Mobilität

SPIEGEL-Datenanalyse

Tempolimit könnte bis zu 140 Todesfälle im Jahr verhindern

Ein Tempolimit auf Autobahnen widerspreche dem gesunden Menschenverstand - sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer. Tatsächlich würde es viele Leben retten, wie Berechnungen des SPIEGEL-Datenteams ergeben.

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Samstag, 23.02.2019   11:09 Uhr

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beendete die Diskussion über ein Tempolimit so schnell, wie sie aufgekommen war. Eine Regierungskommission hatte die Einführung eines Autobahn-Tempolimits von 130 km/h vorgeschlagen - als eine von mehreren Klimaschutzmaßnahmen. Für Scheuer ein Beispiel für "alte, abgelehnte und unrealistische Forderungen" und "gegen jeden Menschenverstand". Deutsche Autobahnen seien die sichersten Straßen weltweit. Ein Tempolimit werde es nicht geben.

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Heft 9/2019
L'Égoïste
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Dass er damit durchkam, hat auch damit zu tun, dass es in Deutschland kaum Studien zu den Auswirkungen eines Tempolimits gibt. Der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland spricht von einem "forschungspolitischen Loch", und Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) scheiterte 2016 mit den Plänen zu einem Modellversuch am Widerstand sowohl der Landes- als auch der Bundes-CDU. Das politische Interesse, das Thema wissenschaftlich zu untersuchen, scheint äußerst begrenzt.

Eine Datenanalyse des SPIEGEL liefert allerdings brisante Erkenntnisse. Bis zu 140 Todesfälle jährlich ließen sich durch die Einführung eines allgemeinen Autobahn-Tempolimits verhindern. Details zu der Auswertung und den verwendeten Daten sind im Methodik-Kasten weiter unten aufgeführt. Hier die wichtigsten Antworten zu den Ergebnissen im Überblick:

Gibt es auf Autobahnabschnitten mit Tempolimit weniger Unfälle?

Nein. Tatsächlich ist die Zahl der Unfälle auf Abschnitten mit Tempolimit sogar höher. Je eine Milliarde gefahrener Kilometer werden auf Abschnitten mit Tempolimit 79,9 Unfälle erfasst, während auf Abschnitten ohne Tempolimit die Zahl bei 71,4 liegt.

Dies wirkt auf den ersten Blick überraschend, lässt sich aber durch unterschiedliche Gegebenheiten auf den jeweiligen Abschnitten erklären. Ein Tempolimit, wie es bislang auf rund 30 Prozent der Autobahnkilometer gilt, wird nicht grundlos eingeführt. Ursachen sind unter anderem viele Unfälle, schlechter Fahrbahnzustand, kurvige oder schlecht einsehbare Streckenabschnitte oder hohes Verkehrsaufkommen. Abschnitte mit Tempolimit bergen also oft per se ein höheres Unfallrisiko. Angesichts dessen fallen die Unterschiede zwischen beiden Gruppen sogar erstaunlich gering aus.

Gibt es auf Autobahnabschnitten mit Tempolimit weniger schwere Unfälle?

Ja. Die Zahl der Schwerverletzten und vor allem der Todesfälle liegt hier deutlich niedriger: Während mit Tempolimit 0,95 tödliche Unfälle pro Milliarde Kilometer passieren, liegt dieser Wert in Abschnitten ohne Tempolimit bei 1,67, also rund 75 Prozent höher. Auch bei Schwerverletzten liegen die Zahlen auf Abschnitten ohne Tempolimit knapp 20 Prozent höher.

Auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit ist das Risiko, dass es bei Unfällen zu schweren Verletzungen oder Todesfällen kommt, somit bedeutend größer. Diese Erkenntnis deckt sich auch mit Erfahrungen zur Einführung eines Tempolimits auf zwei Autobahnabschnitten in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. In beiden Fällen gingen Unfallzahlen und insbesondere die Zahl der Verletzten und Getöteten nach der Einführung stark zurück.

Wie lässt sich damit die Zahl der vermeidbaren Todesfälle abschätzen?

Es lässt sich folgende Modellrechnung für das Jahr 2017 aufstellen: Multipliziert man die Zahl aller gefahrenen Autobahnkilometer (246 Milliarden, Quelle: Statistisches Bundesamt) mit der Häufigkeit tödlicher Unfälle in Abschnitten mit Tempolimit (0,95 pro Milliarde Kilometer), ergibt sich eine Simulation des Unfallgeschehens - darin gilt auf allen Streckenabschnitten ein Tempolimit.

Ergebnis der Rechnung sind 234 tödliche Unfälle mit circa 268 Todesopfern (pro Unfall mit Todesfolge sterben im Durchschnitt 1,15 Personen). Die offizielle Statistik verzeichnet 409 Todesopfer auf Autobahnen für das Jahr 2017. Die Differenz beträgt folglich 141 Personen.

Zur Absicherung unseres Vorgehens haben wir die Analyseergebnisse und auch die Methodik vorab Experten der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zur Verfügung gestellt. Laut deren Einschätzung ist die Berechnung "plausibel und methodisch sauber".

Dass die so ermittelte Zahl der vermeidbaren Todesfälle plausibel ist, legt auch eine andere Rechnung nahe: Im Jahr 2017 wurden in Autobahnabschnitten ohne Tempolimit 114 Todesfälle mit der Unfallursache "nicht angepasste Geschwindigkeit" erfasst. Teile dieser Unfälle dürften dabei auch bei gefahrenen Geschwindigkeiten von unter 130 km/h zustande gekommen sein (z.B. Aquaplaning-Unfälle). Grob geschätzt ist bei dieser Herangehensweise von einer knapp dreistelligen Zahl an jährlichen Todesfällen auszugehen, die sich mit einem Tempolimit hätten verhindern lassen.

Beide Verfahren sind mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, zeigen aber in etwa die Spanne der potenziell durch ein Tempolimit vermeidbaren Todesfälle.

Methodik

Wie plausibel ist die Modellrechnung?
Zusätzlich zur Einholung einer Expertenmeinung haben wir an mehreren Stellen unserer Modellrechnung Plausibilitätschecks durchgeführt und Zwischenergebnisse mit Zahlen aus der offiziellen Statistik verglichen. Verzerrungen unserer Untersuchung durch unterschiedliche Licht- oder Straßenverhältnisse auf Abschnitten mit beziehungsweise ohne Tempolimit lassen sich anhand von Vergleichen ebenfalls ausschließen.
Dennoch handelt es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Studie, sondern um eine Modellrechnung basierend auf ohnehin vorliegenden Daten. Mit eigens für eine Studie erhobenen Daten und/oder einem aufwendigeren Studiendesign ließen sich präzisere Prognosen erstellen.
Sind die Ergebnisse nachprüfbar?
Im Sinne der Transparenz stellen wir unsere komplette Datenauswertung inklusive des Programmiercodes und der Rohdaten offen auf der Plattform github zur Verfügung. Unser Vorgehen ist damit für Dritte vollständig reproduzierbar.
Welche Daten wurden verwendet?
Die Geodaten zu Autobahnen und Tempolimits stammen von OpenStreetMap (OSM). Abgerufen wurden alle Straßen mit der Einstufung „highway=motorway“ zum Stand 18. Februar 2019.

Die Angaben zu den Unfällen stammen aus dem Unfallatlas der statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Enthalten sind alle polizeilich erfassten Straßenunfälle aus dem Jahr 2017, mit Ausnahme der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Alle Unfälle, die laut Geokoordinaten maximal zehn Meter von einer Autobahn entfernt waren, wurden als Autobahnunfall klassifiziert. In einigen wenigen Fällen könnten hierdurch auch Unfälle auf Straßenbrücken, die eine Autobahn überqueren mit erfasst werden. In den Rohdaten sind solche Fälle leider nicht unterscheidbar.

Zur Verkehrsdichte liegen Daten aus der automatischen Verkehrszählung 2017 vor. An insgesamt 950 Autobahn-Zählstellen bundesweit wurde dort u.a. die Zahl der PKW pro Tag und die mittlere stündliche Verkehrsstärke tagsüber, beziehungsweise nachts gemessen. Für die Analyse haben wir jedem Autobahnabschnitt die Verkehrsdichte der nächstgelegenen Zählstelle zugeordnet.

Politische Prioritätensetzung

Selbst wenn man anerkennt, dass die Zahl der Verkehrsunfälle in Deutschland kontinuierlich rückläufig ist und die Autobahnen im Vergleich zu anderen Straßen relativ sicher sind, so ließen sich durch die Einführung eines Tempolimits bis zu 140 Todesfälle jährlich vermeiden. Genauer beziffern lässt sich diese Zahl ohne aufwendigere Studien nicht. Dabei wären "saubere, wissenschaftliche Studien Grundvoraussetzung, um die Debatte über ein Tempolimit nicht als bloßen Meinungsstreit zu führen", so Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer.

Während in Deutschland trotz Rückgang jährlich immer noch rund 3200 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen sterben, wird in Bezug auf das Tempolimit auch schon mal mit den internationalen Standortvorteilen für die Autoindustrie argumentiert. Andere Länder, wie Schweden oder auch die Schweiz, setzen da längst andere Prioritäten. In Schweden folgt die Verkehrspolitik der "Vision Zero". Ihr Ziel ist es, den Verkehr so umzugestalten, dass tödliche Unfälle schlicht nicht mehr passieren können.

In Deutschland hingegen war am Ende der Debatte nur klar, dass die Bundesregierung sich nicht mit einem Tempolimit auseinandersetzen möchte. Die Argumente für ein Tempolimit (Sicherheit, Klimaschutz) und dagegen (Wirtschaftsstandort, vermeintlich unpopuläre Maßnahme) verpufften im luftleeren Raum - auch weil detaillierte Berechnungen zu vermeidbaren Todesfällen bisher fehlten.

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insgesamt 351 Beiträge
c.PAF 23.02.2019
1.
Ein komplettes Fahrverbot könnte noch mehr Todesfälle verhindern. Zeitgemäße Vorgaben und Umsetzungen bei der Krankenhaushygiene könnten jährlich tausende Todesfälle verhindern. Das ist nur komischerweise kein Thema... [...]
Ein komplettes Fahrverbot könnte noch mehr Todesfälle verhindern. Zeitgemäße Vorgaben und Umsetzungen bei der Krankenhaushygiene könnten jährlich tausende Todesfälle verhindern. Das ist nur komischerweise kein Thema... Aber macht nur, mir ist das egal. Wie der deutlich überwiegende Teil der Autofahrer bin ich seltenst schneller als mit 130 unterwegs.
anterogradeamnesie 23.02.2019
2. Ansatz ist fragwürdig
Viel angemessener wäre es, eine einheitliche Geschwindigkeitsregelung bei LKW-Fahrzeugen umzusetzen, damit PKW-Fahrer nicht zu riskanten Überholmanövern verleitet werden. Außerdem gäbe es weniger Staus, da die LKW sich nicht [...]
Viel angemessener wäre es, eine einheitliche Geschwindigkeitsregelung bei LKW-Fahrzeugen umzusetzen, damit PKW-Fahrer nicht zu riskanten Überholmanövern verleitet werden. Außerdem gäbe es weniger Staus, da die LKW sich nicht gegenseitig überholen müssen. Macht viel mehr Sinn, oder?!
Jominator 23.02.2019
3. Rechenspiele
Da kann man viel hin und her rechnen. Bei 100 gäbe es dann weniger Tote als bei 130 und bei 60 wenige als bei 100. Meines Erachtens ist nicht die Geschwindigkeit das große Problem, sondern der häufig viel zu geringe [...]
Da kann man viel hin und her rechnen. Bei 100 gäbe es dann weniger Tote als bei 130 und bei 60 wenige als bei 100. Meines Erachtens ist nicht die Geschwindigkeit das große Problem, sondern der häufig viel zu geringe Sicherheitsabstand. Wenn sich jeder daran halten würde gäbe es auch bestimmt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung 140 Tote weniger jedes Jahr.
BäckerGeselle42 23.02.2019
4. Heilige Kühe und so
Vermutlich blickt die CSU jetzt 30, 40 Jahre zurück, als es in Westdeutschland alleine über 10000 Tote durch Verkehrsunfälle pro Jahr gab. 140, das ist doch gar nichts. Oder um zynisch US Politiker zu zitieren: das ist halt [...]
Vermutlich blickt die CSU jetzt 30, 40 Jahre zurück, als es in Westdeutschland alleine über 10000 Tote durch Verkehrsunfälle pro Jahr gab. 140, das ist doch gar nichts. Oder um zynisch US Politiker zu zitieren: das ist halt der Preis der Freiheit, den die Deutschen bereit sind zu bezahlen. Ganz ehrlich: wegen mir kann man auf eine Geschwindigkeitsbegrenzung verzichten. Stattdessen auf europäischer Ebene ganz massiv darauf hinarbeiten, dass zb die ganzen Kreuzfahrtschiffe endlich vernünftige Abgasfilter bekommen und mit anständigen Treibstoffen fahren (anstatt alles zu verbrennen, was nicht schnell genug wegkriechen kann). Klar, dann werden die billigen Tickets auf einmal deutlich teurer, aber ganz ehrlich: das träfe dann mal die richtigen ;-)
wavor 23.02.2019
5. Samstag morgen Clickbait
Ja, warum mischen wir nicht das Forum mal wieder auf, indem wir das mal wieder rauskramen, hatten wir ja lange nicht mehr.. und jetzt mit extra frischen Erkenntnissen! Mit was man nicht alles Tote verhindern könnte. Zum Beispiel [...]
Ja, warum mischen wir nicht das Forum mal wieder auf, indem wir das mal wieder rauskramen, hatten wir ja lange nicht mehr.. und jetzt mit extra frischen Erkenntnissen! Mit was man nicht alles Tote verhindern könnte. Zum Beispiel könnte man mal eine Helmpflicht für Fahrradfahrer einführen. Dazu am besten noch eine Geschwindigkeitsbeschränkung für Fahrräder von 18 KM/h. Wir könnten auch nochmal das Alkohol Werbeverbot herausholen.. denn über 70.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an Alkohol. Wenn man da etwas tut, spart man sicher deutlich mehr ein als 140. Aber nein, Tempolimit ist ein wunderbares Thema, wo man nicht weiterkommt und sich alle so richtig aufregen können.
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