einestages

70 Jahre Grundgesetz

"Es war die Sternstunde meines Lebens"

Das Grundgesetz hat 61 Väter - und vier Mütter: Die Juristin Elisabeth Selbert verankerte den Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Ein Glück für die Frauen, ein Karrierekiller für sie selbst.

Erna Wagner-Hehmke/ Hehmke-Winterer/ HDG Bonn/ ullstein bild
Von
Dienstag, 21.05.2019   11:24 Uhr

Lag es an den ausgestopften Giraffen, Zebras und Perlhühnern, die hier ins Leere starrten? Am Meer aus schwarzen Anzügen? An den vom Krieg gezeichneten Gesichtern der Anwesenden oder der drohenden deutschen Teilung? Ausgelassene Feierstimmung wollte nicht recht aufkommen am 1. September 1948 im Zoologischen Museum Koenig in Bonn.

Inmitten von totem Getier versammelte sich der Parlamentarische Rat zum Festakt, in der Atmosphäre einer "Krematoriumsfeier", wie Elisabeth Selbert später schrieb: "Es war also nicht etwa ein Fanfarenstoß zum neuen Anfang, sondern der Ausklang vom Ende."

Fotostrecke

Kampf um die Gleichberechtigung: "Zipfel der Macht"

Die Anwältin Elisabeth Selbert, 51, resoluter Blick, war eine von nur vier Frauen im Parlamentarischen Rat. Im Auftrag der Alliierten sollte das 65-köpfige Gremium auf dem Scherbenhaufen der Nazi-Diktatur das Fundament für einen demokratischen Staat zimmern. Eine Herkulesaufgabe - und eine Riesenchance. Endlich bot sich auch die Gelegenheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau festzuschreiben.

Fünf Wörter, eine Revolution

Zwar konnten Frauen wählen und gewählt werden, die Weimarer Verfassung hatte 1919 festgelegt: "Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten." Ansonsten jedoch galt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), anno 1896 beschlossen und schon damals von Frauenrechtlerinnen angefeindet: weil es ein zutiefst patriarchalisches Ehe- und Familienmodell propagierte.

Mit der Heirat mussten Frauen ihren Namen aufgeben. Ohne Einwilligung ihres Mannes konnten sie weder arbeiten noch Verträge schließen oder ein Konto eröffnen. Er hatte die Entscheidungsmacht in allen familiären Angelegenheiten - sie die Pflicht, den Haushalt zu führen. Ein Unding, fand SPD-Politikerin Elisabeth Selbert und setzte alles daran, den Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" im Grundgesetz zu verankern.

Fünf harmlos wirkende, aber revolutionäre Wörter. Selbert wollte das veraltete BGB aus den Angeln heben, war damit jedoch "allein auf weiter Flur", wie sie beklagte. Denn anfangs unterstützten sie weder die Genossen noch die anderen drei Frauen. "Du kannst doch nicht das ganze Familienrecht außer Kraft setzen oder ändern wollen, das bedeutet ja ein Rechtschaos", gab Wohlfahrtspflegerin Friederike Nadig, ebenfalls Sozialdemokratin, zu bedenken.

Frauenthemen mit "Heiterkeit" quittiert

CDU-Politikerin Helene Weber, die älteste der vier Frauen, forderte Lohngleichheit und gleiche staatsbürgerliche Rechte. Ansonsten vertraten aber sowohl die Adenauer-Vertraute als auch ihre konservative Mitstreiterin, die Zentrumspolitikerin Helene Wessel, zunächst die Ansicht, die Weimarer Verfassung habe die Gleichstellung der Geschlechter bereits hinreichend garantiert.

Der Männerrunde des Parlamentarischen Rates schienen zudem andere Themen drängender - auf Frauenthemen reagierten sie laut Protokoll gern mit "Heiterkeit". Im Lauf der Diskussion schwenkten Nadig und die SPD auf Selberts Linie ein und machten sich für ihren Satz zur Gleichberechtigung stark. Ihr Antrag wurde dennoch dreimal niedergestimmt.

70 Jahre Grundgesetz: Die Geburt der Bundesrepublik

Foto: SPIEGEL TV

Am 3. Dezember 1948 platzte Selbert der Kragen. Sie drohte mit einer Mobilisierung der Öffentlichkeit. Wer sie kannte, wusste: Diese Frau gibt weder nach noch auf.

Elisabeth Rohde wurde 1896 in Kassel geboren und wollte Lehrerin werden, doch ihr Vater, ein Gefangenenaufseher, konnte die teure Ausbildung nicht bezahlen. Elisabeth ging zur Post - am Schalter begegnete sie ihrem späteren Ehemann Adam Selbert. Der Sozialdemokrat ermunterte sie, das Abitur nachzuholen und Jura zu studieren. Binnen sieben Semestern schaffte sie es trotz zwei kleiner Söhne bis zur Promotion.

Nebenher engagierte Selbert sich politisch und kämpfte dafür, "dass die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird", wie sie schon 1920 schrieb. Ihre Zulassung zur Anwältin erhielt Selbert einen Monat bevor die Nationalsozialisten die Anwaltschaft für Frauen sperrten. Bis zum Kriegsende ernährte sie die Familie: Als "roter Funktionär" wurde ihr Mann 1933 aus dem Staatsdienst entlassen und vier Wochen im KZ inhaftiert.

Auf Tour wie ein Wanderprediger

Ab 1945 arbeitete Selbert am Wiederaufbau der SPD und der Kasseler Kommunalverwaltung mit, 1948 schaffte sie es auf Umwegen in den Parlamentarischen Rat - als die hessischen Genossen sie nicht nominierten, fragte sie bei Niedersachsens SPD nach. Mit Erfolg: Der Hannoveraner Parteivorstand schickte Selbert nach Bonn, wo sie schnell aneckte. Die Sozialdemokraten vor Ort taten die Frauenfrage mit "Ironie und Sarkasmus, um nicht zu sagen Hohn" ab, klagte Selbert in einem Brief vom Oktober 1948.

Als ihr Gleichberechtigungssatz für das Grundgesetz kaum Unterstützung fand, setzte sie sich über sämtliche Konventionen hinweg und zog "wie ein Wanderprediger", so Selbert, durchs Land. Die Juristin hielt Vorträge, sprach Journalisten sowie Ehefrauen von CDU-Mitgliedern an.

Ihre beispiellose Kampagne trug Früchte: Allein 40.000 Metallarbeiterinnen wandten sich mit Eingaben an den Parlamentarischen Rat. Ihnen taten es alle weiblichen Landtagsabgeordneten der Westzonen gleich (mit Ausnahme der bayerischen), zudem Frauenverbände - und die komplette weibliche Einwohnerschaft des hessischen Städtchens Dörnigheim.

"Ich bin Juristin und unpathetisch"

Wäschekörbeweise erreichten Protestnoten das Gremium in Bonn, auch Medien trommelten für Selbert. Stetig stieg der Druck: Als die Gleichberechtigung am 18. Januar 1949 zum vierten Mal auf der Tagesordnung stand, glich der Parlamentarische Rat plötzlich einem Heer von Feministen.

Es sei "so viel Sturm entstanden, dass wir gedacht haben - es liegt uns ja gar nichts an einer bestimmten Formulierung", erkannte nun Helene Weber (CDU). Und der spätere Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) flunkerte: "Dieses Quasi-Stürmlein" habe die FDP nicht im Geringsten beeindruckt. "Denn unser Sinn war von Anfang an so, wie sich die aufgeregten Leute draußen das gewünscht haben."

Der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" wurde einstimmig angenommen und als Artikel 3 (2) im Grundgesetz verankert - Revoluzzerin Selbert war am Ziel. "Es war die Sternstunde meines Lebens", schrieb sie später und triumphierte in einer Rundfunkrede am Tag nach der Abstimmung:

"Dieser Tag war ein geschichtlicher Tag, eine Wende auf dem Weg der deutschen Frauen in den Westzonen. Lächeln Sie nicht! Es ist nicht falsches Pathos einer Frauenrechtlerin, die mich so sprechen lässt. Ich bin Jurist und unpathetisch [...]. Ich spreche aus dem Empfinden einer Sozialistin heraus, die nach jahrzehntelangem Kampf um diese Gleichberechtigung nun das Ziel erreicht hat."

Neben Selberts Satz hatte der Parlamentarische Rat auch eine (von ihr mitverfasste) Übergangsregelung akzeptiert, die den Gesetzgeber verpflichtete, das BGB bis zum 31. März 1953 anzupassen. Doch die Adenauer-Regierung ließ die Frist verstreichen. 1957 wurde dann das "Letztentscheidungsrecht" des Mannes in der Ehe gekippt und erst 1977 das Ehe- und Familienrecht reformiert, die "Hausfrauen-Ehe" abgeschafft.

"In die Parlamente müssen die Frauen!"

Die Aufbruchstimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit war dahin, streitbare Frauen wie Selbert hatten es schwer: Als einzige der vier weiblichen Mitglieder des Parlamentarischen Rates zog sie nicht in den ersten deutschen Bundestag ein; nach dem Alleingang zur Gleichberechtigung stagnierte ihre politische Karriere.

Auch privat stieß Selbert an ihre Grenzen, Körper und Geist streikten angesichts der Vielfachbelastung als Politikerin, Anwältin, Ehefrau, Mutter, Großmutter. Schon 1948 erlitt sie einen Herzanfall, hinzu kamen eine Gallenoperation sowie Nervenerschöpfung, Gewichtsverlust, Depressionen. 1953 erwog Selbert, die über "Zerrüttung als Ehescheidungsgrund" promoviert hatte, die Trennung von Partner Albert.

Am Ende blieb sie sowohl ihrem Mann als auch der SPD treu. Vor allem aber engagierte sie sich bis zu ihrem Tod 1986 für die Geschlechtergleichheit: ein Grundrecht, das Frauen laut Selbert aktiv einfordern müssen. Ende der Siebzigerjahre bezeichnete sie es als "ganz schreckliches Kapitel, dass die Frauen in den Parlamenten so unterrepräsentiert sind". Und gab Frauen dies mit:

"Sie haben doch, ganz anders als früher, alle Rechte. Sie können sich darauf berufen. Sie müssen sie durchsetzen! Es ist mir ganz und gar unbegreiflich, warum sie es nicht tun, Doppelbelastung hin oder her. Die Feministinnen mit ihren gerichtlichen Klagen gegen nackte Frauen auf Titelseiten von Illustrierten - das sind doch Nebenkriegsschauplätze! In die Parlamente müssen die Frauen! Dort müssen sie durchsetzen, was ihnen zusteht!"

Zum Weiterlesen:
Heike Drummer/Jutta Zwilling: Ein Glücksfall für die Demokratie. Elisabeth Selbert - Die große Anwältin der Gleichberechtigung. Eichborn-Verlag, Frankfurt 1999.

insgesamt 8 Beiträge
Heinz Schmitz 21.05.2019
1. Optional
Manche Feministin steht heute noch da, wo diese Mutter des GG sie Ende der 70er verortet hat.
Manche Feministin steht heute noch da, wo diese Mutter des GG sie Ende der 70er verortet hat.
Fabian Gladisch 21.05.2019
2. Eine beeindruckende Persönlichkeit
Eigentlich erschreckend, wie wenig man über die Entstehung unserer Verfassung weiß, und wie sehr für Selbstverständlichkeiten gekämpft werden musste. Frau Selbert hat mit diesem Artikel im Grundgesetz ein würdiges Denkmal [...]
Eigentlich erschreckend, wie wenig man über die Entstehung unserer Verfassung weiß, und wie sehr für Selbstverständlichkeiten gekämpft werden musste. Frau Selbert hat mit diesem Artikel im Grundgesetz ein würdiges Denkmal für ihre Leistungen!
Günther Bauer 21.05.2019
3. Gleichberechtigung
"Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten", so schon die Weimarer Verfassung, wobei das "grundsätzlich" einige Einschränkungen vorgesehen haben könnte. [...]
"Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten", so schon die Weimarer Verfassung, wobei das "grundsätzlich" einige Einschränkungen vorgesehen haben könnte. Mir erschien lange der Grundsatz in Art. 3 Absatz 1 "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich" als ausreichend. Warum dann der Absatz 2 mit seinem Satz 1 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt"? Ist doch eigentlich überflüssig! Und dann sagt (überflüssigerweise?) auch noch Art. 3, dass "niemand wegen seines Geschlechts … bevorzugt oder benachteiligt" werden darf . Ja reicht das denn nicht? Ich habe dann später etwas nonchalant gesagt: "Der Satz steht drin, damit es auch der letzte Trottel begreift." Und der Satz 2 von Art. 3 Absatz 1: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin", das hört sich ja fast nach einem Offenbarungseid an (ja, damit ist vielleicht das Mutterschutzgesetz etc. gemeint.)
Ula Löw 21.05.2019
4. Danke
Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag, viel erhellende Hintergrundinfos - wichtig! Danke dafür! Mein Dank und meine Hochachtung gilt natürlich auch insbesondere Elisabeth Selbert - diesen Kampf hat sie anfangs ja [...]
Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag, viel erhellende Hintergrundinfos - wichtig! Danke dafür! Mein Dank und meine Hochachtung gilt natürlich auch insbesondere Elisabeth Selbert - diesen Kampf hat sie anfangs ja ziemlich alleine geführt! Eine echte Pionierin und unermüdlich - es braucht solche Leute, um wirklichen Wandel herbeizuführen.
Ute Antje Seemann 22.05.2019
5. Mir war schon in der Schule (1948 bis 1958)
(und es war eine Maedchenschule) total die Gleichberechtigung eingeimpft worden ... habe es dann mein Leben lang praktiziert. Danke an meine Lehrerinnen und meinen Vater ....
(und es war eine Maedchenschule) total die Gleichberechtigung eingeimpft worden ... habe es dann mein Leben lang praktiziert. Danke an meine Lehrerinnen und meinen Vater ....

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP