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#1 - 14.09.2010, 14:04 von

Mahlzeit,

das "Erichs Lampenladen" allerdings auch über eine der besten Bauakustiken verfügte bleibt unerwähnt. Gerade durch die bautechnischen Möglichkeiten der Raumzusammenstellung im großen Saal war dies möglich.

#2 - 14.09.2010, 14:59 von Volker Altmann

Den ?Palast der Republik? abzureissen, war aus meiner Sicht ein Fehler. Eine gewisse Siegermentalität dürfte hier die Triebfeder gewesen sein, die Asbestverseuchung und der geplante Schlossneubau dienten wohl mehr als vorgeschobene Argumente. Gebäude kann man von Asbest befreien und so einiges müsste man in Berlin wieder abreissen, wenn es um das Thema Ensembleschutz geht.

Wie der Fotograf komme auch ich aus Südhessen, habe Anfang der achtziger Jahre Ostberlin besucht. Mich haben Hammer, Zirkel und Ährenkranz damals nicht vom Betreten dieses Gebäudes abgehalten. Dafür war meine Neugier zu groß, fand ich den Bau mit seiner riesigen Glasfassade viel zu interessant. Überrascht hat mich die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten. Hier tagte die Volkskammer, wurden Hochzeiten und Jugendweihen gefeiert, konnte man kegeln gehen, in der Disco tanzen ? ein wenig konnte ich nachempfinden, was mit ?Palast der Republik? gemeint war.

Wenn man sich die Bilder betrachtet, kann man vielleicht erahnen, welche Chance mit dem Abriss vertan wurde. Haben ehemalige Bürger der DDR kein Recht auf Geschichte ? ihre Geschichte? Warum hat man das Multifunktionsgebäude nicht weiter für das Volk genutzt, aus gewissen Teilen ein Museum gemacht ? nicht um der Ostalgie zu frönen, sondern um ein Stück Geschichte greifbar zu erhalten. Nun ist Gras über die Sache gewachsen und man fabuliert über den Neubau eines Schlosses. An Stelle des einstigen sozialistischen Vorzeigebaus, soll ein Gebäude hochgezogen werden, das mehr einer Kulisse als einem Schloss gleichen wird. Aus Geschichtsbewusstsein ? sagt man. Ich bin ein Befürworter des Denkmalschutzes. Aber dass man mit diesem Abriss die Geschichte mit Füßen getreten hat, wird offenbar gerne übersehen.



#3 - 15.09.2010, 09:16 von

Schön, dass mit dieser Publikation über den Palast der Republik nicht nur mehr Menschen in Deutschland bekannt gemacht wird, was die armen Bürger der DDR einst aus ihrer Tasche bezahlt haben - es wird auch ins Bewusstsein gerufen, welches Verbrechen am Volk der DDR es war, dieses Gebäude zu schleifen. Asbest-Belastung ist doch eine faule Ausrede. Da müsste in Berlin mindestens das ICC abgetragen werden. Nein, es ging darum, ein markantes DDR-Gebäude und -Denkmal aus der Bundes-Hauptstadt zu tilgen. Selbst der Kommentar, mit dem Sie das erste Bild auf Ihre Seite versehen, kommt noch heute ohne Hetze nicht aus.

#4 - 15.09.2010, 11:54 von Siegfried Wittenburg

Als Nichtberliner, sondern in der ?Provinz? lebend, wie viele ?Hauptstädter der DDR? damals etwas abwertend sagten, habe ich selbst mehrmals die Eingangstür zum Palast überschritten und war mit Freunden oft zum Bowling. Die Begeisterung zu ?Erichs Lampenladen? und seinem protzigen Daherkommen hielt sich allerdings in Grenzen.

Die Modernität des Gebäudes ist auf die Architektur des Bauhauses zurückzuführen, doch wer jemals das Bauhaus in Dessau besucht hat, dem beschlich im Palast der Republik das Gefühl, mit einem Holzhammer den Sozialismus eingeprügelt zu bekommen. Im krassen Gegensatz dazu stand, dass beim Bau viele Materialien aus dem Westen importiert und viele ?Kapazitäten? zentralistisch dirigiert aus der ?Provinz? abgezogen wurden. Das Gebäude war nicht auf dem Mist der DDR gewachsen und das war schon ein Grund, dass bei diesem Bau für das Volk das Wichtigste fehlte: die Identifikation der Mehrheit des Volkes mit ?ihrem? Palast.

Der Prestigebau hatte zur Folge, dass der dringliche Wohnungsbau und andere Vorhaben in der ?Republik? zurückgestellt wurden, wovon auch ich betroffen war. Berlin als ?Aushängeschild des Sozialismus? hatte Vorrang und die ?Provinz? als Produktionsstandort dieser ?Aushängeschilder? verwaiste. So konnte ich den propagandistisch vorangetriebenen Aufbau während meines Wehrdienstes bei der NVA, Auge in Auge mit dem ?Klassenfeind?, und den Jubel bei der Eröffnung aus meinem winzigen Neubauzimmer heraus, ohne Aussicht auf Verbesserung der Wohnsituation, nicht teilen. Meinen Arbeitsplatz, meinen ?Kampfplatz für den Frieden? in einer Baracke mit Ofenheizung heizte ich zur gleichen Zeit noch mit Braunkohlenbriketts, nicht aus Berlin, sondern aus dem Raum Leipzig. Und ich wusste, unter welchen Bedingungen die Menschen diese Wärme und diese Energie erzeugten, womit der Palast geheizt und die 10.000 Lampen zum Leuchten gebracht wurden, damit sie einmal in der Palasttoilette?gepflegt pinkeln? gehen konnten.

Ein Kollege von mir war Abgeordneter der Volkskammer und erzählte oft aus seiner Tätigkeit. Gegenstand seiner Kritik war, dass diese Institution nur Schaum schlug und nichts weiter zu tun hatte, was in irgend einer Form demokratisch legitimiert war, dafür aber einen Palast zur Verfügung gestellt bekam, der den Rahmen aller vernünftigen Verhältnisse sprengte. Er war so manches Mal bereit, sich nicht an den einstimmigen Beschlüssen zu beteiligen, aber die Machtverhältnisse ließen das nicht zu und eine einzige Gegenstimme hätte auch nichts bewirkt.

So erlebte ich die Diskussion um den Abriss des ?Palazzo di Protzo? emotionslos. Der Titel ?Palast des Volkes? war eine geschickt kaschierte Lüge. Die Diskussion um den Wiederaufbau einer Schlosskulisse betrachte ich ebenfalls mit Abstand. Das ist jetzt Sache der Berliner, wie der Aufbau der Dresdner Frauenkirche Sache der Sachsen und Dresdner und der Kirche Sankt Georgen in Wismar Sache der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und Wismar ist. Es ist nicht möglich, das Berliner Schloss symbolisch mit dem Palast der Republik gleich zu setzten. Das sind andere Ebenen. Wenn die Berliner mehrheitlich das Schloss zur Erinnerung an ihre preußische Vergangenheit wollen, bitte schön, wenn sie es nicht wiedererrichten können, aus welchen Gründen auch immer, ist das ebenfalls ihr Problem.

Wie den Palast der Republik gab es im Osten Deutschlands noch viele Bauwerke, die in den letzten 20 Jahren nicht mehr bzw. immer weniger genutzt wurden. Die Menschen wollten sie nicht mehr nutzen, denn sie entsprachen nicht mehr den Anforderungen der Zeit. So verschwinden sie langsam. Das ist der ganz normale Lauf der Welt. Die Trauer um ein Denkmal an den ?Sozialismus? ist verständlich, doch die Mauer, die ein viel bedeutenderes Symbol im Gedächtnis der Weltbevölkerung darstellt als der Palast der Republik, wurde still, ohne wesentliche Diskussionen und fast restlos beseitigt.

#5 - 15.09.2010, 13:59 von Volker Altmann

Sehr geehrter Herr Wittenburg,

über die Schönheit moderner Architektur ließ und lässt sich zu allen Zeiten streiten. So empfinde ich das Kanzleramt (um nur ein Beispiel zu nennen) auch nicht unbedingt als Berlins attraktivstes Gebäude. Und auch dafür hat das Volk tief in die Tasche greifen müssen ? trotz allem Elend, dass sich immer mehr bei ehemaligen ?Normalverdienern? ausbreitet. Die verbauten Materialien des ?Palastes? stammten nicht aus der DDR? Da möchte ich doch mal gerne wissen, was in Deutschland bei Staatsbauten so alles an Material zusammenkommt, was im Ausland angekauft wurde.

Es ist doch schon fast eine Ironie der Geschichte, dass man das Vorzeigeprojekt der DDR schleift, um an dessen Stelle einen Bau neu zu errichten, der an Zeiten ganz anderer Form von Unterdrückung und Blutgeld durch das Volk erinnert.

#6 - 15.09.2010, 13:59 von Siegfried Wittenburg

Sehr geehrter Herr Schick, das "Volk DDR" war ein deutsches Volk. Es sollte, von oben befohlen, ein "Volk der DDR" sein und der Palast sollte dieses zum Ausdruck bringen.

Doch das Volk hat sich sich anders artikuliert: "Wir sind das Volk!"Das geschah unmittelbar nach den Ereignissen, als im Umfeld des "Palastes des Volkes" die Menschen des Volkes zusammengeprügelt wurden, denen der Palast vermeintlich gehören sollte. Doch dieser wurde gerade unter Ausschluss des Volkes, der Eigentümer, anderweitig genutzt. Der Befehl zum "Zuführen" unschuldiger Menschen wurde von einer Person aus diesem Palast heraus erteilt, die etwas mehr tat als "gepflegt zu pinkeln". Ich weiß nicht, was Sie in Ihrer Lesermeinung als Verbrechen am Volk bezeichnen und wofür dieses Denkmal stehen sollte.

#7 - 15.09.2010, 14:57 von Siegfried Wittenburg

Sehr geehrter Herr Altmann,

es ist mir nicht bekannt, dass das Kanzleramt in Berlin mit einer ähnlichen Propaganda wie "Erichs Lampenladen" als "Palast der Republik" proklamiert wurde. Ich hörte, wie es der Volksmund "Waschmaschine" taufte. Ich muss diese Waschmaschine nicht toll finden, doch mit dem Palazzo als Staatssymbol sollte ich mich unkritisch identifizieren, wenn nicht, dann... Stünde er noch heute, könnte man zur Erinnerung eine Leuchtschrift "Du sollst nicht lügen" anbringen, doch dafür steht schon der Petersdom in Rom.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt der Belange des deutschen Volkes ist heute der Reichstag. Meinetwegen kann dort italienischer Marmor, russischer Stahl und schwedisches Glas verarbeitet sein, solange mir die Möglichkeit bleibt, mich ebenfalls frei in der Welt bewegen und entscheiden zu können. Den Reichstag kann man als offenes Haus erleben und auch Sie haben die Möglichkeit, dort als Abgeordneter die Stimme zu ergreifen und abzustimmen, was im "Palast der Republik" nur zum Schein durchgeführt wurde. Zum Speisen und Bowlen stehen genug andere Einrichtungen zur Verfügung.

Das "Elend" der Normalverdienenden hat seine Ursachen nicht im Bau des Kanzleramtes. Das ist das ganz normale Leben unter dieser Sonne.

Was die Vorzeigeprojekte anbetrifft: der "entsorgte" Palazzo ist nicht Sache der Mehrheit der Deutschen und das Vorhaben des Stadtschlosses ausschließlich Sache der Berliner. Beides ist ohnehin weg.

#8 - 16.09.2010, 08:55 von Volker Altmann

Sehr geehrter Herr Wittenburg,

das Kanzleramt diente nur als Beispiel dafür, dass Architektur immer auf unterschiedliche Meinungen treffen wird. Und dass wir als Bürger ungefragt bezahlen dürfen, wenn Staatsbauten errichtet werden. Den ?Palast? fand ich nicht unbedingt abschreckender, als vieles von dem, was bspw. rund um den Potsdamer Platz entstanden ist nach der Wende. Selten habe ich über ein Bauwerk so viel Schmähungen bezüglich der Architektur gelesen, wie um Erichs Vorzeigebau. Und das wird der Sache nicht unbedingt gerecht. Da gibt es reichlich Schlimmeres in der Republik, als auch speziell in Berlin.

Der Kanzleramtsbau ist sicher nicht an der Verarmung in unserem Land schuld - eher das Denken, das zur Zeit darin herrscht.

Ich bin gebürtiger Hesse und habe nie in der DDR gelebt. Und doch nehme ich mir heraus, das Schleifen des ?Palastes? als gesamtdeutsche Angelegenheit zu sehen. Wenn die Stadt Köln beschließen würde, den Dom zu sprengen, ginge das dann auch nur die Kölner etwas an? Bei aller Ungerechtigkeit, die von der Volkskammer ausgegangen ist, kann ich mich da nur wiederholen: Wer sich die Bilder betrachtet, sollte sehen, dass hier ein geschichtsträchtiger Ort ausradiert wurde ? aus Siegermentalität.
Vernünftige Gründe habe ich bisher nicht gefunden, einen Multifunktionsbau diesen Ausmaßes, der von vielen Bürgern genutzt wurde und teilweise als Museum nutzbar gewesen wäre einfach platt zu machen.

Das Stadtschloss ? sollte es denn gebaut werden ? wird mit Sicherheit nicht nur Sache der Berliner sein. Auch dafür werden wir bundesweit zur Kasse gebeten werden.
Wenn der ?Palast? weichen musste, weil er ein Symbol für das alte Regime war, dann würde ich vorschlagen, dass man mit dem Abriss des Reichsluftfahrtministeriums (heutiges Finanzministerium) weitermacht.

#9 - 16.09.2010, 08:55 von

Bravo, Herr Wittenburg. Ihr Gleichmut beeindruckt mich. Ich bin beim Lesen der "Kaderkommentare" beinah durch die Decke gegangen. Diese Gestrigkeit ist kaum zu ertragen.

Es scheint sich wieder um einen Fall des empfundenen Diebstahls der eigenen Geschichte zu handeln.

#10 - 16.09.2010, 16:59 von Siegfried Wittenburg

Sehr geehrter Herr Altmann,

wie wir nun, uns gegenseitig respektierend, herausdiskutiert haben, symbolisiert der Palast der Republik unterschiedliche Empfindungen, was den unter gegangenen totalitären Staat DDR betrifft. Sie haben nicht in der DDR leben müssen, die dieser Bau repräsentiert.

Der Bau von heutigen Staatsbauten ist dadurch einigermaßen gesellschaftlich legitimiert, weil sie von demokratisch gewählten Regierungen beauftragt werden. Der Haushalt wird im Bundestag diskutiert. Wenn die Meinung des Volkes nicht ausreichend berücksichtigt wird, so ist es in dieser jetzigen Gesellschaftsform möglich, dieses zu korrigieren. Es bedeutet zwar Aufwand, aber es ist möglich. Das Thema Volksentscheid für Fragen, die die gesamte Nation betreffen, schwebt in der Gesellschaft herum und man muss es anpacken, wenn es den Menschen wichtig ist. Einer macht den Anfang. Eine lebendige Gesellschaft verändert sich durch das Mitwirken der Bürger und Mehrheiten für Veränderungen gibt es nicht von heute auf morgen.

Das Berliner Stadtschloss ist nach meinem Wissen auf Eis gelegt worden, weil schlicht und einfach das Geld dafür fehlt. Die Berliner können ihren Anteil nicht aufbringen. Die Diskussion, wie ein solches Projekt finanziert wird, geht weiter. Die Beteiligung des Bundes kann so erfolgen, dass Zuschüsse für die Löhne gezahlt werden bei der Beschäftigung von Arbeitskräften, die sowieso aus der Tasche des Bundes finanziert werden. Der Staat ist auch Arbeitgeber und die ?Kosten? für einen Staatsbau finden sich in den Taschen der einzelnen Bürger wieder. Natürlich bezahlt der Steuerzahler alle Zechen, auch die bei McDonalds.

Aber die Kulisse eines preußischen Stadtschlosses hat trotzdem nicht die symbolische Bedeutung wie der abgerissene Palast der Republik, der Kölner Dom oder die Kaiserpfalz in Goslar. Wofür steht eigentlich der Kölner Dom? Aus meiner historischen Kenntnis heraus ist St. Marien in Lübeck für diese Epoche das bedeutendere Bauwerk.

Das ehemalige Reichsluftfahrtministerium ist zwar gruselig, steht aber nur so in Berlin herum. Es ist ebenfalls kein Propagandaobjekt. Das Dritte Reich hatte noch ganz andere Wahnsinnsprojekte vor, die zum Glück nicht realisiert wurden. Kennen Sie das Kdf-Gebäude in Prora auf Rügen? Es lässt sich nicht sinnvoll nutzen. Obwohl das riesige Gebäude, 4,5 Kilometer lang, für glückliche Urlauber geplant wurde, würde heute niemand darin seine wertvollsten Tage verbringen. Für ein Museum ist es zu groß, es sei denn, jemand möchte darin sein Vermögen versenken. Es steht da herum und jeden demokratisch empfindenden Menschen gruselt es beim Anblick. Seit vielen Jahren wägen die Menschen ab: abreißen oder nicht? Ich denke, es wird eines Tages ganz von selbst zusammenbrechen.

So ist das mit totalitären Staaten und deren Symbolen. Warschaus Problemgebäude ist der Kulturpalast (ein ?Geschenk? Stalins), in Bukarest ist es der Palast Ceausescos (?Palast des Volkes?!), der heute nach langen Diskussionen parlamentarisch genutzt wird (wohl kein Asbest) und in Moskau baut man neue Symbole. In Dubai allerdings auch, d. h. der Burdsch Chalifa ist fertig. Der nächste symbolträchtige Wahnsinnsbau könnte in China stehen. Die zuletzt genannten Länder sind keine Demokratien.

Dagegen sind die Gebäude um den Potsdamer Platz bescheidene Gartenlauben.

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