Mobilität

Autogramm Mercedes Maybach S 600

Luxus mit Erblast

Silberkelche als Sonderausstattung: Mercedes will mit einer Edelversion der S-Klasse die Luxusmarken Rolls-Royce und Bentley angreifen. Dazu muss mal wieder der Name Maybach herhalten - ein Risiko.

Mercedes
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Freitag, 09.01.2015   15:13 Uhr

Der erste Eindruck: Typisch deutsch. Verglichen mit dem Bentley Flying Spur oder dem Rolls-Royce Phantom pflegt das neue Mercedes-Topmodell Maybach S 600 einen eher dezenten Auftritt - soweit das bei einer Limousine von 5,45 Metern Länge möglich ist.

Das sagt der Hersteller: "Die beste Chauffeurslimousine der Welt", nennt Daimler-Chef Dieter Zetsche das Auto - in Anlehnung an seine Bezeichnung für die S-Klasse, die für ihn die "beste Limousine der Welt" ist.

Weil der superreichen Zielgruppe eine profane S-Klasse offenbar nicht gut genug ist, hat Mercedes den Namen Maybach mal wieder reaktiviert. Ein riskantes Comeback. Denn einerseits wird dadurch die "Standard"-S-Klasse abgewertet. Andererseits ist der Name immer noch mit dem blamablen Ende der Luxusmarke Maybach verknüpft, die Mercedes vor drei Jahren nach rund 3000 verkauften Autos wieder einstellte.

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen und wohlfühlen - in keinem Auto klappt das so gut wie in diesem. Wenn der Chauffeur die Tür aufhält und sie nach dem Einsteigen von Elektromotoren sanft ins Schloss gezogen wird, ist man von jetzt auf sofort der Welt entrückt. Der Fondsitz streckt sich zu einer belederten Liege und die Klimaanlage mit Luftreiniger fächelt eine angenehme Frische durch den Innenraum.

Eine Fußstütze fährt elektrisch aus, wer mag, kann die "Hot-Stone"-Massagefunktion aktivieren. Auf die fast schon barocke Opulenz der alten Maybach-Modelle hat Mercedes aber verzichtet: Es gibt zum Beispiel keine Zusatzinstrumente im Dachhimmel mehr und auch keinen Humidor - pragmatischer Luxus statt protzigem Prunk lautet die neue Formel.

Am Mercedes Maybach S 600 zeigt sich übrigens auch, wie schnell selbst Topmodelle heute veralten. Auch wenn der Wagen mehr Assistenz- und Komfortsysteme zu bieten hat als jeder Bentley oder Rolls-Royce, ist der Luxusliner schon jetzt nicht mehr auf dem neuesten Stand. Denn das Infotainmentsystem mit festen Monitoren ohne Touchfunktion und einer Fernbedienung wie beim Fernseher wirkt spätestens nach der Vorschau auf Audi Q7 und BMW 7er dieser Tage auf der CES ein wenig altbacken.

Das muss man wissen: "Der Mercedes-Maybach markiert überall die Spitze, mit einer Ausnahme", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche, "dem Preis." Ab Februar wird der Wagen verkauft, das Einstiegsmodell wird 134.054 Euro kosten. Das ist ein irrwitziger Preis für ein Auto - und gleichzeitig ein Billigangebot, verglichen mit den Summen, die Rolls-Royce oder Bentley verlangen. Möglich macht es eine Mischung aus Masse und Klasse, weil Mercedes von der normalen S-Klasse mehr als 100.000 Exemplare pro Jahr verkauft. Da ergeben sich Synergieeffekte.

Diese will Zetsche noch verstärken: Ein Maybach Pullmann von rund 6,40 Meter ist ebenso beschlossene Sache wie eine S-Klasse Cabrio. Und angesichts der SUV-Pläne von Bentley und Rolls-Royce zweifelt auch keiner mehr an einer Maybach-Version des künftigen Mercedes GL.

Der vergleichsweise niedrige Einstiegspreis gibt den Superreichen Spielraum für Sonderausstattungen. Denn was ist ein Maybach schon ohne silberne Champagner-Kelche (Aufpreis 3808 Euro)? Wer auf der Liste mit den Extras großzügig Kreuzchen verteilt, kommt schnell auf einen Gesamtpreis von 250.000 oder 300.000 Euro. Dazu muss noch das Gehalt eines Chauffeurs kalkuliert werden - denn zum Selberfahren ist ein Mercedes Maybach reichlich witzlos, da kann man sich die Silberkelche auch gleich sparen.

Immerhin verspricht der Sitz am Steuer gute Arbeitsbedingungen: Die Variante S 500 hat einen V8-Benziner mit 4,7 Liter Hubraum und 455 PS. Für mindestens 187.842 Euro gibt es auch das Modell S 600 mit 6-Liter-Zwölfzylindermotor und 530 PS.

Das werden wir nicht vergessen: Lack und Leder wo man hinfasst, perfektes Raumklima, unerreichter Sitzkomfort und eine derart mühelose Fortbewegung, dass man fast schon ans Beamen glauben möchte - all das ist in einer Limousine dieses Kalibers keine Überraschung. Aber was selbst in diesem Auto beeindruckt, das ist die himmlische Ruhe im Fond, in der man bei aller Anstrengung nicht einmal das Ticken der Uhr vorn im Armaturenbrett hören kann. Es ist so leise, dass die Augenlider fast automatisch schwer werden. Und das ist dann fast ein bisschen schade ist, denn wer möchte die Fahrt in so einem Auto schon verschlafen?

insgesamt 57 Beiträge
sametime 09.01.2015
1. Billig
In einem so noblen Auto hinten Bildschirme einbauen, die aussehen wie Billigteile vom Discounter ist schon armselig. So etwas gehört integriert. Spritverbrauch 11,7 Liter? Wird sicher nie zu erreichen sein. Das doppelte wird [...]
In einem so noblen Auto hinten Bildschirme einbauen, die aussehen wie Billigteile vom Discounter ist schon armselig. So etwas gehört integriert. Spritverbrauch 11,7 Liter? Wird sicher nie zu erreichen sein. Das doppelte wird wohl der Sache näher kommen. Wer sich jedoch so ein Auto kauft, dem ist das wohl egal.
tomymind 09.01.2015
2.
Konkurrenz zu RR. RR baut ca 4000 Autos pro Jahr, Mercedes 1 Million. Zu Bentley? Eher, da die wichtigsten Bentley Modelle auf der Uralt Plattform des VW Phaeton stehen, dessen Technik benutzen und einige Bedienelemente im [...]
Konkurrenz zu RR. RR baut ca 4000 Autos pro Jahr, Mercedes 1 Million. Zu Bentley? Eher, da die wichtigsten Bentley Modelle auf der Uralt Plattform des VW Phaeton stehen, dessen Technik benutzen und einige Bedienelemente im Innenraum zu "besichtigen" sind. Aber niemand der sich einen RR leisten kann und will wird auf diesen Mercedes zurückgreifen, vielleicht als 2. Wagen
Eduschu 09.01.2015
3.
Eh wurst, Hauptsache das Geld bleibt im Land.
Zitat von tomymindKonkurrenz zu RR. RR baut ca 4000 Autos pro Jahr, Mercedes 1 Million. Zu Bentley? Eher, da die wichtigsten Bentley Modelle auf der Uralt Plattform des VW Phaeton stehen, dessen Technik benutzen und einige Bedienelemente im Innenraum zu "besichtigen" sind. Aber niemand der sich einen RR leisten kann und will wird auf diesen Mercedes zurückgreifen, vielleicht als 2. Wagen
Eh wurst, Hauptsache das Geld bleibt im Land.
svizzero 09.01.2015
4. Genau das richtige Auto
Genau so muss ein Auto sein, dass man sich von all dem Pöbel, Gestank und Lärm abschirmen kann. Da sitzt man dann hinten drin, trinkt Champagner und fragt sich, weshalb das Leben trotzdem nicht so richtig Spass macht. Die [...]
Genau so muss ein Auto sein, dass man sich von all dem Pöbel, Gestank und Lärm abschirmen kann. Da sitzt man dann hinten drin, trinkt Champagner und fragt sich, weshalb das Leben trotzdem nicht so richtig Spass macht. Die Antwort ist einfach. Das Leben besteht aus mehr als Luxus und Prunk. Das richtige Leben kann durchaus glücklich machen. Weil man echt geliebt wird. Das wird mit einer solchen Karre ziemlich schwierig.
jorgeG 09.01.2015
5. Einmal mit ohne Stil, bitte
Du liebe Güte, eine Lightshow wie in der Dorfdisko. Ist halt für Araber und Russen, das peinliche Ding.
Du liebe Güte, eine Lightshow wie in der Dorfdisko. Ist halt für Araber und Russen, das peinliche Ding.
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Fahrzeugschein

Hersteller: Mercedes
Typ: Maybach S 600
Karosserie: Limousine
Motor: V12-Benzindirekteinspritzer mit Turbo
Getriebe: Siebengang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 5.980 ccm
Leistung: 530 PS (390 kW)
Drehmoment: 830 Nm
Von 0 auf 100: 5,0 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 11,7 Liter
CO2-Ausstoß: 274 g/km
Kofferraum: 530 Liter
Preis: 187.842 EUR

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