einestages

Karriere eines Nazi-Spitzels

"Er hatte so ein Quabbelgesicht"

Der Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh denunzierte Berliner NS-Gegner, zwei von ihnen wurden 1944 hingerichtet. Als letzte Überlebende der Widerstandsgruppe erzählte Irmgard Ruppel fünf Jahrzehnte später die Geschichte dieses Verrats.

privat
Ein Interview von
Dienstag, 30.04.2019   13:43 Uhr
Im September 1944 ermordeten die Nationalsozialisten die Pädagogin Elisabeth von Thadden. Sie war die Tante von SPIEGEL-Redakteurin Marianne Wellershoff - und das Opfer einer Denunziation: Paul Reckzeh hatte die Gäste einer Teegesellschaft 1943 im Auftrag der Gestapo bespitzelt. In Berlin hatte Elisabeth von Thadden einem Kreis von regimekritischen Akademikern rund um die Widerstandskämpferin Hanna Solf angehört, die sich zu Gesprächsrunden trafen.
Der Verrat des Solf-Kreises und das Todesurteil des Volksgerichtshofs gegen Elisabeth von Thadden waren oft Thema in Wellershoffs Familie und ein Trauma für ihre Mutter Maria. Deshalb interviewte Wellershoff 1995 bei einem New-York-Aufenthalt die in die USA emigrierte Irmgard Ruppel, geborene Zarden, die als junge Frau bei der fatalen Teegesellschaft anwesend gewesen war. Als Wellershoff sich für die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE zum Thema "Widerstand gegen Hitler" auf die Spuren von Paul Reckzeh setzte , fand sie die Kassette mit dem unveröffentlichten Interview wieder. Irmgard Ruppel konnte es nicht mehr autorisieren - sie verstarb 2018. Paul Reckzeh starb 1996 in Hamburg.

SPIEGEL: Frau Ruppel, 1937 haben Sie zum ersten Mal Elisabeth von Thadden getroffen, als Sie auf deren evangelisches Internat in Heidelberg-Wieblingen kamen. Warum hatten Ihre Eltern Sie aus Berlin dorthin geschickt?

Ruppel: Meine Mutter wollte, dass ich kochen lerne. Und meine Eltern wussten, dass Elisabeth von Thadden gegen die Nationalsozialisten war. Sie war eine beachtliche Frau, ihr Internat hatte einen sehr guten Ruf. Sie kam ja aus der Sozialfürsorge. Aber ich gehörte nicht zu Thaddens engerem Kreis, für mich war die Zeit dort kein beeindruckendes, ernstes Lebenserlebnis, sondern ich hatte ein schönes Jahr dort.

SPIEGEL: Wie zeigte sich die kritische Haltung von Elisabeth von Thadden gegenüber den Nazis?

Ruppel: Es wurde nicht andauernd thematisiert, aber es war eine sehr fromme, protestantische Schule. Der Heidelberger Pfarrer Hermann Maas war ein guter Freund von ihr, der auch sehr viel für Juden in der Gegend getan hat - soweit man überhaupt etwas tun konnte. Zu ihm gingen wir auch manchmal in die Kirche. Die Thadden war den Nazis suspekt, weil sie aus ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus keinen Hehl machte. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass es den "Bund Deutscher Mädel" im Internat gab. Ihre Haltung ist ja auch der Grund gewesen, warum letztlich die Schule geschlossen wurde. Sie war eine sehr anständige Person.

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Widerstand gegen die Nazis: Wie ein Spitzel den Solf-Kreis verriet

SPIEGEL: Hatten Sie nach Ihrem Jahr im Wieblinger Internat noch Kontakt zu Elisabeth von Thadden?

Ruppel: Meine Eltern haben im Krieg Verbindung mit ihr gehabt. Nachdem die Nazis ihre Schule geschlossen hatten, war sie nach Berlin gekommen und lebte bei ihrer Freundin Anna von Gierke, einer bekannten Politikerin und Sozialpädagogin.

SPIEGEL: Und dann lud sie am 21. September 1943 zum 50. Geburtstag ihrer Schwester Anza Braune zu einer Teegesellschaft ein.

Ruppel: Ja, es kamen lauter Gleichgesinnte, die sich alle untereinander kannten: Hanna Solf, die bei uns im Haus in der Alsenstraße lebte, mein Vater Arthur Zarden, Hilger van Scherpenberg, Otto Kiep, Richard Künzer (siehe Kasten unten). Und dann noch das alte Fräulein Fanny von Kurowski, deren Vater Kabinettschef bei Bismarck gewesen war zur Zeit des Berliner Kongresses, also eine Weile her.

SPIEGEL: Es kam noch ein weiterer Gast.

Ruppel: Ja, Paul Reckzeh. Er hatte am Tag zuvor bei der Thadden angerufen. Sie hatte eine sehr gute Freundin in der Schweiz, die Tochter des Malers Segantini. Diese Tochter kannte Reckzehs Vater, einen Berliner Medizinprofessor. Die Reckzehs machten immer Urlaub in Sils Maria, deshalb kannten die Familien sich schon seit Langem. Darauf bezog Paul Reckzeh sich, als er bei der Thadden anrief.

Der Solf-Kreis

Was der Solf-Kreis war
Politische Diskussionen, intellektueller Austausch und das Wissen, nicht allein dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberzustehen - das verband Anfang der Vierzigerjahre eine Gruppe Berliner Akademiker und Adliger. Sie trafen sich bei Johanna Solf, Witwe des früheren deutschen Botschafters in Japan; Wilhelm Solf hatte schon in den Zwanzigerjahren einen Salon geführt, wo man sich zum Gespräch mit Gleichgesinnten traf.
Wer der Gruppe angehörte
Zum Solf-Kreis gehörten unter anderem:
- Pädagogin Elisabeth von Thadden, langjährige Leiterin eines Heidelberger Internats
- Diplomat Otto Kiep, damals Referent im Auswärtigen Amt mit Kontakten zu Widerstandskreisen, und seine Frau Hanna Kiep
- Irmgard Ruppels Vater Arthur Zarden, in der Weimarer Republik Staatssekretär im Reichsfinanzministerium
- Lagi Gräfin von Ballestrem, Tochter von Hanna Solf
- Diplomat Hilger van Scherpenberg, Schwiegersohn des ehemaligen Reichsbankpräsidenten und Reichsministers Hjalmar Schacht
- Diplomat Albrecht Graf von Bernstorff, der von 1923 bis 1933 an der deutschen Botschaft in London tätig war
- Maria Gräfin von Maltzan, Biologin und Tierärztin - Richard Kuenzer, Jurist und Diplomat
Der Verrat
Als Gegeneinladung zu den Treffen bei Hanna Solf bat Elisabeth von Thadden am 10. September 1943 aus Anlass des 50. Geburtstags ihrer Schwester Anza zu einer Teegesellschaft. Gast war auch der junge Arzt Paul Reckzeh, den die Gestapo als Spitzel gezielt eingeschleust hatte. Reckzeh denunzierte die Gäste; insgesamt wurden infolge seines Verrats rund 70 Menschen festgenommen.
Was aus den Teilnehmern wurde
Die meisten Mitglieder des Solf-Kreises wurden ab Januar 1944 verhaftet. Der Volksgerichtshof fällte am 1. Juli 1944 zwei Todesurteile, die wenige Wochen später vollstreckt wurden, beide in Plötzensee: Otto Kiep wurde dort am 26. August gehängt, Elisabeth von Thadden am 8. September 1944 enthauptet.

SPIEGEL: Was sagte er ihr beim Telefonat?

Ruppel: Das Fräulein Segantini bitte sie, ihn mit Gleichgesinnten in Berlin bekannt zu machen. Die Segantini hat nachher natürlich enorme Gewissensbisse gehabt, dass sie diesen fürchterlichen Verbrecher ihrer Freundin ins Haus geschickt hat. Aber auch die Thadden hätte sich gleich fragen müssen: Wie kommt es, dass ein junger Mann im Herbst 1943 in die Schweiz fährt? Der müsste doch an der Front stehen!

SPIEGEL: Die Alarmglocken haben aber nicht bei ihr geklingelt.

Ruppel: Nein. Sie hat gesagt: Ich gebe morgen eine Teegesellschaft, dann kommen Sie doch auch.

SPIEGEL: Es war die Gegeneinladung für die vielen Einladungen der Widerstandskämpferin Hannah Solf, bei der sich akademische und adlige Regimekritiker trafen und diskutierten. Ihr Vater Arthur Zarden, in der Weimarer Republik Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, gehörte zum Solf-Kreis. Sie auch?

Ruppel: Nein, ich arbeitete in einem Büro in der Nähe und habe an diesem 21. September 1943 nur meinen Vater bei Thaddens Gesellschaft abgeholt. Ich war nicht so lange dort, vielleicht eine halbe Stunde, aber es waren ja alle noch da. Ich habe auch nicht weiter mitgeredet, ich war 21 Jahre alt, und die Gäste waren viel älter. Das Unglück war, dass die Thadden an dem Nachmittag gerade diese Leute eingeladen hatte. Wenn Reckzeh nur mit ihr gesprochen hätte, wäre es vielleicht gar nicht so schlimm gekommen.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an Reckzeh?

Ruppel: Ich erinnere mich an einen jungen Mann, nicht mal 30 Jahre alt, er hatte so ein Quabbelgesicht. Ein Durchschnittsgesicht. Er mischte kräftig mit bei den Gesprächen. Obwohl man sonst so irrsinnig vorsichtig war mit Leuten, die man nicht kannte, fragte sich an dem Nachmittag keiner: Was ist das eigentlich für ein Mann?

SPIEGEL: Worum ging es im Gespräch?

Ruppel: Unglücklicherweise kam die Unterhaltung sofort auf den Abfall Italiens, die Entlassung und Inhaftierung von Mussolini und was das für den Verlauf des Krieges bedeuten würde. Nur der geringste Zweifel an dem totalen Endsieg galt damals als Hochverrat. Reckzeh beteiligte sich am Gespräch und sagte dann zu allen: Ich fahre bald wieder in die Schweiz, und wenn Sie irgendwelche Briefe haben für Ihre Freunde dort, nehme ich die gerne mit und schicke sie in der Schweiz ab.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 2/2019

SPIEGEL: Kam Ihnen das verdächtig vor?

Ruppel: Mein Vater und ich fuhren nach Hause, er sagte sofort: "Ich wünschte nur, ich wäre nicht gekommen, der Mann ist mir unheimlich." Er hatte sofort gemerkt, dass da etwas nicht stimmte, aber es wäre auch merkwürdig gewesen, wenn er die Gesellschaft sofort verlassen hätte. Dann passierte eine Weile gar nichts. Aber wir alle merkten, dass die Telefone abgehört wurden, denn es war eine primitive Technik, und es knackte damals in der Leitung.

SPIEGEL: Damit war der Verdacht bestätigt, dass mit Reckzeh etwas nicht stimmte?

Ruppel: Wir hörten über Helmuth von Moltke, der bei der Abwehr arbeitete, dass Reckzeh ein Gestapo-Spitzel war. Mitte Oktober rief Reckzeh bei uns an und sagte, er führe bald wieder in die Schweiz. Und ob er nicht mal vorbeikommen könnte, er würde auch gerne Briefe mitnehmen und in der Schweiz abschicken. Da sagte sich mein Vater, den Besuch abzulehnen, wäre falsch. Also antwortete er: "Kommen Sie am Sonntagmorgen." Ich war auch da, wir führten eine ganz neutrale Unterhaltung. Mein Vater erzählte, er habe einen Freund in Lugano, dem er manchmal schriebe, das könne die Zensur ruhig lesen. Aber Reckzeh drängte weiter, er war eben ein Agent Provocateur.

SPIEGEL: Was geschah dann?

Ruppel: Es kam November, Dezember, wir hörten nichts und dachten, die Gestapo hätte vielleicht anderes zu tun, aber die verfolgte die Sache natürlich doch. Bis dann ab dem 12. Januar 1944 alle, die bei der Teegesellschaft waren, verhaftet wurden. Obwohl, im Gegensatz zu den Attentätern vom 20. Juli 1944, keiner der Verhafteten irgendeine Gewalttat gegen das "Dritte Reich" hätte verüben können.

SPIEGEL: Auch Moltke wurde festgenommen, weil er Otto Kiep den Tipp gegeben hatte, dass Reckzeh für die Gestapo arbeitete. Elisabeth von Thadden wurde am selben Tag in Frankreich verhaftet.

Ruppel: Ja, man hatte ihr dort beim Roten Kreuz eine untergeordnete Stellung gegeben, die weit unter ihren Fähigkeiten lag. Sie war ziemlich getriezt worden. Meinen Vater habe ich nie mehr gesehen, er nahm sich ein paar Tage nach der Verhaftung das Leben. Er ist in der Joachim-Friedrich-Straße 2 am 18. Januar aus dem Fenster gesprungen, das war ein Haus der Gestapo in der Nähe vom Kurfürstendamm, in dem wir verhört wurden.

SPIEGEL: Und was passierte dort?

Ruppel: Kriminalrat Herbert Lange leitete die Ermittlungen. Er war ein fürchterlicher Folterknecht, aber das wusste ich nicht. Wir Frauen wurden auch nicht gefoltert. Die Verhöre waren immer eine fishing expedition: Die Gestapo hatte nichts in der Hand, denn es gab ja eigentlich auch nichts. Sie hatten alle festgenommen und wollten aus den Verhören dann etwas konstruieren. Ich sagte: "Hochverrat? Was soll das alles? Das war doch kein Hochverrat, da haben sich nur ein paar Leute im Ruhestand über die Ereignisse des Tages unterhalten."

SPIEGEL: Wie haben Sie vom Suizid Ihres Vaters erfahren?

Ruppel: Lange teilte mir das mit, es war ihm, sehr, sehr, sehr unangenehm. Daraufhin habe ich einen absoluten Tobsuchtsanfall bekommen und gesagt: "Ich werde dies hier überleben, Sie aber nicht!" Dass das keine negativen Folgen für mich hatte, hat mich immer sehr erstaunt. Aber Lange hat das einfach übergangen.

SPIEGEL: Vielleicht haben Sie recht behalten. Man vermutet, dass er 1945 in Berlin ums Leben gekommen ist.

Ruppel: Ich weiß es nicht. Er soll nach Kriegsende angeblich in einem russischen Auto gesehen worden sein in der Nähe von dem Haus, in dem die russische Geheimpolizei war. Vielleicht hat er denen noch ein paar Ratschläge gegeben. Letztlich kann ich mir nicht vorstellen, dass ein solcher Mann überlebt hat, es sei denn, er wäre nach Bolivien oder Argentinien geflohen.

SPIEGEL: Fand Lange bei seinen Ermittlungen etwas, das Sie oder Ihren Vater belastete?

Ruppel: Bei einer Hausdurchsuchung entdeckten sie eine Postkarte aus dem Jahr 1931 von Joseph Wirth, der in der Weimarer Republik Reichskanzler gewesen war. Wirth lebte in Sils Maria, was während des Krieges ein bisschen das Schweizer Zentrum der Kritiker des Nationalsozialismus wurde. Mein Vater hatte aber schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Karte regte Lange unbeschreiblich auf. Ich sagte: "Hören Sie mal, der Mann war da in den Ferien, da hat er uns eine Ansichtskarte geschickt. Damit hat es gar nichts auf sich."

SPIEGEL: Warum wurden Sie dann von Berlin nach Oranienburg ins KZ Sachsenhausen verlegt?

Ruppel: Weil Berlin stark bombardiert wurde. In Sachsenhausen wurden wir in Holzbaracken untergebracht. Auch die anderen, die festgenommen waren, kamen dahin, aber wir wurden isoliert. Ich war nie allein, ich wurde von so Gestapo-Ziegen bewacht, die mit mir bis aufs Klo gingen. Als dann bei enormen Luftangriffen auf Oranienburg die Baracke zitterte und wackelte, sollten wir in den Luftschutzkeller. Da habe ich die Bewacherinnen gefragt: "Warum haben Sie denn solche Angst? Ich gehe nicht in den Luftschutzkeller. Ich bleibe hier, Sie können gehen." Wir waren ja Sonderhäftlinge, und die Gestapo-Ziegen hatten keine Anweisung, mich in den Keller zu zerren.

SPIEGEL: Was waren das für Frauen?

Ruppel: Ausgesprochene Proletinnen. Vielleicht auch irgendwelche Sekretärinnen, aus denen später sicherlich ganz wundervolle, demokratisch eingestellte Bundesbürgerinnen geworden sind. Ich war immer auf Privatschulen gewesen, aber im ersten Kriegswinter musste ich zum Arbeitsdienst, und das war eine ausgezeichnete Lehre dafür, wie man mit diesen Menschen umgeht. Weil ich mich dagegen gewehrt hatte, in den Luftschutzkeller zu gehen, wurden wir nach Ravensbrück verlegt, da gab es keine Angriffe.

SPIEGEL: Wen meinen Sie mit "wir"?

Ruppel: Die ganze Teegesellschaft, aber wir durften uns nicht gemütlich miteinander unterhalten. Jeder von uns hatte ein, zwei SS-Leute als Bewacher. Es war ein eiskalter Schneesonntag Anfang Februar, als wir losfuhren. Wir trugen alle unsere Zivilkleidung, auch die Bewacher waren in Zivil. Denn es durfte keiner wissen, wer wir waren, als wir zwischen den Reisenden eingequetscht in der dritten Klasse saßen. Von Fürstenberg aus wurden wir mit dem Auto zum KZ Ravensbrück gefahren. Dort kamen wir in einen festen Zellenblock, jeder in Einzelhaft.

SPIEGEL: Mit zwei Wachfrauen?

Ruppel: Nein. Die waren wir los. Die Männer wurden in Ravensbrück gefoltert, sie wurden schrecklich zugerichtet. Gesehen habe ich keinen, denn wir saßen ja in unseren Zellen. Aber ich weiß, dass ein Anwalt, der auch in dem KZ war, furchtbar gefoltert wurde. Ich nehme deshalb an, Albrecht Graf von Bernstorff und Otto Kiep erging es genauso. Die Männer saßen in den schlechteren, kälteren Zellen, die nach Norden ausgerichtet waren. Warm war es sowieso nicht, man musste im Mantel in der Zelle sitzen, es war ja Winter. Ich hatte den Krematoriums-Schornstein vor meinem Fenster, der dauernd rauchte. Heute ist der Zellenblock schön weiß angemalt, aber so war es nicht. Er war scheußlich grau.

SPIEGEL: Haben Sie in Ravensbrück auch Elisabeth von Thadden wiedergesehen?

Ruppel: Nur auf dem Weg dorthin. In Ravensbrück hatten wir jeden Tag eine Stunde Freigang in einem Hof. Entweder war man allein, oder, wenn noch jemand Freigang hatte, durfte man nicht miteinander sprechen. Aber ich habe mich dann doch mit einer Sarah angefreundet, die schon länger in Ravensbrück saß. Dann wurden wir längere Zeit nicht verhört, und ich fragte mich, warum nicht. Bis wir eines Tages hörten, dass wir Ende Juni nach Berlin sollten.

SPIEGEL: Zum Prozess vor dem Volksgerichtshof.

Ruppel: Ja. Kriminalrat Lange sagte zu mir: "Kopf hoch." Ich erwiderte: "Sie haben gut reden, Kopf hoch. Meine Anklage lautet auf Vorbereitung zum Hochverrat und Nicht-Anzeige eines Verbrechens." Ich meine, man zeigt doch seinen Vater nicht an! Aber das ließen die Nazis nicht gelten.

SPIEGEL: In Berlin war am 1. Juli 1944, einem Samstag, die Gerichtsverhandlung angesetzt.

Ruppel: Ja, wir kamen in das Polizeigefängnis in Moabit. Erst da kriegten wir die Anklage für eine Stunde oder so zu sehen. Meine Tante hatte mir einen Anwalt bestellt, er hieß Dr. Peschke und sagte zu mir: "Ich kann ja sowieso nichts für Sie tun." Strafrichter Roland Freisler brüllte am Prozesstag wie immer. Als Kiep zum Beispiel seine Laufbahn im Ersten Weltkrieg schilderte, da brüllte Freisler, weil er das nicht hören wollte. Er brüllte ja immer so laut, dass auf Filmaufnahmen der Ton runtergeregelt werden musste, weil man sonst nichts verstanden hätte. Mein Anwalt hat beim Prozess nichts gesagt.

SPIEGEL: Haben Sie Paul Reckzeh damals im Gerichtssaal gesehen?

Ruppel: Er saß genau hinter mir. Als ich dran war, fragte Freisler: "Warum haben Sie die Äußerungen Ihres Vaters nicht angezeigt?" Da drehte ich mich um und sagte: "Das brauchte ich ja nicht, denn ich wusste ja, dass Herr Dr. Reckzeh, der hinter mir sitzt, das bereits der Geheimen Staatspolizei zur Anzeige gebracht hatte." Und da sagte Freisler: "Das ist ein Einwand, dem man sich nicht so leicht verschließen kann." Ich habe mich nach Reckzeh nicht mehr umgedreht und habe ihn nie wieder gesehen. Das Gericht zog sich für eine halbe Stunde oder eine Stunde zur Beratung zurück, dann verkündete Freisler nachmittags die Todesurteile für Thadden und Kiep. Ich wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Wenn ich gesagt hätte, dass man seinen Vater nicht anzeigt, dann wäre das Urteil anders ausgefallen.

SPIEGEL: Wie wirkte Elisabeth von Thadden während des Prozesses auf Sie?

Ruppel: Sie war sehr gefasst. Diese Schreihälse und Proleten waren für sie eine vollkommen fremde Welt. Die Thadden wurde nach dem Urteil grausig behandelt. Sie hatte dauernd die Hände auf dem Rücken gefesselt und konnte nichts mehr selber machen. Man kann sich vorstellen, wie die Handgelenke ausgesehen haben müssen, denn sie trug Metallfesseln. Sie hat bestimmt Fassung und Haltung gezeigt, bis man ihr den Kopf abgehauen hat.

SPIEGEL: Hat sie mit dem Todesurteil gerechnet?

Ruppel: Alle, die wie sie wegen Hochverrats angeklagt waren, mussten damit rechnen.

SPIEGEL: Durften Sie nach dem Freispruch gehen?

Ruppel: Nein, wir wurden in ein ganz normales Gefängnis in der Oranienburger Straße gebracht. Da war es ziemlich furchtbar, es gab Läuse. Ich habe darum gebeten, mich nach Ravensbrück zurückzubringen, da dort mein Gepäck war.

SPIEGEL: Wann wurden Sie entlassen?

Ruppel: Nach zwei Tagen in Ravensbrück. Ich musste vorher aber noch unterschreiben, dass ich keinem etwas über das Verfahren und die Haft sagen würde. Und das war's. Am 6. Juli 1944 wurde ich entlassen, mein großes Glück. Denn die aus der Teegesellschaft, die am 20. Juli noch inhaftiert waren, kamen natürlich nicht frei. Auch wenn sie mit dem Attentat nichts zu tun hatten. Deshalb haben Frau Solf und ihre Tochter bis kurz vor Kriegsende im Gefängnis gesessen.

SPIEGEL: 1952 wurde in Westberlin ein Haftbefehl gegen Paul Reckzeh erlassen, aber nicht vollstreckt. Erst als die SPD den Fall in Berlin debattierte, sollte Reckzeh wegen Mordverdachts verhaftet werden - doch er setzte sich 1955 in die DDR ab, bevor er festgenommen werden konnte. Sie waren Ende der Vierzigerjahre nach New York emigriert. Haben Sie davon erfahren?

Ruppel: Ja, 1953 habe ich im deutschen Generalkonsulat einen Tag lang eine Aussage gemacht. Aber die Idioten in Berlin haben Reckzeh entkommen lassen. Ich habe später erfahren, dass er Betriebsarzt in Zeuthen geworden war.

SPIEGEL: Reckzeh hat an verschiedenen Kliniken der DDR gearbeitet und jahrelang Spitzelberichte über Kollegen an die Stasi geliefert.

Ruppel: Das war sein Beruf: Spitzel. Wissen Sie, es gibt so graue Menschen, die sind ideal als Spitzel. Dabei hätte er als Arzt ein Wohltäter der Menschheit sein sollen. Stattdessen hat er in der Nazi-Zeit 70 Leute verraten, also nicht nur uns.

SPIEGEL TV

Paul Reckzeh zog nach der Wende nach Hamburg. Dort fand ihn ein SPIEGEL-TV-Team 1995 - er war nicht zu sprechen, lugte nur durchs Fenster

SPIEGEL: Haben Sie sich nach der Wende noch einmal mit Paul Reckzeh befasst?

Ruppel: Ende September 1990 bin ich mit einer Freundin zu seinem Haus nach Zeuthen gefahren, ich wollte wissen, wie der Kerl dort lebt. Wir haben uns sein fabelhaftes Grundstück am See angesehen, das Haus lag ganz tief im Garten. Er hatte einen Mercedes und lebte in einem Rahmen, den es für Durchschnittsbürger in der DDR nicht gab. Daraufhin habe ich einen Bundesverfassungsrichter im Ruhestand, den meine Freundin sehr gut kannte, gefragt, ob man das Verfahren noch mal aufnehmen könnte.

SPIEGEL: Was antwortete er?

Ruppel: Ja, versuchen Sie das doch. Das habe ich nach der Wiedervereinigung auch getan, aber es war alles zu lange her. Es ist nichts mehr daraus geworden.

SPIEGEL: Hat Sie das enttäuscht?

Ruppel: Ich habe zweimal in meinem Leben mit der deutschen Justiz zu tun gehabt, einmal im Nationalsozialismus und einmal in der Bundesrepublik. Und beide Male war es ein ziemlicher Reinfall, wenn auch in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Mir ist unbegreiflich, warum man mich als letzte Überlebende nicht noch mal befragt hat. Aber keines der Gerichte hat sich diese Arbeit gemacht. Vielleicht dachten sie, es ist zu mühsam, diese alte Tante in New York aufzusuchen. Meine Anwältin und ich haben alles getan, um die Wiederaufnahme zu erreichen - aber der Wille der Justiz war nicht mehr da.

insgesamt 10 Beiträge
Uwe Selbach 30.04.2019
1. das war dieselbe Justiz...
..im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, und deshalb hat Frau Ruppel auch dieselben Erfahrungen. Man hat noch ganz andere Nazi Verbrecher gedeckt und davonkommen lassen, als diese kleine Ratte Reckzeh. Aber genau auf solche [...]
..im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, und deshalb hat Frau Ruppel auch dieselben Erfahrungen. Man hat noch ganz andere Nazi Verbrecher gedeckt und davonkommen lassen, als diese kleine Ratte Reckzeh. Aber genau auf solche Ratten bauen Autokraten wie Kim, Xing Ping, Putin, Erdogan oder Trump ihre Macht auf. ... und nach der Wiedervereinigung hat man diesen Kardinalfehler gleich nochmal wiederholt, weil es so gut funktioniert hat.
Justus Jonas 30.04.2019
2. Parasiten und ungeziefer
"Parasiten und Ungeziefer" haben die nazis nicht immer gerne mit solchen versinnbildlichungen gespielt? Ich fuerchte Herr reckzeh entspricht eigentlich genau diesem bild. Egal fuer welches regime ob nazis oder kommunisten, immer [...]
"Parasiten und Ungeziefer" haben die nazis nicht immer gerne mit solchen versinnbildlichungen gespielt? Ich fuerchte Herr reckzeh entspricht eigentlich genau diesem bild. Egal fuer welches regime ob nazis oder kommunisten, immer sein dreckiges spiel als denunziant durchgezocken. Da straeuben sich einem die nackenhaare
Rose Wels 30.04.2019
3. Das Versagen unseres Rechtssystem
Von einem Extrem zum anderen, bis 45 hatten wir ein erbarmungsloses Justizsystem, das keine Gnade kannte und heute sitzen in den Gerichten nur noch Rechtsgelehrte (volkstümlich "Rechtsverdreher" genannt), die jedes geschriebene [...]
Von einem Extrem zum anderen, bis 45 hatten wir ein erbarmungsloses Justizsystem, das keine Gnade kannte und heute sitzen in den Gerichten nur noch Rechtsgelehrte (volkstümlich "Rechtsverdreher" genannt), die jedes geschriebene und gesagte Wort umdrehen und denen man beim Gehen die Schuhe besohlen kann. Heute muss man sich als Opfer davor in Acht nehmen, um nicht plötzlich als Täter bezeichnet zu werden. Der Begriff Gerechtigkeit wird zwar inflationär benutzt, aber viele Urteile haben nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Mich wundert es nicht, daß sich viele Bürger von der Politik abwenden. Gut, daß es noch Menschen gibt, die ihre Geschichte aufgeschrieben haben.
Hans-Gerd Wendt 30.04.2019
4. Nachlesen
Ich empfehle ein Nachlesen bei Wiki unter Paul Reckzeh. Ganz so simpel, wie in dem Interview dargestellt, haben sich die DDR und die Russen nicht verhalten.
Ich empfehle ein Nachlesen bei Wiki unter Paul Reckzeh. Ganz so simpel, wie in dem Interview dargestellt, haben sich die DDR und die Russen nicht verhalten.
Fred Will 30.04.2019
5. Eine erhebliche Verantwortung für die Nichtverfolgung von NAZI-Verbrechern trifft die Alliierten nach 1945,
indem sie es im Westen bei den Nürnberger Prozessen haben bewenden lassen, nachdem mit der BERLIN-BLOCKADE der KALTE KRIEG 1949 begonnen hatte. In dieser Zeit haben sie auch die Mitglieder-Kartei der NSDAP in Dahlem verschlossen, [...]
indem sie es im Westen bei den Nürnberger Prozessen haben bewenden lassen, nachdem mit der BERLIN-BLOCKADE der KALTE KRIEG 1949 begonnen hatte. In dieser Zeit haben sie auch die Mitglieder-Kartei der NSDAP in Dahlem verschlossen, sodass die schlimmsten Mörder nicht mehr identifiziert werden konnten. Die Sowjets haben es dann in der DDR nicht wesentlich anders gemacht. Die USA haben eingestellt und "entnazifiziert" wen sie gebrauchen konnten. Und einige der schlimmsten Mörder des Holocaust hat man nach Südamerika transferiert: Mengele; Eichmann; Barbie; etc. etc. Das Übrige haben dann die Nazirichter und Justizbeamten im Justizministerin erledigt, die in der BRD wieder eingestellt wurden. Die Nichtverfolgung und Nichtbestrafung der NAZI-Mörder und der SS-Mannschaften aus den Vernichtungslagern ist das schlimmste Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, an dem die Sieger- mächte

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