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Deutsche Forscher in Argentinien

Das Geheimnis der Atominsel

Argentinien löst die Energieprobleme der Welt - sensationell. Angeblich gelang einem deutschen Physiker 1951 auf einer Felseninsel die Kernfusion. Von seinem experimentellen Spuk blieben nur Ruinen. Eine Spurensuche.

Solveig Grothe
Von , San Carlos de Bariloche
Dienstag, 19.03.2019   11:12 Uhr

Im Januar 1976 lag Mario Mariscotti grübelnd im Garten seines Ferienhauses in der Sonne. Nach Jahren im Ausland sollte er wieder als Kernphysiker in Buenos Aires arbeiten, frisch berufen in Argentiniens nationale Atomenergiekommission. Nun wollte er die Zeit bis zum Beginn des neuen Jobs sinnvoll verbringen.

Der Garten nahe der Stadt San Carlos de Bariloche am Fuß der Anden liegt direkt am Ufer des wunderschön blauen, von weißen Gipfeln umrahmten Sees Nahuel Huapi. Sein Blick, so erzählt Mariscotti im Januar 2019 in diesem Garten, fiel auf die Insel Huemul gegenüber.

Solveig Grothe

Playa Bonita: Insel in Sichtweite

Ein deutscher Physiker betrieb dort in den Fünfzigerjahren ein geheimes Atomforschungslabor. Die Geschichte kursierte in verschiedenen Versionen: Peronisten hielten das Projekt für eine große Sache, zerstört vom politischen Gegner. "Anti-Peronisten sahen es genau umgekehrt", sagt Mariscotti. Er wollte herausfinden, was wirklich passiert war.

Mitten hinein in den sowjetisch-amerikanischen Rüstungswettlauf platzte im März 1951 die Nachricht wie eine sprichwörtliche Bombe: Präsident Juan Perón gab bekannt, dass am 16. Februar 1951 "in einer Kernkraft-Versuchsanlage auf der Insel Huemul die Durchführung kontrollierter thermonuklearer Reaktionen im technischen Maßstab gelungen" sei. Argentinien habe damit die ultimative Antwort auf das Energieversorgungsproblem der Menschheit gefunden.

Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion setzten damals auf die Erzeugung von Atomenergie mittels Kernspaltung und teurer Elemente wie Uran. Argentinien dagegen, so Perón, habe sich für eine effizientere Methode entschieden und diese mit Erfolg getestet: die Kernfusion - die Regierung werde sie ausschließlich für friedliche Zwecke nutzen.

Der Deutsche imponierte dem Präsidenten

Es war die spektakulärste Mitteilung, die je aus Argentiniens Präsidentenpalast drang. In der nördlichen Hemisphäre löste sie einen Schock aus und warf bedeutsame Fragen auf: Konnte das Land nun die Wasserstoffbombe bauen und das empfindliche Kräfteverhältnis zwischen Ost und West aufmischen? Und wie war es so weit gekommen?

Als den Mann hinter der Entdeckung präsentierte Perón einen angeblich international renommierten Professor der experimentellen Kernphysik: Ronald Richter, 1909 in Falkenau an der Eger geboren, das erst zu Österreich, später zu Hitlers "Großdeutschem Reich" gehörte. Österreicher oder Deutscher, das machte aus argentinischer Perspektive keinen Unterschied. Richter hatte die Bewunderung für deutsche Wissenschafts- und Ingenieursleistungen neu entfacht. Und er trat so auf, wie man es in Buenos Aires für "typisch deutsch" hielt: aufrecht, feierlich, überheblich.

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Atominsel Huemul: Ruinen im tiefblauen See

Sowohl die USA als auch Großbritannien und die Sowjetunion hatten nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Wissenschaftler und Ingenieure ins Land geholt. Argentinien lockte mit wissenschaftlicher Freiheit, persönlicher und wirtschaftlicher Sicherheit. Diese Chance ergriff der deutsche Flugzeugingenieur Kurt Tank und bahnte auch Richter den Weg.

Tank war in Nazideutschland technischer Leiter des Focke-Wulf-Flugzeugbaus und gelangte 1947 unter falschem Namen über Oslo nach Argentinien - im Gepäck Mikrofilme seines neuesten Düsenjägerdesigns. Er verhalf Argentinien zu dessen modernstem Flugzeug, dem "Pulqui II", auffällig ähnlich der sowjetischen MiG-15, deren Konstruktionspläne aus gleicher Quelle stammten.

In London hatte Tank zuvor Ronald Richter getroffen. Der Physiker berichtete ihm von seiner Idee eines Nuklearantriebs für Flugzeuge. Tank war begeistert und empfahl Richter der argentinischen Regierung. Am 24. August 1948 erläuterte Richter dem Präsidenten seine Ideen zur Atomenergie. Und bekam schon zwei Wochen später ein eigenes Labor in Cordoba, 600 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires.

"Das ist mein Geheimnis"

Als Physiker wusste Mariscotti zu Beginn seiner Recherchen 1976, dass weltweit nie eine kontrollierte Kernfusion gelungen war, "bis heute nicht". Richter und Perón behaupteten es 1951 dennoch. Auf die Journalistenfrage, wie er die nötigen Temperaturen von mehreren Millionen Grad erzeugen konnte, antwortete Richter lediglich: "Genau das ist mein Geheimnis."

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Deutsche Ingenieurskunst: Perón, Richter und ein Flugzeugbauer

Mariscotti wollte Richters Geheimnis lüften. Er sprach mit Zeitzeugen, bekam Einblick in offizielle Dokumente, private Briefe und auch in Richters Persönlichkeit und Arbeit.

In einem nie veröffentlichten Brief an die US-Zeitschrift "Scientific American" berichtete Richter 1963 von einer Entdeckung, die er angeblich 1949 in Córdoba gemacht hatte, und nimmt Bezug auf einen Artikel des US-Physikers Harold W. Lewis über das bis heute ungeklärte Phänomen von Kugelblitzen. Lewis schrieb: "Sollte eines Tages entdeckt werden, dass diese Kugelblitze aus einer stabilen Plasmakonfiguration bestehen, wird eine solche Entdeckung für ein Programm zur Erzeugung thermonuklearer Energie von Nutzen sein."

Hü, hott, noch einmal von vorn

Als eines Nachts in Richters Labor in Córdoba ein Feuer ausbrach - laut Polizeibericht nach einem Kurzschluss -, vermutete der Forscher Sabotage und Spionage. Er weigerte sich, weiter dort zu arbeiten. Und Perón tat alles, um Richter mit einem neuen Labor zufriedenzustellen.

Inspiriert vom legendären Los Alamos dachten sie zunächst an einen Ort in der Wüste. Beim Flug über Patagonien faszinierte Richter die Landschaft mit ihren tiefen Wäldern, blauen Seen, schneebedeckten Bergen. Und vor allem diese kleine Insel im halbmondförmigen See Nahuel Huapi. Sie schien alles zu bieten, was er brauchte: Kühlwasser, eine staubfreie Umgebung für die Instrumente, dazu mit der Garnison von Bariloche eine sichere Basis zum Schutz seines Geheimlabors.

SPIEGEL ONLINE; van Hove / Karte: Mapbox, Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Am 21. Juli 1949 rollten die ersten Bulldozer über Huemul. Fast 400 Soldaten planierten den felsigen Untergrund, errichteten Baracken, Lagerhäuser, Küche, Kantine, Labore. Anfang April 1950 stand die Schalung des Hauptreaktors: elf Meter hoch, elf Meter im Durchmesser, auf einem 18 mal 18 Meter großen Fundament. Es dauerte 72 Stunden, die Struktur mit Beton auszugießen. Die fertige Hülle wirkte wie ein Monument von nationaler Größe.

Die Freude währte nicht lange. Richter experimentierte in einem kleinen Labor und erteilte immer neue Bauaufträge. Der große Reaktor musste wieder abgerissen werden - er sollte unter die Erde. Doch kaum waren Grube und Schalung fertig, entschied sich Richter doch wieder für die Ursprungsversion. Schließlich wollte er einen anderen Standort: Die ganze Anlage sollte in die Wüste verlegt werden.

Kosten von 17 Millionen Dollar

Allen Beteiligten, auch Kurt Tank, wurde bald klar, dass sie es offenkundig mit einem Gaukler zu tun hatten. Nur Perón, ganz in Anspruch genommen von seiner Wiederwahl und der tödlichen Erkrankung seiner Frau Evita, setzte weiter auf Richter. In seinem Buch "The Atomic Secret of Huemul Island" rekonstruierte Mariscotti, wie es Richter mit immer neuen Versprechen, Bauverzögerungen und schwer zu beschaffenen Materialien und Geräten gelang, Perón zu manipulieren.

Binnen drei Jahren verschlang das Projekt Huemul, einschließlich Bauten, Ausrüstung und Gehälter, die beachtliche Summe von 62.428.729,82 Pesos, zu dieser Zeit rund 17 Millionen Dollar (heute rund 140 Millionen Euro).

Für: nichts.

Ein Untersuchungsausschuss beendete den Spuk: Wissenschaftler forderten die Wiederholung von Richters Experiment in Buenos Aires und fällten danach ein vernichtendes Urteil - es gebe "keine experimentellen oder theoretischen Beweise, aus denen hervorgeht, dass irgendeine Kernreaktion erreicht wurde".

Die USA zündeten am 1. November 1952 die erste Wasserstoffbombe, die Kernfusionsbombe. Die Verantwortlichen in Argentinien waren währenddessen damit beschäftigt, Richters peinliches Scheitern zu vertuschen: Im Februar 1953 verließ er Bariloche, zog mit seiner Familie nach Monte Grande südlich von Buenos Aires - und geriet in Vergessenheit.

Als Mariscotti ihn 1979 aufspürte, wussten die Einwohner nicht, wer da unter ihnen lebte. Richter erörterte dem Besucher bereitwillig seine Ideen und reagierte zu Mariscottis Überraschung weder verunsichert noch verärgert auf fachliche Einwände. Er wechselte dann einfach das Thema. Wurden Fragen zu bohrend, schloss er in bekannter Manier: "Das ist mein Geheimnis."

"Er mischte Fantasie und wissenschaftliche Fakten"

Aber was hatte es mit dem Experiment vom 16. Februar 1951 auf sich?

Mariscotti spürte auch Richters früheren Freund und Assistenten Heinz Jaffke auf, der sich gut erinnerte: Für das Experiment hätten sie einen Spektrografen mit Fotoplatte genutzt. Das aufgezeichnete Spektrum sollte zeigen, ob mit einer Funkenstrecke Fusionstemperaturen erreicht wurden.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Mario A. J. Mariscotti
The Atomic Secret of Huemul Island: A history of the origins of atomic energy in Argentina

Verlag:
CreateSpace Independent Publishing Platform
Seiten:
392
Preis:
EUR 14,94

Die üblicherweise gerade verlaufenden Linien zeigten an diesem Tag eine Abweichung von der Vertikale. Die Verschiebung interpretierte Richter als Erfolgsbeweis. Jaffke hatte eine andere Erklärung: Der Schiebemechanismus, der die Fotoplatte während des Experiments nach oben zog, habe gehakt - und Richter die von Jaffke vorgeschlagene Wiederholung des Experiments nicht gewollt.

Kernphysiker Mariscotti bewertet Jaffkes Erklärung als plausibel. Denn wären die hohen Temperaturen tatsächlich erreicht worden, hätte das Spektrum keine Verschiebung, sondern eine Verbreiterung der Linien zeigen müssen. Er hatte das wahre Geheimnis von Huemul gefunden: "Mangelndes Wissen über grundlegende physikalische Prozesse und die unverantwortliche Weigerung, die experimentellen Ergebnisse weiter zu überprüfen."

Dass Richter nicht das Physikgenie war, als das er sich ausgab, wusste zumindest ein Mann schon lange zuvor: Manfred von Ardenne forschte nach dem Krieg für die Sowjets an der Atombombe, 1942/43 hatte er mit Richter in Berlin gearbeitet. In seiner Biografie schrieb Ardenne: "Meine Erfahrung mit dieser Person war unglücklich. Ich musste ihn trotz des Mangels an Personal wegen des Krieges schnell entlassen. Er mischte Fantasie und wissenschaftliche Fakten so, dass man sich nicht auf seine Arbeit verlassen konnte."

Solveig Grothe

Mario Mariscotti 2019

Mario Mariscotti verbringt auch 2019 den argentinischen Sommer im Garten gegenüber Huemul. An einem windstillen Tag setzt er mit einem kleinen Boot über. Als er von den Ruinen erzählt, schart sich ein Kreis Neugieriger um ihn, die mit ihren Kanus dort angelegt haben. Sie folgen ihm zum höchsten Punkt der Insel. Von dort hat man einen Blick hinüber zum Festland - auf einen tatsächlich funktionierenden Forschungsreaktor.

Für Mariscotti ist es das glückliche Ende der Geschichte: Nach Richters Entlarvung bekamen einheimische Atomforscher eine Chance und machten Argentinien zu einem bedeutenden Exporteur von Kerntechnik. In Bariloche entstand ein Forschungszentrum von internationalem Ruf. Aus der verlassenen Insel mit ihren Relikten würden Mariscotti und seine Kollegen gern ein interaktives Nuklear-Museum machen. Das Konzept haben sie schon, ein Geldgeber fehlt noch.

insgesamt 1 Beitrag
David Braben 19.03.2019
1. Too Hot to Handle
Die im Artikel aufgestellten Tatsachenbehauptungen widersprechen zum Teil eklatant dem, was man im Buch "Too Hot to Handle" von Frank Close (auch auf Deutsch unter dem Titel "Das heiße Rennen um die kalte [...]
Die im Artikel aufgestellten Tatsachenbehauptungen widersprechen zum Teil eklatant dem, was man im Buch "Too Hot to Handle" von Frank Close (auch auf Deutsch unter dem Titel "Das heiße Rennen um die kalte Fusion" erschienen) lesen kann. Da der Artikel keinerlei physikalische Erklärungen für seine Behauptungen gibt, halte ich mich doch lieber an Closes Buch.

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