einestages

Fußball-WM 2006

Im Kopf, im Bauch, im Juni

Bier- und freudentrunken bejubelten Fußballfans aus aller Welt im Sommer 2006 vor Großleinwänden jeden noch so lahmen Pass. Tim Sohrs Kumpel Paul lag zu Hause krank im Bett - und hatte nüchtern vor dem Fernseher eine ganz andere Perspektive auf die WM.

Hans-J. Sohr/Tim Sohr
Freitag, 04.04.2008   10:46 Uhr

Mein Kumpel Paul und ich, wir hatten alles ganz genau geplant. Am 9. Juni mit dem Zug nach München, den WM-Start im allgemeinen und die deutsche Nationalmannschaft im speziellen eine Nacht lang durchfeiern und am nächsten Morgen zurück, um zum ersten Nachmittagsspiel wieder zuhause zu sein. Diesen Plan hatten wir bereits im Dezember 2005 geschmiedet, am Tag der Gruppenauslosung. Schließlich ahnten wir den historischen Sommer bereits.

Natürlich hatten wir keine Karten für das Eröffnungsspiel, unser Ziel war es ja auch, die Atmosphäre Münchens an diesem historischen Tag "aufzusaugen" (lange bevor Jürgen Klinsmann diese und andere Erlebnisfloskeln prägte) und irgendwo in der euphorisierten Öffentlichkeit das Spiel zu verfolgen, um uns anschließend in einer dem Anlass angemessenen Intensität zu betrinken (lange bevor der Ausdruck "Public Viewing" genau diese Verhaltensform so treffend beschrieb und für die Dauer von vier Wochen völlig selbstverständlich in den deutschen Sprachschatz aufgenommen wurde).

Doch dann kam alles ganz anders.

Zwiespältig

Paul wurde krank, genau zwei Tage vor dem ersten Tag der WM. Fortan fesselte ihn das Pfeiffersche Drüsenfieber ans Bett, und neben München platzten nach und nach auch andere gemeinsam angedachte Ausflüge nach Frankfurt, Hamburg und Berlin, die ich nun in anderer Begleitung absolvieren musste.

Für mich war es eine äußerst zwiespältige Situation: Wie jeder andere erlebte ich die WM als einen einzigartigen Rausch, als die viel zitierte "gigantische Party" voller unvergesslicher Momente. Paul hingegen - die einzige Person in meinem Bekanntenkreis, die über ebenso viel Fußball-Begeisterung verfügt wie ich selbst - verpasste Tag für Tag von morgens bis abends keine einzige Fernsehübertragung mit Fußballbezug.

Nach dem Herzinfarkt-Sieg der Deutschen gegen Polen rief ich Paul vom Dortmunder Friedensplatz aus an. Schwer angetrunken war ich mir sicher, Paul würde seinen meiner Euphorie ebenbürtigen Enthusiasmus mit mir teilen wollen. Doch stattdessen klang er am Telefon so müde und nüchtern, als hätte er gerade die Börsennachrichten verfolgt.

Geprägt von Massenorgasmen

In den glühend heißen Tagen der Vorrunde stiegen meine Partylaune - und mein Alkoholpegel - beinahe stündlich in bis dahin ungeahnte Dimensionen. Paul hingegen klang bei jedem unserer täglichen Telefonate auf eine unterschwellige Weise depressiver, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollten.

Irgendwann erzählte er mir, dass ihn fast alle bisherigen WM-Partien vom spielerischen Niveau her nicht überzeugt hätten und dass sich zudem die Spannung bei den meisten Begegnungen doch sehr in Grenzen halten würde. Ich reagierte reichlich verdutzt, denn ich konnte sein harsches Urteil ganz und gar nicht verstehen. Schon kurze Zeit später wurde mir aber bewusst, dass mein Gesamteindruck des Turniers geprägt war von kollektiven Massenorgasmen bei den Deutschland-Spielen, von heißen Flirts mit wunderschönen Schwedinnen und heftigen Trinkspielen mit höchst sympathischen Engländern. Und eben nicht von lustlosen Top-Favoriten, torarmen Begegnungen und farblosen Außenseiterteams.

Kluft zwischen Kopf und Bauch

Als ich nach dem Ecuador-Spiel der Deutschen mit Paul telefonierte und mich bei ihm erkundigen musste, wer denn eingewechselt worden war und ob gelbe Karten gegen deutsche Spieler verteilt worden waren (weil ich bei der Übertragung auf der Fanmeile davon absolut NICHTS mitbekommen hatte), wurde mir eine Sache bewusst: Fußball als Jahrhundertereignis vor der eigenen Haustür und Fußball als Jahrhundertereignis aus der Ferne und damit - wie sonst alle vier Jahre - als Fernsehereignis, können unterschiedlicher kaum sein. Eine gewaltige Kluft zwischen Kopf und Bauch.

Auch bei früheren Weltmeisterschaften hatte ich gehofft, gebangt, gejubelt und geweint - meine emotionale Anteilnahme war jedoch nie auch nur ansatzweise so hoch gewesen wie bei diesem Turnier. Die ständigen Verbrüderungen mit Fans von so ziemlich allen Endrundenteilnehmern, die mir auf deutschen Straßen begegneten, verboten mir letztendlich kühle Analysen des insgesamt tatsächlich recht schwachen Niveaus der Spiele. Völlig zu Recht war ich zu positiv eingenommen und überwältigt von den Menschen, die Deutschland in diesen Wochen besuchten.

Irgendwann gab es für mich keinen Zweifel mehr, dass die Art und Weise, wie Paul die WM verfolgen musste, eine Impotenz der Fußball-Leidenschaft förderte - spätestens, nachdem er, inzwischen auf dem Weg der Besserung, den deutschen Sturmlauf gegen Schweden trocken als "sehr gelungen" bezeichnete, aber im gleichen Atemzug bereits misstrauisch auf Viertelfinalgegner Argentinien verwies: "Das wird ein ganz anderes Kaliber..."

Wie in einer DFB-Pressekonferenz

Inzwischen dachte ich jedes Mal, wenn ich mit Paul telefonierte, dass ich der DFB-Pressekonferenz per Handy zugeschaltet sei. Selbst bei den täglichen Versammlungen von Harald Stenger und auserwählten Abgesandten des Klinsmannschen Trosses ging es entspannter und lustiger zu. Ich war erstaunt: Konnte die Dissonanz zwischen der WM im Fernsehen und der WM auf der Straße so groß sein? Konnten die ununterbrochenen TV-Aufarbeitungen den Fußball-Anhänger tatsächlich so sehr abstumpfen lassen, dass selbst die herausragendsten Auftritte von "Team Deutschland" (Johannes B. Kerner) kaum noch freudige Gefühle hervorriefen?

Ich machte mir Sorgen um Paul und die Auswirkungen seines verlorenen WM-Traums, und ein paar Gedanken machte ich mir auch um mich und meine Zukunft als Fußball-Fan: Würde mich ein großes Turnier, würde mich der Fußballsport an sich, nach diesem kaum fassbaren Ausnahmezustand je wieder so in seinen Bann ziehen können? Denn eines war ja klar: "Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder."

Tragik und Relation

Paul wurde jedenfalls schneller wieder gesund als zunächst erwartet - zum Halbfinale durfte er seine Quarantäne endlich wieder verlassen.

Als Entschädigung für seinen "Leidensweg" wollte er das Italien-Match um jeden Preis im Stadion erleben. Da war ich natürlich dabei, und vier Stunden vor dem Anpfiff ergatterten wir direkt vor den Toren des Signal Iduna Parks, äh, Verzeihung, des FIFA-WM-Stadions Dortmund zwei Tickets für jeweils knapp 400 Euro. Als Gegenwert erfuhren wir eine Klinsmannschaft auf Augenhöhe mit dem späteren Weltmeister und eine Stadion-Atmosphäre, die uns wohl zweifellos in dieser Form nie wieder vergönnt sein wird.

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