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Deutschlands erster Sexualkunde-Atlas

Wo geht's hier bitte zum Koitus?

Per Schulbuch wollte die Bundesregierung 1969 die Jugend sexuell aufklären - und alle regten sich auf. Muss das denn sein, wo bleibt die Liebe, wozu dieses Tripper-Penis-Foto? Chronik eines langen, bizarren Streits.

DPA
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Mittwoch, 12.06.2019   08:17 Uhr

Den Sex musste man selbst im "Sexualkunde-Atlas" mit der Lupe suchen, zwischen naturalistischen Schaubildern über die "Wirkungsweise der innersekretorischen Drüsen" und Querschnitten des Hodenkanälchens oder Dottersacks. Wer ihn fand, 32 dürre Zeilen auf Seite 18 unter der Überschrift "Die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau", war meist empört oder enttäuscht.

Die Empörten, wie etwa der Präsident der Katholischen Elternschaft Deutschlands, sagten: Würden sexuelle Vorgänge so "selbstverständlich" geschildert "wie das Atmen und das Naseputzen", dann habe das für die Jugend verderblichen "Aufforderungscharakter", nach dem Motto "Man kann es ja mal probieren".

Die Enttäuschten sprachen von einer "entseelten Welt". Warum komme nicht ein einziges Mal das Wort Liebe vor? Wo war Platz für Erotik und Ängste? Alles viel zu technisch, im Stile einer Gebrauchsanweisung, so die "FAZ": "Sexualkunde in der Klempner-Sprache".

Schon Monate bevor Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel am 10. Juni 1969 das erste deutsche Sexualkundelehrbuch der Öffentlichkeit präsentierte, hatte man gerungen um Formulierungen, Grafiken, Fotos. Nun wurde die Debatte noch hitziger. Sexualpädagogik - sie war einst ein gesellschaftspolitisches Haifischbecken.

Der Bedarf an Aufklärung war zweifellos immens. Studien hatten gezeigt, wie erschreckend wenig Jugendliche wussten. Die Kriegsgeneration, einst selbst kaum aufgeklärt, hatte auch in diesem Bereich viel verschwiegen. Halbwissen vererbte sich weiter; die katholische Kirche empfahl jungen Mädchen "Schamhaftigkeit" als "Schutzmauer der Keuschheit".

Sollte, durfte, musste der Staat also bei der Aufklärung mitwirken? Oder war das Hoheitsgebiet der Eltern? Und über welche Sexualität konnte man überhaupt reden? Die Hippies lebten zwar die freie Liebe im "Summer of Love" und später in Woodstock vor. In der Bundesrepublik aber galten Onanie, Oralverkehr und ebenso Liebe unter Frauen als krankhafte Irrungen; homosexuelle Männer wurden strafrechtlich erbittert verfolgt.

Fotostrecke

Aufklärung anno 1969: "Eine Art sexuelles Harakiri"

So gesehen konnte Käte Strobel an diesem Juni-Montag vor 50 Jahren nur scheitern. Wie sollte sie es allen recht machen - Christen und Kommunisten, Jungen und Alten, Progressiven und Hardlinern wie den Tugendwächtern des Volkswartbunds, die Sex aus der Öffentlichkeit bannen wollten?

Ein Ei? Oder doch LSD-Kunst?

Energisch hatte die Sozialdemokratin um ihr 48-seitiges Büchlein gekämpft, ebenso wie 1967 für den biederen Aufklärungsfilm "Helga", völlig überraschend ein Straßenfeger . Männer hofften auf nackte Haut, die nur minimalistisch gezeigt wurde, fielen dann aber bei der akribisch gefilmten Geburtsszene reihenweise in Ohnmacht.

Zwei Jahre nach ihrem Film-Coup hielt Strobel lächelnd das neue Lehrbuch in die Kameras. Diese Ministerin mit Hornbrille, Perlenkette und hochgeschlossenem Kleid wirkte spießig-prüde, was viele über ihren politischen Mut hinwegtäuschte. Ähnlich irreführend war das bunte Cover des "Sexualkunde-Atlas" - das bunte Cover erinnerte eher an LSD-Kunst als an eine Eizelle.

Im Vorwort versuchte Strobel, den erwarteten Ärger auf möglichst viele zu verteilen: Jahrelang sei mit "weltanschaulichen Vorurteilen" über Sexualkunde debattiert worden, unter Kämpfen zwischen Lobbygruppen. Nun aber hätten Sachverständige aus den Kultusministerien aller Länder in "beispielhafter Kooperation" und "intensiver Zusammenarbeit" mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung dieses Buch erstellt.

Die beschworene Harmonie war Wunschdenken. Einige Politiker leugneten die enge Kooperation; CDU-Kultusminister Bernhard Vogel (Rheinland-Pfalz) äußerte "Abscheu". Weil Ehe und Familie ausgespart waren, wollte Bayern das Buch den Schülern nicht zumuten. Der dort für Sexualunterricht zuständige Ministerialrat polterte über "pornografische Dinge" und prophezeite, der Atlas werde die Jugend zu "einer Art sexuellem Harakiri" verleiten.

"Stoßartige Bewegungen"

Aus allen Ecken wurde nun gegen die "Sex-Fibel" geschossen: "Würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben", sagte selbst FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, eine couragierte Linksliberale. Sogar SPD-geführte Länder fielen Strobel in den Rücken. Und die NPD unterstellte einen Komplott: "Chaotischer Endzweck" sei es, mittels Pornografie Anarchie auszulösen.

Wer das Buch heute durchblättert, wird diese Hysterie kaum nachvollziehen können. Kulturhistorisch bleibt der Atlas aber spannend, weil sich ablesen lässt, was die Kinder der 68er-Generation nach Meinung der damaligen Großen Koalition wissen sollten - und was nicht. Denn Ziel der Sexualkunde war, so hatten es die Kultusminister 1968 festgelegt, die Jugend zu einem "verantwortlichen geschlechtlichen Verhalten" zu erziehen. Schon gegen diesen Beschluss hatten bayerische Katholiken Rosenkränze gebetet.

Was sich die Politik unter "verantwortlich" vorstellte? Nichts Wildes jedenfalls, eher Standardprogramm: "Bei der geschlechtlichen Vereinigung (Geschlechtsakt, Beischlaf) führt der Mann sein versteiftes Glied in die Scheide der Frau ein und führt damit stoßartige Bewegungen aus." Außerhalb solcher "stoßartiger Bewegungen" schien im Kosmos des Lehrbuchs wenig vorstellbar.

Immerhin, diese Männerperspektive erweiterte das Zugeständnis, dass "auch bei der Frau" der Orgasmus das Ziel und der "normale Abschluss" des Geschlechtsakts sein sollte. Damit das gelinge, wurde den Männern erklärt, "wie wichtig" die Klitoris sei - denn, Obacht: deren "zarte Reizung" erzeuge ein "intensives Lustgefühl".

"Unverschämtheit!" Alle gegen Strobel

Die wahren Aufreger lauerten weiter hinten im Buch. Etwa im Kapitel über die noch neuen Verhütungsmittel - Teufelszeug für christliche Moralhüter. Dagegen geriet der Absatz über die damals illegale Abtreibung zur moralischen Anklage: "Von 500.000 Abtreibungsversuchen erkrankten ernstlich 25.000 bis 50.000 Frauen." Das sei schädlich für den ganzen Staat, denn die Nachbehandlungen verursachten "einen sehr hohen Kostenaufwand und einen Ausfall von 3 Millionen Arbeitstagen".

"Eine solche Unverschämtheit kann sich nur derjenige leisten, der auch die Abtreibungsgesetze macht", empörte sich Reimut Reiche vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), einer der frühen Sexualforscher. "Wer trägt denn die Schuld daran, dass heute noch Abtreibungen unter menschenunwürdigen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen ausgeführt werden müssen?"

Am meisten jedoch ärgerten Reiche wie andere Kritiker die einzigen beiden Fotos, die Geschlechtsorgane zeigten. Ging es - wie im "Helga"-Film - um Aufmerksamkeit durch Schock? Das eine Foto zeigt eine gedehnte Scheide, durch die der Kopf eines Babys drängt. Auch der Penis wird unästhetisch präsentiert - geschwollen-verformt durch Tripper-Infektion. Reiche vermutete dahinter Kalkül: Man wolle "alte sexuelle Ängste und Tabus" gar nicht abbauen, sondern im Gegenteil durch "besonders klotzige Brutalität" zementieren. Der unausgesprochene Vorwurf: Eine ängstliche, verklemmte Gesellschaft ist besser zu kontrollieren.

Trotz oder wegen aller Proteste verkaufte sich der Sexualkunde-Atlas gut und fand schließlich den Weg in die Klassenzimmer. Die Debatte aber, was Schüler alles vom Staat über Sex erfahren sollten, zog sich noch über Jahre und beschäftigte Gerichte. Derweil wurde Deutschland von einer Welle billiger Sexfilmchen überrollt. Und Millionen Jugendliche fragten lieber das Dr.-Sommer-Team der "Bravo" um Rat als ihre Eltern und Lehrer.

Alles auf Anfang

Am Ende bestätigte das Bundesverfassungsgericht 1977, der Staat sei "aufgrund seines Erziehungs- und Bildungsauftrages" zur Sexualerziehung berechtigt. Das Urteil interpretierten viele so, dass Schüler mehr über Sexualität erfahren dürften als die reinen biologischen Zusammenhänge, wie sie einst der Strobel-Atlas vermittelte.

So erschien bald eine moderne Atlasvariante, erstellt vom NDR und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Zur Lehrfilmserie "Betrifft: Sexualität" gab es eine blaue Mappe voller Arbeitsblätter. Schon die Fotos auf dem Cover zeigten, dass hier vieles Thema wurde, was dem Strobel-Atlas noch fehlte: Liebe und Freundschaft, Glück und Scham, dazu auch Tabus wie Homosexualität und Teenagerschwangerschaften.

Die letzte Schlacht um die Sexualkunde schien schon geschlagen. Bis die neue Bundesregierung unter Helmut Kohl 1983 plötzlich Hunderte Kopien der Lehrfilme und Zehntausende Arbeitsmappen einstampfen ließ. Kohl wollte neue Werte vermitteln - es waren alte: Fortan sollten wieder vorrangig die Familien mit den Kindern über Sex reden, befand der damalige Gesundheitsminister Heiner Geißler.

Seine Vorgängerin Käte Strobel hat für so einen Rückfall vielleicht das passende Zitat geprägt: "Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte."

insgesamt 6 Beiträge
spon_1980133 12.06.2019
1. Helga?
Dass, wie in der Bildunterschrift zum Film HELGA zu lesen, bei der im Film gezeigten Geburtsszene Männer reihenweise in Ohnmacht fielen, wird oft und gerne kolportiert, gehört aber ins Reich der Legenden. Weder kollabierte ich, [...]
Dass, wie in der Bildunterschrift zum Film HELGA zu lesen, bei der im Film gezeigten Geburtsszene Männer reihenweise in Ohnmacht fielen, wird oft und gerne kolportiert, gehört aber ins Reich der Legenden. Weder kollabierte ich, noch Freunde oder Schulkollegen. Ja, es gab auch keine Berichte über anderenorts ohnmächtig aus dem Kino getragene Männer. Die unausrottbare Mär, dass Männer eine Geburt nur im Dämmerzustand oder bar des Bewusstseins ertragen, wird ferner durch tausendfache männliche Begleitung bei Geburten widerlegt.
Benjamin Froussos  12.06.2019
2. is doch normal
wie Nase putzen halt. erst juckt es ein bisschen, denn ein bisschen reiben. und am Ende kommt der ganze Rotz raus. ??
wie Nase putzen halt. erst juckt es ein bisschen, denn ein bisschen reiben. und am Ende kommt der ganze Rotz raus. ??
Thomas Grimm 12.06.2019
3.
Ich selbst falle in die betroffenen Geburtsjahrgänge und erinnere mich noch sehr gut an das Thema. Die Elterngeneration selbst verhielt sich total unreif und versagte auf der ganzen Linie. Sexualkunde durfte zwar bei keinem [...]
Ich selbst falle in die betroffenen Geburtsjahrgänge und erinnere mich noch sehr gut an das Thema. Die Elterngeneration selbst verhielt sich total unreif und versagte auf der ganzen Linie. Sexualkunde durfte zwar bei keinem Stammtischwitz und keiner Kalauer-Fernsehsendung fehlen, wurde jedoch allgemein als überflüssiger moderner Krampf angesehen. Jeder sagte "unsere Tochter tut so was nicht" und was die schönen Töchter anderer Mütter betrifft: die werden mit 13 von der Engelmacherin aufgeklärt und die Jungs betrifft das Thema ohnehin nicht. Unsere streng katholische Religionslehrerin holte mit hochrotem Kopf einmal ganz tief Luft und sprach dann 90 Minuten lang ohne Atem zu holen vor uns Neunjährigen über die Regulation des weiblichen Hormonzyklus durch Zirbeldrüse und Hirnanhangsdrüse. Man könnte das ganze Theater als Spießerfolklore abtun, wenn nicht damals mehr als heute die peinlich abgestrittene Realität eine ganz andere gewesen wäre. Mein Großvater war Frauenarzt und erzählte, dass in den Vierzigerjahren ein sehr großer Teil der jungen Frauen ihr Geld bei den Besatzungssoldaten verdienen musste. Die Männer waren gefallen und die Kinder mussten ernährt werden. Bezahlte Arbeit gab es nicht und verschenkt wurde nichts. Aber wenn die Frauen erwischt wurden, dann war die Häme unter denen, die nicht erwischt wurden, vernichtend. Diese Generation war es dann auch, die den Aufklärungsunterricht für überflüssig hielt.
Hannah Lutz 12.06.2019
4. Sexualaufklärung darf nicht nur informieren
Als Vertreterin einer doch ganz anderen Generation musste ich beim Lesen zuerst viel schmunzeln – nach kurzem Innehalten jedoch bleibt ein anderer Nachgeschmack: Befremdung. Man kann lachen über die verklemmte Gesellschaft eines [...]
Als Vertreterin einer doch ganz anderen Generation musste ich beim Lesen zuerst viel schmunzeln – nach kurzem Innehalten jedoch bleibt ein anderer Nachgeschmack: Befremdung. Man kann lachen über die verklemmte Gesellschaft eines vergangenen Jahrhunderts, sind wir doch mittlerweile viel offener und progressiver geworden. Aber sind wir das? Als Bundeskoordinatorin des studentischen Sexualaufklärungsprojektes "Mit Sicherheit Verliebt" kann ich diese Frage aus eigener Erfahrung wie folgt beantworten: Ja, ein wenig offener vielleicht. Aber das reicht noch lange nicht aus. Obgleich fester Teil des Lehrplans in allen Bundesländern, ist Sexualaufklärung im schulischen Kontext – wenn sie denn überhaupt stattfindet – alles andere als umfassend. Dann spricht man 45 Minuten über Verhütung und am Schluss darf jede*r mal ein Kondom über eine Banane rollen. Wird das wirklich den Anforderungen dieser Generation gerecht? Denn sieht man genauer hin, wird schnell klar: Unsere heutige Gesellschaft mag vielleicht etwas liberaler sein, was Sexualität betrifft, vor allem aber ist sie konfrontativer. Sexualität ist überall und nicht wegzudenken. Was vor 50 Jahren noch v.a. hinter zugezogenen Vorhängen geschah, ist in einer Generation der Digitalisierung längst in jeder Hosentasche und auf jedem Schulhof angekommen. Man kann dem Thema Sex nicht aus dem Weg gehen – sollte man aber auch nicht. Denn egal, wie man dazu steht, das Konzept Vogel Strauß funktioniert nicht: Gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich durch ein stures Verschränken der Arme genauso wenig aufhalten, wie der psychosoziale Reifungsprozess des eigenen Kindes. Sexualität passiert. Und auch Aufklärung passiert. Das "ob" liegt nicht in unserer Hand – das "wie" dagegen sehr wohl. Im Jahr 2019 befinden wir uns in einer in vielerlei Hinsicht fordernderen Zeit, als es in den 1970ern der Fall war. Globale Vernetzung, Digitalisierung, Technisierung, mediale Angebote und Interaktionsmöglichkeiten – all das birgt immense Chancen, aber eben auch neue Herausforderungen. In einer Gesellschaft der sexuellen Reizüberflutung braucht es Einordnungsangebote. Und genau darum geht es, denn was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel in der Sexualaufklärung. 50 Jahre Fortschritt dürfen nicht länger nur bedeuten, mehr und andere Informationen in das gleiche pädagogische Konstrukt zu pressen, sondern es muss ein Umdenken stattfinden – weg vom "Lehren" und hin zum "Befähigen". Aufklärung soll nicht nur informieren, sie soll emanzipieren. Sie soll jungen Menschen die Mittel an die Hand geben, sich selbstbestimmt, bewusst, respektgeleitet, und reflektiert mit ihrer einen Sexualität, aber auch der anderer Menschen, auseinanderzusetzen. Und genau an diesem Punkt sind wir leider noch nicht angekommen.
Oda Piel 12.06.2019
5. Komisch
Auch ich gehöre in diese Kindergeneration, und wurde umfassend jeweils altersgerecht von meinen Eltern aufgeklärt. Dazu beigetragen haben dürfte, daß meine Eltern - mitsamt uns - FKKler waren. Mit der Pubertät wußte ich [...]
Auch ich gehöre in diese Kindergeneration, und wurde umfassend jeweils altersgerecht von meinen Eltern aufgeklärt. Dazu beigetragen haben dürfte, daß meine Eltern - mitsamt uns - FKKler waren. Mit der Pubertät wußte ich alles was ich wissen mußte, inklusive der Verhütungsmittel und ich hatte ein dafür ausreichendes Taschengeld. Wie übrigens die meisten meiner damaligen Klassenkameraden, denn wir hatten einige ausgezeichnete Biologielehrer, die uns vollumfassend aufklärten - also auch jenen zu Wissen verhalfen, deren Eltern verklemmter waren.

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