Mobilität

Fahrt in der Benz Victoria von 1894

Aus gutem Holz

Karl-Heinz Rehkopf aus Einbeck fährt eine Benz Victoria aus dem Jahr 1894 - das wohl älteste originale Auto der Welt. Gerade ist es durch den TÜV gekommen. Unser Autor ist eingestiegen.

Foto: Tom Grünweg
Aus Einbeck berichtet
Montag, 19.08.2019   04:58 Uhr

Andrey Koylov stöhnt. Immer wenn im PS-Speicher in Einbeck die Benz Vitoria gestartet wird, muss er ran. Keiner im Werkstatteam des Mobilitätsmuseums kennt die drei Dutzend Handgriffe besser, mit denen der Motor des wahrscheinlich ältesten Autos der Republik zum Laufen gebracht wird.

Koylov schaut nach dem Kühlwasser, füllt Benzin ein und klemmt die mit Kalilauge gefüllte Batterie an. Dann baut er mit zwei, drei Umdrehungen am großen Schwungrad die Kompression auf, stellt Gemisch und Zündung ein, dreht mit ganz viel Kraft so lange am Rad, bis der Funke überspringt.

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Ur-Benz Victoria: Fahren wie vor 125 Jahren

Die Victoria schüttelt sich kurz, schnauft und schnattert. Je länger und feinfühliger Koylov an den Reglern unter dem Sitz dreht und schiebt, desto runder läuft der Motor. Bald stampft die Victoria rhythmisch und erinnert an einen Schiffsdiesel. Viel mehr als 100, 200 Umdrehungen pro Minute macht die Kurbelwelle nicht, und selbst bei Vollgas sind es gerade mal 500. Ein moderner Benziner wäre längst abgestorben.

Zuletzt musste Koylov die Victoria oft anwerfen. Seit April hat sie den Segen des TÜV sowie das Siegel des Landkreises Northeim und ist damit das älteste zugelassene Auto der Republik. In ganz Europa und dem Rest der Welt dürfte es kein älteres geben, schätzt die Museumsmannschaft.

Besitzer Karl-Heinz Rehkopf darf den Wagen aber nicht wie ein normales Auto durch die Gegend steuern. Bevor es losgeht, muss der Stifter des Automobilmuseums auf den Wetterbericht schauen. Für sein Lieblingsfahrzeug gibt es strenge Auflagen: Bei schlechter Sicht muss seine Victoria in der Garage bleiben. Auch im Dunkeln herrscht Fahrverbot. Die Kerzen in den Messinglampen haben deshalb einen unverbrannten Docht. Außerdem darf Rehkopf nur mit einer roten Kelle zum Winken vom Hof. Sie ersetzt den Blinker.

Auto praktisch aus erster Hand übernommen

Der 83-Jährige hat sein Geld mit Teppichfliesen gemacht und besitzt nun eine der größten Autosammlungen der Welt mit mehr als 2000 Fahrzeugen. Im Alltag ist Rehkopf meist in einem VW Golf Variant unterwegs.

Seine Benz Victoria ist nicht irgendein Oldtimer. Gebaut wurde die Motorkutsche 1894, ist in einem Zustand wie vor über 100 Jahren und gilt als das älteste originale Auto der Welt. Vom Original (Preis ab 3800 Goldmark) trennen den Wagen mit der Seriennummer 99 fast nur ein paar Schichten schwarzen Lacks auf dem Holzrahmen und neue Reifen auf den Speichenrädern aus Holz.

Rehkopf hat das Auto vor zehn Jahren praktisch aus erster Hand übernommen. Gekauft hatte den Wagen ursprünglich der Fabrikant Alexander Gütermann aus Gutach. Der beförderte damals seinen Kutscher zum Chauffeur und ließ sich samt Familie durch den Breisgau fahren.

Sicherheitshalber eine Pferdekutsche dazubestellt

Das Mitglied der gleichnamigen Nähseidedynastie begeisterte sich offenbar leicht für neue Technik, vertraute ihr aber nicht voll. "Deshalb hat er damals im gleichen Rutsch noch eine nahezu baugleiche Kutsche bestellt, die sozusagen als Notlösung in der Garage stand", zitiert Rehkopf bei TV-Auftritten gern aus der Chronik seiner Victoria. Und erzählt stolz, dass die beiden Gefährte bis heute unzertrennlich sind: Als er die Victoria gekauft hat, war die Kalesche mit im Paket.

Die Gütermanns pflegten die Victoria über Generationen, nutzten sie immer mal wieder für historische Ausfahrten und verkauften sie erst 2009. Zu einem Preis, über den alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart haben, lässt Rehkopf wissen.

Mit einer Wertbestimmung tut er sich schwer. Einerseits ist ein solches Auto unbezahlbar. Andererseits gibt es kaum Sammler, die dafür hohe Millionenbeträge ausgeben würden - anders als bei jüngeren Modellen von Ferrari oder Mercedes. Uraltfahrzeuge sind kaum alltagstauglich und bieten wenig Fahrspaß. Zudem sind Spezialisten wie Koylov erforderlich, um sie zu warten und zu betreiben.

Tuning anno 1901

Ein Verkauf steht für Rehkopf ohnehin nicht zur Debatte. Er hat den Wagen flottgemacht, beim Concours d'Elegance in Pebble Beach einen Klassensieg errungen und mehrfach am legendären Veterans Run von London nach Brighton teilgenommen. "Das sind 110 Kilometer, für die wir zwar 100 Liter Wasser und 20 Liter Sprit gebraucht haben," hat er berichtet. "Aber außer dass wir nass bis auf die Knochen wurden, gab es keine Probleme."

Viel zu tun war für diese Einsätze nicht. Die Gütermanns haben den Wagen offenbar gut in Schuss gehalten, sagt Michael Marx, der das knapp ein Dutzend Mechaniker große Team in der Museumswerkstatt leitet. "Außer einer gebrochenen Kurbelwelle war nicht viel kaputt an dem guten Stück."

Die war sogar etwas jünger als der Rest des Wagens, räumt Marx ein. Denn 1901 haben die Gütermanns ihre Victoria bei einer Generalüberholung bei Benz in Mannheim quasi getunt. Den ursprünglichen 2.0-Liter-Motor mit vier PS ließen sie durch einen Einzylinder mit drei Litern Hubraum ersetzen, der mit immerhin sechs Pferdestärken unter dem Holzdeckel im Heck tuckert.

Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h

Koylov ist mittlerweile auf dem Bock. In der Hand hält er eine kleine Kurbel, mit der er die Richtung vorgibt. Darunter sind zwei weitere Hebel, mit denen er zwei Lederriemen auf das Schwungrad wuchten kann. Das ist die Gangschaltung, mit der er die Victoria so sanft wie mit einer modernen Automatik in Bewegung setzt. Kein Bocken, kein Schütteln stört die Fahrt. Durch Mark und Bein geht aber das Vibrieren des Motors und erinnert daran, wie alt das Auto ist.

Das Tempo regelt Koylov, indem er einen der beiden Gänge wählt und Benzin und Luft mischt, mit einem kleinen Hebel unter dem Sitz. Gebremst wird mit einem Pedal, das auf die Welle wirkt - oder mit einem langen Hebel, der von außen die Räder verzögert. "Viel helfen tut aber beides nicht", räumt Koylov ein und predigt eine vorausschauende Fahrweise. Bei einer vom TÜV ermittelten Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h halten sich die Überraschungen indes in Grenzen.

Heutzutage kommt einem die Fahrt mit der Victoria vor wie eine Zeitreise in Zeitlupe - zumal man alle paar Kilometer Sprit nachfüllen muss. Rehkopf kauft ihn am liebsten stilecht in der Apotheke.

Vor 120 Jahren wirkte die Victoria offenbar viel rasanter auf ihre Umgebung. Erstbesitzer Gütermann fuhr damals durch Denzlingen, sodass in einer nahegelegenen "Wirtschaft die Vorhänge flatterten", wie die Ordnungshüter festhielten. Für Oberamtmann Krohn vom Badischen Bezirksamt Waldkirch Grund genug, Gütermann mit einem Strafgeld von drei Mark zu belangen - obwohl es damals kein Tempolimit gab. So hat das "Benz-Motor-Pferd" am 16. Mai 1895 auch noch den womöglich ersten Strafzettel der Verkehrsgeschichte kassiert.

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