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"Hast du Russen erschossen?"

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#1 - 12.04.2013, 17:30 von Daniel Apostol

Ein sehr interessanter Beitrag, vielen Dank.

Nur ein kleiner Punkt, von einer Schwulen- *und* Lesbenverfolgung in einem Satz zu sprechen, halte ich für gewagt. Ich weiss, dass es politisch inkorrekt ist die Schwulen als Opfer darzustellen, und die Lesben nicht, aber so schien es gewesen zu sein. Lasse mich gerne eines besseren belehren.

#2 - 14.04.2013, 19:41 von Hendrik Ehlers

Ich (55) glaube heute meinen Eltern und was ich von meinen Grosseltern weiss, kein Wort mehr. Danke ruer den guten Beitrag, Die Thematik beschaeftigt mich sehr.

#3 - 14.04.2013, 19:42 von Gerhard Huber

Kein Mensch wird bestreiten dass ein Krieg eine grausame Auseinandersetzung und kein "Kindergeburtstag" ist. Leider werden immer nur die Übergriffe der deutschen Soldaten thematisiert. 68 Jahre nach Kriegesende ist das ermündend und für die jüngere Generation absolut unverständlich. Auch die Allierten und insbesondere die Russen haben keinen sauberen Krieg geführt. Wer das immer wieder aufs Tapet bringt und einseitig die Deutschen verurteilt treibt die junge Generation früher oder später in die Arme der rechtsradikalen......

#4 - 14.04.2013, 19:45 von Heiner Strubbe

Sie Glückliche!
Sie konnten mit Ihren Eltern über diese Zeit sprechen. Das hätte ich mir für meine Eltern auch gewünscht. In erster Linie mit meinem Vater, denn meine Mutter war bei Kriegsende erst zwölf und hat natürlich nur Kindererinnerungen an die Kriegszeit. Mein Vater aber, Jahrgang 1923, musste dagegen als Soldat in die Sowjetunion. Ich weiß bis heute NICHTS von ihm über diese Zeit. Nicht mal, in welcher Waffengattung er diente. Nur, dass er sein ganzes Leben hindurch deutlich rechts eingestellt war, blieb mir nicht verborgen. Dies gepaart mit, wie ich vermute, einer gewissen Scham darüber, den Krieg verloren zu haben. Ich vermute, er hat Grausames erlebt, denn das einzige Mal, als bei ihm im Gespräch mit einem Freund der Krieg überhaupt Thema war, wurden wir Kinder, damals 14 oder 15 aus dem Raum geschickt. VIELLEICHT wäre HEUTE ein Austausch mit ihm möglich, aber leider starb er vor einigen Jahren.

#5 - 14.04.2013, 19:45 von Juergen Frey

Werter Spiegel !!

Ehrlich, ich habe es satt, dass immer NOCH ueber den Krieg geschrieben wird von Leuten, die damals noch nicht einmal
gelebt haben!!!
Manchmal kommen mir alten Mann (geb.1939) die Bilder hoch, die ich erleben musste als kleiner Junge.
Z. wie eine 5koepfige Familie lebendig verbrannte, weil sie
im brenenden Strassenbelag stecken blieben.
( Ort Hohe Bleichen 1).Ecke ABC Strasse.

Und es kotzt mich ebenso an, dass heute noch 90 jaehrige vor
Gericht geschleppt werden, wo man z.B. einen Ukrainer extra aus den USA holt, verurteilt und ein paar Wochen spaeter verstarb er!!!!

Warum laesst man nicht die Vergangenheit ruhen??
Warum nicht!!

#6 - 14.04.2013, 19:45 von Meinrad Heinitz

Ich denke es geht vielen von uns in der Nachfolgegeneration der aussterbenden 20er und 30er jahre Elterngeneration.

Persoenlich hatte ich das Glueck dass ich meinen 1890 geborenen Grossvater noch erlebt und seine Aussagen zur Nazizeit mitgenommen habe in meinen Erinnerungsschatz. Ebenso kritische Aufarbeitung mit meinem Vater betrieben habe, der noch gedankenlos in den 80er Jahren von "Judenfuerzen" anstatt von Silvesterboellern sprach. Ebenso bewohnten wir in Baden eine alte Villa in der angeblich Hitler einige Tage verbracht haben soll. Bei meinen "Ausgrabungen" hinter dem Haus als Grundschueler stiess ich tatsaechlich auf Kriegsschrott mit verrosteten Hakenkreuzsymbolen. Dies brachte meinen Vater (Jahrgang 1926) endlich auf den Weg seine eigene Historie aufzuarbeiten, die eben nicht nur aus franzoesischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft bestand... Ein familiaerer grosser Schritt zur Vergangenheitsbewaeltigung und ebenso grosse Lehrstunden fuer einen jungen Schueler! Schoen dass nun unsere Generation auch beginnt nicht nur als "Taeterkinder" zu fuehlen sondern auch differenzieren koennen.

#7 - 14.04.2013, 19:45 von Marc Straub

Vielen Dank für diesen Beitrag, der Geschichte greifbar, menschlich und somit verständlich macht.

MfG

#8 - 14.04.2013, 19:45 von Svenja Sirisee

Es ist wichtig, ausgewählten Ereignissen von vor 80 Jahren konsequent nachzugehen und das alles immer wieder zu wiederholen! Denn diese Ereignisse beweisen unwiderleglich, warum wir die Eurorettung brauchen, den gesetzlichen Mindestlohn, mehr Zuzug von FlüchtlingInnen, mehr Sozialleistungen und warum es gut und richtig ist, dass GriechInneen und ZypriotInnen mehr Geld haben und verdienen. Das ist die Sinngebung unserer Gesellschaft!

Es sollte bitte aber auch immer klar sein: Das war alles Folge des deutschen Sonderweges und einer militaristischen Aggression partiarchlisch-preußischer Tradition, die ganz wesentlich mit der männlichen Sprache und Herrschaft zu tun, also der Frauenfeindlichkeit. Deshalb brauchen wir Europa. Außerdem hat Wagner eine verheerende Rolle gespielte und Nietzsche! Das waren alles Vorläufer. Gut und Ok, sind dagegen Hegel und Marx, denn die haben alles vorausgesehen. Dass Hitler Vegetarier war, ist auch nicht wichtig und beweist garnichts!

#9 - 15.04.2013, 09:20 von Bruno Toussaint

Als in Berlin lebender Ex-Kölner war ich bis 2008, auch danach, stets erfreut, wenn ich in der Mainzer Straße oder sonst in der Kölner Südstadt Dieter Wellershoff begegnete, der mich immer aufmerksam anschaute und freundlich grüßte. Persönlichen Kontakt hatten wir eigentlich nie, außer dass wir uns oft begegneten. Mit dieser ihm eigenen Klarheit begleitete er auch das Tagesgeschehen und das politische Leben in Köln bis weit in die 90-er, wobei mich besonders seine farbige, sprachliche Präzision beeindruckte, und wie er stets die Symbole und Syntax seiner geschichtlichen Erfahrung in die Gegenwart einwob.

Genau diese farbige sprachliche Präzision, die man nur durch Loslassen von seinen eigenen biografischen Erlebnissen erhält, vermisse ich bei Marianne Wellershoff hier im Text etwas. Es genügt nicht nur aus, zugegeben, hervorragender Erinnerung zu zitieren und die Bilder exakt einzuordnen. Wegen der fehlenden Brechung zum wirklichen Erlebnis wirkt der Text auf mich leicht lähmig und wie Studien innerhalb einer gut situierten deutschen Familie vor und während des Weltkrieges im Übergang zur überlebenden Generation ab den Fünfzigern. Und wirklich repräsentativ als geschichtliches Ereignis sind die Schilderungen in der Wellershoff?schen Familie für mich ebenfalls nicht.

Interessanter fände ich daher eine Reflektion, die Marianne Wellershof als Beobachterin ihrer eigenen Nachfolgegeneration in der Brechung zur Vater- und Muttergeneration wirklich ausmacht. Also Arbeiten, die sich mit den Ritualien und verbleibenden Aggressionen der Generation der Nachnazi- und Nachkriegszeit befassen. Vor allem könnte der Mechanismus der verinnerlichten "Sühne" beleuchtet werden, also der Verdrängungsmechanismus, der in den Fünfziger Jahren und danach bei vielen Menschen zu einer oft religiösen Überhöhung führte und auch psychotische Züge annahm.

Letztlich geht es auch um den Zerfall der alten deutschen ?Sparta-Ideale? in der Nachkriegszeit, die ich selbst als Kind immer noch als Erziehung zum Konkurrenzdenken, sogar als Erziehung zum legalen Hass auf ?Minderwertige? und Ausgegrenzte wahrnahm. Heinrich Böll, der andere große Kölner Meister, war in diesem Metier weiträumig literarisch tätig, aber eben in seinem Ansatz ganz anders und nicht so aufklärerisch wie es Wellershoff bis heute ist.

Viele Grüße, Bruno Toussaint aus Berlin / Köln

#10 - 15.04.2013, 09:20 von Lilia Kwik

Ebensowenig wie "Halbchristen" oder "Halbmuslime" - auf diese Idee würde komischerweise niemand jemals überhaupt kommen - gibt es "Halbjuden".
Man ist per Definition Jude, wenn man eine jüdische Mutter hat oder man sich selbst dazu entschließt, ansonsten nicht.
Hier gibt es nur ganz, oder garnicht.
Von etwas anderem auszugehen, würde bedeuten, davon auszugehen, dass es erblich ist, jüdisch zu sein.
Judentum ist aber eine Religion und nicht Teil des Genmaterials.
Es lohnt sich, mit solchen Ausdrücken vorsichtig zu sein und sich manchmal zu vergegenwärtigen, was sie beinhalten, wenn man nicht unbewusst ganz schnell in gedankliche Nähe von Leuten geraten will, die tatsächlich so denken (Judentum als vererbbar betrachten, u know).

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