Mobilität

Diskussion über Tempolimits

Mein Name ist Raser, ich kann sonst nix

In der Debatte über Tempolimits sind die Sachargumente ausgetauscht. Ein Aspekt fehlt noch: Viele Sympathisanten des Schnellfahrens denken, sie seien Könner hinter dem Steuer. Ein großes Missverständnis.

DPA

Fahrzeug auf der Autobahn 661

Ein Kommentar von
Mittwoch, 23.01.2019   14:30 Uhr

Wahrscheinlich ist es Zeit, die Debatte über das Tempolimit einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Auf der Ebene der Vernunft ist alles gesagt: Die Unfallhäufigkeit würde bei einer Geschwindigkeitsobergrenze sinken, der Schadstoffausstoß ebenfalls, die Zeitersparnis ist in den meisten Fällen und auf den meisten Strecken mit unbegrenztem Tempo marginal. Sie steht in keinem Verhältnis zu den Risiken und Nebenwirkungen.

Erstaunlicherweise wird der Zeitgewinn aber als Begründung von den Befürwortern kaum ins Feld geführt. Stattdessen wird die unbeschränkte Autobahn zum Sinnbild von Freiheit stilisiert, Gasfuß-Gestrige wie Ulf Poschardt verklären sie zum letzten Entfaltungsraum der Persönlichkeit. Was in diesen Lobpreisungen auf den Tiefflug durch deutsche Lande auch immer mitschwingt: Die Sehnsucht, sich bei Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h als phänomenaler Autofahrer zu profilieren.

Das ist fast schon putzig, denn: Schnell geradeaus fahren kann wirklich jeder.

"Fun is not a straight line" heißt ein geflügeltes Wort aus dem Motorsport. Es zielt neben seiner Allgemeingültigkeit vor allem auf eine in den USA sehr populäre Art, sich in potent motorisierten Fahrzeugen zu messen: dem Drag Racing. Dabei beschleunigen zwei Fahrzeuge parallel über eine Strecke von 400 Metern, die sogenannte Vierteilmeile. Die Beschleunigung der teils Tausende PS starken Dragster sprengt mitunter die Vorstellungskraft. Die Anforderungen an die Fahrer sind im Vergleich mit anderen Motorsportarten aber überschaubar. Weil es eben nur geradeaus geht, belächeln viele Motorsportler aus Europa das Drag Racing.

Schnell geradeaus fahren kann wirklich jeder

Umso erstaunlicher ist, dass Menschen, die eine hohe Endgeschwindigkeit auf der Autobahn als Gradmesser ihrer Fahrfertigkeiten betrachten, nicht viel öfter belächelt werden. Das Gaspedal in die Ölwanne treten und das Auto in den Begrenzer fahren, das vermag wirklich jeder Führerscheinneuling. Unterschiede zu versierten Piloten merkt man höchstens dann, wenn bei Tempo 300 plötzlich ein Kompaktwagen mit Tempo 120 überraschend auf die linke Spur zieht. Wobei in diesem Szenario selbst erfahrene Fahrer meist machtlos sind (was wiederum für ein Tempolimit spricht).

Ja, zugegeben: Das erste Mal mit Tempo 280 über die Autobahn zu fliegen, ist ein Fest für die Sinne. Aber wer kein tumber Tor ist, hat daran nicht lange Freude, die Erfahrung nutzt sich ab. Im Umgang mit Autos liegt das Glück ganz woanders: Auf der Rundstrecke. Hier lässt sich auch wirklich ausmachen, wer ein guter Fahrer ist.

Jedes Auto hat einen anderen Charakter und muss anders behandelt werden, wenn es schnell um die Kurven fahren soll. Nur, wer feinfühlig mit den Pedalen und dem Lenkrad umgeht, kommt ohne Unter- oder Übersteuern durch die Kehre. Nur, wer sich auf das Auto, vor allem das Fahrwerk und seine Art zu arbeiten, einzulassen vermag, wird es wirklich beherrschen.

Die Autobahn - der Spielplatz für schlichte Gemüter

Das Fest für die Sinne wartet dann in jeder Kurve: Mit dem Auto verschmelzen, seine Nick- und Neigebewegungen nachempfinden als sei es der eigene Körper, sich herantasten an die Haftungsgrenze der Reifen bis man sie förmlich spüren kann wie die Nervenenden in den Fingerspitzen, kurz: Das Auto bei der größtmöglichen Kurvengeschwindigkeit so filigran auszubalancieren, dass es nicht abfliegt - das fordert und beglückt den Könner.

Wer wissen will, ob er das beherrscht, braucht keine Autobahn ohne Tempolimit. Wer überprüfen möchte, ob er zum automobilen Feingeist taugt, kann das viel besser auf der örtlichen Kartbahn tun. Oder er löst ein Touristenticket für die Nordschleife des Nürburgrings und schaut bei einer Runde durch die Grüne Hölle, was er wirklich auf dem Kasten hat.

Die schlichten Geister ballern weiter über die Autobahn.

insgesamt 475 Beiträge
robber 23.01.2019
1. Natürlich geht es um das schnellere Vorankommen
Wenn ich eine Stunde lang mit Tempo 180 fahre, statt mit Tempo 120 bin ich in einer Stunde 60km weiter. Das geht nicht? Natürlich geht das, wenn man zu den richtigen Zeiten fährt. Das wären hin und zurück also 60 Minuten. Pro [...]
Wenn ich eine Stunde lang mit Tempo 180 fahre, statt mit Tempo 120 bin ich in einer Stunde 60km weiter. Das geht nicht? Natürlich geht das, wenn man zu den richtigen Zeiten fährt. Das wären hin und zurück also 60 Minuten. Pro Tag! Die Lebenszeit will ich mir nicht nehmen lassen. Tempolimit fordern die, die sich nicht mehr zutrauen und nur weil sie es sich nicht zutrauen, alle anderen gefälligst auch so langsam zu fahren haben.
Le Commissaire 23.01.2019
2. nationales Heiligtum
Die Debatte ist überflüssig, weil es hier nicht um rational Argumente, sondern um ein nationales Heiligtum geht. So, wie die USA niemals das liberale Waffenrecht abschaffen oder die Japaner niemals den Walfang aufgeben [...]
Die Debatte ist überflüssig, weil es hier nicht um rational Argumente, sondern um ein nationales Heiligtum geht. So, wie die USA niemals das liberale Waffenrecht abschaffen oder die Japaner niemals den Walfang aufgeben werden, werden die Deutschen niemals ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen einführen. Auch wenn es der komplette Rest der Welt -- aus gutem Grunde -- anders macht, hier fühlt sich der Durchschnittsdeutsche in seiner Weltsicht einfach allen anderen überlegen.
nufan 23.01.2019
3. stimmt schon, aber...
ich denke, dass die meisten Autobahnraser sich gar nicht für die geilsten Autofahrer halten, sondern dass sie einfach bock haben schnell zu fahren und das kann eben, wie oben richtig gesagt, auf der Autobahn jeder, der ein [...]
ich denke, dass die meisten Autobahnraser sich gar nicht für die geilsten Autofahrer halten, sondern dass sie einfach bock haben schnell zu fahren und das kann eben, wie oben richtig gesagt, auf der Autobahn jeder, der ein schnelles Auto hat. Es geht ja, wie oben auch richtig gesagt, viel mehr um den Nervenkitzel und das Gefühl von Geschwindigkeit, als darum zu zeigen wie toll man fahren kann. Wer das erste mal vom 5-Meterbrett springt, wird ja auch nicht davon ausgehen, den besten jemals gezeigten Sprung hinzulegen, sondern hat Lust auf den Nervenkitzel und die Überwindung. Das "ich bin der geilste"-Gefühl ist wohl eher so ein Ding von Prolls, die sich in Innenstädten illegale Rennen liefern und die werden auch nicht damit aufhören, wenn man auf der Autobahn nur noch 100 fahren darf.
Bevölkerung 23.01.2019
4. Zu schnell und zu langsam
Paradoxes Deutschland: Denn hier wird zu schnell und gleichzeitig zu langsam gefahren. Als Vielfahrer würde ich ein Tempolimit von 130 km/h begrüßen. Wobei dies aufgrund der vielen Baustellen und des dichten Verkehrs in [...]
Paradoxes Deutschland: Denn hier wird zu schnell und gleichzeitig zu langsam gefahren. Als Vielfahrer würde ich ein Tempolimit von 130 km/h begrüßen. Wobei dies aufgrund der vielen Baustellen und des dichten Verkehrs in Ballungsräumen faktisch schon längst Realität ist - allerdings im Spektrum von nur 70 bis 100 km/h. Realität ist aber auch: ist mal alles einigermaßen frei, wird die linke Spur von Fahrzeugen (v.a. Golf Plus, Mercedes A-Klasse, Opel Meriva) bevölkert, die mit maximal 109 km/h unterwegs sind und wegen abgeklebter Rückspiegel nicht merken, dass es hinter ihnen noch weitere Verkehrsteilnehmer gibt. Dabei sind blinkerloses Ausscheren und zwei Minuten lange Überholvorgänge nicht Ungewöhnliches. Oder anders gesagt: Überholen unter Vermeidung von Vorbeifahren ist hierzulande Volkssport - und trägt AUCH zu aggressiven Situationen im Straßenverkehr bei. Man sollte das Thema auch mal unter diesem Aspekt beleuchten.
Maverlized 23.01.2019
5. Nervenkick...
… ist das, was die Schnellfahrer (ich vermeide mal "Raser", das ist dann doch zu negativ belastet) antreibt. Da haben Sie völlig Recht, Herr Hengstenberg! So etwa wie Achterbahn fahren, Cart-Fahren, Bungee-Springen, [...]
… ist das, was die Schnellfahrer (ich vermeide mal "Raser", das ist dann doch zu negativ belastet) antreibt. Da haben Sie völlig Recht, Herr Hengstenberg! So etwa wie Achterbahn fahren, Cart-Fahren, Bungee-Springen, Mountainbike-Downhill, etc. Der Unterschied ist nur: Die genannten Beispiele finden unter Gleichgesinnten und meist im abgesperrten Raum statt. Jeder (Jeder!) Teilnehmer ist sich des Risikos bewusst und geht es bewusst ein. Auf der Autobahn - im öffentlichen Raum - muss das Risiko, welches ein schneller Fahrer eingeht, aber im Sinne der anderen Teilnehmer, die vielleicht eher "nur" auf möglichst maximal sicherem Wege von "A" nach "B" wollen, begrenzt werden. Und das Risiko eines wirklich schweren Unfalls bei 200 km/h ist einfach zu hoch! Weil die Schadenshöhe eben gleich mal maximal ist, wenn man mit 200km/h gegen ein Stauende brettert, selbst wenn die Anzahl solcher Unfälle gering ist. Nebenbemerkung: Risiko = Schadenshöhe mal Eintrittswahrscheinlichkeit Machen das die Schnellfahrer nicht freiwillig, muss der Zwang her. Um die anderen für den Risiken zu schützen. So einfach ist das!
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