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Berliner Nachkriegs-Bandenchef Werner Gladow

Der Mörder mit dem Milchgesicht

Er war brutal, skrupellos - und fast noch ein Kind. 1948 gründete der 17-jährige Werner Gladow Berlins größte Verbrecherorganisation. Zwei Jahre jagte ihn die Polizei. Dann brachte ihn ein Racheakt aufs Schafott.

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Donnerstag, 16.05.2019   11:43 Uhr

Werner Gladow hatte ein Ziel: Er wollte der Al Capone von Berlin werden. Und der Siebzehnjährige meinte es ernst. Immer wieder las er die Biografie seines großen Vorbilds, ließ im Kino keinen Gangsterfilm aus, schulte sich selbst zum Ganoven.

Zunächst aber schlug sich der Jugendliche, den das NS-Regime kurz vor Kriegsende noch in den Kampf gegen die Rote Armee geschickt hatte, als Kleinkrimineller durch. Es ging für ihn ums Überleben - die Schulbank zu drücken, erschien ihm dabei wenig vielversprechend. Und so wurde Gladow, der Sohn eines Polizisten, rasch zum "Kipperkönig" vom Schwarzmarkt am Alexanderplatz.

Der Junge - den sie dort "Doktorchen" nannten, weil er vorgab, einige Semester Medizin studiert zu haben - schaffte es immer wieder, die Zigarettenverkäufer mit List und Dreistigkeit übers Ohr zu hauen. Ein einträgliches Geschäft: In der Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit hatte Tabak als eine Art Hintergrundwährung eine Rolle wie die des Goldes im Devisenverkehr übernommen. Aber das genügte ihm bald nicht mehr.

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Die Gladow-Bande: Gangster im Maßanzug

Nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei landete Gladow im Jugendgefängnis Plötzensee. Ein Glücksfall, denn dort lernte er seinen wichtigsten Partner kennen: Werner Papke. Im Knast fabulierten sie von einer Verbrecherkarriere großen Stils. Als sie wieder draußen waren, überließ ihm Papke eine Pistole, die er im elterlichen Keller versteckt hatte. Jetzt konnte es losgehen.

Anfangs bewundert

Seine ersten Opfer wurden Volkspolizisten, die auf Ost-Berliner Seite die Grenze sicherten. Berlin-Blockade und Luftbrücke hatten begonnen, die Berliner litten unter Lebensmittelrationierung und der Sektorengrenze, die zwar noch durchlässig war, aber die Stadt dennoch teilte. Die "Vopos" waren unbeliebt und nur mangelhaft ausgebildet - für Gladow die besten Voraussetzungen.

Am Sektorenübergang Bernauer Straße näherten er und Papke sich zwei Beamten und entwaffneten sie. Und Berlin lachte! Die Tat brachte ihnen Sympathie und Bewunderung ein. Immer wieder machten sie die Grenzwächter zum Gespött und erbeuteten mehr als 30 Schusswaffen.

Nachdem Gladow sich auf Kosten der Volkspolizei sein Waffenarsenal erbeutet hatte, ging es an die Rekrutierung von Bandenmitgliedern. Berlin, in den Zwanzigerjahren unangefochtene Hauptstadt des Verbrechens,, war auch in der Nachkriegszeit ein gefährliches Pflaster. Die Väter waren gefallen oder in Gefangenschaft, die Jugendlichen auf sich selbst gestellt: Die Rolle des Ernährers wider Willen trieb viele in die Kriminalität, es gab zahlreiche Jugendbanden.

So fiel es Gladow leicht, weitere Mitglieder anzuwerben. Neben zahlreichen Jugendlichen war darunter auch der Ost-Berliner Scharfrichtergehilfe Gustav Völpel. Der Henker, der seine eigene Frau auf den Strich schickte, vollstreckte in den Nachkriegsjahren in der sowjetischen Zone angeblich Todesurteile mit dem Handbeil. Für die Gladow-Bande wurde er vor allem als Hehler aktiv.

352 Verbrechen auf dem Konto

Al Capone verlor Gladow dabei nie aus dem Blick. Wie in Chicago sollte ein Dresscode die Bande zusammenschweißen und sie unverwechselbar machen. Sie trugen stets Maßanzug, Budapester Schuhe, dunkles Hemd und weißen Schlips, weshalb die Bande bald nur noch "Die weiße Krawatte" hieß.

Die Mitglieder gehorchten ihrem Boss ohne Wenn und Aber. "Doktorchen" war Narzisst und geborener Manipulator, der eine hohe Loyalität bei seinen Gangstern entstehen ließ. Gnadenlos schlugen sie zu: Pelzgeschäfte, Villen, Banken, Juweliergeschäfte, Geldtransporte - nichts schien sicher vor ihnen. Stets konnten sie fliehen, wobei sie sich teils wilde Schießereien mit der Polizei lieferten. Insgesamt 352 Verbrechen gingen auf ihr Konto.

ullstein bild

Gut gelaunter Todeskandidat: Werner Gladow vor Gericht

Gladow verstand es dabei perfekt, die Teilung Berlins auszunutzen. Ost- und West-Polizei arbeiteten nicht zusammen - nach einem Coup konnten die Täter jeweils über die nächstgelegene Grenze flüchten. Dabei kam es gelegentlich zu grotesken Szenen: Als Gladow und einige Getreue etwa den mit russischen Kennzeichen versehenen Wagen eines sowjetischen Offiziers entwendeten und eine Spritztour durch den französischen und amerikanischen Sektor machten, verfolgten sie mehr als 20 Autos der Alliierten. Sie befürchteten einen Zwischenfall zwischen den Siegermächten und glaubten, sowjetische Agenten würden überlaufen. Doch auch diese Verfolger schüttelten die Jugendlichen ab.

Geteilte Stadt, vereinte Sonderkommission

Gladow ging mit wachsender Brutalität vor, folterte Opfer, bedrohte sogar die eigenen Bandenmitglieder - auch Papke, der sich lossagte und Berufsboxer werden wollte. Schließlich rang sich die Polizei in Ost und West doch zur Zusammenarbeit durch. Eine sektorenübergreifende Sonderkommission nahm im Dezember 1948 ihre Arbeit auf.

Im April 1949 beging die Bande beim Überfall auf einen Hausverwalter ihren ersten schweren Fehler: Gustav Völpel wurde beim Schmierestehen erwischt. Die Bande konnte fliehen, aber Völpel wurde verhaftet. Gladow fürchtete, er könnte reden. Doch Völpel schwieg - und Gladow machte weiter.

Wenig später beging er bei einem Überfall auf einen Juwelier seinen ersten Mord, als er den Ladenbesitzer, der ihn auf der Flucht verfolgte, auf der Straße niederschoss. Inzwischen lachte niemand mehr. Gladow war einer der meistgesuchten Verbrecher Deutschlands. Eine Belohnung von 25.000 Mark wurde ausgesetzt, doch das Morden ging weiter. Ein Chauffeur wurde bei einem Raub aus seinem Auto gezogen und erschossen.

Mama hält die rutschende Hose

Dann endlich eine richtige Spur: Ein V-Mann berichtete, die Mörder des Chauffeurs könnten dieselben sein wie beim Überfall auf den Hausverwalter. Einer von ihnen werde "Doktorchen" genannt. Die Polizei durchforstete ihre Spitznamenkartei. Es gab acht Ganoven mit dieser Bezeichnung.

Im Gefängnis wurde Völpel dazu befragt, er schwieg aber. Anders seine Frau: Sie verübelte Gladow, dass ihr Mann im Gefängnis saß und der Bandenchef ihr zudem dessen Anteil an der Beute vorenthielt. Sie packte aus und verriet alle Details. Auch, wer der Kopf der Bande war und wo er wohnte - bei seinen Eltern.

Im Juni 1949 stürmten Polizisten die Wohnung, sie erwischten Werner Gladow im Bett. Er sprang sofort auf. Seine Mutter hielt ihm von hinten die rutschende Pyjamahose, damit er beidhändig um sich schießen konnte. Er leistete erbitterten Widerstand.

Festgenommen wurde er erst nach einem knapp einstündigen Feuergefecht mit zahlreichen Verletzten - darunter Gladow selbst, der auch verwundet noch weiterballerte. Er legte ein umfassendes Geständnis ab. Die Bande war aufgeflogen, fast alle Mitglieder wurden festgenommen.

Dreimalige Todesstrafe gefordert

Im März 1950 begann der Prozess unter scharfer Bewachung einer Hundertschaft Volkspolizisten. 127 schwere Straftaten wurden verhandelt, darunter zwei Morde und 15 Mordversuche. Die geforderten Strafen waren hart: In der Bundesrepublik Deutschland war die Todesstrafe durch Artikel 102 GG abgeschafft. Doch der Prozess fand im Osten und auf der Grundlage des DDR-Strafrechts statt. DER SPIEGEL brachte es am 6. April 1950 süffisant auf den Punkt: "Gladow hat sich im falschen Sektor schnappen lassen. Piecks deutsche Demokraten haben die Todesstrafe noch nicht abgeschafft."

Trotz seines jungen Alters musste Gladow mit der Höchststrafe rechnen - Ost-Berlin wollte ein Exempel statuieren. Dieses sollte, wie der Ost-Berliner "Nachtexpress" schrieb, "für jene Elemente eine Warnung sein, die aus Berlin ein Chicago machen wollen und ihre aus amerikanischer Schundliteratur erlernten Gangstermanieren gegen die Bevölkerung und die Volkspolizei in Anwendung zu bringen gedenken".

Für Gladow forderte der Staatsanwalt die dreimalige Todesstrafe, für zwei weitere Bandenmitglieder ebenfalls die Todesstrafe. Die Stimmung im Saal war dennoch übermütig. Keiner der Todeskandidaten glaubte ernsthaft, hingerichtet zu werden. Wie Werner Papke sich in seinen Memoiren erinnerte, ließ Gladow sich gar zu der Bemerkung hinreißen: "Herr Oberstaatsanwalt, das erste Mal habe ich nichts dagegen, wenn Sie mir die Rübe abhauen, aber das zweite und dritte Mal, würde ich sagen, ist Leichenschändung!"

Die Verteidiger gingen in Revision, bemühten sich, für Gladow die Anwendung des Jugendstrafrechts zu erwirken, das für ihn maximal zehn Jahre Gefängnis bedeutet hätte. Der Angeklagte scherzte derweil mit den Journalisten im Saal und gab freimütig Interviews. Er glaubte, wieder der Liebling der Berliner zu sein. Doch trotz eines medizinischen Gutachtens, das Gladow bescheinigte, in der Pubertät stecken geblieben zu sein, wandte das DDR-Gericht kein Jugendstrafrecht an.

Grundlage dafür war ein Gesetz aus der NS-Zeit, das es erlaubte, "jugendliche Schwerverbrecher" nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Gnadengesuche der Todeskandidaten wurden abgelehnt. Am 8. April 1950 wurden Gladow und zwei seiner Komplizen endgültig verurteilt. Am 10. November 1950 starb er mit 19 Jahren in Frankfurt/Oder durch das Fallbeil. Papke kam nach zehn Jahren frei und wurde Berufsboxer und Boxtrainer.

insgesamt 4 Beiträge
Olaf Kahl 16.05.2019
1. Mehr zum Thema
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hardee neubert 19.05.2019
2. Gerechte Strafe?
Ja und unbedingt. Keiner entkommt seiner gerechten Strafe und das ist auch gut so. Selbst Jahrzehnte später werden noch Mörder überführt und verurteilt.
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Arthur Kranzler 21.05.2019
3. Todesstrafe
Auch in Westberlin galt die Todesstrafe, wenn ich nicht irre formal sogar bis 1990. Das Grundgesetz galt nur in den früheren Westzonen, nicht in Berlin, auch wenn das im Alltag keine Rolle spielte.
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Claudia Kruse 21.05.2019
4. Ich bin
IMMER gegen die Todesstrafe!
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