einestages

Pelés tausendster Treffer

"Die feigste Art, ein Tor zu erzielen"

Der Brasilianer Pelé stürmte wie kein Zweiter. Sagenhafte 1281 Tore gelangen ihm in seiner langen Karriere - aber zum Treffer Nummer 1000 mussten ihn die Mitspieler schieben: Denn dieses Tor war eines Königs eigentlich unwürdig.

AP
Von
Freitag, 23.10.2015   15:16 Uhr

Beinahe wäre das Spiel, bei dem Pelé Fußballgeschichte schreiben sollte, im Regen ertränkt worden. 19. November 1969, Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, FC Santos gegen Vasco da Gama: Kurz nach dem Anpfiff prasselt ein tropischer Wolkenbruch auf Spieler, Zuschauer und Medienleute nieder. Die riesige Betonschüssel ist an diesem Mittwochabend außerordentlich gut gefüllt. Rund 100.000 Zuschauer wollen unter gleißendem Flutlicht Zeuge eines besonderen Moments werden: Seit Wochen schon wartet ganz Brasilien auf den 1000. Treffer des Wunderstürmers.

"O Rei", den König, nannte man Edson Arantes do Nascimento, kurz Pelé. Die Fifa krönte ihn zum Fußballer des 20. Jahrhunderts; auch das IOC setzte ihn bei der Milleniumswahl auf Rang eins der Weltsportler, obwohl er nie an Olympischen Spielen teilgenommen hatte. Vielleicht wird er für immer der größte Fußballer bleiben.

Am 23. Oktober wird Pelé 75 Jahre alt. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zeichneten sich früh ab. Er war erst 15, als ihn der Talentscout Waldemar de Brito 1956 dem FC Santos präsentierte: "Ich bringe euch die größte Fußballentdeckung der letzten Jahrzehnte." Keine Übertreibung, wie das WM-Turnier zwei Jahre später in Schweden bewies. Der Stürmer verzückte das Publikum und schoss die Seleção höchst spektakulär zu ihrem ersten Titel. Der Franzose Just Fontaine, mit 13 Treffern WM-Schützenkönig, erklärte: "Als ich Pelé spielen sah, wollte ich meine Fußballschuhe nur noch an den Nagel hängen."

"Beethoven hat Klavier gespielt, ich Fußball"

Der Mann mit der Rückennummer 10 erhob das Spiel zur Kunst, sein Ausnahmestatus war ihm durchaus bewusst. "Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball", sagte Pelé einmal. Und auf die Frage, ob man seine Bekanntheit mit der von Jesus vergleichen könne: "Es gibt Teile dieser Welt, in denen Jesus Christus nicht so gut bekannt ist." Selbstzweifel zwickten ihn selten. Was sicher dazu beitrug, dass er von Titel zu Titel eilen, Tor um Tor erzielen und reihenweise Rekorde aufstellen konnte.

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Jahrhundertfußballer Pelé: Der Tausendsassa

1969 sollte sich seine Karriere runden. Seit seinem Premierentreffer für den FC Santos am 7. September 1956 hatte sich Pelé beharrlich in die Nähe der Tausend-Tore-Grenze geschossen. Die brasilianische Sportpresse griff den Superlativ begeistert auf. Der Countdown war eingeläutet. Ab Mitte Oktober 1969 rumorte nur noch eine Frage: Wann, wo, wie würde Pelé die "magische Marke zur endgültigen Unsterblichkeit" knacken?

Wie üblich trug sich Pelé zuverlässig in die Torschützenliste ein, beim Heimsieg am 15. Oktober gegen Portuguesa de Deportos sogar vierfach - seine Treffer mit den laufenden Nummern 990 bis 993. Eine Woche später ein Doppelpack, der Zähler sprang auf 995. Nur noch fünf Tore! Und das war Pelé schon mehrfach in einem einzigen Spiel gelungen. Der Rekord konnte also jederzeit fallen.

Nun reisten auch massenhaft Journalisten aus dem Ausland an. Mit dem Hype um den Jubiläumstreffer wuchs der Druck auf den, der ihn erzielen sollte. In seinen Autobiografien "My Life and the Beautiful Game" (1977) und "Mein Leben" (2006) erzählte Pelé von seiner Nervosität: "Das 1000. Tor noch vor mir zu haben und das auch noch tagtäglich von den Zeitungen und im Radio erzählt zu bekommen, bedeutete eine große Belastung."

Die verhexte 1000 - die Nerven liegen blank

Und eine veritable Ladehemmung - für den nächsten Treffer brauchte Pelé vier Partien. Seine Nerven lagen jetzt vollends blank: "Wenn ich nur in die Nähe des Torraums kam, gab es ein Blitzlichtgewitter der Fotografen von allen Seiten des Netzes, das mich irritierte. Ich konnte mir vorstellen, dass Zeitungen und Radiostationen in der ganzen Welt langsam ärgerlich wurden. Sie hatten Korrespondenten hergeschickt, die täglich viel Geld kosteten, aber nie die erwartete Geschichte ablieferten."

Am 12. November beim 4:0-Auswärtssieg gegen Santa Cruz in Recife: endlich wieder zwei Tore. Nur zwei Tage später, gegen Botafogo: Treffer Nummer 999. Für den 16. November war in Salvador da Bahia alles angerichtet. Hier würde es geschehen - dachten alle. Schon hatten die Stadtväter eine rauschende Party angekündigt, die selbst den Karneval in Rio in den Schatten stellen sollte.

Abermals kam Pelé ins Grübeln: "Ich konnte es selbst kaum erwarten, diesen besonderen und besonders verhexten Treffer zu markieren. Ich wollte endlich wieder meine Ruhe. Ich sah die schreckliche Vision vor mir, dass ich jahrelang kein Tor mehr schießen würde und immer noch hinter dieser Zahl 1000 herliefe. Die aufgebauten Kameras wirkten auf mich wie die gläsernen Augen irgendeines gefühllosen Monsters." So gelang Pelé nach einem langen Lauf nur ein leidenschaftlicher Schuss, der aber an die Querlatte krachte.

Am 19. November im Maracanã-Stadion war das "Monster" wieder da: Rund ums Spielfeld drängelten sich Fernsehteams und Fotografen. Ihre Objektive verfolgten allein Pelé. Doch der gegnerische Verteidiger Renê markierte ihn extrem scharf. Vasco da Gama weigerte sich, nur Staffage für die große Pelé-Show zu sein; Torhüter Edgardo Andrada wollte partout nicht den Treffer kassieren, auf den alle warteten.

Nach einer halben Stunde gelang es dem Superstar erstmals, seinem "Schatten" Renê zu entwischen. Er setzte einen Schuss an: orkanartiger Jubel, gewaltiges Blitzlichtgewitter. Im letzten Moment fingerte Andrada den Ball übers Tor. Glanzparade! Wenige Minuten später drosch Pelé das Leder brachial an die Latte und versuchte, den Abpraller zu erwischen. Aber Bewacher Renê kam ihm zuvor - und köpfte unglücklich ins eigene Netz.

Der Elfer: Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein?

Pelé erinnerte sich später genau: "Eigentore lassen einen Spieler und eine Mannschaft immer dumm aussehen, aber diesmal wurde der Eindruck noch verstärkt. Die Zuschauer buhten Renê aus - weniger wegen seines Pechs, sondern weil er ihnen mein tausendstes Tor vermasselt hatte."

Die Zeit verging. Zwölf Minuten vor Abpfiff ersprintete Pelé einen herrlichen Steilpass, ein Vasco-Verteidiger senste ihn um. Klare Sache: Elfmeter! Linksverteidiger Rildo, etatmäßiger Schütze, war schon auf dem Weg zum Punkt, als Kapitän Carlos Alberto entschied: Pelé soll schießen. Der hatte sich den magischen Moment etwas anders ausgemalt als ausgerechnet einen Strafstoß, für ihn "die feigste Art, ein Tor zu erzielen". Doch inzwischen ist ihm jede Art von Treffer recht: "Ich wollte es endlich hinter mich bringen."

In der gewaltigen Arena wurde es mucksmäuschenstill. Pelé legte sich den Ball zurecht, verzögerte beim Anlauf noch etwas, doch der Torwart ließ sich nicht locken. Andrada ahnte die Ecke und tauchte in voller Köperstreckung ab. Aber Pelés Schuss mit dem rechten Innenrist ins untere rechte Eck war zu scharf und zu platziert. Gooooooool!

Pelé rannte hinterher, fischte den Ball aus dem Netz, küsste ihn. Nicht nur bei ihm brachen jetzt alle Dämme. Sekunden später stürmten Fotografen und Fans das Spielfeld, umringten den glücklichen Jubilar und trugen ihn davon. Die Fans des Gegners entrissen Pelé sein Santos-Trikot und stülpten ihm einen vorbereiteten Vasco-Dress mit der Rückennummer 1000 über. Unter Tränen und "Pelé, Pelé, Pelé"-Rufen begab er sich auf eine minutenlange Ehrenrunde.

Pelé hatte vollstreckt - was für eine Erlösung, nicht nur für die frenetisch gefeierte "lebende Legende". Ganz Brasilien war in Feierstimmung. Unmittelbar nachdem der Ball ins Netz gerauscht war, läuteten Kirchenglocken. Die Kinder bekamen einen Tag schulfrei. Und das Postministerium konnte endlich seine seit Langem vorbereitete Sonderbriefmarke mit dem jubelnden Pelé in Umlauf bringen.

insgesamt 11 Beiträge
Heinz Weber 23.10.2015
1. LOL nett
ich habs gerne gelesen - danke!
ich habs gerne gelesen - danke!
Peter Lu 23.10.2015
2.
Schöner Beitrag, der die einzigartige Magie dieses Sports gelungen vermittelt.
Schöner Beitrag, der die einzigartige Magie dieses Sports gelungen vermittelt.
Steffen Lindinger 23.10.2015
3. Josef Bícan
Was ist mit dem laut IFFHS offiziell weltbesten Torjäger des 20. Jahrhunderts? Wieso fehlt der in der Bilderstrecke?
Was ist mit dem laut IFFHS offiziell weltbesten Torjäger des 20. Jahrhunderts? Wieso fehlt der in der Bilderstrecke?
Sebastian Schnur  23.10.2015
4. Sehr schön!
Klasse geschrieben!:-)
Klasse geschrieben!:-)
Marko Kuhn 23.10.2015
5. schöner Artikel, aber...
Schöner Artikel. Solche Rekorde (1.000 Tore und mehr in der Laufbahn) werden im Fussball nicht mehr erreicht werden und bleiben wohl in Stein gemeißelt. Vorsichtig wäre ich aber bei den Angaben zum wirklich genialen Fried [...]
Schöner Artikel. Solche Rekorde (1.000 Tore und mehr in der Laufbahn) werden im Fussball nicht mehr erreicht werden und bleiben wohl in Stein gemeißelt. Vorsichtig wäre ich aber bei den Angaben zum wirklich genialen Fried (Arthur Friedenreich): Die angeblichen 1.329 Tore basieren auf einer älteren Veröffentlichung der FIFA ohne genaue Angabe der Quellen. Alexandre da Costa, der wohl am intensivsten zum Leben Friedenreichs recherchiert hat, kommt in seiner lesenswerten, aber leider nur auf portugiesisch erschienenen Biografie auf 554 gesicherte Treffer. Auch Martin Curi stellt in seinem ebenfalls tollem Buch "Friedenreich" (2009) die 1.329 Tore in Frage. Was aber auch kein Wunder ist: Wie will man an gesicherte Informationen kommen, wenn es um einen Spieler geht, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aktiv war.

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