Forum
einestages Blogs

Dolmetscher beim Nürnberger Prozess: "Innerlich kochte ich"

Archiv George Sakheim Erst floh George Sakheim vor den Nazis - ab 1945 arbeitete er bei den Nürnberger Prozessen als Dolmetscher für die Kriegsverbrecher. Eine Erkenntnis ist für den 93-Jährigen bis heute am bittersten.
zum Artikel
Im mobilen Forum können sie die Beiträge nur lesen.
Um zu kommentieren, verwenden Sie bitte die Kommentarfunktion im Artikel.
    Seite 1/2    
#1 - 27.09.2016, 11:30 von Thomas Berger

Lehrstunde: wie das Böse entsteht

Zitat aus dem Artikel: " "Das Böse will sich nicht fassen lassen", resignierte der Journalist Gregor von Rezzori 1946 zu Prozessende. Die verurteilten Massenmörder seien nichts weiter als "repräsentativer Durchschnitt. Ihre Dämonie ist die der totalen Phantasielosigkeit. Ihre Perversität ist die buchstabengetreue Auffassung von Vorschriften.""

Wir erleben gerade in einem weltweit laufenden Schnellkurs, wie das Böse im Menschen entsteht. Genau dieses Böse, von dem fast das ganze deutsche Volk in Nazideutschland ergriffen wurde. Es entsteht durch einen schleichenden Prozess der Ausgrenzung, Diffamierung und anschließender Entrechtung von Bevölkerungsteilen, denen schließlich zuletzt das Menschsein abgesprochen wird, und die dann unter dem Beifall der Massen wie Ungeziefer ausgemerzt werden können.

Die bösartigen Diffamierungen und Verhetzungen, das Schüren von Hass durch die weltweit Auftrieb gewinnenden Rechtspopulisten stehen am Anfang. Diese aber bedürfen einer Atmosphäre der Verunsicherung und Angst in der Bevölkerung, damit diese für solche Hassbotschaften überhaupt empfänglich ist. Die Propaganda - Russia Today sei als eines der führenden Diffamierungs- und Hassmedien genannt - sickert weitgehend unbewusst ein und nimmt in den Köpfen der Rezipienten einen immer breiteren Raum ein, bis schließlich als Folge eines Prozesses der kognitiven Dissonanz die Lüge zur Wahrheit wird, die nicht mehr hinterfragt werden kann.

Wir müssen uns dieser Anfänge erwehren.

#2 - 27.09.2016, 11:31 von Alexander Plum

Und trotzdem

hat der Mensch nichts aus dem 2. Weltkrieg gelernt. Es wird weiter gebombt was das Arsenal hergibt....es werden die Interessen des eigenen Landes über die Menschen anderer Länder gestellt und sich um Macht, Geld und Ressourcen gekloppt. Der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Hat er nie, wird er auch nie.

#3 - 27.09.2016, 11:52 von Martin Wienand

Top Artikel

Vor allem interessant, dass niemand dieser Massenmörder jemals Reue gezeigt hat. Das habe ich auch schon mal von dem Wiesenthal-Team, die diese Verbrecher über Jahrzehnte verfolgten und aufspürten, gelesen. Unglaublich.

#4 - 27.09.2016, 12:37 von Manfred Rahn

Haben die Regierungen dieser Welt aus dem Prozess etwas gelernt?

Ja und Nein! Um ihre Hälse als Massenmörder, Kriegsverbrecher und Menschenquäler vor den Galgen zu retten, haben sie bislang jeden der moralischen Grundsätze aus dem Nürnberger Prozess mit den Füßen getreten und das Völkerrecht in der UN durch Blockadehaltungen ad absurdum erklärt.
Ich bin annähernd ein Jahr nach den Nürnberger Prozess geboren worden. Ab meinen Kindheitstagen wurde ich in Berlin-West zur Demokratie durch meinen Vater hingeführt, der im Krieg zwei Brüder verloren hatte und am Ende die Heimat in Hinterpommern. Die Erinnerung an die Brüder und die Heimat ertränkte er an deren Geburtstagen mit Alkohol.
Mir wurde früh das Nazi-System mit ihren Verbrechen und das Ende der Massenmörder erklärt, seitdem sind die Menschenrechte unveränderlich im Hirn gespeichert.
Der Prozess hat Deutschland die Würde wiedergegeben und das Nazisyndrom in Teilen der Bevölkerung mehr schlecht als recht beseitigt. Viele Nazis, die Dreck am Stecken hatten, hätten auch vor solchen Gerichten stehen müssen, wurden aber bis auf wenige Fälle nie belangt. So ist das mit dem Recht.
In der derzeitigen Weltlage können sich Kriegsverbrecher, Massenmörder und deren Unterstützer ziemlich sicher sein, dass sie sich nicht verantworten müssen, da man ihrer nicht habhaft werden kann, und ansonsten die Gefahr eines neuen Weltenbrandes mit Drohungen und Lügen angedroht wird. Für jeden Demokraten eine bedrückende Situation, weil der Mensch heutzutage ebenso wertlos für viele Regierende erscheint, wie im letzten Jahrhundert einem Kaiser, Hitler, Stalin und Mao im Hirn herumspukte.
Es ist zu bedauern, dass die Lehren aus dem Nürnberger Prozess nur die Wissenschaftler beschäftigen, ansonsten ist dieser Prozess in vielen Köpfen nicht mehr vorhanden.
Im Gegenteil, rechte Gedanken finden wieder mehr Platz in manchen Hirnen. Mordgedanken wie auch Gewalt gegenüber Andersdenkenden sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.
Wir müssen uns wehren ...

#5 - 27.09.2016, 12:37 von Andreas Hoberg

tja das Unbegreifliche...

...vielleicht hat Hannah Ahrendt es am Besten formuliert, in dem sie auf die "Banalität des Bösen" verwies (womit sie im übrigen ausdrücken wollte, daß auch das Unbekannte, das Scheußliche, also etwas, was man nicht tut) und die handelnden Person einfältig und banal sein können. Im Nürnberger Prozeß hat Keitel zumindest ausgedrückt, daß seine Schuld darin besteht, daß er "nicht verhindert habe, was hätte verhindert werden müssen". Leider war er nicht ehrlich, denn er wußte bereits während des Krieges von Auschwitz und was dort geschah (Ein Nachbar von mir war der Vetter von Keitels Adjutanten und hat mir das gegenüber in den Neunziger Jahren einmal kundgetan.)

#6 - 27.09.2016, 12:40 von Christoph Neuschäffer

Dass die Täter keine Reue zeigten, hat einen einfachen Grund

Wären sie nicht von der Richtigkeit ihres kriminellen Tuns überzeugt gewesen, hätten sie es nicht tun können. Woher soll auf einmal die Fähigkeit zur Reflexion und Einsicht in die Unmenschlichkeit ihres Handelns kommen? Und selbst wenn sie plötzlich da wäre, bliebe ihnen doch nur der Freitod, denn mit einer solchen Schuld kann niemand leben. Ergo: sie müssen an der Richtigkeit ihres Tuns festhalten, wie ein Schiffbrüchiger am Treibholz.

#7 - 27.09.2016, 12:55 von Anna und Lukas Röckelein

gespieltes Entsetzen

ich empfinde das "grenzenlose unfassbare Entsetzen" über diese abscheulichen Menschen und Taten als gespielt.
Jeder sollte heute wissen dass Menschen extrem Böse sein können. Dies gilt vor allem wenn in einer Gesellschaft das Böse von oben legitimiert wird. Dann machen viele mit, Widerstand gibt es kaum.
Stark verstärkt wird der Effekt noch falls diese Gesellschaft Angst um ihre Existenz hat. Propaganda gegen Weltjudentum, tatsächliche Repressionen als Folge des ersten Weltkrieges, Rassenideologie etc...
Ein gutes Beispiel dass für diese Entwicklung ist heute der "Islamische Staat"...

#8 - 27.09.2016, 13:02 von Hans-Gerd Wendt

Anmerkung

Nur noch eine Anmerkung zu diesem Artikel: Es gab auch genügend Deutsche, die als Opfer nach dem Krieg in Deutschland weiterlebten - und schnell erfuhren, dass die alten regionalen NS-Kader mit Hilfe von "Persil"-Scheinen wieder in alte Stellungen und Würden zurück finden durften. Und schnell ihre Gegner aus der Nazizeit wieder aufs Korn nahmen.

#9 - 28.09.2016, 06:37 von Xantos73 x

Was soll man dazu sagen?

Geschichte schreiben die Sieger. Stalin und sein Regiem hat auch 40 Mio. Menschen auf dem Gewissen gehabt. Was ich mich frage, kann man wirklich Einzelpersonen verantwortlich machen? Sie für Ihre Verbrechen wider der Humanität, klar da bin ich noch dabei aber volle Verantwortung? Mitschuld als Mitläufer und Befehlsämfänger auch das, ja. Aber als alleiniger Sündenbock?
Mir persönlich waren auf den Nürnberger Prozessen die Leute die Rechnungen geschrieben haben für gelieferte Waffen, Giftgas usw. zu wenig. Die beim Regiem Zwangsarbeiter bestellt haben und Verträge für Landzusprüche schon ausgehandelt haben. Denn seien wir doch mal ehrlich unter dem Deckmantel der Ideologischen Kriegsbegründung stand doch real das Kapital was einen fetten Gewinn gewittert hat. Nur die Strippenzieher bekommt man nur in den seltesten Fällen zu fassen.

    Seite 1/2