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Wie SS-Männer zu Mördern gedrillt wurden

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#1 - 12.03.2008, 17:59 von

Eike ist keineswegs, wie von der SPON Redaktion behauptet wird, der Erfinder des KZ-Systems. Die Engländer errichteten schon im 19 Jahrhundert auf südafrikanischen Boden Konzentrationslager!

Der Begriff Vernichtungslager ist eher den NS-Konzentrationslagern zuzuschreiben.

#2 - 13.03.2008, 09:57 von Norbert Ommler

1. In der deutschen NS-Erforschung sind u. a. polnischsprachige Veröffentlichungen, sofern nicht übersetzt, nicht oder kaum berücksichtigt. Beispiel [Titelangabe ohne polnische Sonderzeichen]: "Pamietniki nauchycieli z obozow in wiezein Hitlerowksich (1939-1945)" [Erinnerungen der Lehrer aus den Lagern und Gefängnissen der Hitlerzeit], Warszawa 1962.] Beiträge m. E. von unterschiedlichem Wert, besonders lesenswert aber u. a. der Bericht von Wladislaw Gebik, des Leiters des polnischen Auslandsgymnasiums in Marienwerder, a.a.O. S. 13 ff. - Er hat über seine Irrfahrt durch verschiedene NS-Lager auch noch ein besonderes Buch geschrieben. - Meine subjektive Auswahl und Zusammenfassung des erstgenannten Buches kann ich kostenlos dem SPIEGEL oder evtl. auch andern zur Verfügung stellen.
Einige polnische Lehrer berichten darin auch von - ganz heimlicher - Mitmenschlichkeit von Seiten der SS-Männer, die sich als Lehrer zu erkennen gaben. - Zu der Mitmenschlichkeit seitens der SS in KZ-Lagern habe ich weiteres Material in einem Hamburger Archiv entdeckt, Nachweis auf Wunsch.
2. Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ist auch ein sprachliches Problem. Behauptung von der "Entmenschlichung" u. a. der SS-Männer verschleiert einen Großteil der Probleme. Die Häftlinge, zumindest gewisser "Rassen", waren nach der NS-Ideologie, die übrigens auch in stinknormalen Provinzzeitungen verbreitet wurde, keine Menschen, sondern bestenfalls Untermenschen oder gar - wie die Juden - Ungeziefer, gefährliche Krankheitserreger. Letztere Kennzeichnung ist keine NS-Erfindung, sondern geht zurück auf die auch außerdeutsche Rassenideologie und ist u. a. zu finden bei dem Göttinger Orientalisten Prof. Dr. de Lagarde (1827-1891).
3. Die Drillmethoden der SS gegenüber dem eigenen Nachwuchs weisen meines Erachtens Ähnlichkeit u. a. mit denen der frz. Fremdenlegion auf, ein VERGLEICH (der keine Gleichsetzung ist!) wäre m. E. lohnend.

#3 - 13.03.2008, 09:57 von

In Antwort auf Herrn Noelke:
Theodor Eicke (nicht Eike) entwickelte zweifellos das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, in denen zuerst politische, dann "rassische" Gegner der NS-Ideologie inhaftiert, gedemütigt, gequält und in großer Zahl ermordet wurden.
Die Bezeichnung "Konzentrationslager" entstand zwar tatsächlich im Burenkrieg und war in Deutschland (wie sich anhand anti-britischer Propaganda des Ersten Weltkrieges belegen läßt) seither bekannt. Die an manchen Stammtischen zu hörende These, daß "die KZ eine britische Erfindung" seien, wird dadurch nicht richtiger.
Die britischen "concentration camps" waren Internierungslager, die sich (so fragwürdig sie waren) nicht mit den staatsterroristischen deutschen Konzentrationslagern vergleichen lassen, nicht nur, was die Haftbedingungen und die Opferzahlen angeht, sondern auch, weil bei den britischen Lagern jede ideologische Komponente fehlte.

Es spricht viel dafür, daß für die im Frühjahr 1933 in Deutschland eingerichteten Lager bewusst die Bezeichnung "Konzentrationslager" gewählt wurde - ein verharmlosender und verschleiernder Euphemismus, der gerade den Verweis darauf ermöglichen sollte, daß andere Nationen mit ihren Gegnern ja genauso umgehen würden.

Als Vernichtungslager werden in der Forschung die nationalsozialistischen Lager bezeichnet, die im Rahmen der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" als einzigen Zweck die Ermordung der europäischen Juden hatte. In Vernichtungslagern wurden keine "Selektionen" nach Arbeitsfähigkeit durchgeführt (außer in Auschwitz-Birkenau). Wer in ein Vernichtungslager kam, wurde dort unabhängig von der Arbeitsfähigkeit binnen kurzer Zeit ermordet.
Die Vernichtungslager unterstanden institutionell (mit Ausnahme von Auschwitz-Birkenau) nicht der Inspektion der Konzentrationslager, deren Leiter Eicke bis 1939 war (bzw. der Amtsgruppe D des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, in die die IKL 1942 aufging).
Unabhängig davon, daß in den nach Eickes Modell entwickelten Konzentrationslagern durch die Haftbedingungen (Unterernährung, Seuchen, Zwangsarbeit), durch Massenmordaktionen (z.B. an sowjet. Kommissare u. Euthanasieopfern) und die Todesmärsche vermutlich über 900.000 Menschen umkamen, sollten diese von den Vernichtungslagern unterschieden werden.


#4 - 14.03.2008, 17:18 von Philipp Börker

>Erwähnung der Dr.- und Prof.-Titel und anderer akadem. Grade, die die NS-Täter ZUR TATZEIT trugen, halte ich für unbedingt erwähnenswert, gehört zur Kennzeichnung sozialen Herkunft

Diesen Aspekt hatte ich ja bereits selbst erwähnt: natürlich kann man mit gutem Grund auf den Hintergrund der Täter hinweisen wollen. Allerdings kommt dann hinzu, dass letztlich einzeln zu prüfen wäre, ob die Titel nicht überhaupt nur oder mit Hilfe der Eigenschaft des Nazis erworben wurden, eben weil nichtgleichgeschaltete oder sonstwie missbeliebige Wissenschaftler aus den Universitäten und von den Lehrstühlen verbannt wurden, ideologische Schriften mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit veredelt zu vollwertigen Dissertationen erklärt wurden usw. Es wäre also zu prüfen, ob der Doktor- oder Professorentitel regulär (vor 1933) und nach wissenschaftlichen Maßstäben erworben wurde. Ich bin mir sicher, dass es dazu genügend Quellen gibt, es wird aber dann schon fraglich, ob man dem Thema sozusagen im Vorbeigehen gerecht werden kann.

Der Sinn der Verwendung der akademischen Titel bei den Tätern des Dritten Reichs bemisst sich dann natürlich auch noch danach, inwieweit man die Kenntnis der ideologischen Verstrickung der gebildeten Gesellschaftsschichten beim Publikum voraussetzt. Man mag dies als Allgemeinbildung voraussetzen oder aber noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen wollen. Setzt man es als Allgemeinbildung voraus, ist die Verwendung der Titel eher sinnlos.

Vielleicht ist mein Problem auch nur, dass ich immer reflexhaft an die zweifellos Zustimmung symbolisierende Nennung der akademischen Titel bei Personen der jüngeren Geschichte denken muss (beliebiges Beispiel: "Ex-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl" im Vergleich zum neutraleren "Ex-Bundeskanzler Kohl/Helmut Kohl").

Was die Verwicklung von Kreisen angeht: es wird sich kaum ein Kreis finden, der nicht als Täter mitgewirkt hat. So haben Katholiken und Protestanten gemordet, andere sind hingegen gerade aufgrund ihres Glaubens ins KZ gekommen.

#5 - 14.03.2008, 20:13 von Philipp Börker

Mich persönlich stört, dass verschiedene der KZ-Verbrecher in den Bildunterschrifter immer mit ihrem Doktortitel benannt werden. Man kann natürlich bewusst auf das Mitwirken von eher gebildeten Kreisen am Holocaust hinweisen wollen, andererseits bin ich mir sicher, dass der Titel, so er überhaupt korrekt erworben wurde, von den verleihenden Hochschulen, wie das in den Promotionsordnungen allgemein so vorgesehen sein dürfte, aberkannt wurde.

Das mag jetzt manchem lächerlich vorkommen, aber einem Sadisten wie Mengele einen Doktortitel zuzugestehen und so seinen Foltereien in gewisser Weise eine medizinisch-wissenschaftliche Qualität zuzubilligen, finde ich falsch.

#6 - 14.03.2008, 20:13 von Norbert Ommler

Stellungnahme zu Philipp Börker:

Erwähnung der Dr.- und Prof.-Titel und anderer akadem. Grade, die die NS-Täter ZUR TATZEIT trugen, halte ich für unbedingt erwähnenswert, gehört zur Kennzeichnung sozialen Herkunft, wie z. B. Erwähnung, dass Himmler und auch Auschwitz-Kommandant R. Höss aus strenggläubiger kath. Familie stammen und Hitler laut älterem SPIEGEL-Bericht nie aus der kath. Kirche ausgetreten ist oder gar exkommuniziert wurde. Damit will ich aber nicht von der Veriwiclung der evgl.-luther. Kirche und anderer "Kreise" ablenken. -

Über die weitreichende Verwicklung AUCH der medizinischen Wissenschaft in die NS-Ausrottungspolitik berichtet u. a.: Robert Jay Lifton: Ärzte im Dritten Reich. Übersetzg. aus dem Amerikanischen. Stuttgart (Klett-Cotta) 1988.
Die Rassenideologie auch außerhalb Deutschlands und die NS-Rassenideologie insbesondere betonten, dass sie wissenschaftlich begründet seien, was zu ihrem "Erfolg" beitrug. Vgl. Kennzeichnung: "Aber die nahezu vollkommene moralische Korruption der deutschen Intelligenz, namentlich der akademischen Welt, ist eine bedrückende Tatsache." Franz Neumann [emigrierter deutscher Jude oder jüdischer Deutscher]: Behemth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Zuerst veröffentlicht 1942 in den USA. Hier zitiert nach FiTB 4306, S. 162.

#7 - 19.12.2008, 14:36 von Norbert Ommler

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu Ihrem Thema
? "Dachauer Schule" [...] Der Erfinder des KZ-Systems <
habe ich einen Beitrag geschrieben und darin den Titel eines polnischen Buches sehr fehlerhaft angegeben.
Ich bitte nach Möglichkeit um eine Korrektur oder um Veröffentlichung der untenstehenden Korrektur.

Fehlerhaft:

>12. Mrz 2008, 20:03
1. In der deutschen NS-Erforschung sind u. a. polnischsprachige Veröffentlichungen, sofern nicht übersetzt, nicht oder kaum berücksichtigt. Beispiel [Titelangabe ohne polnische Sonderzeichen]: "Pamietniki nauchycieli z obozow in wiezein Hitlerowksich (1939-1945)" [Erinnerungen der Lehrer aus den Lagern und Gefängnissen der Hitlerzeit], Warszawa 1962.]<


Korrektur der Titelangabe:

"Pamietniki nauczycieli z obozow i wiezen Hitlerowskich (1939-1945)" [Erinnerungen der Lehrer aus den Lagern und Gefängnissen der Hitlerzeit], Warszawa 1962.]

Mit Dank und freundlichen Grüßen

Norbert Ommler

#8 - 01.09.2009, 09:37 von

@Hrn. Nölke bzw. als Ergänzung zu Hrn. Weises Beitrag

Es ist sogar richtig, daß Eicke nicht der "Erfinder" d. KZ-Systems war, vielmehr der Entwickler des Prototypen (eben Dachau) und der internen Abläufe/Organisation eines KZs (zu der Zeit "KL" genannt), von Schaffung einer Verwaltung mitsamt Schnittstellen zu anderen Behörden bishin zB zur Einführung eines sog. "Kummerkastens" für das Lagerpersonal.
Dachau hat faktisch bereits vor der Machtübernahme existiert, wenn auch nicht in dieser Form. Die Insassen waren "gewöhnliche" Häftlinge, aus denen nach Eickes Einberufung als KZ-Kommandeur teilweise die ersten Wachmannschaften rekrutiert wurden.

Die sog. "concentration camps", welche die Briten betrieben hatten, sind völlig ideologiefrei. Sie dienten vielmehr dazu, politische und gewaltbereite Staatsfeinde neben Gewaltverbrechern an einem Punkt im Land zu "konzentrieren", daher auch der Name.

Die Nazis hatten -wie nur selten- wenig Phantasie bei der Namensgebung für Eickes Modell, man übernahm die Bezeichnung "Konzentrationslager" unter mehreren Aspekten (auch, weil Juden gem. Nazi-Ideologie zu den größten Staatsfeinden zählen) einfach für sich. Eine weitere, nachhaltige Pervertierung in den Nomenklaturen des Dritten Reiches.


Beste Grüße

#9 - 10.04.2011, 08:47 von

Die Landespolizeischule Bayern befindet sich in den Räumlichkeiten der ehemaligen SS-Schule, auch einen "Traditionsraum" gibt es dort. Es fragt sich nur welche Tradition. Diese traurige Ignoranz gegenüber der Geschichte kennen wir schon aus dem KZ Sachsenhausen, wo sowohl zu DDR-Zeiten als auch nach der Wende die ehemaligen SS-Kasernen durch die Bereitschaftspolizei genutzt wurden.

#10 - 21.03.2013, 09:19 von John Global

>Eike ist keineswegs, wie von der SPON Redaktion behauptet wird, der Erfinder des KZ-Systems. Die Engländer errichteten schon im 19 Jahrhundert auf südafrikanischen Boden Konzentrationslager!
>
>Der Begriff Vernichtungslager ist eher den NS-Konzentrationslagern zuzuschreiben.

Das die Englaender diese Lager in Sued Afrika eroeffneten ist keine Entschuldigung fuer was in Deutschland geschah.

Was in D passierte wird man den Deutschen immer unter die Nase reiben. Auch noch in hundert Jahren oder mehr.

Du solltest mal auslaendische Zeitungen lesen oder Fernseh Programme ansehen.


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