Cash Cow wurde durch Betrug geschlachtet. E-Mobilität ausgelacht. Wie [...]
Es klingt noch in meinem Ohr: "Bei uns nicht!", "Alles legal!". Und dann kam Scheibe für Scheibe der Betrug beim Diesel raus. Die Cash Cow wurde durch Betrug geschlachtet. E-Mobilität ausgelacht. Wie abfällig hatte sich Zetsche darüber geäussert. Es war vermutlich der Versuch des gesundbetens, da man merkte, der Zug ist abgefahren. Warum werden die eigentlich so hoch bezahlt?
arikimau 09.09.2019
2. Streetscooter = SUV
Streetscooter werden nur für fahrten benutzt die man ansonsten mit dem Fahrrad, ÖVP oder zu Fuss gegangen wäre. Dazu kommt das unsportliche Menschen sich jetzt noch weniger bewegen müssen. Also entweder wir können also die [...]
Streetscooter werden nur für fahrten benutzt die man ansonsten mit dem Fahrrad, ÖVP oder zu Fuss gegangen wäre. Dazu kommt das unsportliche Menschen sich jetzt noch weniger bewegen müssen. Also entweder wir können also die Welt mit SUV und E-scootern retten oder Verkehrsmittel müssen allgemein reduziert werden.
karlo1952 09.09.2019
3. Was sollen denn die Attribute
eines Herstellers oder Autos sein, wenn nicht Höchstgeschwindigkeit, Reichweite, Design? Vor allem beim Elektroantrieb bleibt es doch weitestgehend darauf begrenzt. Autofahren wird eben noch immer über den Fahrspass definiert [...]
eines Herstellers oder Autos sein, wenn nicht Höchstgeschwindigkeit, Reichweite, Design? Vor allem beim Elektroantrieb bleibt es doch weitestgehend darauf begrenzt. Autofahren wird eben noch immer über den Fahrspass definiert und die Kaufentscheidung darauf aufgebaut, oder um etwas anderes, besseres als der Nachbar zu haben. Das ist ja auch nicht nur beim Auto so, sondern auch bei anderen Gütern.
manni.baum 09.09.2019
4. Ingenieure in der Pflicht ?
weil sie nicht gegen den Markt entwickeln, solange die Käufer nicht 2,50 für den Liter Benzin/Diesel zahlen muss wird die Branche nicht umschalten.
weil sie nicht gegen den Markt entwickeln, solange die Käufer nicht 2,50 für den Liter Benzin/Diesel zahlen muss wird die Branche nicht umschalten.
Caminare 09.09.2019
5.
Vor kurzem musste ich ein neues Auto kaufen, weil das alte schlapp machte. Elektroauto wäre toll gewesen, allerdings kaum machbar. Und das lag nicht am Preis des Autos! Wohne in einer Mietwohnung ohne Garage oder Stellplatz. Es [...]
Vor kurzem musste ich ein neues Auto kaufen, weil das alte schlapp machte. Elektroauto wäre toll gewesen, allerdings kaum machbar. Und das lag nicht am Preis des Autos! Wohne in einer Mietwohnung ohne Garage oder Stellplatz. Es gibt in unserer Stadt diverse Ladestellen, fussläufig ca 10 Minuten und meist belegt. Wie und wo soll ich ein E-Auto laden ohne erheblichen Zeitaufwand? Das Thema der fehlenden Infrastruktur wird fahrlässig unterschätzt und vergessen - auch von den Medien! Nicht jeder kann sich eine eigene Solaranlage aufs Garagendach bauen, um sein Auto aufzutanken. Genau das zeigt aber, dass auch die Entscheidungsträger, die etwas ändern müssen, dies genauso halbherzig machen wie die Autoindustrie die E-Mobilität behandelt.
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