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Erste Fußball-EM

Konterrevolutionäre kicken schlechter

Politisch brisant, sportlich reizvoll, der Beginn einer Ära: 1958 fand das erste Fußball-Europameisterschaftsspiel statt - ausgerechnet zwischen der Sowjetunion und Ungarn. Nur zwei Jahre zuvor hatten Panzer der Roten Armee den Reformen der Ungarn ein brutales Ende gemacht.

AP
Von Ralf Klee und
Freitag, 26.09.2008   19:13 Uhr

Das Schicksal ist blind, auch im Fußball. Wenn Prominente in Töpfe greifen und Spielpaarungen auslosen, werden manchmal Klassiker gezogen. Dann reibt der Fußballfreund sich voller Vorfreude die Hände. Manchmal aber legt sich die Stirn des Fans in Sorgenfalten, weil Paarungen entstehen, die die Welt nicht braucht: Problemspiele verfeindeter Länder, sportpolitischer Sprengstoff aus dem Lostopf. Dieses Schicksal traf vor genau 50 Jahren ausgerechnet das erste Spiel zum neuen "Europapokal der Nationen", wie die Europameisterschaft damals noch hieß. Die Paarung: Ungarn gegen die Sowjetunion, ausgerechnet.

Zwei Jahre zuvor, im Oktober 1956, hatten sowjetische Truppen das zarte Pflänzchen der Demokratie in Ungarn brutal niedergewalzt. Zuvor hatte der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy die Ein-Parteien-Herrschaft der Kommunistischen Partei Ungarns für beendet erklärt und den Austritt seines Landes aus dem Warschauer Pakt verkündet. Moskau antwortete mit Panzern und MG-Salven, die die "Konterrevolution" gewaltsam stoppten. Sowjetische Schnellgerichte verhängten Todesurteile, politische Marionetten wurden eingesetzt, eine Verfolgungs- und Terrorwelle traf das Land. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unklar; ausgegangen wird von 3000 toten Ungarn und etwa 700 Rotarmisten.

Naheliegend also, dass die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach der Intervention durch und durch vergiftet waren. Das schlug auch auf den Sport nieder. Als am 6. Dezember 1956, wenige Wochen nach den dramatischen Ereignissen, die beiden Länder im Wasserballturnier der Olympischen Spiele im australischen Melbourne aufeinandertrafen, nahm das Unheil seinen Lauf.

Das "Blutbad von Melbourne"

Die Konstellation für faires Spiel war denkbar ungünstig: Beide Teams hatten noch die Chance auf den Olympiasieg. Die Zuschauer, darunter viele Exil-Ungarn, heizten die Stimmung kräftig an, und auch die Spieler verhielten sich wenig verantwortungsbewusst. Die Taktik der Ungarn bestand vor allem darin, die sowjetischen Spieler verbal zu beleidigen - mit Erfolg. Tritte und Schläge über und unterhalb der Wasseroberfläche kennzeichneten ansonsten den Spielverlauf. Zwei Minuten vor Spielende beleidigte der Ungar Ervin Zádor seinen Gegenspieler Valentin Prokopov, woraufhin der Russe Zádor die Faust ins Gesicht stieß.

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Fußball-EM: Konterrevolutionäre kicken schlechter

Blutüberströmt verließ der ungarische Nationalschwimmer das Becken mit einer klaffenden Wunde über dem rechten Auge. Der Anblick des stark blutenden Zadór brachte das Publikum endgültig gegen das sowjetische Team auf. Zahlreiche Zuschauer sprangen auf die Poolumrandung und bedrohten die Russen. Um eine Eskalation zu verhindern, stürmte die australische Polizei unmittelbar vor Spielende die Wettkampfstätte und drängte die erzürnten Zuschauer zurück. Die Fotos von Zádors Verletzung gingen um die Welt und die Partie ging als "Blutbad von Melbourne" in die Olympische Geschichte ein.

Ungarn, das zum Zeitpunkt des Spielabbruchs mit 4:0 führte, wurde zum Sieger erklärt und holte schließlich auch den Olympiasieg. In Budapest herrschte Jubel, die Spieler wurden als Volkshelden gefeiert. Zádors Verletzung und der anschließende Triumph über die Sowjets wurden zu einem großen ungarischen Mythos, strahlend und gar hollywoodtauglich. Schauspielerin Lucy Liu nahm sich des Themas an und produzierte gemeinsam mit Kultregisseur Quentin Tarantino 2006, zum 50. Jahrestag, den vielbeachteten Dokumentarstreifen "Freedom's Fury". Als Erzähler tritt darin der amerikanische Wunderschwimmer Mark Spitz auf, siebenfacher Goldmedaillengewinner von München 1972. Dessen Trainer war eben jener Ervin Zádor, der nach 1956 in die USA emigrierte.

EM-Premiere hinter dem Eisernen Vorhang

Zwei Jahre nach dem Eklat von Melbourne kam es beim ersten Fußball-Europameisterschaftsspiel zur erneuten Nagelprobe zwischen Ungarn und den Sowjets, diesmal in einer echten Massensportart. Die Begegnung am 29. September 1958 im Moskauer Lenin-Stadion war eine sporthistorische Premiere und damit ein Prestigeduell der besonderen Art. Zugleich war das auch sportlich reizvolle Duell von höchster politischer Brisanz und fand dementsprechend auch westlich des Eisernen Vorhangs große Beachtung.

Ungarn galt seinerzeit als eine der bedeutendsten Fußballnationen. Die Magyaren waren 1938 und 1954 Vizeweltmeister geworden. Jedes Kind, das sich für das runde Leder interessierte, kannte die Namen von György Sárosi, Gyula Zsengellér, Nandor Hidegkuti oder Ferenc Puskás. Die Fußballnationalmannschaft blieb das Aushängeschild des Landes, auch wenn es in Ungarn nach der WM-Endspielniederlage gegen Deutschland 1954 in Bern und dem gescheiterten Aufstand von 1956 sportlich bergab ging: Verdiente Spieler zogen sich aus der Nationalelf zurück oder wurden mit dem Bannstrahl belegt, andere flohen in den goldenen Westen - es folgte eine schwere Krise im erfolgsverwöhnten ungarischen Fußball.

Anders sah die Lage bei den sowjetischen Kickern aus. Nach Zwistigkeiten mit dem Weltverband Fifa waren sie in den fünfziger Jahren endgültig in den Reigen der Fußballnationen aufgenommen worden, inklusive regulärem Länderspielbetrieb. Auf sich aufmerksam gemacht hatte die Sowjet-Elf 1955 mit einem 3:2-Sieg in Moskau gegen Weltmeister Deutschland - auch ein Verdienst von Trainer Gawriil Katschalin, der mit wissenschaftlicher Präzision an seine Aufgabe heranging und besonderen Wert auf die technische Schulung seiner Spieler legte. So ging die Sbornaja gut gerüstet in das EM-Match gegen Ungarn.

Billardtuch in der Betonschüssel

Am Tag des Spiels ergoss sich ein nicht enden wollender Menschenstrom in das Moskauer Lenin-Stadion. Als die Pforten geschlossen wurden, hatten sich dort 106.000 Menschen versammelt. Die Zuschauer erlebten einen Blitzstart ihrer Mannschaft. Nach Toren von Iljin (3.), Metrewecki (18.) und Iwanow (32.) stand es schnell 3:0. Katschalins Konzept vom schnellen Kombinationsspiel ging voll auf. Doch was war mit den Ungarn los? Waren die Magyaren von der Kulisse beeindruckt? Waren sie mit der falschen Taktik ins Spiel gegangen? Oder lag es an der mangelnden Erfahrung der noch jungen Spieler? Trotz einer Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit verloren sie mit 1:3, den Ehrentreffer erzielte der 18-jährige Stürmer Göröcs erst kurz vor Schluss.

"Wann endet Ungarns Fußballtief?" fragte DDR-Reporter Heinz-Florian Oertel einige Wochen später und ging für die linientreue "Neue Fußball-Woche" auf Stimmenfang. "Viele waren es bei diesem Budapest-Aufenthalt, die mir immer wieder das gleiche sagten: 'Das sind die Folgen der Konterrevolution vom Herbst 1956, die wir auch auf diesem Gebiet überwinden müssen. Sicher, die damalige Elf war besser, viel besser. Aber was nützt das noch? Puskas, Kocsis, Czibor waren große Fußballer, sie hatten alles von uns, und doch haben sie uns in der Stunde der Bewährung alle verraten!'"

Die Ungarn, die nicht mit dem Parteibuch ins Bett gingen, sahen das anders. Für sie waren Puskas und Co. noch immer Helden; das neue ungarische Team sah sich ständigen Vergleichen mit der "Aranycsapat", der Wunderelf, ausgesetzt. Nicht selten gellten nach durchschnittlichen Auftritten der jungen Nationalelf Pfiffe durch das Budapester Nép-Stadion - allerdings galt der Unmut des verwöhnten Publikums auch den Betonköpfen in Verband und Partei.

Sensible Fußballerseele

So war es gut, dass das EM-Rückspiel gegen die Sowjetunion erst ein volles Jahr später stattfand - Zeit genug für das ungarische Publikum, sich mit dem sportlichen Niedergang der Nationalelf abzufinden. Die Begeisterung für das runde Leder blieb jedoch ungebrochen. 95.000 Zuschauer fanden sich am 27. September 1959 im Nép-Stadion ein. Als die Mannschaften einliefen, wurden sie symbolträchtig von einem starken Regenschauer empfangen. Die Sonnentage des ungarischen Fußballs waren endgültig vorbei. Nur die Platzanlage genügte noch internationalen Ansprüchen, wie die "Neue Fußball-Woche" herausstellte: "Ein Glück, dass die Rasenfläche des Nép-Stadions so gepflegt wie ein Billardtuch und so saugfähig ist wie jeder wirklich gute Platz."

Trotzdem gerieten die Ungarn ins Straucheln. Zwar hatte sich der Verband erbarmt und zwei alte Recken der Wunderelf - Torwart Grosics und Läufer Boszik - wieder ins Team geholt, doch auch sie konnten die Niederlage nicht verhindern. Als Juri Woinow in der 58. Minute zum entscheidenden 1:0 für die Sowjets traf, war die sensible ungarische Fußballseele einmal mehr im Mark getroffen. Zum Abpfiff setzte ein gellendes Pfeifkonzert ein. Doch größere Ausschreitungen außerhalb des Platzes blieben aus. Ein EM-Achtelfinale war beendet - nicht mehr und nicht weniger. Der Sport hatte gesiegt. Keine Provokationen, keine Fouls, kein Hass. Stattdessen ein anerkennendes Händeschütteln der Spieler.

Der Fußball war damit der Politik weit voraus. Erst 30 Jahre später ebneten Glasnost und Perestroika den Weg für bessere Beziehungen. Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, war Ungarn doch noch zur Sollbruchstelle des Kommunismus geworden.

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