Mobilität

Autogramm Mercedes EQC

Mit Spannung erwartet

Endlich hat auch Mercedes ein echtes Elektroauto im Portfolio. Behaupten jedenfalls die Schwaben. Dabei ist der EQC lediglich ein umgebauter GLC - und das merkt man auch.

Foto: Tom Grünweg
Von
Mittwoch, 15.05.2019   00:06 Uhr

Der erste Eindruck: Ein alter Bekannter. Nur ein geglätteter Kühlergrill, blaue Wimpern in den Scheinwerfern und blaue Zierstreifen an den Rädern zeugen vom Elektroantrieb. Davon abgesehen sieht er aus wie ein GLC, und das ist der EQC ja eigentlich auch.

Das sagt der Hersteller: "Wir legen den Schalter um." Das versprach Daimler-Chef Dieter Zetsche vor drei Jahren beim Debüt der EQC-Studie auf dem Autosalon in Paris, wo er das SUV als erstes echtes E-Auto bei Daimler ankündigte. Inzwischen ist bekannt, dass Zetsches designierter Nachfolger Ola Källenius bis zum Jahr 2025 mindestens zehn E-Autos an den Start bringen will und die Hälfte aller Mercedes-Neuwagen bis 2030 mit Strom fahren sollen. Der EQC ist der erste Vertreter dieser neuen Ära - und angeblich noch ein bisschen mehr. Vertriebschefin Britta Seeger spricht gern von "elektrischer Intelligenz", die vom cleveren Navigationssystem bis hin zum vernetzten Lademanagement reiche.

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Autogramm Mercedes EQC: Stromern auf schwäbisch

Das ist uns aufgefallen: Erstmal halblang. So hoch die Phrasendreschmaschine des Marketings auch dreht, der EQC ist ein Mercedes wie jeder andere - und das ist auch gar nicht schlecht. Schließlich ist der GLC, der den Entwicklern als Basis diente, das meistverkaufte Modell der Marke.

Auch in der neuen Elektrowelt fühlen sich Fahrer und Passagiere auf Anhieb zu Hause, finden mit einem Griff jeden Schalter und wissen gleich, wie die Sprachsteuerung des konkurrenzlos guten Bediensystems MBUX funktioniert.

Typisch Mercedes ist auch das Fahrverhalten. Der Stromer ist leiser als ein Verbrenner und hat mehr Kraft beim Anfahren, weil das maximale Drehmoment sofort bereit steht.

Der Motor ist durch einen doppelten Hilfsrahmen zweifach von der Karosserie entkoppelt. Während andere Elektroautos leise surren und man ein feines Kribbeln im Fuß spürt, sind die EQC-Aggregate weder zu hören, noch zu spüren. Dazu gibt es fünf Fahrprofile von "Sport" bis "Eco", in denen im Zusammenspiel mit dem Navigationssystem und der automatischen Abstandsregelung die Energierückgewinnung beim Bremsen (Rekuperation) organisiert wird.

Einsteigen, losfahren und im Verkehr mitschwimmen - als EQC-Fahrer ist man entspannt unterwegs. Wer nicht von Hamburg nach Frankfurt pendelt, schaut schon bald nicht mehr auf die Restreichweite, weil dieser Wert so langsam sinkt. Zumal der Bordcomputer stets den Weg zur nächsten Schnellladesäule weiß und der Akku an den Power-Säulen von Ionity binnen 40 Minuten von 10 auf 80 Prozent Ladekapazität kommt.

Das Leergewicht von 2,5 Tonnen vergisst man ebenso, weil die Batterien den Schwerpunkt drücken und der Wagen in Kurven deshalb sehr souverän wirkt. Und es ist auch egal, dass Mercedes mit Rücksicht auf die Reichweite die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h gedrosselt hat. Elektro-Konkurrenten wie Jaguar i-Pace oder Tesla fahren zwar schneller - doch auf Tempo allein kommt es nicht an.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Mercedes EQC - mit unserem 360-Grad-Foto:

So gut dem EQC die Nähe zum GLC in Sachen Souveränität, Qualität und Fahrgefühl tut - mit der simplen Umrüstung von Verbrenner auf E-Modell hat Mercedes auch ein paar Chancen vergeben. Etwa bei der Raumausnutzung: Der Mitteltunnel, der im Fond-Fußraum die Passagiere behindert, ist bei einem E-Auto genauso überflüssig wie die riesige Mittelkonsole, die zwischen den Insassen in Reihe eins aufragt. Im EQC gibt es weder Kardanwelle noch ein großes Getriebe.

Außerdem ist die Sitzposition durch die Batterien im Wagenboden ungemütlich hoch und die Kopffreiheit entsprechend gering. Und wo andere E-Autos im Bug noch einen zweiten Kofferraum haben, in den zumindest das Ladekabel oder anderer Kleinkram passt, hat es bei Mercedes nur für eine Abdeckung gereicht, weil die E-Maschine die gleichen Montagepunkte nutzt wie die Verbrenner und daher einen großen Hilfsrahmen benötigt.

Das muss man wissen: Ab sofort bestellen kann man den EQC zu Preisen ab 71.281 Euro. Mit einem Nettopreis unter 60.000 Euro qualifiziert sich der Mercedes auch für die Förderung vom Staat. Ausgeliefert werden die ersten Modelle ab Jahresende, doch weil die Produktionskapazität im Werk Bremen nach einem Bericht der "Automobilwoche" aktuell bei lediglich 100 Autos pro Tag liegt, sind lange Wartezeiten absehbar.

Starten wird der EQC zunächst als "400 4Matic" mit zwei E-Motoren und zusammen 408 PS Leistung sowie einem maximalen Drehmoment von 760 Nm. Die rund 600 Kilo schweren Akkus im Wagenboden haben eine Kapazität von 80 Kilowattstunden und sollen im alten NEFZ-Zyklus für bis zu 471 Kilometer reichen (im realistischeren WLTP-Testverfahren dürften es etwa 380 Kilometer sein). Sind die Akkus leer, dauert das Laden mit Wechselstrom (AC) von 10 bis 100 Prozent an der Wallbox etwa elf Stunden, mit Gleichstrom-Technik (DC) kommt man von 10 auf 80 Prozent in bestenfalls 40 Minuten.

Das werden wir nicht vergessen: Den breiten Streifen, um den die Innenverkleidung der Tür das außen angeschlagene Blech überragt. Obwohl Mercedes versucht, dies mit dunkler Farbe und starker Tönung zu kaschieren, ist dieser Streifen der sichtbare Beleg für die Kompromisse, die Mercedes bei der Umrüstung des GLC einging. So gut der EQC fährt und so dringend Mercedes ein Elektroauto braucht - für so viel Geld und nach so langer Wartezeit darf man etwas mehr erwarten. Zumal von einer Firma, die sich als Erfinder des Automobils rühmt.

Hersteller: Mercedes
Typ: EQC 400 4matic
Karosserie: SUV
Motor: zwei Elektromaschinen
Getriebe: Eingang-Automatik
Antrieb: Allrad
Leistung (E-Motor): 408 PS (300 kW)
Drehmoment (E-Motor): 760 Nm
Von 0 auf 100: 5,1 s
Höchstgeschw.: 180 km/h
Kofferraum: 500 Liter
Preis: 71.281 EUR
insgesamt 51 Beiträge
Oliver Sprenger de Montes 15.05.2019
1.
Peinlich und lieblos mit der heißen Nadel zusammengeschustert. Nachteile von Benziner und Elektro verbunden, ohne die Vorteile zu nutzen. 2.5t Leergewicht, man sitzt fast unter der Decke, weniger Kofferraum, stundenlange [...]
Peinlich und lieblos mit der heißen Nadel zusammengeschustert. Nachteile von Benziner und Elektro verbunden, ohne die Vorteile zu nutzen. 2.5t Leergewicht, man sitzt fast unter der Decke, weniger Kofferraum, stundenlange Ladezeiten. Und das für 71k€. Da gibt es für die Hälfte alltagstauglichere und umweltfreundlichere Autos.
2cv 15.05.2019
2. Andere Zielgruppe als GLC! // 41h Laden bei 230V
Zunächst ist der GLC nicht nur meisverkauft, sondern eines der am meisten geleasten Modelle von Daimler. Ein Großteil der Nutzer ist damit im Fuhrpark von Unternehmen zu finden, die meisten haben hohe Kilometer in den [...]
Zunächst ist der GLC nicht nur meisverkauft, sondern eines der am meisten geleasten Modelle von Daimler. Ein Großteil der Nutzer ist damit im Fuhrpark von Unternehmen zu finden, die meisten haben hohe Kilometer in den Leasingverträgen stehen. Damit fällt der EQC nicht mal ansatzweise in die gleichen Zielsegmente wie der GLC. Zum zweiten muss klar gesagt werden, daß für viele Fuhrparks nicht nur die Frage der Bereitstellung des Fahrzeugs, sondern auch der Lade-Infra gelöst werden muss. Mal wieder ein Hersteller mit einem eigenen Infrastruktur-Konzept, das nicht mit Teslas oder anderen kompatibel ist. Die meisten Bürogebäude und Firmenparkplätze sind gemietet, und hier werden sich die Unternehmen überlegen müssen, welche Infra sie in den Stellplätzen montieren wird, und welche nicht. Es müssen nämlich idR noch Abrechnungsmodelle her, wie der entnommene Strom mit dem Gehalt abgerechnet wird, und das geht bis in die Buchhaltung und entsprechende Abrechnungen. Das Verlegen einer 500V Infra ist auch in Tiefgaragen eine teure Sache, die Kosten tauchen in keiner der Beiträge hier auf (Lieber Herr Grünweg, wäre auch mal interessant für Sie, solch eine Betrachtung nicht nur aufs Auto allein zu begrenzen). Und da nicht jeder sich eine Ladesäule daheim für 3 Jahre hinstellen wird, (wer weiss welcher Anschluss danach kommt, vielleicht wechselt man auch die Marke, soll ja mal vorkommen) kommt bei einigen nur der 230V in Frage, und da sagt Mercedes selbst, es dauere 41h, den Wagen wieder zu laden. Damit ist eine Vergleichbarkeit zum GLC nun gar nicht mehr möglich - am nächsten Morgen nicht voll geladen wieder auf Firmentour zu gehen: unmöglich. Damit wird der EQC ein netter Zweit- oder Drittwagen. Und dafür ist er wiederum zu teuer.
maslinar1 15.05.2019
3. Tom ist ein Übertreiber
Mercedes hat nie gesagt, dass das ein from the scratch geplantes Elektroauto ist. Für den Kunden ist auch klar ersichtlich, dass dieses basierend ist auf dem Verbrenner GLC. BMW hat sich frühzeitig dafür entschieden [...]
Mercedes hat nie gesagt, dass das ein from the scratch geplantes Elektroauto ist. Für den Kunden ist auch klar ersichtlich, dass dieses basierend ist auf dem Verbrenner GLC. BMW hat sich frühzeitig dafür entschieden Elektroautos from the scratch zu bauen, bekanntlich mit sehr mäßigen Erfolg aktuell. Tesla hat es immer noch nicht geschafft ökonomisch erfolgreich zu sein. Mir erscheint der Weg, den Mercedes geht, viel nachhaltiger und sinnvoller zu sein, um als etablierter Automobilhersteller die Transformation verantwortungsvoll zu meistern, sehend auch die Arbeitsplätze welche dahinter stehen. Daher ist Kritik zwar immer gut Tom, aber hier ein wenig übertrieben. Wir sehen hier einen echten Mercedes und keine Pappschachtel. Hier dieses mal zufällig ohne Verbrenner, dafür mit Elektromotor und bald vielleicht auch mit Brennstoffzelle ohne umweltschädliche Batterie. Gewöhnt Euch dran, das wird gut. Stay tuned with Mercedes, to be continued!
stefan.p1 15.05.2019
4. Schickes Auto
Ich bin ganz und gar nicht der Meinung , das ein E-KFZ auf eine komplett eigenständige Produktionslinie aufgebaut sein muß - und da ist der Benz ein sehr gutes Beispiel. Mit den blauen LED-Leisten wird dezent auf die [...]
Ich bin ganz und gar nicht der Meinung , das ein E-KFZ auf eine komplett eigenständige Produktionslinie aufgebaut sein muß - und da ist der Benz ein sehr gutes Beispiel. Mit den blauen LED-Leisten wird dezent auf die Motorisierung hingewiesen -passt! In Sachen Verabeitung, Komfort etc waren die Schwaben schon immer Weltspitze. Und der Preis ist auch durchaus Konkurenzfähig (ex-der berühmten DB Zubehör-Liste). Da könen sich die Panik Macher mit ihren "Deutschland verschläft den E-Trend" Rufen langsam entspannen.
j.s.mager 15.05.2019
5. Erdbeben?
Wie kam Mercedes nur auf die Bezeichnung EQC? EQC ist die neuseeländische Earthquake Commission (https://www.eqc.govt.nz/) - eine Art staatliche Versicherung gegen Erdbebenschäden. Da dürfte von diesem Mercedes keine Gefahr [...]
Wie kam Mercedes nur auf die Bezeichnung EQC? EQC ist die neuseeländische Earthquake Commission (https://www.eqc.govt.nz/) - eine Art staatliche Versicherung gegen Erdbebenschäden. Da dürfte von diesem Mercedes keine Gefahr ausgehen... trotz seiner Größe.
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