Mobilität

Autogramm Bentley Bentayga Speed

20.000 Euro für fünf km/h

Volkswagen-Manager reden oft von sauberer Mobilität. Doch der angebliche Kulturwandel ist noch nicht überall im Konzern angekommen, wie ein interner Wettstreit um das schnellste SUV der Welt zeigt.

Foto: Tom Grünweg
Von
Mittwoch, 29.05.2019   01:35 Uhr

Der erste Eindruck: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Im Vergleich zum normalen Bentley Bentayga ist die neue Variante fast nur am "Speed"-Schriftzug zu erkennen. Tatsächlich ist Geschwindigkeit das Markenzeichen dieses Autos. Die Volkswagen-Tochter will sich mit ihm den Titel für das schnellste SUV der Welt zurückholen - von der Schwestermarke Lamborghini.

Das sagt der Hersteller: Für Bentley-Chef Adrian Hallmark war es offenbar eine Zumutung, dass der Lamborghini Urus den Bentayga als schnellsten SUV der Welt abgelöst hatte. Jetzt also der Konter. Die Bentley-Ingenieure und -Programmierer saßen so lange an den Rechnern, bis der Bentayga die Nase wieder hauchzart vorne hatte. "Die Hardware ist identisch, wir haben nur die Software von Motorsteuerung, Getriebe und Fahrwerk überarbeitet", sagt ein beteiligter Ingenieur. Wie kindisch dieser Wettstreit ist, zeigt ein Blick auf den Geschwindigkeitsbereich, in dem er sich abspielt: Der normale Bentayga fährt 301 km/h, der Urus toppte das dann mit 305 km/h, und der neue Bentayga Speed kommt auf 306 km/h.

Fotostrecke

Bentley Bentayga Speed: Extrem!

Das ist uns aufgefallen: Groß und gewichtig - der Bentayga ist das Gegenteil von einem Sportwagen. Das zeigt sich auch an Details wie den schweren Aschenbechern im Coladosenformat. Bei einer Firma wie Lotus, die um Leichtbau bemüht ist, würde so etwas den Ingenieuren wohl den Schlaf rauben. Nicht zu reden vom fingerdicken Leder und den Holzvertäfelungen. Außerdem gibt es üppig gepolsterte Sessel mit Klimatisierung und Massagefunktion, für jeden Handgriff einen elektrischen Helfer, im Fond mehr Platz als in einer Luxuslimousine und viel, viel Kofferraum.

Imposant ist es schon, wie der Bentayga etablierte Sportwagen wie den Porsche 911 oder die Chevrolet Corvette abhängt. Und wie distinguiert der sechs Liter große W12-Motor bleibt, während er seine Kraft entfaltet. Auch im Sportmodus dringt nur ein leichtes Grollen durch die Watte, in die Bentley seine Kunden packt. Menschen mit empfindlicher Fußsohle spüren vielleicht ein feines Vibrieren aus den Tiefen des Maschinenraums. Der von 48-Volt-Stellmotoren stabilisierte Aufbau lässt einen nur so viel von der Straße spüren, dass womöglich ein paar Perlen mehr aus der Proseccodose im Cupholder steigen.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Bentley Bentayga Speed - mit unserem 360-Grad-Foto:

Während Sportwagen häufig Knochen und Muskeln schütteln, sitzen Bentayga-Fahrer weich. Allerdings sollten sie sich nicht einlullen lassen: Wer eine solche Dampfwalze mit dem Elan eines Dragsters bewegt, bleibt besser hellwach. Die Gesetze der Physik gelten auch für den Bentley. Wer schnell stark bremsen muss, bekommt die 2,5 Tonnen zu spüren. Es dauert merklich länger als bei einem Sportwagen, bis der Wagen steht.

Wer den Bentley fährt, findet den Kampf um jeden km/h womöglich bald absurd. Schon das Serienmodell ist so schnell unterwegs, dass selbst Profis den Unterschied der neuen Variante kaum herausfahren werden. Erst recht nicht Laien im Alltagsverkehr zwischen Landsitz, Privatschule und Vorstandsbüro. Das "Speed"-Label ist daher nicht viel mehr als ein Sportabzeichen, mit dem sich die Elite noch einen Hauch exklusiver fühlen kann.

Das muss man wissen: Die fünf km/h mehr lässt sich Bentley teuer bezahlen. Wenn im September die ersten Autos ausgeliefert werden, müssen Kunden dafür rund 235.000 Euro überweisen. Sie zahlen damit einen Aufschlag von etwa 20.000 Euro zum normalen Bentayga. Dafür gibt es neben schwarz lackierten Anbauteilen, dem dezenten Heckspoiler und den "Speed"-Schriftzügen lediglich 27 PS mehr - und eine neue Drehmomentkurve, die einen schnelleren Sprint erlaubt. Von 0 auf 100 schafft es der Wagen in 3,9 Sekunden (bislang: 4,1 Sekunden). Im Wagen mag das ein Wimpernschlag sein, beim Benzingespräch ist es womöglich der entscheidende Trumpf - auch aus Sicht des Herstellers. Bentley geht von einem hohen "Speed"-Anteil aus: Im Schnitt jeder zehnte Bentayga-Fahrer, so die Erwartung, werde sein Auto mit dem Logo schmücken.

Das werden wir nicht vergessen: Wie schnell man im Bentayga Speed trotz der 2,5 Tonnen Gewicht und der hohen Sitzposition vergessen hat, dass man in einem SUV unterwegs ist. Und wie schnell man sich daran wieder erinnert, wenn man den Koloss vor einer engen Kurve einbremst.

Hersteller: Bentley
Typ: Bentayga Speed
Karosserie: SUV
Motor: W12-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 5.950 ccm
Leistung: 635 PS (467 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 3,9 s
Höchstgeschw.: 306 km/h
Verbrauch (ECE): 12,9 Liter
CO2-Ausstoß: 308 g/km
Kofferraum: 431 Liter
Preis: 235.000 EUR
insgesamt 151 Beiträge
ott.burgkunstadt 29.05.2019
1. PS-Protze
Braucht es solche Autos wirklich? Ich würde mir von den Autokonzernen Modelle wünschen, die Klein- oder Mittelklasseformat haben, mit Elektroantrieb eine vernünftige Reichweite haben und zu einem für den Normalbürger zu [...]
Braucht es solche Autos wirklich? Ich würde mir von den Autokonzernen Modelle wünschen, die Klein- oder Mittelklasseformat haben, mit Elektroantrieb eine vernünftige Reichweite haben und zu einem für den Normalbürger zu zahlenden Preis zu haben sind. Luxusmodelle mit E-Antrieb werden den deutschen Autokonzernen keine Spitzenstellung bringen. Warum schaffen diese Konzerne nicht, was die Post schafft? Ein Transporter, der mit e-Antrieb in Verbindung mit Brennstoffzelle eine Reichweite von 500 km verschafft - wo bleibt da ein vergleichbarer Klein- oder Mittelklassewagen? Manager können offensichtlich nur kassieren, aber nicht gestalten. Ich würde jeden die Entlastung verweigern. Wie sagt von Wagner in der Anstalt? "Ich bin Manager. Fakten erschweren die Entscheidungsfindung". So verliert die deutsche Automobilindustrie ihre Spitzenstellung und wird künftig die Politik nicht mehr mit dem Argument "Arbeitsplätze" erpressen können, weil die sowieso futsch sind.
monitor1 29.05.2019
2. In Watte gepackt?
Ich weiß nicht, was Sie für einen Testwagen hatten. Der Bentayga, den ich zur Probe fuhr, holperte über jeden Kanaldeckel - absolut enttäuschend für ein solches Fahrzeug.
Ich weiß nicht, was Sie für einen Testwagen hatten. Der Bentayga, den ich zur Probe fuhr, holperte über jeden Kanaldeckel - absolut enttäuschend für ein solches Fahrzeug.
Sättigungsbeilage 29.05.2019
3. Soo groß...
...ist der Bentayga nun auch nicht. Und gegen Solidität ist auch nichts einzuwenden. Was den Antrieb betrifft: Der Kübel verfügte bereits über einen hocheffizienten Dieselmotor, bis - ja bis dieser Verbrenner mies gemacht [...]
...ist der Bentayga nun auch nicht. Und gegen Solidität ist auch nichts einzuwenden. Was den Antrieb betrifft: Der Kübel verfügte bereits über einen hocheffizienten Dieselmotor, bis - ja bis dieser Verbrenner mies gemacht wurde. Abgesehen davon: über Schönheit kann man streiten. In diesem Fall muss man es. Ästhetisches Maß der Dinge bleibt der Range. Oder wie Jeremy Clarkson sagte: thats it. the end.
5b- 29.05.2019
4. Günstiges Auto
Dass das Auto nur 20.000 Euro kostet ist spitze. Schade dass es nur 5 km/h fährt. Könnte es sein dass das Auto pro 20.000 Euro Kaufpreis 5 km/h hat, wenn man den angegebenen Kaufpreis und Maximalgeschwindigkeit hernimmt? Das [...]
Dass das Auto nur 20.000 Euro kostet ist spitze. Schade dass es nur 5 km/h fährt. Könnte es sein dass das Auto pro 20.000 Euro Kaufpreis 5 km/h hat, wenn man den angegebenen Kaufpreis und Maximalgeschwindigkeit hernimmt? Das wäre natürlich Unsinn, da angegebenen Maximalgeschwindigkeiten ziemlich unpraktische Zahlen sind. Es hat den Anschein als ob man eine billigere Version kaufen könnte die dann langsamer fährt. Tatsächlich scheint es aber nur eine kleine Auswahl an Modellen mit unterschiedlich angegebene Höchstgeschwindigkeiten.
rgw_ch 29.05.2019
5. Seltsam gewöhnlich
Am Erstaunlichsten finde ich, wie gewöhnlich das Auto aussieht. Sowohl von außen wie auch von innen könnte es irgendein Allerwelts-SUV sein. Jedenfalls hätte ich dem Wagen keinen zweiten Blick zugeworfen, hätte ich ihn [...]
Am Erstaunlichsten finde ich, wie gewöhnlich das Auto aussieht. Sowohl von außen wie auch von innen könnte es irgendein Allerwelts-SUV sein. Jedenfalls hätte ich dem Wagen keinen zweiten Blick zugeworfen, hätte ich ihn einfach irgendwo auf der Straße gesehen. Ist das absichtliches Understatement oder können Autobauer heute wirklich nicht einmal im Höchstpreis-Segment noch unverwechselbare Fahrzeuge mit eigenem Charakter entwickeln?
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